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Theater - Tanz

„Nie im Fernsehen!“ das eiserne Motto des Hansa-Theaters

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Freitag, den 04. November 2011 um 10:57 Uhr
„Nie im Fernsehen!“ das eiserne Motto des Hansa-Theaters 4.4 out of 5 based on 57 votes.
„Nie im Fernsehen!“ das eiserne Motto des Hansa-Theaters - Variete

„Es lebe, unser Hansa“ stand in weißem und rotem Zuckerguss auf den Lebkuchenherzen.
Ein süßes Geschenk an die illustre Gästeschar nach der vierten Spielzeiteröffnung – und ein Andenken an einen bezaubernden Abend, der Kindheitserinnerungen weckte. Nirgendwo sonst in Hamburg kann man so herrlich selbstvergessen staunen und sich amüsieren wie in dem ältesten Varieté-Theater Deutschlands. Und nirgendwo sonst kann man dank der Köstlichkeiten aus dem Fischereihafen-Restaurant nebenbei so gut essen.

Keine Frage: Das Hansa-Konzept von Ulrich Waller und Thomas Collien, den beiden Chefs des St.Pauli-Theaters, ist aufgegangen. Von einem „Experiment auf Zeit“ sprachen die beiden anfangs. Mittlerweile kann davon nicht mehr die Rede sein. Wer wollte noch auf das Hansa und seine Sensationsartisten verzichten?! Waller und Collien haben auch dieses Jahr wieder ein Programm der Extraklasse auf die Beine gestellt – ganz im Sinne der Frau, der Hamburg das Hansa am Steindamm in seiner jetzigen Form zu verdanken hat: Telse Grell. Die langjährige Theaterbesitzerin starb im Mai 2011 im Alter von 88 Jahren.
„Hallo, mein Süßer, wie wär’s denn mit uns beiden?“ Ehe sich der Herr im Auto versah, hatte die Dame aus dem horizontalen Gewerbe auf dem Beifahrersitz Platz genommen – dabei wollte der Mann nur ins Theater. Aber so etwas passiert schon mal, wenn man in St. Georg hinter dem Hamburger Hauptbahnhof nach einem Parkplatz sucht. Zwischen Sex-Shops, Spielhallen und Straßenstrich wirkt das Hansa-Theater am Steindamm wie ein Relikt aus längst vergangenen gutbürgerlichen Tagen. Es war ja auch schon so gut wie gestorben. Nach 51.188 Shows, 25.000 Künstlern und 36 Millionen Zuschauern, fiel am 31. Dezember 2001 für die Theaterbesitzerin Telse Grell und ihren Schwiegersohn, den Geschäftsführer Peter Baldermann, der letzte Vorhang. „Hamburgs schönstes Drogenopfer“ kondolierten damals die Medien. Gut 107 Jahre nach Eröffnung des Varietés war vorerst Schluss mit Zauberern und Schlangenmenschen, Clowns und Akrobaten, dressierten Pudeln, Pferden und Raubkatzen.

Die Anwohner des multikulturellen Rotlichtviertels staunten also nicht schlecht, als am 13. Januar 2009 vor dem Hausnummer 17 der rote Teppich wieder ausgerollt wurde, Kamera-Teams ihre Scheinwerfer postierten und eine dicke Limousine nach der anderen vorfuhr: Udo Lindenberg, Dagmar Berghoff, Walter Giller und Nadja Tiller, Kaffeekönig Albert Darboven – alle wollten dabei sein, als Ulrich Waller und Thomas Collien das Theater nach siebenjährigem Dornröschenschlaf wieder zu Leben erweckten. Wie viele Hanseaten verknüpfen auch die beiden Theatermacher, die seit 2003 gemeinsam das St.Pauli-Theater auf der Reeperbahn leiten, etliche Kindheitserinnerungen mit dem Hansa-Theater und lieben sie diese Unterhaltungsform. „Liberté, Égalité, Varieté“ - frei nach dem Motto des verstorbenen Kabarettisten Matthias Belz nahmen Sie den Kampf gegen das Aussterben der Gattung auf. Beste Voraussetzungen dafür brachten sie mit: Waller als jahrelanger Stammgast des Frankfurter Tigerpalastes und Collien sog den „Stallgeruch“ der fahrenden Artisten schon als Kleinkind ein: Sein Großvater, der Hamburger Impresario und Konzertveranstalter Kurt Collien hatte im Laufe seines Lebens unzählige Künstler nach Deutschland geholt, darunter auch Josephine Baker und den Clown Grock, mit dem er 1951 den „Circus Grock“ gründete. Der Name Collien zählt also was in der Branche und so ließ sich Hansa-Geschäftsführer Baldermann auch schnell von dem Konzept des Intendanten-Duos überzeugen: Das Haus saisonweise anzumieten mit der Maßgabe, in den Wintermonaten eine Nummernrevue aus Spitzenartistik, Magie und Dressur zu präsentieren – künstlerisch beraten vom Frankfurter Tigerpalast und zusammengehalten von Gastgebern, die launig durch den Abend führen. Nicht zu vergessen die erstklassige Küche aus dem Fischereihafen Restaurant, die dazu beiträgt „alle Sinne auf höchstem Niveau“ anzusprechen.

