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Literatur
Igiaba-Scego. Foto: Simona Filippini

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Die Geschichte mit den „Würstchen“ machte Igiaba Scego – eine 1974 in Rom (Italien) geborene Schriftstellerin, Journalistin und Aktivistin für die Kultur der Schwarzen in Europa, selbst afro-somalischer Herkunft – auf einen Schlag berühmt. Mit dieser Kurzgeschichte gewann sie bereits 2003 den italienischen Literaturpreis für Migrationsautoren Eks&Tra und veröffentlichte noch im gleichen Jahr ihren Erstlingsroman über „Die Nomadin die Alfred Hitchcock liebte“ („La nomade che amava Alfred Hitchcock“, 2003). Unter dem bildstarken Stichwort „Würstchen“ verarbeitet die Filmliebhaberin Scego hier metaphorisch die globalen Herausforderungen, vor die uns transkulturelle Identitätsfragen in ihrer ganzen postmodernen Diversität, Komplexität und Hybridität stellen. Am Ende lösen sich die ambivalenten Sehnsüchte und bizarren Selbstzweifel, die psychologischen Verwirrungen und kulturellen Überforderungen der Ich-Erzählerin in einer bewussten Entscheidung bezüglich der „Würstchen“ auf und münden in einen symbolischen Sieg, der ihr Klarheit bringt.

„In Angst zu leben, heißt, nur halb zu leben“
(„Vivir con miedo es como vivir a medias“)

 

Heute, am Mittwoch den 14. August um 9:30 Uhr ist mir etwas sehr Merkwürdiges passiert. Aus persönlichen, noch unerklärlichen Gründen habe ich mir ganz viele Würstchen gekauft. Klar, das Merkwürdige ist nicht, dass man sich Würstchen kauft. Das kann jeder! Jeder kann in irgendeiner gottverlassenen Straße in irgendein Geschäft gehen und sagen: „Tach, ich bekomme bitte 5 Kilo Würstchen! Aber die guten hier, ja? Die, die einem wie Honig im Mund schmelzen“. Jeder kann so einen Gedanken in Worte fassen. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass ich die Würstchen gerade heute gekauft habe, am Vortag des „Ferragosto“ [Begriff für die nationalen Sommerferien in ganz Italien, die jedes Jahr am 15. August beginnen; A.d.R.]. Rom ist längst die Hauptstadt eines Landes, das sich als Teil eines globalen Netzwerks versteht, also eine moderne Stadt, in der moderne Menschen leben und die sich daher weltoffen gibt, ach, was sage ich, WEIT OFFEN! Angesichts der Globalisierung wirkt dieser italische „Ferragosto“ reichlich altmodisch mit seinen leeren Straßen, heruntergelassenen Rollgittern und der Stille seiner Sommertage. Würstchen aufzutreiben stellt in solch einer Situation wahrlich keine titanische Höchstleistung dar.
Jetzt fragt ihr euch bestimmt: Was ist daran dann merkwürdig? Was bitte hat dann diese Normalität aus dem Gleichgewicht gebracht?
Na klar: Ich war’s mal wieder!


Das Sonderbare liegt tatsächlich gar nicht an der gekauften Ware selber, sondern vielmehr am kaufenden Subjekt der Würstchen. Das heißt also an mir, an mir höchst selbst und ganz persönlich: an mir, einer sunnitischen Muslima.
Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, ich schwöre es, ich weiß es nicht! Eigentlich bin ich nicht mit dem falschen Bein aufgestanden, es hat mich auch keiner unsanft aus dem Schlaf gerissen, und ich hatte beim Aufwachen auch weder quälende Kopfschmerzen noch war mein Blutdruck im Keller: Es war rein gar nichts von alle dem! Es war ein Morgen wie jeder andere auch, jedenfalls dachte ich das. Draußen zwitscherte das eine oder andere Vögelchen (aber du liebe Güte, fragt mich jetzt bloß nicht, welche Vögel das genau waren, denn für mich hören die sich alle gleich an). Die Nachbarn fluchten wie immer herum, die Auspuffgase bildeten Rauch, und meine Blase signalisierte mir mit stechenden Alarmsignalen, dass eine gefährliche Entleerung ihrer selbst unmittelbar bevorstehen könnte. Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen mit ganz gewöhnlichen Leuten. Niemand war in die Ferien aufgebrochen: Zu Zeiten des Euros verbietet sich das ja fast von selbst.
Kurzum, die übliche Leier! Ich erinnere mich nicht, ob ich mich beim ersten Augenaufschlag eher glücklich oder eher traurig gefühlt habe, aber ich bin mir sicher, dass die Lust zu sündigen mein allerletzter Gedanke war, oder besser: in den oben genannten Gedanken gar nicht vorkam. Woher dann also diese verflixten Würstchen?
Ich bin zu Rosetta – die von der Drogerie um die Ecke – gegangen, um sie mir zu holen. Rosetta ist eine sympathische Frau. Vielleicht hat sie zu viel und auch einen zu schweren Busen, aber sie hat ein Lächeln zum Niederknien, ich schwöre, ein Lächeln, das Gold wert ist. Wenn ihr hinzuzählt, dass sie mir Rabatt auf den Käse gibt, wohlgemerkt den „gudden“, dann versteht ihr von selbst, dass Rosetta jemand ist, die man sich warmhalten muss. Naja, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, ich bin also zu Rosetta gegangen, um besagte Würstchen zu kaufen, und habe sie schamlos angelogen. Ich hasse es zu lügen! Rosetta war natürlich etwas befremdet, als ich um Würstchen bat, und das auch noch so früh am Morgen. Sie hat mich mit ihren listigen Äugelein angeschaut, mir ihr Lächeln zugeworfen, für das sie bei uns im Viertel berühmt ist, und dann mit honigsüßer Stimme, in der man wie in Melasse hätte schwimmen können, gefragt: „Was ist denn mit dir los, Schätzchen, bist du konvertiert? Ist Würstchen essen bei euch denn nicht eine Sünde?“.
Da habe ich mich etwas versteift. Es muss wohl am Wort „Sünde“ gelegen haben. Mir den Ernst der Lage, in die ich mich begeben hatte, vor Augen zu führen, machte es für mich nicht gerade leichter – im Gegenteil. Nachdem ich also etwas versteinert dastand (aber nicht zu lange), habe ich gelogen und gesagt: „Die sind für meine Nachbarin, meine liebe Rosetta!“.


