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Der 1924 in Mineo bei Catania geborene sizilianische Dichter und Prosaist Giuseppe Bonaviri ist am 21. März in seinem Wohnort Frosinone bei Rom verstorben.

Er gilt als einer der großen italienischen Nachkriegsautoren und neben Italo Calvino und dem Sizilianer Leonardo Sciascia als einer der im Ausland bekanntesten Vertreter belletristisch hoch anspruchsvoller Literatur aus Italien. Der seit 1980 wiederholt für den Literaturnobelpreis vorgeschlagene Schriftsteller, der diesen Sommer 85 Jahre alt geworden wäre, hinterlässt ein ungewöhnlich reichhaltiges Lyrik- und Romanwerk, das im Italienischen rund vierzig Bucherscheinungen umfasst und in viele Sprachen der Welt, darunter Chinesisch und Arabisch, übersetzt worden ist.

In deutscher Sprache liegen fünf Bände von Bonaviri vor, zuletzt erschien 2006 Die blaue Gasse. Wiederholt stellte Bonaviri nach dem berühmten Italien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1988 sein Œuvre dem deutschen Publikum in Hamburg, Stuttgart und Frankfurt vor und erklärte in aller Bescheidenheit, dass seine Lektüre nicht Proust, Dante oder Goethe, sondern der Wind, die Sterne und der Mond über Mineo gewesen seien.
 
Bonaviris Bücher bleiben1954 erschien sein Romandebüt Il sarto della stradalunga (Der Schneider von Mineo, 1987) in der neuen und prosperierenden Reihe I Gettoni von Elio Vittorini bei Einaudi. 1969 folgte u.a. der märchenhaft animistisch konnotierte Roman La divina foresta (dt. Der göttliche Wald) bei Rizzoli in Mailand, den Italo Calvino in Paris enthusiastisch als etwas „endlich Neues in der heutigen Literaturlandschaft“ feierte. Er prognostizierte seinem Schriftstellerkollegen und geistesverwandten Freund: „Dein Buch gehört zu denen, die bleiben“. Die italienische Literatur fände – so Calvino – mit der Divina foresta  zurück zu ihren Ursprüngen und zu ihrer originären Bestimmung einer „Literatur als ‚Naturphilosophie‘“. 

 


 

Sind die Anfänge von Bonaviris Schreiben noch streckenweise dem Neorealismus verpflichtet, so entwickelte er bald eine ganz unverwechselbar eigene Note, die realistische Komponenten mit phantastischen und wundersam anmutenden Elementen mischt. Immer kreisen seine Themen um Kindheitserinnerungen aus Sizilien und um Beschreibungen seines Heimatdorfes in den Bergen bei Catania, dem dortigen Leben und den Traditionen in Mineo. In seiner Militärzeit als Sanitätsoffizier in Casale Monferrato begegnete der studierte Mediziner in den 1950er-Jahren Natalia Ginzburg in Turin, lernte Elio Vittorini kennen und war seit den 70er-Jahren mit dem Landsmann Leonardo Sciascia befreundet. Als Stabsarzt zurück in Mineo verlässt Bonaviri 1957 Sizilien endgültig und siedelt in die Ciociaria um, wo er in Frosinone als Kardiologe arbeitete, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete.
 


 

Dem einfallsreichen Romancier, der Geschichten aus der Perspektive von Kindern (Steine im Fluss, 1992), Pflanzen oder Tieren schrieb (La divina foresta), abenteuerliche Mondreisen (Il dormiveglia, 1988) ebenso fesselnd wie weit verästelte Familiensagen zu erzählen wusste (Der Schneider von Mineo u.a.), ist eine Stiftung mit angegliedertem Forschungszentrum in Mineo gewidmet. Seit 1983 hat Bonaviri auch ein sich inzwischen großeuropäisch ausgewachsenes Lyrikprojekt ins Leben gerufen, das unter dem Titel Il libro di pietra – Das Buch aus Stein – Gedichte samt italienischer Übersetzung auf Steintafeln in der Geburtstadt Ciceros, Arpino, nahe Frosinone gelegen, dauerausstellt. Für Deutschland kam 2004 der in Hamburg und München lebende Autor Matthias Politycki nach Arpino. Neben Polityckis in Stein gemeißelten poetischen Beitrag (Bar Fabbrizio, 2006) und Bonaviris eigenem Gründungsgedicht (Il bianchissimo vento, 1984) kann man hier, wenn man durch das 8.000-Seelen-Dorf wandelt, in Arpino an vielen Ecken anhalten oder sich in kleinen gepflegten Grünanlagen auf eine Parkbank setzen, die Landschaft genießen und auf den europäisch beflaggten Marmortafeln die Verse eines französischen, spanischen, englischen, russischen, tschechischen, schwedischen, arabischen, chinesischen, rumänischen oder ungarischen Dichter auf sich wirken lassen. Calvino hatte Recht: Bonaviris Bücher bleiben.

(Dagmar Reichardt ist Professorin für italienische und europäische Literaturwissenschaft an der Universität Groningen und hat u.a. mehrere Studien über Bonaviri und Sizilien publiziert.)

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