Ein klasse Konzept – doch so neu, wie es scheint, ist es gar nicht. Der Hamburger Brauereibesitzer Paul Wilhelm Grell hatte schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannt, dass die Leute mehr Bier konsumieren – und dabei auch gerne etwas essen – wenn es was Amüsantes oder Aufregendes zu gucken gibt. 1893 erwarb Grell den 1878 erbauten Hansa-Concert-Saal am Steindamm und baute ihn und zu einer Varieté-Bühne mit Gastronomie um. Damit hatte er die „Erlebnis-Gastronomie“ erfunden, lange bevor es den Begriff überhaupt gab. Grells innovative Idee setzte sich durch und sein Haus entwickelte sich binnen kürzester Zeit zu einem hanseatischen „Hotspot“, an dem internationale Stars wie die französische Ballerina Cléo de Mérode, der Entfesselungskünstler Houdini oder die Comedian Harmonists auftraten. Auch Hans Albers, der Junge aus St. Georg, gab hier 1914 in einer kleinen Nebenrolle sein Debüt. Als Wilhelms Sohn Kurt die Leitung 1924 übernahm, schaffte er die Gastronomie ab und ließ das Theater auf 1.500 Sitze ausbauen. Wenn man bedenkt, dass das Deutsche Schauspielhaus heute mit 1.192 Plätzen das größte Sprechtheater der Republik ist, wird klar, welcher Anspruch damit verbunden war. Alles, was Rang und Namen hatte, gastierte inzwischen in Hamburg: Josephine Baker, die „schwarze Venus“ tanzte skandalträchtig oben ohne, der Hellseher Hanussen hypnotisierte die feine Gesellschaft und der österreichische Stummfilmstar Fritzi Massary setzte die Modeakzente der Saison. Der Steindamm war damals ein Prachtboulevard, bevölkert von schicken Geschäften und einer eleganten Kundschaft, die sich im Varieté noch zu Kriegsbeginn bestens amüsierte – bis zu den verheerenden Luftangriffen der „Operation Gomorrha“ 1943, die auch dieses Hamburger Haus komplett zerstörten. Kurt Grell jedoch ließ sich nicht entmutigen und baute das Theater nach dem Krieg wieder auf – diesmal mit „nur“ 330 Plätzen, doch es blieb nicht lange so klein. Die Menschen im Nachkriegsdeutschland waren ausgehungert nach Unterhaltung und bereits 1953 war der Andrang derart groß, dass der Direktor sein geliebtes Theater rundum erneuerte und zu einer Showbühne mit 491 Plätzen und integriertem Restaurant ausbaute.

