Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 802 Gäste online

Neue Kommentare

C.Müller zu Roots – Katja und Marielle Labèque zum Schleswig-Holstein Musik Festival in der Laeiszhalle: Erhalt des Kultursommers auf der Trabrennbahn Bah...
Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...

Anzeige

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

National Ballet of China: Der Ruf der Kraniche und Maos Altlasten

Drucken
(106 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 13. Juli 2017 um 10:06 Uhr
National Ballet of China: Der Ruf der Kraniche und Maos Altlasten 4.3 out of 5 based on 106 votes.
National Ballet of China - Der Ruf der Kraniche und Maos Altlasten - Sacrifice

Mit Ausschnitten aus sechs opulenten neueren Produktionen beeindruckte das National Ballet of China in der Staatsoper Hamburg. Und vier kleine Choreographien punkteten durch ihre inhaltliche Dichte und scharfe Reduktion. Eindrücke vom ersten Gastspiel-Abend.

Das war ein spannender Ballettabend, dieses Gastspiel des National Ballet of China im Rahmen der 43. Hamburger Ballett-Tage. Denn er gab Einblicke in sechs sehr unterschiedliche Produktionen der Pekinger Compagnie. Und eine kleine Ahnung von den Fronten, an denen in China derzeit tänzerisch gekämpft wird.

Das National Ballett ist Chinas Top-Ballett. Es wurde 1959, dem Jahr von Maos „großem Sprung nach vorn“ und den folgenden gewaltigen Hungersnöten mit Absolventen der 1954 mit russischer Hilfe etablierten Ballettschule ins Leben gerufen, konnte sich durch alle Wirrungen von Maos Politik am Leben erhalten und überlebte auch die „große proletarische Kulturrevolution“.
Die Schule sorgt bis heute für eine großflächige Talentfindung. Im National Ballet werden westliche Repertoire-Klassiker einstudiert, aber auch Tanzdramen, die aus vielfältigen chinesischen Traditionen entspringen – idealerweise lassen sich beide Strömungen mischen.

Seit den 80er-Jahren hat man sich ausländischen Choreografen geöffnet, hat Stilelemente aus Italien, England, Frankreich, Amerika und Deutschland adaptiert. Auch John Neumeier hat mit dem National Ballet in China gearbeitet. Heute hat Direktorin Feng Ying in einem System, in dem Geld fast alles bedeutet, neben den künstlerischen auch neue Aufgaben: Die große Unterstützung der Zentralregierung muss sie durch das Einwerben privater Sponsorengelder aufstocken, wenn sich das Ballett entwickeln soll. Denn China will mehr als nur westliche Klassiker. Deshalb gibt es neben „Nussknacker“, „Le Sacre du Printemps“ oder „Schwanensee“ auch neue Werke mit chinesischen Wurzeln, so wie „Rote Laterne“, „Gelber Fluss“, „Das Neujahrsopfer“ – Fusionen aus vielen Tanzwelten, mit denen man auf Tourneen dann auch im westlichen Ausland reüssieren kann. „Das Fremde für China nutzbar machen“ heißt die prägnante Formel dafür.

China, die neue Weltmacht, möchte mit eigenen kulturellen Ausdrucksformen, die zugleich interkulturelles Verständnis vorweisen, den Rest der Welt staunen machen. So entstehen wohl Werke wie „Der Ruf des Kranichs“, dessen zweiter Akt die erste Hälfte des Hamburger Gastspielabends einnimmt. Die grazilen Bewegungen der Kraniche hat man in einem Naturschutzgebiet studiert, die rührende Geschichte über eine Frau, die sich für das Überleben der Kraniche aufopferte, die sie pflegte, stammt auch von dort.

Das Ergebnis von Ma Congs und Zhang Zhenxins Choreographie ist solider west-östlicher Brückenbau – eine Musik (Shen Yiwen), die unbekümmert westliche Klänge mit chinesischen verbindet, eine fragil-elegante und topsynchrone Kranichschar, zuweilen mit klassischem Spitzentanz unterwegs, manchmal auch expressiv angeschärft wie in dem Unwetter, das die Kraniche bedroht. Vor allem aber bezaubernde Bilder, die jeder Broadway-Show Konkurrenz machen können und auch von dem Hamburger Neumeier-Publikum geradezu frenetisch bejubelt wurden.

Der Kampf um Individualität und Selbstbestimmung
Dann folgten vier kurze Choreographien, die nach der Pause den spannenden Teil des Abends abgaben. Wollte man ein gemeinsames Thema für sie finden, wäre es wohl der Kampf um Individualität, um Selbstbestimmung über das eigene Leben, um die Freiheit, so zu sein, wie man sich selbst das vorstellt. Das kann ein großes genervtes Herumgeschubse und mürrisches Abgrenzen voneinander sein wie in „Close Your Eyes When It’s getting dark“, es kann die Geschichte einer schmerzlichen Trennung am Ende einer Krankheit sein wie in „How Beautiful is Heaven“, anrührend getanzt von Sun Yali und She Zhaohuan. Es kann eine Begegnung sein, die in einem archaischen Opfer endet wie in „Sacrifice“. Oder es kann (Solist: Wu Siming) die Geschichte des unbotmäßigen, urkomischen Mönchs, der seine eigenen Regeln über die des Klosters stellt und seine kleine Freiheit von den mahnenden Klängen aus dem Tempel bedroht sieht.

