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Theater - Tanz

„Sehnsucht“ und „Schmetterling“ – tänzerische Reisen der Hamburger Balletttage

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Mittwoch, den 09. Juli 2014 um 17:18 Uhr
„Sehnsucht“ und „Schmetterling“ – tänzerische Reisen der Hamburger Balletttage 4.4 out of 5 based on 128 votes.
„Sehnsucht“ und „Schmetterling“

Die Gastcompagnien, von denen Hamburg Ballett in jedem Jahr eine einlädt zu seinen Balletttagen, stoßen Fenster auf in die Tanzwelten außerhalb des Hamburger John-Neumeier-Universums.
Und sie fordern reizvolle Vergleiche heraus. In diesem Jahr für zwei Abende zu Gast in der Hamburgischen Staatsoper: NDT 1 – das Nederlands Dans Theater 1, die Haupttruppe des 1959 gegründeten Theaters für zeitgenössischen Tanz aus Den Haag.

Mitgebracht hatten sie zwei ältere Choreografien von des spanisch-britischen Choreografenpaars Sol León und Paul Lightfoot (der seit drei Jahren auch künstlerischer Leiter des NDT ist).
„Sehnsucht“ und „Schmetterling“ – diese Titel trugen die beiden übersichtlichen Werke, sie rissen die größtmöglichen Assoziationskreise auf. 19 Tänzerinnen und Tänzer waren nach Hamburg gereist, und sie ließen von den ersten Schritten an keinen Zweifel daran, dass sie zur Weltspitze gehören.
Den Anfang machten 30 Minuten „Sehnsucht“. Ein vorne offener weißer Kasten im schwarzen Raum, der gelegentlich um seine Achse rotiert, stellt immer mal wieder die Welt von Parvaneh Scharafali und Medhi Walerski auf den Kopf. Ein hübsche Idee, um zu zeigen: Wie immer man’s auch dreht mit der Liebe und Gemeinsamkeit, irgendetwas passt nie. Mal befindet sich die Eingangstür an der Decke, mal das Fenster auf dem Boden, mal liegt die Lampe quer, mal klebt ein Stuhl an der Wand. Es gibt viele hübsche und überraschende Bilder rund ums Zusammensein oder Nicht-zusammen-sein, ums Aneinander-abarbeiten, um Ausbruchsversuche und Fluchtgedanken. Ein raffiniertes Spiel mit Grenzen und Möglichkeiten.

Vor der drehbaren Miniwelt zelebriert Silas Hendriksen seine Sehnsucht nach – ja, was eigentlich? Ist er verliebt? Und wenn ja, in wen? Tanzt er bloß den Kontrast des Alleinseins zur Zweisamkeit in der Kammer? Am Ende sitzt er – Verzweifelt? Vergessen? – auf der großen Bühne, allein. Die Musik zur Nicht-Handlung: Beethoven, langsame Sätze aus den Klavierkonzerten 3 und 4. Schnelleres für ekstatische Ensemble-Szenen liefert die 5. Sinfonie des Meisters. Man schaut auf die athletischen Tänzerinnen und Tänzer, die im Ensemble mit freiem Oberkörper tanzen. Streben? Glück? Überwältigung?

Die hinreißende und perfekt getanzte Choreographie wirft viele, allzu viele mentale Anknüpfungspunkte in den Raum – so zwingend, dass man berührt würde, wirkt davon allerdings nichts. Eher sind es Rätselbilder auf höchstem ästhetischen Niveau, getreu einem Motto der beiden Choreographen: „Das nicht Ausdrückbare ausdrücken.“

Gedanken über die Liebe, Teil 2, kommt nach der Pause in „Schmetterling“: Aus den Lautsprechern kommen die aufregend improvisiert und ungeglättet vorgetragenen Songs über die Liebe von „The Magnetic Fields“, die Texte manchmal hübsch sophisticated, manchmal sehr direkt – „The cactus where your heart should be“. Und Musik von Max Richter. Eine ältere Frau, ein Mann in der Blüte seiner Kraft. Mutter, Sohn? Hinter ihnen ein Tor, hinter dem sich eine grandiose Landschaft ausbreitet. Eine Reise in die Vergangenheit, plakative Szenen um Liebe, Verlangen, um komische Missverständnisse, um Ungleichzeitigkeit, Tänzer in androgyner Kleidung verwischen Sicherheiten, es sind Fragmente von Liebesgeschichten, unfertige, unerledigte. Die Tänzer sind auf vielen Ebenen dabei, mit starken Grimassen, mit gesprochenen, gerufenen Wörtern, mit Ironie. Leben und Tod begegnen einander. Als die gesamte Szene hinter dem Tor sichtbar wird, geht die alte Frau ab ins Dunkle. Tanz pur, überwältigend, großartig.

Oft liegt ein feierlicher Ernst über der Szene, aus der fast alle Farbtöne verbannt sind, manchmal aber wird er unterbrochen von kreischender Albernheit, von stummem Mitteilungsbedürfnis. Stummfilme von Fritz Lang hätten sie bei dieser Arbeit beeinflusst, hat das Choreographenpaar mal verraten. Faszinierende Bilder sind so entstanden, und ein Gedankenpuzzle, bei dem nicht wenige Teile an höchst unterschiedlichsten Stellen liegen können.
Will man vergleichen, erscheinen John Neumeiers Choreographien neben solchen überraschend mehrdeutig und provozierend illustrativ wirkenden Arbeiten gedankentief, zwingend und konsequent bis ans Ende durchdacht. Sehr deutsch eben.

Die 40. Hamburger Balletttage gehen am Sonntag, dem 13. Juli, nach 13 verschiedenen Balletten an 14 Tagen und dem reizvollen Nebeneinander der Eugen-Onegin-Choreographien von John Neumeier („Tatjana") und John Cranko („Onegin") zu Ende mit der Mammutveranstaltung der „Nijinsky-Gala XL".

Einblicke in “Sehnsucht” und “Schmetterling”
Einblicke in “Schmetterling”


Abbildungsnachweis: Fotos von Rahi Rezvani, NDT

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