In dem Look von 1953 präsentiert sich das Hansa-Theater auch heute noch und das ist vor allem Telse Meyer-Grell zu verdanken. Nach dem Tod ihres Mannes Kurt leitete sie das Haus – und pflegte die Einrichtung auch nach der Schließung 2001 liebevoll. Ein Schritt durch die Schwingtür und schon reist man ein halbes Jahrhundert in die Vergangenheit. An der Garderobe hängt noch das Schild „Damen bitte Hüte abgeben“ und der Zuschauerraum präsentiert sich als museales Schmuckkästchen in Rot und Gold: In keinem anderen Theater verbinden sich Plüsch und Pomp so schön gemütlich wie hier, nirgendwo glitzert und glänzen die Kristalllüster heller. Die Wände sind edel mit rotem Damast bespannt und golden blinken tausendfach die filigranen Messinggitter und Geländer an den ovalen Tischen. Der besondere Clou dieser Tischchen aber sind ihre Klingelknöpfe, auf die ein Pfeil verweist. Betätigt man einen, erscheint prompt ein „Fräulein mit Schürze und Häubchen“ und fragt nach den Wünschen. Keine Frage: Das ganze Haus atmet noch den nostalgischen Charme der Wirtschaftswunderjahre. Der Zeit, als hier Charlie Rivel und Grock die Leute zum Lachen brachte, Schlagerstars wie Catherina Valente und Conny Froboess ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelten und zwei unbekannte Dompteure mit einem Geparden Kunststückchen vorführten. „Siegfried und Partner“ nannten sich die beiden. Telse Grell hatte sie entdeckt und 1964 ans Hansa-Theater geholt. Die Karriere von „Siegfried und Roy“ ist legendär. Mit ihren weißen Tigern eroberten sie Las Vegas und dann den gesamten Globus. Im vergangenen Jahr, zur Eröffnung der zweiten Spielzeit, kehrten sie als umjubelte Ehrengäste zurück in die Wirkungsstätte ihrer Anfänge und staunten darüber, das tatsächlich noch alles so war, wie sie es in Erinnerung hatten – selbst die Toiletten. Diese „stillen Örtchen“ sind ein Erlebnis für sich: Durch schwere Mahagonidrehtüren gelangt man in regelrechte Boudoirs mit Orientteppichen und Wandleuchtern, die an die Grandhotels der Belle Epoche denken lassen. Hier hat schon Kaiserin Soraya ihr Näschen gepudert, als sie mit dem Schah von Persien auf Hamburg-Besuch war. Und hier sah sich selbst der Prince of Wales aufgefordert einen Obolus an das holzgeschnitzte Kerlchen vor der Herren-Toilette zu entrichten, das in eindeutiger Hockstellung auch heute noch um „20 Pfennig“ bittet.

Auch in der vierten Spielzeit wird hier in den Pausen wieder Hochbetrieb herrschen. Küsschen hier, Küsschen da. „Ach, Du bist auch da - war es nicht toll?“ Und dann werden die Gäste schwärmen vom besten Varieté weit und breit: Von dem New Yorker Akrobaten Noah, der wie ein Äffchen Laternenpfahl und Mast erklimmt und dabei die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzten scheint. Von den vier unglaublich gelenkigen „Gummi“-Damen namens Euphoria aus der Mongolei, die in einer atemberaubenden Choreographie immer neue Bilder kreieren und dabei zu einem einzigen Körper zu verschmelzen scheinen. Von dem finnischen Magier Marko Karvo, der Tauben buchstäblich aus dem Nichts hervorzaubert und einen riesigen Papageien über die Köpfe der Zuschauer segeln lässt. Oder von dem unvergleichlichen Bauchredner George Schlick, dessen vorlauter Frosch das Premierenpublikum völlig aus dem Häuschen brachte.

Acht Weltklasse-Nummern sind bis zum 26. Februar 2012 im Hansa-Theater zu Gast und wieder werden sie abwechselnd präsentiert von der altbekannten (und beliebten) Kabarett- und Schauspielerriege aus dem St. Pauli-Theater: Horst Schroth, Georg Schramm, Arnulf Rating, Rolf Claussen oder Peter Jordan. Kulinarische Köstlichkeiten aus dem Fischereihafen-Restaurant Hamburg. Mit Sicherheit wird auch diese Spielzeit ein voller Erfolg und mit etwas Glück wird es auch eine Zukunft für das Varieté geben. Denn wie sagte Ulrich Waller doch gleich: „Das Hansa-Theater ist ein Hamburger Wahrzeichen wie der Michel, die Reeperbahn oder der Hafen“. Und Wahrzeichen dürfen nicht sterben.

Hansa Varieté Theater, Steindamm 17, 20099 Hamburg
Bis 26. Februar 2012, tägl. außer Mo., jeweils 20 Uhr. Sa. 16 und 20 Uhr / So. 15 und 19 Uhr. Tickets (24.90 Euro bis 51.90 Euro) unter (040) 4711 0644 und www.hansa-theater.de

Fotonachweis:
Header: Hansa-Theater Saal
Alle Fotos Galerie: Hansa-Theater
01. Plakat der 4. Spielzeit
02. Historisches Foto. Gebrüder Wolf
03. Historisches Foto. Josephine Baker
04. Historisches Foto. Clown Grock
05. Noah, Stangenakrobatik
06. Euphoria, Contorsion
07. Marko Karvo, Magier mit Assistentin Vanessa, Foto: www.s-t-y-l-e-s.de
08. George Schlick, Bauchredner
09. Alex und Barti
10. v.l.n.r. Ulrich Waller und Thomas Collien vor dem Hansa Theater

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