Den Schluss macht „Yellow River“ zum gleichnamigen Klavierkonzert – wieder so ein west-östlicher Brückenschlag, der so gekonnt das chinesische Lied- und Melodienrepertoire überspannt wie die Choreographie optisch die bekannten Posen aus den Modell-Stücken der Mao-Zeit wie „Das rote Frauen-Bataillon“ zitiert, sich hier etwas aus der chinesischen Kampfkunst herauspickt, dort etwas aus dem Volkstanz aufnimmt. Hier ein bisschen „der Osten ist rot“, da ein Hauch „Internationale“, die Bühne gefällig in rotgoldener Verklärung beleuchtet und das Stück bis in die Applausordnung revue-tauglich durchkomponiert wie schon beim „Ruf der Kraniche“. Großes Kino, Überwältigungsästhetik.

So millimeter-perfekt die Tänzerinnen und Tänzer das auch auf die Bühne bringen, es bleibt ein kleines Unbehagen: Männer und Frauen agieren weitestgehend in alten Rollenstereotypen. Gerade in den Großproduktionen, die den Abend einrahmen, sind Frauen vor allem multiple Dekoration. Wie war das doch mit Maos Diktum „Die Frauen tragen die Hälfte des Himmels“? Aber auch andere Konfliktpotenziale der aktuellen chinesischen Gesellschaft werden an diesem Abend in der Hamburger Staatsoper bestenfalls zart angedeutet. Der stürmische Beifall der Hamburger Ballett-Fans gibt den Machern des National Ballet of China da Recht.

National Ballet of China
Ausschnitte aus:
THE CRANE CALLING
Musik: Shen Yiwen
Choreografie: Ma Cong, Zhang Zhenxin
Bühnenbild und Kostüme: Gong Xun, Li Kun

CLOSE YOUR EYES WHEN IT IS GETTING DARK
Musik: Eric Serra, Ryoji Ikeda, David Eugene Edwards
Choreografie: Zhang Zhenxin
Bühnenbild und Kostüme: Gong Xun, He Xiaoxin

HOW BEAUTIFUL IS HEAVEN
Musik: Jan A.P. Kaczmarek, Aaron Zigman
Choreografie: Zhang Disha
Kostüme: Zhang Disha

JI GONG (BUDDHA JIH)
Choreografie: Hu Yan
Kostüme: Wu Juan

SACRIFICE
Musik: Kaar Deerge Chouvulangning
Lied: Sainkho Namtchylak
Choreografie: Fei Bo

YELLOW RIVER
Musik: Yin Chengzong, Liu Zhuang, Chu Wanghua, Sheng Lihong
Choreografie: Chen Zemei
Bühnenbild: Zeng Li


Abbildungsnachweis:
Alle Fotos © National Ballet of China
Header: Sacrifice © WCHW
Galerie:
01. Yellow River
02. und 03. The Crane Calling
04. Close Your Eyes When It Is Getting Dark
05. Ji Gong (Buddha Jih)

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Theater & Tanz > National Ballet of China: Der Ruf der Kranich...

Mehr auf KulturPort.De

200 Jahre Kunstverein in Hamburg
 200 Jahre Kunstverein in Hamburg



„Just what is it that makes today’s Kunstverein so different? So appealing?” Nach Charity Auktion (14.9.) und Festakt im Rathaus (22.9.) klingen mit einer  [ ... ]



Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen
 Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen



Was denn? Das Volk sei unfähig, Politisches zu durchschauen oder gar mitzuregieren? Liest man dies im Buch „Fassadendemokratie“, dann ist man bass erstaunt, [ ... ]



„Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik
 „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik



Er inspirierte Künstler wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe und die Village People, seine markanten erotischen Zeichnungen veränderten radikal das Selbstverst [ ... ]



Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem
 Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem



Gerade war sie noch beim Schleswig-Holstein-Musikfestival zu hören und debütierte – nun kommt zeitnah dazu ihr Debütalbum auf dem Markt. Gemeinsam mit Piani [ ... ]



Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel
 Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel



Es ist dunkel in der Hamburger Gralsburg, als Achim Freyer mit seiner „Parsifal“-Interpretation den Start in die neue Saison der Staatsoper zelebriert. Der 8 [ ... ]



Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage
 Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage



Wie kann ein Künstler heute ungebunden und frei arbeiten? Ungebunden ist durchaus möglich – frei arbeiten stößt aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen.  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.