Sie hat sie sorgsam eingewickelt, die gute Rosetta, und alles verlief reibungslos. Meinen Rabatt sah ich allerdings davonschwimmen, kaum dass ich die Nachbarin erwähnt hatte. Rosetta hasst sie, seit sie es 1999 einmal gewagt hatte, ihre Weihnachtsdekoration zu kritisieren.
Kurz und gut, ich habe mir mein schönes Päckchen ohne Preisnachlass geschnappt und bin zurück nach Hause getrottet.
Nun sitze ich eingeschlossen in meiner Küche mit meinem Paket unreiner Würstchen vor mir da und weiß nicht, was ich tun soll! Warum zum Teufel habe ich sie überhaupt gekauft? Und was fange ich jetzt bloß damit an? Eine Möglichkeit wäre, sie warmzumachen, aber wer nimmt es dann nachher mit Mama auf? Ich erinnere mich, dass Mama, als ich noch klein war, einmal aus Versehen eingelegtes Gemüse gekauft hatte, in das die Stücke eines Schweinewürstchens untergemischt waren. Das Schöne war, dass meine Mutter nicht wusste, dass sich im Glas unreines Schweinefleisch versteckte, und damit einen Reissalat angemacht hat. Ergebnis: Einer von uns entdeckte das betrügerische Würstchen, und wir mussten den ganzen Reissalat bis aufs letzte Reiskorn hochwürgen und ausspucken. Doch das schlimmste Schicksal traf die Pfanne, in der Mama das unreine Mischmasch vermengt hatte. Über sie wurde ein Versäumnisurteil gefällt – Todesstrafe! Die eigentliche Tragödie bestand darin, dass die arme Pfanne nicht einmal in Berufung gehen konnte: Sie war arm und hatte keine Anwälte um sich geschart, die das Feilschen um Milliarden gewohnt sind (pardon, Millionen: Ich denke immer noch in der Kategorie der guten alten italienischen Lire).
Aber Moment mal: Macht man Würstchen überhaupt in einer Pfanne? Brät man sie? Oder muss man sie vielleicht garen? Und wenn ich sie in den Ofen schiebe...? Esse ich sie am Ende auch wirklich alle auf? Nicht, dass mir nach all der Arbeit der Mut fehlt und sie im Müll landen?
Jetzt betrachte ich das unreine Päckchen und frage mich, ob sich das Ganze überhaupt lohnt. Wenn ich diese Würstchen, eins nach dem anderen, verschlinge, werden die Leute dann verstehen, dass ich genauso italienisch bin wie sie? Identisch? Oder ist das alles eh für die Katz?
Meine Angst hat damals angefangen zu wachsen, als das Bossi-Fini-Gesetz [restriktive Reform des italienischen Immigrationsgesetzes von 2002; A.d.R.] in Kraft getreten ist: „Allen aus Nicht-EU-Staaten Stammenden, die die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis beantragen, wird präventiv ein digitaler Fingerabdruck abgenommen“. Welche Rolle fiel mir dabei zu? Würde ich als Nicht-EU-Bürgerin gelten, d.h. als potenzielle Kriminelle angesehen werden, die dem Staat vorsorglich ihre Fingerabdrücke abzuliefern hatte, damit ein Verbrechen verhindert werden konnte, das man mir von vorneherein unterstellte oder das ich danach hätte verüben können? Oder würde ich als verehrte und umworbene Italienerin gelten, der der Staat die Wohltat des Zweifels angedeihen lässt, auch wenn sich später herausstellen sollte, dass es sich bei mir um eine mehrfach vorbestrafte Wiederholungstäterin handeln sollte?
Italien oder Somalia?
Zweifel.
Abdrücke oder keine Abdrücke?
Schreckliche Zweifel.

