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Theater - Tanz

Zu Ehren von John Neumeier: Nijinsky-Gala

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Dienstag, den 02. Juli 2013 um 11:23 Uhr
Zu Ehren von John Neumeier: Nijinsky-Gala 4.7 out of 5 based on 146 votes.
Zu Ehren von John Neumeier - Nijinsky Gala

Zur Kitsch-Apotheose fehlte nur noch der glutrote Abendhimmel: Begleitet von den mächtigen Paukenschlägen und dem Fortissimo der Blechbläser, die Gustav Mahler im VI. Satz seiner Dritten Sinfonie zum pathetischen Finale steigert, schritt John Neumeier dem Bühnenhorizont der Hamburg Oper entgegen, drehte sich dann noch einmal um und streckte sich aus der Tiefe des Raumes „seinem“ Publikum entgegen.
Emotionaler ging noch nie eine Nijinsky-Gala zu Ende. Aber nach 40 Jahren als Direktor des Hamburg Balletts darf man schon mal etwas gefühlsbetont zurückblicken, zumal gerade zuvor die „Schatten der Vergangenheit“ an ihm vorbeizogen.

40 Jahre, was für ein Zeitraum. John Neumeier hat in diesen vier Jahrzehnten Enormes für den Tanz bewirkt: Eine erstklassige Compagnie aufgebaut, die auch im internationalen Vergleich bestehen kann. Eine Ballettschule gegründet, die aus aller Welt Eleven anzieht, das Bundesjugendballett ins Leben gerufen und eine Stiftung für seine hochkarätige Sammlung auf den Weg gebracht. Nicht zu vergessen seine zahlreichen Choreographien, die von einer außerordentlichen Schaffenskraft und Energie zeugen. Grandiose Ballette, die in die Geschichte eingegangen sind und Hamburgs Ruf als Ballettzentrum in die Welt getragen haben.

Grund genug für Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, eine Laudatio auf den dienstältesten Ballettchef Deutschlands zu halten und die Grüße der Kanzlerin zu übermitteln: Neumeier habe, so Neumann, „eine der besten Ballett-Compagnien Europas“ herangezogen, ein regelrechtes „Ballett-Imperium“ in Hamburg aufgebaut und damit die Stellung des Tanzes in Deutschland nachhaltig gestärkt. Wie sehr er Neumeier schätze, so der Staatsminister launig, könne man daran ermessen, dass er, ein Bremer, nicht zögerte, hier in Hamburg das Grußwort zu sprechen.

Er selbst könne diesen Zeitraum kaum ermessen, bekannte Neumeier. Was gab es alles für Stationen, was ist alles in Vergessenheit geraten? Die Gastspiele im Schauspielhaus und die Auslagerung ins Operettenhaus in den 80er-Jahren. Oder die heiße Zeit auf Kampnagel, als die Hallen noch „groß und kalt und dreckig“ waren und „Othello“ mit Gigi Hyatt als Desdemona und Gamal Gouda in der Titelrolle ein triumphaler Erfolg wurde.

40 Jahre in Zahlen, das sind über 4.300 Aufführungen, über 100 Premieren und mehr als 400 Tänzer, die seine Compagnie prägten. Neumeier erzählte, wie August Everding ihn 1973 von Frankfurt nach Hamburg holte, wie er bei seiner ersten öffentlichen Ballett-Werkstatt vor Aufregung den Text vergaß und die kühlen Hanseaten mit einem Mal herzlich applaudierten. In diesem Moment, so der gebürtige Amerikaner, sei das Eis zwischen ihm und den Zuschauern gebrochen. Seitdem gibt es diese ganz besondere Beziehung zu „seinem“ Hamburger Publikum, eine Liebensgeschichte, könnte man sagen, die ihn dazu beflügelte in der Hansestadt zu bleiben und hier sein Lebenswerk zu vollenden.

Alles kreative Schaffen, so betonte Neumeier sichtlich bewegt, wird aus der Liebe geschaffen, deshalb auch der programmatische Auftakt aus der „Möwe“, seinem 2002 uraufgeführten Ballett nach Anton Tschechow. Ein Stück, in dem der junge Schriftsteller Kostja die Bühne küsst. Diese unbedingte Liebe und den Respekt zur Bühne teile er mit Kostja, erklärte Neumeier, sie seien der Ursache und Motor für all das, was in vier Jahrzehnten in Hamburg entstanden sei.

Die dreiteilige Gala stand dementsprechend im Zeichen des Rückblicks. Aber nicht nur: Neumeier hat sein Programm nicht ohne Grund „Blick zurück nach vorn“ betitelt: Er soll bereits wieder mit der Kulturbehörde über die Verlängerung seines Vertrages nach 1915 verhandeln.
Doch nun zum Tanzfest selbst, das wie üblich mit etlichen Gästen aufwartete, unter ihnen Heather Odgen und Guillaume Côté vom National Ballet of Canada und die fabelhafte Yuan Yuan Tan vom San Francisco Ballet.

