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Hamburger Theater Festival 2017: Arthur Schnitzler – „Professor Bernhardi“

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Mittwoch, den 13. September 2017 um 13:06 Uhr
Hamburger Theater Festival 2017: Arthur Schnitzler – „Professor Bernhardi“ 4.3 out of 5 based on 92 votes.
Hamburger Theater Festival 2017: Arthur Schnitzler – Professor Bernhardi

Als eigenwilliger, unberechenbarer, schlunzig-cholerischer Kommissar Peter Faber eroberte Jörg Hartmann die Herzen der TV-Nation, nun steht er wieder auf der Bühne – als Titelheld „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler, inszeniert von Thomas Ostermeier.
Am vergangenen Montag eröffnete das Gastspiel der Schaubühne Berlin das Hamburger Theater Festival 2017 im Thalia: Eine hochkonzentrierte, intensive Produktion – intelligent, fesselnd und durch die Bank exzellent besetzt.

Jörg Hartmann scheint die Titelrolle auf den Leib geschrieben: Ein Einzelgänger, unbeugsam und unbeirrbar wie Kommissar Faber. Langanhaltender, begeisterter Beifall für ein fast dreistündiges, pausenloses Lehrstück in Sachen Wahrheitsbeugung und Stimmungsmache, das punktgenau unsere postfaktischen Zeiten trifft. Eine Sternstunde des Theaters.

Der Text ist um 40 Minuten gekürzt, das wienerische Kolorit weitgehend raus. Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer versetzten mit ihrer klugen, verschlankten Fassung Schnitzlers brillante Komödie über latenten Antisemitismus im Ärzte-Milieu mitten in unsere Gegenwart. Und zeigen damit auf, wie unerhört aktuell dieses Stück von 1912 ist. Ausgrenzung und Ablehnung vermeintlich Andersdenkender oder Andersgläubiger gefährden Demokratie und Freiheit zu jeder Zeit, an jedem Ort. Egal, ob nun Juden oder Muslime im Kreuzfeuer der Populisten stehen. Das machten auch Festivalchef Nikolaus Besch und Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda in Ihren Vorreden deutlich. Übrigens wurde „Professor Bernhardi“ in Berlin uraufgeführt, weil es in Wien wegen „vielfacher Entstellung hierländischer Zustände“ bis 1918 unter die Zensur fiel.

Arthur Schnitzler war Jude, sein Vater Arzt und Direktor der Allgemeinen Poliklinik Wien. Der Autor kannte sich also bestens aus mit Antisemitismus im Wien der k.u.k. Monarchie. Auch sein Professor Bernhardi ist Klinikchef und Jude. Ein Arzt und Wissenschaftler, total vernunftgesteuert und ganz seinen ethischen Grundsätzen und dem Wohl der Patienten verpflichtet.

Als eine junge Frau nach einer verpfuschten (illegalen) Abtreibung an einer Sepsis im Sterben liegt, verweigert Bernhardi dem von einer Krankenschwester herbeigerufenen Pfarrer den Zutritt zu ihrem Zimmer - mit der Begründung, dass sich die Sterbende ihrer Situation nicht bewusst ist, vielmehr - in einer Art euphorischem Endstadium – an ihre vollständige Genesung und baldige Entlassung glaubt. Er wolle sie in diesem Irrglauben glücklich einschlafen lassen. Doch da hat die Schwester bereits den Geistlichen angekündigt: Die erschrockene junge Frau stirbt, ohne das letzte Sakrament empfangen zu haben.

Bernhardis Stellvertreter und Konkurrent, der stramme Antisemit Dr. Ebenwald (hervorragend: Sebastian Schwarz), sieht seine Stunde gekommen und spielt den Vorfall - mit Hilfe einiger Kollegen und eines Vetters im Parlament - zu einem Politikum in Sachen Religionsfragen hoch. Plötzlich sieht sich Bernhardi immer offeneren Anfeindungen ausgesetzt, der Ton der Kollegen bekommt eine gewisse Schärfe, der Stiftungsrat der Privatklinik tritt zurück, die Presse macht mit Falschaussagen der Krankenschwester Stimmung, der Gesundheitsminister, ehemals Freund und Kollege, lässt ihn fallen, so dass sich Bernhardi in einer Krisensitzung des Kollegiums gezwungen sieht, die Klinikleitung nieder. Höhepunkt der Intrigen: Ein Ermittlungsverfahren „wegen Störung der Religionsausübung“ und zwei Monate Haft. Nach der Entlassung, oh Wunder, stehen auf einmal alle auf seiner Seite. Die Liberalen feiern Bernhardi als Held der Aufklärung, doch der Professor will sich weder von der einen noch von der anderen Seite vereinnahmen lassen. Er hat als Arzt und Mensch gehandelt – allein seinem Gewissen verpflichtet.

