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Theater - Tanz

Gilla Cremer: "Die Dinge meiner Eltern"

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 05. Februar 2014 um 18:47 Uhr
Gilla Cremer: "Die Dinge meiner Eltern" 4.6 out of 5 based on 255 votes.
Gilla Cremer Foto: Bo Lahola

Die Eltern sind gestorben, das Haus ist verkauft. Nun muss es nur noch ausgeräumt werden, komplett. Eine Woche hat Tochter Agnes dafür.
"Die Dinge meiner Eltern" nehmen sie mit auf eine Zeitreise, sie öffnen den Blick hinter die Fassade der Familie, auf die ungelebten Träume ihrer Mutter, auf Verborgenes, Vergessenes, Verdrängtes. Und stellen die Frage: Was ist das eigentlich - u­nser eigenes Leben? Gilla Cremers neue Produktion, die in den Hamburger Kammerspielen Premiere hatte, zieht die Zuschauer in ihren Bann mit und lässt ihnen gleichzeitig Raum für die Suche nach ihren eigenen Wahrheiten.

Was bleibt, wenn der Vater der Mutter gefolgt ist, die Beerdigung vorüber, und Agnes ihren Schwestern, alle drei in leitenden Positionen in aller Welt tätig, ein letztes Mal in ritualisierter Vertraulichkeit zugewinkt hat? Wenn sie plötzlich allein ist mit den Hinterlassenschaften ihrer Eltern? Und mit der Aufgabe, die scheinbar unveränderlich fest gefügte Welt ihrer Kindheit endgültig aufzulösen, sie einzuteilen in behalten, wegwerfen, verschenken, verkaufen.

Die Dinge bleiben, einen Moment noch. An sie haben sich im Lauf des Lebens Bedeutungen geheftet, Erinnerungen, Gefühle. Sie sind Anker, die die Gegenwart mit der Vergangenheit verbinden. Manche sehr sicher, andere bieten nur trügerische Sicherheit. Schicht um Schicht macht sich Agnes berührbarer und dringt in die Welt ihrer Eltern ein. Sie macht sich lange Inventarlisten, um ihre Herkulesaufgabe zu bewältigen.

Es sind absurde Listen in Jahrzehnten angehäufter Dinge. Die kleinen Schätze ihrer Eltern, wurden schon per Brief verteilt - eine Perlenkette, eine Madonna etwa. Die praktische Nähmaschine hat die Mutter Agnes vermacht. Aber dann sind da Haushaltsgegenstände, Bücher, Kleider, Möbel, Gartengeräte, die Agnes penibel auflistet und einteilt.

Was nicht einfach ist, denn an den Dingen hängen Gefühle. Ganz klare, greifbare und dahinter verschüttete, vergessene, verblasste Kindheitsszenen, flüchtige Fetzen prägender Erinnerungen, nie gestellte Fragen, nie eingeforderte Antworten. Die Tabus der Kindheit sind hinfällig in diesem Moment der Auflösung. Agnes findet aus keinem guten Grund Verborgenes - die Orden des Vaters oder die Liebesbriefe eines Fremden an ihre Mutter versteckt in den tiefsten Tiefen des sorgsam tabuisierten Nähwagens. Ob sie die Tagebücher der Mutter weisungsgemäß vernichtet?

In den Dingen stecken auch verblasste Hoffnungen der Eltern, ihre ungelebten Träume, ungenutzte Möglichkeiten. Verdrängte Konflikte ebenso wie schöne Erinnerungen. Manches bekommt neuen Sinn, wenn für einen letzten Augenblick der Vorhang gelüftet wird, der bislang den Blick auf die wahren Motive der Eltern verborgen hat: die Briefe im Nähwagen, oder die Sonnencreme, die an Besuche im Schwimmbad erinnert, bei denen der Vater hingebungsvoll einer Angebeteten den Rücken eingecremt hat, hingebungsvoller als der kleinen Agnes, die das unschuldig zuhause erzählt.

