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Theater - Tanz

Zum Abschluss der 42. Hamburger Ballett-Tage

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Dienstag, den 19. Juli 2016 um 11:12 Uhr
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Zum Abschluss der 42. Hamburger Ballett-Tage Foto Kiran West

Fünf Stunden Tanz und keine Sekunde zu viel: Selten sah man eine so kurzweilige Nijinsky-Gala, wie in diesem Jahr. Mit furiosen „Portraits in Tanz und Musik“ verabschiedete sich das Hamburg Ballett – und damit die Hamburgische Staatsoper – in die wohlverdiente Sommerpause.

Lag es nun an der Auswahl der Gäste oder an dem (Welt-)Niveau des Hamburger Ensembles? Festzuhalten ist jedenfalls, dass es in der Reihe der tänzerischen Porträts, die Hamburgs Ballettchef seinen Lieblings-Choreographen und -komponisten widmete, keinerlei „Ausreißer“ gab, weder nach oben noch nach unten. „Es sind alles Highlights“, sagte Kevin Haigen, Erster Ballettmeister und seit 2011 Künstlerischer Leiter des Bundesjugendballetts, kurz vor Beginn der Gala auf die Frage einer Besucherin, welches seiner Meinung nach die Höhepunkte des Abends werden. Na klar, was soll er auch anderes antworten, denkt man sich. Doch, wie sich herausstellte, war es keine Floskel: John Neumeier, der wie immer launig und mit vielen persönlichen Bemerkungen durch den Abend führte, präsentierte zum Abschluss der 42. Hamburger Ballett-Tage eine Auswahl schönster „Petit Four“ – tänzerischer Leckerbissen, dazu angetan, die technische Bravour und die schauspielerische Ausdruckskraft seines Ensembles fünf Stunden lang unter Beweis zu stellen.

Von „Fenster zu Mozart“ bis zum Doppelporträt Tschaikowsky und König Ludwig in „Illusionen – wie Schwanensee“ ; von „Bernstein Dances“ bis zum Gershwin-Portrait „Shall we Dance“ und „Nijinksy“ - es fällt wirklich schwer, aus diesem Reigen quer durch die Musik- und Tanzgeschichte einzelne Interpreten herauszugreifen. Jeder der Tänzerinnen und Tänzer verdient es, namentlich genannt zu werden.

Gleich die Ouvertüre, John Neumeiers „Bach-Suite 3“, einstudiert vom Bundesjugendballett, ließ den Puls der Ballettfans höher schlagen. Großartig, dieser Hamburger Ballettnachwuchs, insbesondere Teresa Silva Dias und Pascal Schmidt. Sie brauchen den Vergleich mit der Uraufführung von 1981 im Hamburger Operettenhaus (damalige Starbesetzung: Lynne Charles, Kevin Haigen, Chantal Lefèvre und Ronald Darden) sicher nicht zu scheuen.

Am Pult übrigens Simon Hewett, dessen glänzend aufgelegtes Philharmonisches Staatsorchester Neumeiers Divertissements kraftvoll begleitete.

Balletttechnisch nicht zu toppen war das Pas de deux aus August Bournonvilles romantisches „Blumenfest in Genzano“, seit seiner Entstehung 1858 Paradebeispiel für die klassische Dänische Schule und immer wieder funkelndes Gala-Juwel. Madoka Sugai und Christopher Evans zeigen hier Spitzentanz in höchster Vollendung. Wie eine aufgezogene Puppe schnurrte die in Lausanne 2012 ausgezeichnete Japanerin ihre Fouettes ab; jede Drehung, jeder Sprung sitz, das gilt auch für Evans, ihren ebenbürtigen Partner. Ein absolut makelloses Duo, diese Zwei. Selten sieht man höchste technische Herausforderungen so schwerelog gemeistert.