Es ist ein beeindruckendes Bild, wie Bernhardi am Ende dasitzt. Ganz allein, mitten auf einer Bühne, die sich aufgelöst hat. Was denkt er? Oder staunt er nur? Über die Spezies Mensch, diese perfide, die es tatsächlich schafft, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen und das Richtige in das Falsche zu verkehren. Thomas Ostermeier lässt eine der beiden Kameras Jörg Hartmanns Gesicht in Großaufnahme zeigen. Zum letzten Mal. Und man fragt sich wieder, was geht in dem Mann nur vor? Seine Mimik verrät es kaum.

Von Anfang an sind die beiden Kameras in der weißen, minimalistischen Guckkasten-Bühne von Jan Pappelbaum zugegen. Sie zoomen Details und Ortsangaben heran (die von Katharina Ziemke an die Wand geschrieben werden), manchmal fokussieren sie auch das Gesicht von Bernhardi. Der Professor ist von sich überzeugt, das ist klar. Er weiß, dass er das Richtige getan hat. Als einziger vielleicht in einem Umfeld von Schleimern und Intriganten, denen er mit der ironischen Distanz und Überheblichkeit eines Besser-Wissers gegenübersteht. Der Bernhardi Jörg Hartmanns sieht die Entwicklung sehr klar kommen und es scheint ihn kaum etwas auszumachen. Er scheint sie vielmehr – nach den Erfahrungen aus heutiger Sicht - zu erwarten. Die anderen, zumindest einige der Kollegen, bewegen sich hingegen auf dem schmalen Grat zur Persiflage. Doch sie rutschen nie ab. Es ist faszinierend, wie gut sie diesen Balanceakt meistern: Thomas Bading als verhuschter Dr. Cyprian, der in der Krisensitzung zu einem Monolog über Rembrandt ansetzt. Oder der nach allen Seiten buckelnde Langzeithospitant Hochroitzpointner von Moritz Gottwald, der sein Fähnchen immer nach dem Wind dreht. Insbesondere jedoch Gesundheitsminister Flint, den Hans-Jochen Wagner als Musterbeispiel eines windigen, dynamisch-optimistischen und sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegenden Politiker gibt. Nur David Ruland als Journalist gibt dem Affen etwas zu viel Zucker und gerät tatsächlich zur Karikatur.

Im Gegensatz dazu steht der Pfarrer von Laurenz Laufenberg. Ein junger, ernster Mann, der für seine Überzeugung genau so vehement eintritt, wie Bernhardi für seine. Das Zusammentreffen dieser beiden Pole, zwischen dem gläubigen Christen und den rationalen Juden, sind Schlüsselmomente in diesem Stück. Plötzlich wird es möglich, sich in eine oder andere Sichtweise hineinzuversetzen, ohne miese Intrigen und den politischen Filz mit zu bedenken. Aber darf ein Pfarrer die Wahrheit unter die Loyalität zur Kirche stellen? Großartige Dialoge hat Schnitzler hier geschrieben, überhaupt ist das ganze Stück von einer atemberaubend spannenden Konstruktion.

Am Schluss sagt Ministerialrat Winkler dem Sinne nach, es sei falsch immer das Richtige tun zu wollen. Da säße man am Ende des Tages nur im Gefängnis. Er sagt es Bernhardi, aber eigentlich ist das Publikum gemeint.

Was ist die Alternative? Alles geschehen lassen? Hoffentlich nicht. Typen wie Bernhardi sind der Garant für Freiheit und Demokratie.

Arthur Schnitzler: Professor Bernhardi
Eine Produktion der Schaubühne Berlin

Mit: Jörg Hartmann, Sebastian Schwarz, Thomas Bading, Robert Beyer, Konrad Singer, Johannes Flaschberger, Lukas Turtur, David Ruland, Eva Meckbach, Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Hans-Jochen Wagner, Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg.
Idee & Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Malte Lübben, Musik: Malte Beckenbach, Ko-Komposition: Simon James Phillips, Bildregie: Matthias Schellenberg, Kamera: Moritz von Dungern, Joseph Campbell, Florian Baumgarten, Videodesign: Jake Witlen, Dramaturgie: Florian, Borchmeyer, Licht: Erich Schneider, Wandzeichnungen: Katharina Ziemke.


Abbildungsnachweis:
Header und Galerie: Alle Fotos (c) Arno Declair

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