Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 967 Gäste online

Neue Kommentare

C.Müller zu Roots – Katja und Marielle Labèque zum Schleswig-Holstein Musik Festival in der Laeiszhalle: Erhalt des Kultursommers auf der Trabrennbahn Bah...
Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...

Anzeige

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Ein Fest der Sinne. Tanztheater Wuppertal mit „Viktor“ auf Kampnagel

Drucken
(77 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 02. Februar 2017 um 10:20 Uhr
Ein Fest der Sinne. Tanztheater Wuppertal mit „Viktor“ auf Kampnagel 4.0 out of 5 based on 77 votes.
Ein Fest der Sinne. Tanztheater Wuppertal mit „Viktor“ auf Kampnagel

Das legendäre Stück von Pina Bausch, eröffnete die Reihe DANCE Future II.
Viktor. Wer, um alles in der Welt, ist Viktor? Die schöne rothaarige Tänzerin, die da auf dem Boden sitzt und mit tiefer Automatenstimme behauptet „Ich bin Viktor“? Der Alte, der mit Stock und tief über den Kopf gezogener Kapuze über die Bühne humpelt und hier offenbar heimlich Regie führt? Oder der andere ältere Herr, der im bodenlangen Pelz, mondänem Damenhut und Pömps an den nackten Füßen eine Extravaganz ohne Gleichen versprüht und dabei überhaupt nicht lächerlich wirkt?


Alles möglich. Viktor erscheint nicht, Viktor spukt nur in den Köpfen der Zuschauer umher, vielleicht auch in den Köpfen der 27 Tänzer, die hier mehr poetisches, bildmächtiges Theater aufführen als Tanz. Doch wenn sie tanzen, mit ausladenden Bewegungen und fliegenden Haaren, oder sich brav, zum Paartanz aufgestellt, durch das Publikum schlängeln, dann entfalten sie wieder den einzigartigen Pina-Bausch-Sog: Man kann sich einfach nicht satt sehen.

Wer nicht weiß, dass Pina Bauschs legendäres Stück „Viktor“ 1986 in Rom entstand, der hält es für ein Stück von heute. Das Bühnenbild von Peter Pabst: Ein riesiger rechteckiger dunkelbrauner Erdwall, in dem am Rand ein altes Klavier steht, an dem später an dem dreieinhalbstündigen Abend noch jemand spielen wird. Vielleicht ist es ein Grab, ein Massengrab, vielleicht eine Ausgrabungsstätte, ein Steinbruch der Gedanken oder Ideen. Jedenfalls scheint es unmittelbar auf unsere Gegenwart Bezug zu nehmen: Endzeitstimmung, eben. Oben, an der Klippe steht und geht jemand, der von Zeit zu Zeit eine Schaufel Erde hinabwirft. Gerade so viel, dass ein paar Steinchen den dunkelbraunen Hang hinab rieseln und anzeigen, wie die Zeit verrinnt.

Das erste Bild ist atemberaubend schön und verstörend zugleich: Eine Frau ohne Arme in einem knallroten Kleid stöckelt lächelnd dem Publikum entgegen. Der Herr mit Hut legt ihr den Pelz um und sie treten ab. Dann marschiert ein Paar auf die Bühne und legt sich hin. Bleibt fortan reglos. Beide tot? Scheint so, denn ein Pastor erscheint, richtet sorgsam die Kleidung der beiden und traut sie auf eben in dieser Position. Er bewegt ihre Köpfe zum „Ja“ und dreht sie beide zu einander zum Kuss. Dann werden sie von der Bühne geschleift.

Eine andere Tänzerin lässt sich in einen Teppich einrollen. Der Mann mit Hut, Pelz und Pömps verteilt Pflastersteine im Publikum. Zwei Schafe werden auf die Bühne geführt. Die Rothaarige schreit unvermittelt los. Die Tänzerinnen schneiden Gemüse und verteilen es im Publikum. Ein paar ältere Herren (Statisten) tafeln an einem langen Tisch. Eine Frau erzählt ein trauriges Märchen von einem einsamen Kind.

Die vielleicht komischste Sequenz zeigt eine Antiquitäten-Auktion: Während hinten auf der Bühne eine Frau in atemberaubender Geschwindigkeit die Gebote runterrattert, tragen junge Herren allen möglichen Krimskrams über die Bühne. Schließlich werden sogar drei kleine Schoßhündchen vorgeführt und versteigert.
Eine surreale Szene folgt auf die nächste, begleitet von melancholischen Volksmusik aus der Lombardei, der Toskana, Sardinien und Bolivien. Aber auch von mittelalterlicher Tanzmusik, einem mitreißenden russischen Walzer und New-Orleans-Jazz.

Es geht um – ja, um was geht es eigentlich? Um Liebe, um Glück, um Alltag, um Vergänglichkeit, um Geschlechterrollen, um Trauer, um Tod?
Ja, natürlich! Pina Bausch (1940-2009), die großartige Tanzvisionärin und Gründerin des Tanztheater Wuppertal, ging es immer um „Alles“. Um das Leben als solches und was unter seiner Oberfläche schlummert: Das „Tiefenmenschliche“. Bei einer Rede sagte sie einmal, es gehe darum „mehr Fragen zu stellen, als Antworten zu geben“.

„Viktor“ ist ein grandioses Beispiel dafür. Ein Beispiel auch, wie zeitlos modern Pina Bauschs Stücke sind. Immer noch Avantgarde, selbst nach 30 Jahren. Einfach großartig, das Tanztheater Wuppertal wieder einmal in Hamburg zu Gast gehabt zu haben. Wie recht hatte Pina Bausch doch, als sie sagte: „Das Fragen hört nicht auf und die Suche hört nicht auf. Es liegt etwas Endloses darin, und das ist das Schöne daran“.



Abbildungsnachweis:

Header: Andrey Berezin und Nazareth Panadero. Foto: Oliver Look

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Theater & Tanz > Ein Fest der Sinne. Tanztheater Wuppertal mit...

Mehr auf KulturPort.De

200 Jahre Kunstverein in Hamburg
 200 Jahre Kunstverein in Hamburg



„Just what is it that makes today’s Kunstverein so different? So appealing?” Nach Charity Auktion (14.9.) und Festakt im Rathaus (22.9.) klingen mit einer  [ ... ]



Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen
 Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen



Was denn? Das Volk sei unfähig, Politisches zu durchschauen oder gar mitzuregieren? Liest man dies im Buch „Fassadendemokratie“, dann ist man bass erstaunt, [ ... ]



„Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik
 „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik



Er inspirierte Künstler wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe und die Village People, seine markanten erotischen Zeichnungen veränderten radikal das Selbstverst [ ... ]



Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem
 Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem



Gerade war sie noch beim Schleswig-Holstein-Musikfestival zu hören und debütierte – nun kommt zeitnah dazu ihr Debütalbum auf dem Markt. Gemeinsam mit Piani [ ... ]



Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel
 Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel



Es ist dunkel in der Hamburger Gralsburg, als Achim Freyer mit seiner „Parsifal“-Interpretation den Start in die neue Saison der Staatsoper zelebriert. Der 8 [ ... ]



Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage
 Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage



Wie kann ein Künstler heute ungebunden und frei arbeiten? Ungebunden ist durchaus möglich – frei arbeiten stößt aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen.  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.