 

Mein schöner Pass ist bordeauxfarben und unterstreicht in jeder Hinsicht meine italienische Staatsangehörigkeit. Aber entspricht dieser Pass eigentlich der Wahrheit? Bin ich wirklich tief in mir eine Italienerin? Oder müsste ich nicht vielmehr Schlange stehen und wie viele andere meine Fingerabdrücke abliefern?
Diese Geschichte mit den Fingerabdrücken erscheint mir wie ein Fehler, wie das sinnlose Geschmiere eines wütenden Jungen. Warum erniedrigt man diese Menschen? Warum bringt man Andere, die sich ihrer Identität nicht so sicher sind, aus dem Gleichgewicht? Diese verfluchten Abdrücke haben in mir einen Dämon wachgerufen, der schon seit undenklicher Zeit in meinem Innern schlummerte. Ich hatte gehofft, dass dieses Schreckgespenst nie erwachen würde. Aber plötzlich traten sie auf den Plan: diese Abdrücke, diese vermaledeiten, verdammten Abdrücke.

 

Jedes achtjährige Kind wird mit einem Riesenhaufen idiotischer Fragen gequält – etwa mit dieser hier: „Liebst du die Mamma mehr – oder den Papa?“. Natürlich zieht das Kind, das ein intelligentes Wesen ist (schade, dass es, wenn es größer wird, zum Idioten mutiert), ein verstörtes Gesicht und antwortet nicht. Es weiß ja, dass jede Antwort, die es gibt, vor dem Familienrat gegen es verwendet werden kann, und außerdem will es jenen zwei Lebewesen keinen Schmerz zufügen, die es am meisten und über alles auf dieser Welt liebt. Deshalb versiegelt das Kind seine Lippen und tut so, als habe es nicht verstanden. Genau dasselbe ist mir im Alter von acht Jahren passiert! Die ungeschliffene Frage, die man mir zu stellen pflegte, war allerdings: „Liebst du Somalia mehr als Italien?“. Oft habe ich auch diese Variation des gleichen Themas zu hören bekommen: „Fühlst du dich eher italienisch oder somalisch?“. Kurzum, sofern es zutrifft, dass, wenn man die Reihenfolge der Summanden verschiebt, sich am Ergebnis nichts ändert, erwies sich die Frage (und erweist sich leider weiterhin) – in welcher Form auch immer sie gestellt wird – als unzulässig. Glücklicherweise kannst du als Kind Dinge auf die lange Bank schieben oder den armen Dummen mimen, den Trottel des globalen Dorfs geben oder den Launischen beziehungsweise den über den Dingen Stehenden spielen. Als Kind ist es einfacher, einen Ausweg zu finden, aber je mehr man heranwächst, desto schwieriger wird es, die Kurve zu bekommen. Und ganz unmöglich wird dieses Unterfangen, wenn man auf der Anklagebank sitzt und über einer öffentlichen Ausschreibung brütet.


Alberto-Sordi_1962.jpgÖffentliche Ausschreibungen sind moderne Foltermaschinen: Wenn man keinen Heiligen im Paradies sitzen hat, der sich für einen verwendet, dann werden sie zu einem Wettlauf, der wenigen Auserwählten vorbehalten bleibt. Dazu fällt mir ein Satz ein, den der großartige, gute, alte De Sica [italienischer Regisseur und Schauspieler, 1901-1974; A.d.R.] einmal an den wachsamen, aufstrebenden Alberto Sordi [italienischer Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor, 1920-2003; A.d.R.] gerichtet hat, als der sich für De Sicas „Fürsprache und Vertrauen“ bedankte. De Sica schaute den jungen Liebling der Nation etwas scheel an und korrigierte ihn dann mit strenger Stimme: „Man sagt Empfehlung!“, wobei er jeden einzelnen Buchstaben des Wortes deutlich artikulierte: E-M-P-F-E-H-L-U-N-G.


Ich und 299 andere Unglücksraben – darunter ein guter Teil Jahrgangsempfehlungen – haben eine anstrengende Strapaze hinter uns: sechzig Fragen in der Vorauswahl, einen acht- und dann noch einen vierstündigen schriftlichen Aufsatz. Wenn ich daran denke, dass wir anfangs 5.000 waren, um am Ende nur noch 300 zu sein, tja, wenn ich daran denke, dann zittern mir jetzt noch die Knie. Wenn ich daran denke, dass nur 38 davon eine Anstellung bekommen, schnappe ich nach Luft. Und wenn ich dann daran denke, dass davon 30 auf „Empfehlung“ durchgekommen sein dürften, muss ich kotzen. Denke ich dagegen an mein Mündliches, fange ich an, mich zu schämen: Ich weiß nicht, ob für mich oder für die, die mir diese eine Frage gestellt hat.


