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Theater - Tanz

„Hier ist mein Platz.“ Ivan Urban mit neuen Aufgaben beim Hamburg Ballett

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Freitag, den 01. Juli 2016 um 10:04 Uhr
„Hier ist mein Platz.“ Ivan Urban mit neuen Aufgaben beim Hamburg Ballett 4.4 out of 5 based on 70 votes.
Hier ist mein Platz. Ivan Urban mit neunen Aufgaben beim Hamburg Ballett

Ivan Urban ist seit 1998 Erster Solist beim Hamburg Ballett John Neumeier, nun steht er an der Schwelle zu neuen Aufgaben: Ab der kommenden Saison wird er als Ballettmeister und Sonderdarsteller sein immenses Können für John Neumeiers Compagnie einsetzen.

Was macht ein Ballettsolist, der übers Aufhören und die Zeit danach nachdenken soll? Ivan Urban, 1994 aus Weißrussland gekommen und seit 1998 Erster Solist im Hamburg Ballett, ist inzwischen 41 Jahre alt. Mit 35 hat er das zum ersten Mal versucht. „Man geht dem gern aus dem Weg. Die Karriere von Tänzern ist kurz, kaum hat man richtig angefangen, soll man schon an das Ende denken? Man hat doch so hart gearbeitet, jahrelang nach Perfektion gestrebt.“ Irgendwann kam auch John Neumeier behutsam auf das Thema zu sprechen. Was macht man dann?

„Man könnte sich bei der ‚Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland’ in Berlin beraten lassen. Die kümmern sich darum, Tänzerinnen und Tänzern beim Übergang ins Leben danach zu helfen. Aber ich wollte immer beim Hamburg Ballett bleiben, ich habe das Gefühl, dass hier mein Platz ist.“

Ernst wurde es, als ihm im Sommer 2013 passierte, wovor sich alle Tänzer fürchten. Eine Verletzung während „Préludes CV“, Kreuzbänder im rechten Knie gerissen. Operation, Rehabilitation: „Ich hatte noch Glück im Unglück. Weil es so spät in meiner Karriere passierte und ich schon sehr viele wunderbare Rollen getanzt hatte. Aber nun musste ich herausfinden, wie es weitergeht.“

Er wusste es bald: „Obwohl ich auch darüber nachgedacht hatte, aus meinem Hobby und Interesse an Fotografie einen Beruf zu machen, wünschte ich mir am meisten, meinen Rat an andere, junge Tänzer weiter zu geben.“ Immer hatte er durch kraftvolle, makellose Technik fasziniert, aber auch durch eine hohe und seltene darstellerische Intensität.

Jüngst konnte er noch einmal den Intriganten Jago in „Othello“ tanzen, eine seiner großen Lieblingsrollen – neben der Prinz in „A Cinderella Story“, Armand Duval in „Die Kameliendame“, Kostja in „Die Möwe“ oder Peer Gynt und Ludwig II in „Illusionen – wie Schwanensee“. „Dass ich noch einmal den Jago tanzen würde, hatte ich nicht mehr für möglich gehalten. Ich arbeitete mit jungen Besetzungen daran, versuchte den jungen Menschen die Rolle beizubringen. Im Frühjahr in Chicago hat mich John Neumeier überraschend gefragt, ob ich an dem Abend tanzen würde. Ich habe diese Chance ergriffen, getanzt, und bin sehr glücklich, dadurch die letzten Ängste nach meiner Verletzung überwunden zu haben.“

So kam wenigstens die Hoffnung zurück, auch noch ein Karriere-Ende als Erster Solist zu erleben. Für ihn geht es nun nahtlos weiter: Als könne er Gedanken lesen, bot ihm John Neumeier an, Ballettmeister-Assistent zu werden. Das bedeutet: Bei Proben dabei sein. Beobachten, wie die Tänzer ihre Rolle angehen, Fehler sehen, korrigieren, Ratschläge geben, organische Übergänge zwischen Bewegungen finden. Aufpassen, dass sich keiner verletzt. Psychologisches Feintuning, um einen Charakter stimmiger zu erfassen. Ganz so, wie Kevin Haigen ihm selbst am Anfang seiner Karriere geholfen hatte. „Vielleicht kann ich jüngeren Tänzern das Verstehen von Rollen nahebringen. Als John mich fragte, habe ich mich sehr gefreut – was für ein Geschenk, dass er mich an seine Seite holt. Ich kann so vieles von ihm lernen!“

Die zweite Hälfte seines neuen Jobs heißt „Sonderdarsteller“: „Bühnenpräsenz in Rollen, die ich physisch bewältigen kann. Für manche Rollen braucht man ein gewisses Alter. Selbst wenn man das als Jüngerer physisch perfekt tanzen könnte – es geht da um mehr, um Lebenserfahrung und Seele, Charisma, Präsenz, Gewicht, in vielen Nuancen.“

Sein großer Traum ist also erfüllt, manche andere werden nicht mehr zu realisieren sein. Zum Beispiel? „Gerne hätte ich noch einmal die ‚Kameliendame’ getanzt.“ Ein kleiner Seufzer ist nicht zu überhören. „Aber ich weiß, dass es nach meiner Verletzung utopisch wäre“.

Ivan Urban steckt mitten drin in großen Veränderungen. Was bedeuten die fürs Private? „Ich versuche, alles zu nehmen, wie es kommt – ich mache wenig Pläne. Meine Frau Anna Polikarpova, heute Urban, unterrichtet seit ihrem Abschied von der Bühne im Jahr 2014 an der Ballettschule des Hamburg Balletts. Ich sehe, wie unser kleiner Sohn wächst und älter wird. Ich will mich am Leben freuen. Und ich fühle eine große Dankbarkeit, weiterhin die Chance zu haben, kreativ tätig zu sein, mich immer wieder neu zu entwickeln.“

Die 42. Hamburger Ballett-Tage finden von Sonntag, 3. Juli 2016 bis Sonntag, 17. Juli 2016 statt und werden mit der Premiere von "Turangalîla" feierlich eröffnet und mit der international besetzten "Nijinsky-Gala XLII" enden.
Das vollständige Programm entnehmen Sie bitte der Website www.hamburgballett.de
Im Rahmen der Balletttage ist Ivan Urban zu erleben
in „Peer Gynt“ am 6. Juli
in „Othello“ am 9. Juli
in „Winterreise“ am 7. Juli und in der „Nijinsky-Gala“ (ausverkauft) am 17. Juli


Abbildungsnachweis:
Header: Ivan Urban Foto: Kiran West

Galerie:
01. Ivan Urban. Foto: Kiran West
02. Ivan Urban in "Cinderella". Foto Holger Badekow

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