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Theater - Tanz

Die Bücherspieler

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Montag, den 26. März 2012 um 10:57 Uhr
Die Bücherspieler 4.5 out of 5 based on 120 votes.
Altonaer Theater

Seit fünf Jahren spielt das Altonaer Theater bekannte Romane wie „Herr Lehmann“ und „Die Vermessung der Welt“. Aber wer sind eigentlich die Menschen, die das Theater am Leben halten? Ein Probenbesuch.
Wenn es eine normale Woche im Leben von Axel Schneider gäbe, wäre Dienstag sein Altona-Tag. Er würde sich morgens auf sein Fahrrad setzen, zum Theater radeln und die Mitarbeiter zur Besprechung treffen. An den restlichen Tagen arbeitet der Intendant des Altonaer Theaters normalerweise in seinem Büro in den Kammerspielen, die er ebenfalls leitet. An drei Abenden versucht er, nicht zu spät zu Hause bei seiner Familie in Ottensen zu sein, um seine Tochter (9) und seinen Sohn (6) noch ins Bett bringen zu können. Ein Abend in der Woche gehört seiner Frau, mit der er sich verabredet, um sie überhaupt zu sehen.

Aber was ist schon eine normale Woche?
Diese jedenfalls nicht. In den Kammerspielen laufen die Endproben für „Vier Männer im Nebel“, die Axel Schneider als Intendant beobachten muss, im Altonaer Theater die Endproben für das Stück „Zweimal lebenslänglich“, das er inszeniert, nach der Novelle „Pin-Up“ von Stephen King. Nur noch drei Tage sind es bis zur Premiere, zwei Stunden bis zur ersten Kostümprobe.
Der Hintereingang zum Altonaer Theater führt über das Treppenhaus der Gewerbeschule für Energietechnik in das erste Obergeschoss des grauen Gebäudes an der Museumsstraße, das sich Schule und Theater teilen. Hinter der schweren Eisentür: ein langgezogener Schulflur mit hellem Linoleumboden, von dem Garderoben, Kostümfundus, Werkstatt, zwei Bühneneingänge und die Toiletten abgehen. Am Ende des Flures stehen mehrere Schminktische mit großen Spiegeln für die Maske. Monitore hängen im Flur an den Decken, auf denen man jederzeit beobachten kann, was gerade auf der Bühne passiert.

Pünktlich trudeln die Schauspieler ein. Konstantin Graudus, einer der beiden Hauptdarsteller in „Zweimal lebenslänglich“, betritt mit Schal und fiebrig glänzenden Augen das Theater. Er hat sich gerade erst aus dem Bett geschält, lag einige Tage mit Grippe flach. „Krank sein geht nicht in meinem Beruf“, sagt er tapfer. „Die Rolle so zu spielen, dass niemand merkt, dass ich unfit bin, kostet Kraft. Ich trinke den ganzen Tag Wasser, mein Geheimrezept.“ Produktionsleiterin Neele Peters muntert ihn auf. Unter anderem ist sie das Mädchen für alles, die Beschwerde- und Trostzentrale im Altonaer Theater. „Wenn etwas fehlt, kommen die Leute zu mir“, sagt sie. Im Moment herrscht Ausnahmezustand. „Bei den Endproben“, sagt Neele, „klinkt man sich eine Woche aus dem Privatleben aus.“
Axel Schneider lugt durch die Tür. „Wie geht’s Dir?“, fragt er Konstantin Graudus besorgt. Schneider ist ein bisschen nervös: zwei Krankheitsfälle und so richtig kracht das Stück noch nicht. Es ist seine 50. Regie, seit 1995 leitet er das Altonaer Theater und führte es zurück zu alten Glanzzeiten. Trotz des Erfolges änderte er vor fünf Jahren das Konzept: „Unser Spielplan war zu breit aufgestellt, wir brauchten in der vielfältigen Hamburger Theaterlandschaft eine schärfere Kontur“, sagt der 44-Jährige. Seine Idee: Bücher für die Bühne zu adaptieren, moderne Bestseller wie „Herr Lehmann“ und „Die Vermessung der Welt“, aber auch Klassiker wie „Tadellöser & Wolff“, Anna Karenina“ und „Parzival“. Ein Konzept, das ihm als Literaturliebhaber auch persönlich gut gefällt: „Die Lust am Buch ist für mich entscheidend. Wir greifen bei unserer Spielplangestaltung aber auch Zeitströmungen auf.“ Wichtig ist Schneider dabei, für ein breites Publikum anspruchsvolles Theater zu machen, das zwischen innovativem Regietheater und konventionellem Unterhaltungstheater liegt. Die Besucherzahlen sprechen für ihn: 118 000 Besucher und eine Auslastung von 74 Prozent in der Saison 2010/11.