Jean-Gabin_1958.jpg Ich erinnere mich an nichts mehr, was diese Prüfung betrifft. Ich erinnere mich nur noch an ein riesiges Narbengesicht, das ich vor mir hatte. Ich erinnere mich auch an die golden gefärbten Haare, die zu einem Haarknoten im Empirestil zusammengefasst waren. Und ich erinnere mich an jene raue weibliche Stimme, die – ich weiß nicht warum – mir wie eine Kreuzung von Giancarlo Giannini [lebender italienischer Schauspieler; A.d.R.] und Jean Gabin [französischer Schauspieler, 1904-1976; A.d.R.] vorkam und für eine Frau wenig schmeichelhaft klang. Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann wirkte die Prüferin auf mich wie ein Transvestit, aber ohne diesen tollen Atombusen, um den ich so freundliche Damen schon immer beneidet habe. Sie war keine unangenehme Frau, und die Prüfung verlief eigentlich ganz gut: Ich hielt mich wacker. Aber dann dieser Schlamassel! Diese hassenswerte, verdammte Frage nach meiner Identität! Eher somalisch? Eher italienisch? Vielleicht drei Viertel somalisch und ein Viertel italienisch? Oder vielleicht nicht eher genau das Gegenteil? Ich weiß darauf keine Antwort! Ich habe mich noch nie auf eine Bruchzahl „herunterbrechen“ lassen, und habe auch in der Schule Bruchrechnungen immer gehasst: Ich fand sie unsympathisch und (jedenfalls für mich) unnütz.
Natürlich habe ich gelogen. Es gefällt mir wirklich nicht, aber ich sah mich dazu regelrecht gezwungen. Ich habe ihr direkt in die Froschaugen geschaut und laut „italienisch“ geantwortet. Und dann bin ich – obwohl ich die Farbe der Nacht habe – rot wie eine Paprika geworden. Ich wäre mir auch wie eine Idiotin vorgekommen, wenn ich „somalisch“ gesagt hätte. Ich bin keine hundert Prozent, bin es nie gewesen, und ich glaube, ich werde diese Marge auch jetzt nicht knacken.
Ich glaube, ich bin eine Frau ohne Identität.
Beziehungsweise: mit mehreren Identitäten.

 

Man stelle sich bloß einmal vor, wie hochgradig aussagekräftig meine Fingerabdrücke sein werden! Anonyme Fingerabdrücke, identitätslos und neutral wie Plastik.
Schauen wir einmal, also... Ich fühle mich somalisch, wenn: 1) ich Tee mit Kardamom, Gewürznelken und Zimtstange trinke, 2) ich die fünf täglichen Gebete Richtung Mekka spreche, 3) ich mir den „dirah“ (somalisches Frauengewand; A.d.A.) überstreife, 4) ich zu Hause ein Räucherstäbchen oder den „unsi“ (Mischung aus Weihrauch und anderen Duftnoten; A.d.A.) als Raumduft verwende, 5) ich auf Hochzeiten gehe, bei denen sich die Männer auf die eine Seite setzen und langweilen, während auf der anderen die Frauen tanzen, ihren Spaß haben und essen..., kurzum, das Leben genießen, 6) ich Banane mit Reis esse, auf dem gleichen Teller, meine ich, 7) wir ganz viel Fleisch mit Reis oder dem „angeelo“ (Brotteigtasche; A.d.A.) zubereiten, 8) uns Verwandte aus Kanada, den USA, Großbritannien, Holland, Schweden, Deutschland, den Arabischen Emiraten und einer langen Liste von Staaten besuchen kommen, die ich aus Platzgründen hier nicht in Gänze aufzählen kann – alles Verwandte, die wie wir heimatlich entwurzelt sind, 9) ich Somalisch spreche und mich mit grellem Ton in eine aufgeregte Konversation einmische, 10) ich mir meine Nase im Spiegel anschaue und sie perfekt finde, 11) ich Liebeskummer habe, 12) ich mein Land betrauere, das vom Bürgerkrieg verwüstet ist, 13) oder ich hundert andere Dinge tue, aber wer kann sich die schon alle merken!


 

Ich fühle mich italienisch, wenn: 1) ich mir ein süßes Frühstück gönne, 2) ich Ausstellungen, Museen oder Denkmäler besuche und besichtige, 3) ich mit Freundinnen über Sex, Männer und Depression rede, 4) ich mir Filme mit diesen Schauspielern ansehe: Alberto Sordi, Nino Manfredi, Vittorio Gassman, Marcello Mastroianni, Monica Vitti, Totò, Anna Magnani, Giancarlo Giannini, Ugo Tognazzi, Roberto Benigni, Massimo Troisi, 5) ich ein Eis für 1,80 Euro mit Stracciatella, Pistazie und Kokosnuss ohne Sahne esse, 6) ich alle Worte vom Gedicht „Il cinque maggio“ von Alessandro Manzoni auswendig zusammenbekomme, 7) ich im Radio oder Fernsehen Gianni Morandi singen höre, 8) ich gerührt bin, wenn ich dem Mann, den ich liebe, in die Augen schaue, ihn in seinem heiteren südländischen Dialekt sprechen höre und weiß, dass wir keine gemeinsame Zukunft haben, 9) ich aus den unterschiedlichsten Gründen über den Premierminister, den Bürgermeister, den Stadtrat oder den, der gerade zufällig Präsident ist, schimpfe, 10) ich mit den Händen wild herum gestikuliere, 11) ich um die Partisanen weine, die man viel zu oft vergisst, 12) ich unter der Dusche „Un anno d’amore“ von Mina trällere, 13) oder ich hundert andere Dinge tue, aber wer kann sich die schon alle merken!
Ein ziemliches Problem, diese Identität. – Was, wenn wir sie einfach abschaffen würden? Und die Fingerabdrücke? Lasst uns die auch abschaffen! Ich fühle mich eigentlich ganz rund, aber manchmal fühle ich mich auch wie ein Nichts. Zum Beispiel bin ich ein Nichts, wenn ich im Bus jemanden sagen höre „Diese Ausländer richten Italien zugrunde“ – und dann spüre, wie die Augen aller Leute an mir wie Kaugummi kleben bleiben. Oder wenn eine somalische Frau (meist eine entfernte Verwandte) hört, dass mein Pipi dank seines kräftigeren Strahls lauter als ihres zu hören ist. Ich komme von der Toilette, ohne zu wissen, dass mein Pipi ausspioniert worden ist, und bemerke, wie sich ein böser Blick auf meine linke Schulter legt. Schließlich fällt der giftige Kommentar: „Du bist ja eine ‚nijas‘ (Unreine; A.d.A.), du hast ja noch den ‚kintir‘ (die Klitoris; A.d.A.). Du findest nie einen Mann!“. Sinnlos, der Frau erklären zu wollen, dass die Infibulation [(Teil-) Verschließung der weiblichen Genitalöffnung; A.d.R.] nichts mit Religion zu tun hat und in Wahrheit eine Form roher Gewalt gegen Frauen darstellt. Tja, leider sind es oft gerade stumpfsinnige Frauen, die gewalttätige Praktiken an anderen Frauen verüben, und dabei nicht verstehen, dass sie selbst sexuelle Instrumente in den Händen schwarzer Sklavenhalter sind.
Muss ich deshalb Italien dankbar sein, dass ich noch meine Klitoris habe? Und Somalia? Schulde ich meinen Respekt gegenüber dem Nächsten und der Umgebung um mich herum nicht vielmehr dem schönen Land Punt (Bezeichnung der Ureinwohner des alten Ägyptens für Somalia; A.d.A.)?
Was also bin ich?
Ach, zur Hölle – ich hab’ mich entschieden: Ich koche diese verdammten Würstchen jetzt!