Erinnerungen tauchen auf an wohlige Momente des Geborgenseins, an unbestimmte Ängste rund um Scheidungsgedanken, an Rivalitäten unter den Geschwistern. Das bittere Gefühl, zu wenig voneinander zu wissen, zu ahnen, dass der eigene Versuch, etwas von der Welt der Kindheit zu bewahren, scheitert - in der Welt der Dinge. In ihren Gedanken, in ihrer Persönlickeit steckt da längst viel mehr von all dem, was sie glaubt hinter sich gelassen zu haben.

Gilla Cremer hat dieses neue, sehr persönliche Stück während des vergangenen Jahres entstehen lassen und mit Regisseur Dominik Günther als fesselnde und anrührende Zeitreise auf die Bühne gebracht. Eingeflossen sind eigene Erfahrungen, Erzählungen und Bilder von Freunden - was hohen Wiedererkennungswert garantiert. Sie nimmt ihre Zuschauer mit auf eine Reise in die subtile Innenwelt der Familie, diese aus den Dingen gefügte Festung der kleinkariert durchgeregelten Normalität, die nach dem Zweiten Weltkrieg und den NS-Verbrechen so dringend herbeigesehnt und hartnäckig verteidigt wurde. Weil sie Kontinuität vortäuschte, nachdem die Menschlichkeit mit Füßen getreten worden war. Die Familie hat absurderweise Dinge an die Stelle von Gesprächen gesetzt, hat Regeln verhandelt statt existenzieller Fragen - zu vieles wurde unter den Teppich gekehrt, wo es von Agnes entdeckt wird. Die Generation von Agnes entzieht sich der Wiederholung nur scheinbar durch die Verweigerung von Nachwuchs und die Fixierung auf Selbstverwirklichung.

Gilla Cremer spielt ihr neues Theater-Unikat hinreißend mit einer sehr besonderen melancholischen Zartheit, verzweifelte und wütende Ausbrüche nicht ausgeschlossen. Rückblenden lassen das Kind greifbar werden, das Agnes einmal war, als die Familienmaschine noch auf Hochtouren lief. Ihre Geschichte hat auch humorvolle Seiten, und Gilla Cremer sorgt dafür, dass Agnes nicht in Selbstmitleid zerfließt, sondern eine wunderbare Mischung aus Überforderung, praktischer Lebensbewältigung und kleinen Ausflügen in Traumwelten ausbreiten kann - das ganz normale Leben eben.

Seine große Stärke entwickelt Cremers Stück indes im nicht Gesagten, dort, wo es den Zuschauern Fenster und Türen öffnet zu ihren ganz eigenen Assoziationsketten, Gefühlen und Erinnerungen.

Am Ende eines großartigen und ausdauernd bejubelten Theaterabends hat Gilla Cremer das aus Umzugskisten geformte Haus (Ausstattung: Eva Humburg) zum Einsturz gebracht, hat die Hülle der Familie zerstört. Hat mit den Umzugskisten kreativ gespielt und ihre Erinnerungen visualisiert. Und gleichzeitig das fragile Konstrukt Familie als konstitutive Klammer des eigenen Lebens akzeptiert. Die Dinge der Eltern können weitgehend entsorgt werden, am Ende bleiben sie doch das Kleid, das die eigene Persönlichkeit ausmacht. Mit all der Wut, der Zärtlichkeit, der Rat- und Hilflosigkeit nach dem Ende des gemeinsamen Lebens mit den Eltern. Und mit der Erkenntnis: Was immer sie waren und taten - andere haben wir nicht.

  
Gilla Cremer: "Die Dinge meiner Eltern" zu sehen am 9.2., 19.00 und am 10.2., 20.00 sowie am 30.3. um 19 Uhr und 31.3. um 20 Uhr, in den Hamburger Kammerspielen (U Hallerstr.), Hartungstr. 9-11, Karten zu 9,- bis 38,- unter Tel.: (040) 4133 440


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Gilla Cremer "Die Dinge meiner Eltern". Foto: Bo Lahola

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