Im Zentrum des ersten Teils jedoch standen drei Frauen: Mata Hari, die Duse und Isadora Duncan. Hochemotional die ersten Stargäste des Abends: Die eindrucksvolle russische Solistin Anna Tsygankova als Mata Hari und ihr Partner Matthew Golding als sterbender Geliebter bestachen mit einem bewegendem Liebes-und Schmerzenstanz (Choreografie Ted Brandsen), der in Folge nur noch von Allessandra Ferri als Duse und Karen Azatyan als Gabriele d’Annunzio getoppt wurde. Die italienische Primaballerina, die ihre aktive Laufbahn schon 2007 beendet hatte, um dann 2013 ein furioses Comback hinzulegen, gilt zu Recht als eine der ausdruckstärksten Tänzerinnen der Gegenwart. Und es gibt wohl kein erregenderes, erotischeres Pax de Deux in der Ballettgeschichte als dieses ekstatische Liebesspiel zwischen der legendären Schauspielerin und ihrem exzentrischem Dichter. Einfach atemberaubend.

Etwas durchatmen konnte man dann bei Frederick Ashtons „Five Brahms Walzes in the manner of Isadora Duncan“, hinreißend leicht und luftig interpretiert von Tamara Rojo, der Ersten Solistin und Künstlerischen Leiterin des English National Ballet. Sie zeigt die Wegbereiterin des modernen Ausdruckstanzes hüpfend und springend mit kindlicher Unbeschwertheit. Mehr elegant als radikal.

Doch nicht jedes getanzte „Porträt“ beschrieb so trefflich das Vorbild: „Der sterbende Schwan“ beispielsweise, Anna Pawlowas Leib- und Magenrolle, blieb in der Interpretation von Anna Laudere anfangs fast etwas plump. Vor allem ihre Arme stimmten nicht: Flattrig-nervös, verkörperten sie zwar durchaus einen kränkelnden Vogel, waren jedoch weit entfernt von den sprichwörtlich „weichen russischen Armen“, die Anna Pawlowa und später Maja Plissezkaja in dieser Rolle Zeit ihres Lebens auszeichneten.

Der zweite Teil war dann Leonard Bernstein gewidmet, dem Jahrhundertkomponisten und persönlichen Freund des Hamburger Ballettchefs . Zehn Episoden aus „Bernstein Dances“, Neumeiers Hommage von 1998, gaben nun einen ausgesprochen vielversprechenden Vorgeschmack auf die Choreographie, die 2018, zum 100. Geburtstag Bernsteins, wieder ins Programm aufgenommen werden. Lloyd Riggins als Candide bekam mit herzlichem Beifall die Zuneigung des Hamburger Publikums zu spüren.
Aus dem im dritten Teil des Abends bleiben vor allem zwei Tänzer im Gedächtnis: Der sprunggewaltige Argentinier Herman Cornejo als Marius Petipas „Le Corsaire“ (mit einer brillanten Alina Cojocaru an seiner Seite) – und Aleix Martinez, der als Stanislaw Nijinky im „Portrait einer Seele“ aus Neumeiers „Nijinsky“ schier über sich hinauswächst. Packender kann man Wahnsinn nicht vertanzen!

Die zwei Choreografenportraits von Yuri Passokhov und Russel Maliphant blieben hingegen hinter den Erwartungen zurück. Victoira Jaiani und Temur Suluashvili sind berückende, hochakrobatische Tänzer, doch das Pas de deux aus „Bells“ erinnerte an das ewige Gekreisel von Schlittschuhläufern und Alessandra Ferri und Herman Cornejo blieben in Maliphants harmonisch-fließendem „Entwine“ seltsam blass und belanglos.

In den vergangenen 40 Jahren stahlen die Galagäste mit ihrer technischen Brillanz und ihrem Charisma den Hamburgern oftmals die Show. In diesem Jahr reihten sie sich ein in ein Weltspitzen-Ballett-Ensemble, das absolut keine Wünsche offen ließ.


Abbildungsnachweis: Alle Fotos: Kiran West / hamburg Ballett
Header: Nijinsky
Galerie:
01. Gruppenfoto des Hamburg Balletts
02. Bach Suite
03. Vivaldi
04. Fenster zu Mozart
05.
Shall We Dance
06. Duse
07. Am Ende der Gala... Verbeugungen

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