| Kolumne | ||
Zum Verschwinden von Ai Weiwei |
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| Geschrieben von: Isabelle Hofmann |
| Freitag, den 15. April 2011 um 15:23 Uhr |
![]() „Too big to die“ heißt es in Finanzkreisen oft, wenn ein Weltkonzern oder eine Großbank Gefahr laufen, Pleite zu machen und von der Bildfläche zu verschwinden: Zu groß, um zu sterben. Unwillkürlich kam mir dieser Satz in den Sinn, als Ai Weiwei vor zwei Wochen verschwand. Man hatte vorher ja die leise Hoffnung, dass es bei ihm, dem international geehrten Popstar der Gegenwartskunst und unerschrockenen Regimekritiker tatsächlich so wäre: Dass dieser bedeutende Künstler, der zur documenta 12 eintausend und einen Chinesen nach Kassel holte und dabei nicht Müde wurde, Verstöße gegen Menschenrechte, wirtschaftliche Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Behörden-Schlamperei und -Korruption in seiner Heimat zu kritisieren, nicht einfach ausgeschaltet werden kann. Dass der weltweite Ruhm, seine Genialität, sein Kultstatus im eigenen Land, letztlich doch als eine Art Schutzschild wirkt. Zu groß, um mundtot gemacht zu werden? Pustekuchen! Peking hat demonstriert, wie naiv diese Hoffnung war. Im Land der aufgehenden Sonne gilt das Individuum nichts, das System alles. Wer stört, wird ausgeschaltet. Warnungen hatte Ai Weiwei zuvor ja genug erhalten. In den vergangenen Wochen und Monaten nahmen die Repressalien seitens der Behörden und der Polizei kontinuierlich zu. Vor dem Atelier waren Überwachungskameras postiert, auch Internet-Aktivitäten wurden permanent kontrolliert. Bereits 2009 wurde der Künstler bei einem Polizeieinsatz so heftig zusammengeschlagen, dass er eine Gehirnblutung erlitt, die dann in München operiert werden musste. Ai Weiwei war sich der Gefahr durchaus bewusst, er plante bereits den Umzug nach Berlin, wo er schon ein Studio gekauft hatte. Doch dazu wollte es das Regime nicht kommen lassen. Am 3. April wurde der Künstler auf dem Flughafen Peking festgenommen. Seitdem ist sein Handy abgeschaltet, der Kontakt zur Außenwelt komplett abgebrochen. Wo er ist, wie es ihm geht? Man weiß es nicht. Man weiß nur, dass sein Atelier zertrümmert und weitere acht Mitarbeiter festgenommen wurden. Vier Tage später beschuldigten die Behörden Ai Weiwei wegen angeblicher „Wirtschaftsdelikte“. Was dann folgte, nennt sich nach einer uralten chinesischen Kriegstaktik „Der Weg des Ochsen“: Konsequentes Schweigen, internationale Kritik aussitzen und immer schön lächeln. Auch in Hamburg wird das derzeit erfolgreich praktiziert. Bei der Eröffnung der Ausstellung „Der Lotusweiher“ gerade im Hamburger Kunsthaus fragte ein aufgebrachter Besucher die chinesische Generalkonsulin, „was passiert jetzt in China?“ Ihre Antwort: „ Was passiert? Nichts passiert. Chinesische Künstler genießen die große Freiheit“. In einem hat Chen Hongmei recht: Nichts passiert gegenwärtig. Nichts, mit Ausnahme ein paar hilfloser Protestnoten seitens westlicher Regierungschefs und aufgebrachter Kulturschaffenden. Es wird auch nichts passieren, wenn der Druck auf China nicht massiv zunimmt und wenn es medial so läuft, wie es mit allen Katastrophen, Kriegen und menschlichen Tragödien bisher gelaufen ist: Am Anfang überschlagen sich Fernsehen, Rundfunk und Tageszeitungen noch mit Meldungen. Am zweiten