 

Wer weiß, ob sich meine Fingerabdrücke verändern. Vielleicht verändern sie sich, wenn ich ein Würstchen esse, und werden von neutralen Fingerabdrücken zu echten digitalen Fingerabdrücken „Made in Italy“, aber will ich das überhaupt?
Das Wasser kocht, ich werfe sie hinein und sehe, wie sie ihre Farbe verändern. Sie waren rot und jetzt sind sie hellrosa – meine Güte, wie die stinken! Ich weiß nicht, ob ich sie hinunterbekomme. Und schon sinkt mein Mut wieder.
Für diesen feierlichen Augenblick wähle ich einen Teller, der mir besonders gut gefällt. Er hat blaue Kringel am Rand und einen ebenfalls blauen Schmetterling in der Mitte. Ich liebe diesen Teller, weil er der letzte ist, der von einem Service übriggeblieben ist, das auf ein kurzes, aber leidvolles Leben zurückblickt. Ich habe ihn auch deshalb ausgesucht, weil es mir bei ihm umso schwerer fallen wird, ihn wegzuwerfen. Ich wünsche mir eine ewige Trophäe für dieses heldenhafte Unterfangen. Der blaue Teller wird meine „Rhapsody in blue“ sein [Komposition des US-Komponisten George Gershwin von 1924 mit weltberühmten Melodien, die Jazz und Konzertante Sinfonien verbanden und mit Hilfe grenzüberschreitender Musik den US-Amerikanern eine musikalische Identität verleihen sollten; A.d.R.].
Die Würstchen sehen furchtbar aus. Wie zum Teufel kann man so ein Zeug bloß essen? Im Übrigen bin ich mir auch unsicher, ob ich die richtige Zubereitungsart gewählt habe. Mir kommen schreckliche Zweifel. Was, wenn man sie gar nicht kocht? Vielleicht isst man sie roh, wie Kaviar. Aber nun habe ich sie schon einmal aufgebrüht und werde sie jetzt auch so zu mir nehmen.
Ohne sie anzuschauen, richte ich sie auf dem blauen Teller an. Die Schönheit des Tellers rückt die Hässlichkeit dieser nur halb gesottenen und gesiedeten Würstchen ins rechte Licht. Ich setze mich, stehe wieder auf, um ein Glas Wasser zu holen, und setze mich erneut hin. Die Beine hören nicht auf zu wippen, der Puls nicht auf zu zittern. Ich pikse das kleinste Würstchen auf eine Gabel und führe es zur Nase. Iiiieehh, stinkt! Ich schließe die Augen und führe das Widerwürstchen nah an meine Lippen heran. Ich beginne, einen sauren Geschmack wahrzunehmen, der an Erbrochenes erinnert. Das also ist der Geschmack eines Würstchens: Erbrochenes? Daraufhin nässt sich meine Brust irgendwie ein und in dem Moment öffne ich die Augen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich das Frühstück von heute früh erbrochen habe: eine Tasse Zerealien mit kalter Milch und einen Apfel. Und das Würstchen? Wohin mit dem Würstchen? Es ist immer noch in seiner vollen Gänze auf die Gabel gespießt. Ich habe es nicht mehr rechtzeitig in den Mund bekommen, das Erbrochene war schneller.
Das muss ein Zeichen sein!
Ich soll dieses Würstchen nicht essen.

