Literatur

Eine schöne Sammlung seiner in den vergangenen Jahrzehnten entstandenen Lyrik hat der in Zürich lebende Hochschullehrer und als Romanautor bekannte Wolfgang Marx vorgelegt. Auf ein wenig mehr als einhundert Seiten versammeln sich Gedichte, die zu einem ruhigen und wiederholten Lesen einladen.

Wie konnte es dazu kommen, dass mit dem Ginkgo ein ostasiatischer Baum in Deutschland populär wurde?

 

Goethe Ginkgo BilobaEin Grund mag das bekannte Gedicht Goethes sein, aber der große Meister schrieb es ja, als er in Frankfurt auf einen Ginkgo stieß, der bereits einige Jahre am Mainufer auf den Dichter gewartet hatte. Es dauerte dann noch etliche Jahrzehnte, bis das Gedicht in seinem Nachlass entdeckt wurde, und bis heute sind es wohl nur die Bildungsbürger, die beim Namen des Baumes zuerst an Goethe denken. Den meisten anderen, vor allem den vielen Hobbygärtnern, steht wohl eher die typische Gestalt des Baumes vor Augen, sein in der Jugend etwas sturer Wuchs mit den meist ganz waagerechten abgespreizten Ästen. Oder sie denken an sein Laub, dessen Blätter mehr oder weniger tief eingekerbt sind und im Herbst in einem schönen Goldgelb leuchten.

 

Es ist die Spaltung der Blätter in zwei Teile, die Goethe in den beiden letzten Zeilen seines Liebesgedichtes an Marianne von Willemer als Symbol seiner selbst nahm:

Fühlst du nicht an meinen Liedern,

daß ich eins und doppelt bin?

 

Wie der Weimarer Dichterfürst liebt auch Wolfgang Marx Bäume, aber anders als Goethe ist er nicht an deren Symbolik interessiert, sondern das, was ihm begegnet, ist meist nicht viel mehr als nur der Anlass zu einem Gedicht. Auch beim Ginkgo nimmt er den Baum oder sein Laub nicht als Symbol. Dabei ist das typische Ginkgo-Blatt nicht allein auf dem Umschlag seines Gedichtbandes zu sehen – allerdings nicht sehr tief eingekerbt –, sondern zusätzlich befinden sich die Seitenzahlen auf deren grauen Schattenriss, so dass das Ginkgo-Blatt dem ästhetisch sehr gelungenen Band insgesamt die Form gibt.

 

Gleich das erste Gedicht ist dem Ginkgo gewidmet, aber der Titel – „For he’s a jolly good fellow“ – deutet an, dass es in eine ganz andere Richtung geht als bei Goethe. Das Gedicht schildert, wie sehr ein Ort, „an dem nichts ist“, ins Auge springt: dort stand einst ein Ginkgo, den der Autor nun vermisst:

 

„Ich vermisse ihn,

Er war seit Jahren mein Freund.“

 

Wolfgang Marx Gingko COVERDieses Gedicht ist insofern typisch für Marx, als es in sehr vielen Fällen um die Gedankenlyrik eines durch seine Stadt – fast immer ist es Zürich – Wandernden handelt. Es ist daher eine sehr subjektive Lyrik, aber sie ist trotzdem objektiv, weil alle Zeilen ihren Ausgang nicht von beiläufigen Stimmungen nehmen, sondern von etwas Äußerem angeregt worden sind. Nicht selten wird die örtliche Position des lyrischen Ichs genau angegeben: Der Leser weiß, wo das Ich sich befindet, das da spricht. Das dritte Gedicht, „Fast ein Buddhist“, nimmt zum Beispiel seinen Ausgang von dem Anblick einer Straßenkatze, die von den gelegentlichen Gaben der Passanten lebt, die mit der Kreatur Mitleid haben. „Könnte ich glauben“, heißt es daraufhin, „wäre ich ein Anhänger des Buddha“ – weil der Gott der großen monotheistischen Religionen keine Tiere liebt.

 

Alle Gedichte sind in freien Rhythmen geschrieben und kennen keinen Reim. Allenfalls – und nur in wenigen Fällen – lässt der Autor Assonanzen zu. Hier die erste Strophe seines Gedichtes „Die Pinguine auf dem Felsen – ratlos“:

 

„Der Tapir schläft am hellen Nachmittag

Und zeigt uns arglos seinen Bauch,

nicht ahnend, dass sich schon die Maus

An seiner Ration zu schaffen macht.