und am dritten Tag wird noch mal nachgelegt. Und dann? Dann kommen neue Nachrichten und die Medien gehen wieder zur Tagesordnung über. Mit dem Literaten und Nobelpreisträger Liu Xiabo (elf Jahre Haft), war das so, mit dem iranischen Regisseur und Menschenrechtler Jafar Panahi (sechs Jahre Haft), mit dem burmesischen Schauspieler und Regimekritiker Zarganar (35 Jahre Haft), ganz zu schweigen von den unzähligen wenig bekannten Dissidenten in aller Welt, die täglich von der Bildfläche verschwinden und den Zeitungen kaum eine Notiz wert sind. Ai Weiwei hat als einzige Waffe seine enorme Popularität. Wenn die Medien ihn fallen lassen, ist er gestorben. So oder so. Damit das nicht geschieht, dürfen wir Journalisten nicht Müde werden zu berichten. Für Ai Weiwei und all die anderen mutigen Menschenrechtler auf dieser Welt ist es die einzige Chance. Ihre Isabelle Hofmann |





Ihre Kommentare (Gast-Eintrag auch ohne Mitgliedschaft möglich)
hier ist ein komischer Bezug "Im Land der aufgehenden Sonne" - das ist Japan, Ai Weiwei verschwand in CHINA.
um Ai Weiwei muss man sich ernsthaft Sorgen machen, ich möchte fragen, gibt es kein Lebenszeichen von ihm?
LG
Chris
Danke, für deinen Hinweis: Das Land der aufgehenden Sonne ist nicht nur Japan, sondern wird in der Literatur auch für China verwendet. Bekannter und eindeutiger wäre sicherlich die Umschreibung "Land der Mitte" gewesen.
In der Tat, man muss sich um Ai Weiwei Sorgen machen. Kein Lebenszeichen bis dato.
Beste Grüße, Isabelle Hofmann
Zum Artikel - richtig erkannt, Ai WeiWei & Liu Xiaobo sind rein westliche Kunstfigur und leben im westlichen öffentlichen Bewusstsein nur solange, wie sie von den westlichen Medien inszeniert werden. Da die KP die westlichen Medien - und vor allem deren schnell abklingende Sensationslust - kennt, sitzt sie es einfach aus. Mit der internen Entwicklung in China hat das ganze wenig bis gar nichts zu tun, eher mit dem Spannungsgeladenen Verhältnis China und der Westen.
"Eine Kerze für Weiwei" verbunden mit der Hoffnung, dass es ihm einigermaßen gut geht.
Liebe Grüße
Renate Huber
... das ist schlimm, kann man denn gar nichts tun, um zu helfen? (2007 wohnte ich in kassel nur 5 min zu fuß zum template, ich war oft dort.)
LG
Chris
Mir steht die Sinnfrage der Kunst auf dem Spiel, zusätzlich, zu diesem politisch ernstzunehmendem Problem das WIR haben. Mit Mubarak haben wir auch zu lang Eierkuchen, selbst mit Saddam ne Zeit lang ... der chinesischen STaatsführung wird nicht aus blauem Himmel eine Einsicht erwachsen zur Weiterentwicklung. Wir wissen wie es geht - beharrlichst dranbleiben. So öffnet man anderen die Augen... die keine Veränderung wollen.
jemand müßte das initiieren. das sollte bald passieren , das interesse der meisten menschen ist ein schmetterling.
die gefahr ist sehr groß, daß alle die vielen proteste, wenn sie sich nicht bündeln , im sand verlaufen.
Ai We Wei ist nur einer von vielen , aber er hätte die poularität und das charisma , zu einer Ikone der dissidenten zu werden . das muß man nutzen , auch weil es endlich eine chance ist, auf die realität hinter der glitzernden wirtschaftlichen erfolgsstory chinas hinzuweisen und , obwohl ich nur sehr wenig hoffnung habe , aber vielleicht geling ja das unmögliche : das system zu einer kurskorrektur zu zwingen .
wir sind viele !