 

Zum ersten Mal beginnt mein Kopf bewusste Gedanken zu fassen. „Und wenn alles ein Fehler wäre?“. Das Ganze war doch ohnehin das Ergebnis einer nur wenige, hektische Sekunden währenden Übergeschäftigkeit. Klar, sollte ich jetzt dieses Pseudo-Würstchen, bedeckt von kanariengelben Bröckchen meines Erbrochenen, essen, dann bin ich (vielleicht) eher italienisch, aber was ist dann andererseits mit Somalia? Was mache ich dann mit Somalia – aussondern?
Und meine Fingerabdrücke – was mache ich dann mit meinen Fingerabdrücken?
Ich brauche eine Pause. Ich lege die Gabel mit dem darauf kümmerlich gekrümmten Rest in einer Ecke ab, atme tief durch und strecke die Beine lang. Ich schnappe mir die Zeitung, die traurig auf dem Tisch hingeworfen neben dem Erbrochenen liegt (ich habe noch nicht den Mut, sauber zu machen, ich will einfach nur einen Moment mal abschalten) und blättere sie träge durch. Nichts Interessantes, die üblichen Aufmacher – lauter Unsinn – wie immer, immer der gleiche Sermon. Die Terroristen drohen damit, die halbe Zivilisation in die Luft zu jagen, während die zivilisierte Welt keine Zeit damit verliert, selbst dafür zu sorgen: Jugendliche, die sich gegenseitig in Brooklyn abmurksen. Ein superreicher Kerl, der seiner Verlobten den Bauch aufschlitzt und ihre Leber in den Vorgarten wirft. Die politischen Parteien, die – aus welchen Gründen auch immer – aufeinander losgehen. Das neueste Starlet, das es mit dem aufsteigenden Stern der globalen, milliardenschweren, ständig krisengeschüttelten Fußballwelt treibt. Das übliche aufgewärmte Menü mit einer kandierten Kirsche auf der Tortenspitze: Die Welt wird in fünfzig Jahren untergehen! – Uih, Wahnsinn! Wer hätte das gedacht!
Ich lese weiter und was erblicken meine Augen? Einen Kurzartikel: „Aufstand der afroamerikanischen Community: Weiße Polizisten prügeln schwarzen Minderjährigen“.
Ich bin es so leid, solche Nachrichten zu lesen! Warum um alles in der Welt prügelt man immer auf uns ein? Außerdem hilft mir das herzlich wenig dabei, die Würstchen zu vergessen! Vor allem hilft es mir nicht dabei, die Fingerabdrücke von Menschen, die anders sind, zu vergessen!


Ich fühle mich wie die bestgeeignetste Kandidatin, um Prügel zu kassieren! Ich wäre doch perfekt – niemand an meiner Seite, der mich verteidigt. Ein perfektes Opfer – die perfekte „Negerin“, die man zusammenschlagen kann. Komisch, dass noch keiner draufgekommen ist. Ich bin schwarz und glaube, dass schwarz zu sein ein Totalreinfall ist: garantiert eine Niete. Da gibt es kein Pardon. Da bist du dazu verdammt, Opfer schiefer Blicke zu sein – im besten Fall – oder von Fußtritten, Scheiterhaufen, Steinigungen, Vergewaltigungen, Kreuzigungen und Ermordungen – im schlimmsten Fall.
Und es gibt auch kein Pardon, wenn du in einem Land geboren bist, in dem alle deine gleiche Hautfarbe haben – das kann sogar noch schlechter ausgehen! Denn zunächst einmal riskierst du, dass du nach langer, unermesslicher Qual einen entbehrungsreichen Tod erleidest. Dann hast du die neunzigprozentige Chance, dass du AIDS bekommst, wobei du von Medikamenten in dem Fall natürlich auch nur träumen kannst. Denn davon zu träumen, ist womöglich die einzige Art, ihrer je habhaft zu werden. Wenn du aus purem Glück diesen zwei Geiseln entkommst, tja, dann kannst du sicher sein, dass dich irgendein Bürgerkrieg erwischt. Und wenn du dann immer noch nicht zufrieden bist, dann kannst du dich noch mit irgendeiner Naturkatastrophe trösten, die bestimmt nicht lange auf sich warten lässt und genau das Land der Schwarzen heimsuchen wird, wo du „schwarze Niete“ am Ende hinzuziehen beschlossen hast, weil du die Beschimpfungen der Weißen satt bist.
Zudem, mein Freund, musst du wissen, dass wir Schwarzen mit dem Verdacht leben, dass uns jeder nach unserer Hautfarbe beurteilt. In Wahrheit ist es genau so, aber wir bilden uns ein, dem sei nicht so! Man unterstellt uns, überempfindlich zu sein und wegen jeder Kleinigkeit rassistisches Benehmen heraufzubeschwören, aber soll ich dir etwas sagen? Rassismus ist – leider – alles andere als ein schlechter Scherz. Verdammt, ich wünschte, es wäre ein Super-Ober-globaler Scherz, eine Internet-Ente, aber die Wahrheit ist, dass du, wenn du schwarz bist, mit eben diesem Verdacht nun einmal leben musst.