Am Anfang standen die siebziger und achtziger Jahre, im zweiten Teil folgte „Das Ballettzentrum und die neunziger Jahre“ und schließlich „Das einundzwanzigste Jahrhundert und die Zukunft.“ Bis auf eine Ausnahme (der Choreografie von Kevin Haigen) alles Neumeier-Choreografien. Und das meiste davon Liebens-Pas-de-Deux. Was soll man aus dem sechsstündigen Programm mit 18 einzelnen Darbietungen herausgreifen? Sicher das Pas de deux aus „Désir“, dem ersten Stück Neumeiers in Hamburg, das am 9. September 1973 uraufgeführt wurde. Zeitlos schön und überraschend modern, hinreißend leicht von Silvia Azzoni und Alexandre Riabko interpretiert. „Josephs Legende“, (Premiere in Hamburg am 18. Juli 1979), ein Kultstück der 80er-Jahre, vor allem wegen des überragenden Kevin Haigen, der seit 2006 Erster Ballettmeister der Compagnie ist. Nun begeisterten Patricia Tichy als Potiphars Weib und Alexandr Trusch in der Titelrolle in einem temporeichen, erotisch aufgeladenem Pas de deux. Ja, und dann natürlich „Der Nussknacker“, eines der schönsten Märchen der Ballettgeschichte überhaupt. (Uraufführung in Hamburg am 27.10.1974). Gigi Hyatt hatte die Rolle der kleinen Marie, die davon träumt, Tänzerin zu sein, zigfach verkörpert. Nun gab ihre Tochter Emilie Mazon ihr Debut in dieser Rolle – noch etwas eckig und linkisch, aber durchaus bezaubernd.

Obwohl der Nachwuchs brillierte, die Schüler der Ballettschule in Haigens Choreografie zu Tschaikowskys „Blumenwalzer“ und das Bundesjugendballett in Neumeiers neuem Stück „Simple Gifts“ – dieser Abend gehörte ganz eindeutig den „Alten“: Ivan Liska, über Jahrzehnte einer der Protagonisten des Hamburg Balletts und seit 1998 Direktor des Bayerischen Staatsballetts, wurde als ergrauter, aber unerhört ausdrucksstarker Odysseus an der Seite seiner Penelope (Anna Polikarpova) so herzlich und begeistert gefeiert, als sei er tatsächlich der langersehnte Heimkehrer. (Fast) ebenso herzlich Manuel Legris, der Chef des Wiener Staatsballetts. Der gern gesehene Gast bestach als in die Jahre gekommener Hirte Aminta im Wiedersehen mit „Sylvia“, der Laeticia Pujol, Etoile der L’Opera de Paris, eine anrührende Verlorenheit und Zerbrechlichkeit verlieh. Ja, und dann natürlich Lloyd Riggins, Erster Solist des Hamburg Balletts, der mittlerweile immer weniger auf der Bühne, dafür umso öfter als Lehrer im Ballettsaal anzutreffen ist. Mit seinem schauspielerischen Talent und insbesondere den Slapstick-Einlagen riss er das Publikum wieder einmal zu Ovationen hin.

In der Schluss-Apotheose „Was mir die Liebe erzählt“ aus Mahlers Dritter Sinfonie gelang Neumeier dann ein Überraschungscoup, der wirklich zu Herzen ging. Zuvor hatte er schon von den „Schatten der Vergangenheit“ gesprochen, die ihn in all den Jahren begleiteten. Und da stehen die Vorläufer der heutigen Compagnie mit einem Mal da, mitten im Ballettensemble und ganz in Schwarz gekleidet – älter geworden, zum Teil auch runder geworden, gebrechlicher geworden, aber von einer Bühnenpräsenz, die einfach umhaut: Laura Cazzaniga, Catherine Dumont, Gigi Hyatt, Niurka Moredo, Persephone Samaropoulo, Eduardo Bertini, Richard Gibbs, Kevin Haigen, Victor Hughes, Janusz Mazon. Nicht zu vergessen die wunderbare Marianne Kruuse, die mit dieser denkwürdigen 39. Nijinsky-Gala ihre aktive Laufbahn als Ballettmeisterin beendete und als Dank mit der Ehrenmitgliedschaft der Hamburger Staatsoper ausgezeichnet wurde.

Diese großen ehemaligen Tänzer hier noch einmal auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper versammelt zu sehen, war ein starkes und ungeheuer anrührendes Bild. Denn sie sind die Zeitzeugen einer Ära, die - Vertragsverlängerung hin oder her - unweigerlich ihrem Ende entgegen geht.   

Fotonachweis: (c) Holger Badekow

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