Sie holt sich, was sie braucht.“

 

Also freie Rhythmen und kein Reim. In „Die Regeln der Kunst“ schreibt er über Dichter, die wie Stefan George oder Rainer Maria Rilke auf der Suche nach „einem erlesenen Gegenstand“ waren oder sich nach einem überraschenden, nicht abgegriffenen Reim umtaten (wie ganz besonders Gottfried Benn, der sich da allerhand einfallen ließ). Bei Charles Bukowski, sagt Marx über sich selbst, hat er dann endlich verstanden, dass es aber gar nicht die Form ist, die „das Gedicht macht“:

 

„Wer seine Haltung nicht findet,

Presst –

Und sei es auch nach allen Regeln der Kunst –

Nur einen perfekten Ballen Stroh.“

 

Wolfgang Marx eigene Haltung ist nicht distanziert und unbeteiligt, sondern er selbst vergleicht sie mit dem mitfühlenden Interesse eines aufmerksamen Theaterbesuchers für das Geschehen auf der Bühne (aber gehen wirklich die Hinterteile auf Augenhöhe vorbei, wenn man in einer Loge sitzt?):

 

„Ich sitze in der Loge,

Freilich ganz vorn,

Wo alle Hinterteile dieser Stadt

Auf Augenhöhe vorübergehen.“

 

Gottfried Benn BundesarchivUnter der Überschrift „Ein großer Dichter“ schreibt Wolfgang Marx über Gottfried Benn, dessen „Herrenmenschen-Arroganz“ er offenbar nicht schätzt und dessen „spezielle Sympathie“ (zumindest anfangs des 3. Reiches für die Nazis) er so beklagenswert findet wie wohl jeder andere auch, der die Lyrik dieses nun aber wirklich großen Dichters liebt. Dass Benn, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten – also in den Worten von Wolfgang Marx „Arzt für delikate Leiden“ – trotzdem Großes zu schaffen wusste, gesteht er ihm aber unumwunden zu:

 

„So zog er sich zurück in die Destille,

So gut wie andere

Ein Ort der Emigration,

Um auf Rezept

Erstaunliches zu schreiben.“

 

Trotz seines Respekts vor Benn: Dieser Dichter und seine kunstvollen Gedichte stellen das Gegenteil dessen dar, was Wolfgang Marx erreichen möchte. Er selbst hält es gern mit Charles Bukowski, nicht mit Benn. Der unerhörte Reichtum von dessen Sprache, Benns buchstäblich weltumspannenden Assoziationen, die bis zum Höchsten gesteigerte Artistik, die sich nicht allein in den Reimen, sondern auch in Alliterationen und anderen Formen ausdrückt – das alles ist Wolfgang Marx nicht wichtig, und der große Gestus eines Lyrikers, „der sich schweigend weiht“, ist schon überhaupt nicht seine Sache.

 

Es finden sich noch Anspielungen auf andere Dichter, zum Beispiel auf Rainer Maria Rilke, aber am gelungensten finde ich drei Zeilen aus einem Gedicht, das an Theodor Storm erinnern soll:

 

„Zum grauen Strand,

Zum grauen Meer,

Im Norden ahnt man die Stadt.“

 

Natürlich denkt man an Husum, und Marx, der aus Eckernförde stammt, hat tatsächlich fast das Metrum des Storm’schen Gedichtes aufgenommen:

 

„Am grauen Strand, am grauen Meer

Und seitab liegt die Stadt.“

 

Das Wortspiel des Buchtitels gilt der Dichterin Joyce Carol Oates, die allerdings ein so charakteristisches Gesicht besaß, dass sogar mir, der ich nie auch nur eine Zeile von ihr gelesen habe, ihr Foto sogleich vor Augen steht. Allerdings kamen mir niemals die Zweifel, die den Dichter reiten:

 

„Sooft ich es seither auch schon betrachtet habe –

Ich vermag noch immer nicht zu glauben

An die Wirklichkeit dieses Gesichts.“

 

Ob sich der Zweifel des Autors auf mehr bezieht als auf das Gesicht der Autorin, vermag ich nicht zu sagen, denn ich habe ihre Bücher ja nicht gelesen. Vielleicht sollte ich das bald einmal tun? Marx schöner Gedichtband hat mich dazu angeregt.


Wolfgang Marx: Ein schwer zu glaubendes Gesicht. Gedichte

KaMeRu Verlag 2022

120 Seiten

ISBN: 978-3906082875

- Weitere Informationen (Homepage Verlag KaMeRu)

- Weitere Informationen (Homepage Wolfgang Marx)

 

Abbildungsnachweis:

Originalschrift des Goethe-Gedichts "Ginkgo Biloba". 1815. Goethe-Museum Düsseldorf. Gemeinfrei

Buchumschlag

Gottfried Benn (Schriftsteller und Arzt), 1934. Bundesarchiv, Bild 183-1984-1116-500 / CC-BY-SA 3.0

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