Oft sind wir allerdings auch ein bisschen sehr streitlustig. Ich glaube, das Leben mit diesen ständigen Zweifeln klopft uns gewissermaßen weich. Dann bringt uns einfach alles auf die Palme, und wenn du dann auch noch anfängst uns zu beschimpfen, tja, dann beschuldigen wir Gott und die Welt des Rassismus, auch wenn wir ursprünglich wegen etwas vollkommen anderem gestritten hatten, wie zum Beispiel wegen eines Mega-Auffahrunfalls, den wir ganz und gar selbst verschuldet haben!
Allerdings sind wir auch nicht die einzigen Streitsüchtigen. Da gibt es noch andere: die Araber, die Juden, die australischen Aborigines, die amerikanischen Ureinwohner, die Kurden und einfach alle Stämme und Nationalitäten, die es je auf Pangäa [großer einheitlicher, zusammenhängender Urkontinent der Erde in der Zeit vor dem Jura; A.d.R.] d.h. rund um den Erdball gegeben hat.
Also: Was soll ich tun? Soll ich jetzt wirklich das Würstchen mit dem Erbrochenem essen, nur um zu beweisen, dass ich kein sensibler Angsthase bin? Um zu zeigen, dass auch ich eine waschechte ordnungsgemäße Vollblutitalienerin bin? Dass meine Fingerabdrücke das Gütesiegel „Made in Italy“ tragen?

 

Ich schalte den Fernseher ein. Ich will die Würstchen vergessen. Noch habe ich nicht entschieden, was aus ihnen werden soll. Noch habe ich nicht entschieden, ob ich sie esse. Ich weiß zwar nicht, was ich tun soll, aber ich bin versucht zu „sündigen“. Ob es sich lohnt?
Ettore-Scola_1983.jpg Ich zappe vor mich hin. Ich will den Geruch, der mir in die Nasenflügel steigt, vergessen. Mein Erbrochenes verbreitet einen üblen Mief: Ob das an den Zerealien liegt? Eine Filmszene zieht mich in ihren Bann. Die kenne ich genau: Es ist Ettore Scolas [italienischer Regisseur und Drehbuchautor, 1931-2016; A.d.R.] „Wird es unseren Helden gelingen, den in Afrika auf mysteriöse Weise verschwundenen Freund wiederzufinden?“ [eine in Angola gedrehte Abenteuerkomödie gegen den Glauben an die Überlegenheit der Weißen über die Schwarzen unter dem italienischen Originalfilmtitel: „Riusciranno i nostri eroi a ritrovare l’amico misteriosamente scomparso in Africa?“, 1968; A.d.R.]. Das ist ein schöner Film, und er sagt viel über die Italiener aus. Es geht darin um eine spannende Story: Alberto Sordi und sein Buchhalter suchen halb Afrika nach Sordis Schwager ab. Schließlich, nachdem sie alle möglichen Abenteuer durchlebt haben, finden sie ihn: Der Schwager, gespielt von Manfredi [Nino Manfredi, italienischer Schauspieler, 1921-2004; A.d.R.] mit künstlichen (sehr trendigen) Rastalocken, ist Sektenführer geworden, eine Art „pae de santo“ (Medizinmann der Macumba; A.d.A.) eines primitiven Stamms. Manfredi, wenngleich zögerlich, entschließt sich (aus eigenem Antrieb) dazu, den Stamm zu verlassen, um dem bürgerlichen Sordi nach Rom zu folgen. Und genau in diesen Moment habe ich hineingezappt. Manfredi ist gerührt, als er das eindringliche Flehen seines Stammes vernimmt: „Titì, verlass uns nicht!“ rufen sie ihm im römischen Dialekt nach; und er knickt ein. Mich überkommt die Rührung in dem Moment, als er auf die Reling des Schiffs klettert und ins Wasser springt, um zurück zu denen zu schwimmen, die inzwischen seine Leute geworden sind. Aber noch mehr berührt mich Sordis überwältigtes Gesicht, in dem sich ein seltsames Gefühlsgemisch aus Bitterkeit, Erstaunen und Neid widerspiegelt. Er scheint zunächst, seinem Schwager folgen und sich ebenfalls in die Fluten stürzen zu wollen, aber der Buchhalter hält ihn zu Recht davon ab und bringt ihn wieder zur Vernunft. Er, Sordi, hat keine Wahl. Er ist nicht so frei wie sein Schwager, sondern vielmehr dazu verdammt, auf ewig ein Bürgerlicher zu bleiben, der hinter den Zaun eines entfremdeten Lebens zurückzukehren hat. Er hat keine Wahl. Diese Szene nimmt mich total mit. Ich breche in Tränen aus. Beim Anblick dieser zwei Männer wird mir klar, dass ich immerhin noch eine Wahl habe und mir immerhin auch noch selbst gehöre. Jedenfalls kann ich noch wie der Manfredi-Titì ins Meer springen.

 

Ich schaue mir die Würstchen an und werfe sie in den Abfalleimer. Wie war ich bloß je auf den Gedanken gekommen, die zu essen? Wieso verleugne ich mich selbst: Um einer narbigen Frau, die die Stimme eines Transvestiten hat, Recht zu geben? Oder um die Sadisten, die diese demütigenden Abnahmen von Fingerabdrücken eingeführt haben, zufriedenzustellen? Wäre ich etwa italienischer mit einem Würstchen im Magen? Und wäre ich dadurch vielleicht weniger somalisch? Oder genau andersherum?
Nein, ich wäre doch die Gleiche, der gleiche Mix. Und wenn das dann jemanden stört, kann der mich in Zukunft einmal gernhaben!