Es wird hektisch auf dem langen Flur. Tommaso Cacciapuoti tritt im schwarzen Anzug aus seiner Garderobe, leise den Text vor sich hin murmelnd. Er spielt die zweite Hauptrolle: Andy Dufresne, einen Bankangestellten, der unschuldig verurteilt wird. Noch eine halbe Stunde bis zum Probenbeginn, Tommaso setzt sich auf den gerade frei gewordenen Stuhl bei Maskenbildnerin Emma Bagranceva. Sie sprüht Airbrush-Makeup auf sein Gesicht, zieht die Augenbrauen dunkel nach. Haarpuder hat Tommaso selbst mitgebracht. „Das Stück ist leicht, ich muss ja nur Männer schminken“, sagt Emma Bagranceva. Beim ersten Schminktermin dauert es meist länger, es muss viel ausprobiert werden: Welches Make-Up passt zum Teint? Wie fühlt sich der Schauspieler wohl? Die Maskenbildnerin hält alles akribisch auf ihrer Liste fest. Einen Stuhl weiter malt ihre Kollegin gerade dem Schauspieler Matthias Pantel ein Tattoo auf den vom Knastalltag gestählten Oberarm.

Hinter der Bühne, zu der man vom Flur aus über den rechten und linken Bühneneingang gelangt, kontrolliert der Inspizient Torsten Wolkenhauer gerade, ob alle Requisiten an ihrem Platz liegen: Wo ist bloß das Telefon? Und die Bibel des Gefängnisdirektors? „Wenn während der Vorstellung etwas schief läuft oder ein Teil fehlt, bin ich schuld“, sagt Wolkenhauer, der Bühne, Licht und Ton koordiniert, Kulissen bewegt und Requisiten anreicht. Rechts neben der Bühne steht sein Inspizientenpult, über das er während der Vorstellung per Gegensprechanlage Kontakt aufnehmen kann zur Licht- und Tonabteilung oder den Schauspielern, wenn zum Beispiel ein Mikro ausgefallen ist.

Auf der Bühne geht Axel Schneider mit zwei Schauspielern noch mal eine Szene durch. Diszipliniert laufen die Proben bei ihm ab, zielorientiert, sachlich. Früher war Axel Schneider mal Zehnkämpfer, Leistungssportler. Vielleicht kann auch nur ein Zehnkämpfer das Arbeitspensum wuppen, das er sich aufgeladen hat? „Die Lust an der Sache darf nicht versiegen“, sagt er. „Und dazu gehört ein gutes Team: 40 Vollzeitkräfte und 120 Mitarbeiter in Altona und in den Kammerspielen. Das ist Verantwortung, aber auch Inspiration.“
Die Menschen, die ihn inspirieren, sitzen unterdessen im Raucherzimmer am Ende des langen Flures auf durchgescheuerten Sofas, und essen noch schnell ein Sandwich oder rauchen. Qualm wabert durch den schummerigen Raum. Neele Peters, die Produktionsleiterin, beobachtet die Probe von hier über den Monitor und hält dem Team den Rücken frei. Mittlerweile haben sich die Schauspieler im Flur vor den Türen mit der Aufschrift „Bühne rechts“ und „Bühne links“ verteilt. Konzentration in Reinform. „Tommaso, bitte auf die Bühne“, knarrt es aus einem Lautsprecher. Der erste Gong ertönt, los geht’s.

Bis auf ein paar kleine Patzer läuft die Probe gut. Der Einsatz des Lichtes misslingt an einigen Stellen, nicht alle Texte sitzen, aber es gibt ja noch zwei weitere Proben vor der Premiere. Axel Schneider hockt allein im Rang, hinter der Balustrade, während vorne auf der Bühne Torsten, der Inspizient, die Schneeflocken zusammenfegt, die in einer Szene aus dem Bühnenhimmel gefallen sind. „Die Hauptfiguren müssen noch emotionaler werden“, sagt Schneider. „Wie wir das genau umsetzen, darüber muss ich noch mal schlafen.“
Um Hoffnung geht es in „Zweimal lebenslänglich“, die man nie aufgeben dürfe, sagt Schneider. Aber es geht auch um die Kraft der Bücher: Wie sie helfen, den tristen Gefängnisalltag durch Fantasie und Wissen zu überstehen.
Auf der Bühne des Altonaer Theaters entwickeln Bücher ihre eigene Kraft.

Das Altonaer Theater
Hans Fitze leitete 40 Jahre lang das Altonaer Theater an der Museumsstraße, bevor es Axel Schneider und Dietrich Wersich 1995 übernahmen. Das Theater hat 534 Plätze und ein Theater-Café mit einer Bücherecke, das an Spieltagen um 18 Uhr öffnet. Immer donnerstags um 19 Uhr findet eine dramaturgische Einführung zu den Stücken statt, freitags von 19 bis 19.30 Uhr sind Gäste aus der Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft im Theater zu Gast und sprechen über das Thema des aktuellen Stückes. Samstags von 10 bis 13 Uhr laufen öffentliche Proben, um 19 Uhr gibt es eine Führung hinter den Kulissen. Mittwochs gehen Schüler und Studenten bis 27 Jahre für fünf Euro ins Theater.

In freundlicher Kooperation mit theatralisch - Dein Theatermagazin für Hamburg.
Ausgabe #3 März/April 2012. theatralisch liegt an über 400 Stellen in Hamburg für seine Leser bereit: In den meisten Theatern, Cafés, Restaurants, Kinos und Veranstaltungsorten. Siehe auch bei Facebook.

Foto/Text Copyright theatralisch

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