 

Das Telefon klingelt. Es ist meine Freundin Valentina. „Hallo!“, schreit sie in den Hörer. „Hallo! Hast du heute schon die ‚Gazette‘ gelesen?“. „Nein“, antworte ich. „Du hast es geschafft!“. Ich verstehe nur Bahnhof. Ich bitte sie, den Satz ein zweites und drittes Mal zu wiederholen. Dann noch ein viertes und fünftes Mal. Ich habe die Ausschreibung gewonnen. Und das ganz ohne Empfehlung! Ohne Überempfindlichkeiten! Und ohne einen einzigen Fingerabdruck abgegeben zu haben!
Langsam finde ich Gefallen an Bruchzahlen. Zum ersten Mal blicke ich an diesem warmen Augustmorgen aufmerksam um mich herum und denke beklommen: „Was für ein Dreck!“.
Dann kremple ich mir die Ärmel hoch. Ich muss das Erbrochene in der Küche wegwischen.

Aus dem Italienischen übersetzt und kommentiert von Dagmar Reichardt

Igiaba Scego: „Wuerstchen“ kurzgeschichteDas dieser Übersetzung zugrunde gelegte italienische Original ist 2005 im Kurzgeschichtenband „Pecore nere. Racconti“ (dt. wörtlich: „Schwarze Schafe. Erzählungen“), herausgegeben von Flavia Capitani und Emanuele Coen (Bari, Laterza, 2005, S. 23-36) erstmals in Italien erschienen (Leseprobe, Italienische Lektüre, Niveau B2, DE) und seit zwei Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz als gleichnamiges Reclam-Heft erhältlich (Reihe „Fremdsprachentexte – Italienisch“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19943, Ditzingen, Reclam, 2018, S. 34-53). Das Buch, das vor fünfzehn Jahren in Italien medial für viel Aufsehen gesorgt hat, stellt italienischsprachige Texte von vier italophonen, dunkelhäutigen und perfektes Italienisch sprechenden und schreibenden Migrationsautorinnen vor: Igiaba Scego (geb. 1974), Laila Wadia (geb. 1966), Gabriella Kuruvilla (geb. 1969) und Ingy Mubiayi (geb. 1973). Diese Italienerinnen sind in der zweiten Generation von (somalisch-ägyptisch-afrikanischen und indischen) Einwanderern abstammend z.T. in Italien, z.T. außerhalb Italiens, aber dann entweder von einem italienischen Elternteil geboren worden oder sie sind in Italien aufgewachsen bzw. dort seit langem ansässig. Sie beschäftigen sich erzählerisch mit Mehrfachidentitäten, denen ein Einwanderungsland wie Italien – ebenso wie Deutschland und viele andere europäische (und nicht europäische) Staaten auch – oft transkulturell noch nicht gewachsen zu sein scheinen.
Am 12. Februar 2020 kommt beim Mailänder Bompiani-Verlag Igiaba Scegos neuester, im 19. Jahrhundert angesiedelter historischer Bildungsroman über die Grand Tour der farbigen Protagonistin Lafanu Brown unter dem Titel „La linea del colore“ (dt. etwa: „Die Linie der Farbe“) in Italien heraus, der dort bereits für die hochkarätigsten Literaturpreise des Landes im Gespräch ist und mit Spannung erwartet wird.

Abkürzungen:
A.d.R. = Anmerkung der Redaktion in eckigen Klammern [verfasst von Dagmar Reichardt]
A.d.A. = Anmerkung der Autorin in runden Klammern (verfasst von Igiaba Scego). – Igiaba Scego hat ihrem Originaltext insg. 7 kurze, erklärende Anmerkungen hinzugefügt, die für die vorliegende deutschsprachige Fassung von Dagmar Reichardt aus dem Italienischen übersetzt und aus typographischen Gründen in Igiaba Scegos integralen Text direkt, in runde Klammern gesetzt, eingearbeitet worden sind (im Original sind es mit Asterisken gekennzeichnete Fußnoten).


Igiaba Scego

Weitere Informationen finden Sie im Interview, das Dagmar Reichardt mit der Autorin am 29. Juli 2019 unter dem Titel „Intellektuelle Inkarnation der ‚Neuen Italienerin‘: Igiaba Scego“ für KulturPort.De geführt hat.

Igiaba Scego diskutierte am 18.10.2019 am Rotteck-Gymnasium in Freiburg i.Br. mit deutschen Schülerinnen und Schülern. Außerdem nahm sie bereits 2010 am Internationalen Literaturfestival Berlin teil.
Im März 2020 erscheint im Non-Solo Verlag (Freiburg i.Br.) – nach der Erzählung „Die Ikone“ (2018) im zweisprachigen Sammelband „Spiegelungen. Zehn neue literarische Stimmen aus Italien“ (Deutsch-Italienisch) – eine deutschsprachige Mini-Anthologie von Igiaba Scego unter dem Titel „Dismatria und weitere Texte“.


Abbildungsnachweis:
- Alberto Sordi, 1962. Quelle: The Brazilian National Archives. (Gemeinfrei)

- Jean Gabin, 1958. Quelle: Wikipedia (Gemeinfrei)

- Ettore Scola, 1983. Quelle: Nationaal Archief Nederland. Foto: Rob Bogaerts / Anefo (Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license).
- Buchumschlag der jeweils italienischen (links) und fremdsprachigen Ausgabe für den deutschsprachigen Raum (rechts).

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