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Theater - Tanz

Komödie im Winterhuder Fährhaus: „Auf ein Neues“

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Geschrieben von Dagmar Seifert  -  Donnerstag, den 19. November 2015 um 10:53 Uhr
Komödie im Winterhuder Fährhaus: „Auf ein Neues“ 4.5 out of 5 based on 67 votes.
Komödie im Winterhuder Fährhaus: „Auf ein Neues“

Bevor es losgeht, hat es schon angefangen. Im Foyer des Theaters, zwischen den festlich gekleideten Zuschauern, die sich noch gegenseitig begrüßen oder ein Programmheft kaufen oder irgendwie den Freitagnachmittag abschütteln, um im entspannten Kulturabend anzukommen, steht ein Mann und singt, sich selbst auf der Gitarre begleitend.
Rein vom Outfit passt er nicht an diesen Platz und unter diese Menschen.

Ein Penner offensichtlich mit langem grauen Fusselbart und langen grauen Filzlocken unter der Mütze. Allerdings singt und spielt er höchst professionell – und wer sich informiert hat oder auch nur einen kurzen Blick auf das Programm wirft, erkennt ihn natürlich. Das ist also bereits Daniel Morgenroth im Kostüm des Clochard Michel.

Gleich darauf, mit Spielbeginn, macht er sich’s vor der Bühne und damit im Treppenhaus eines feineren Wohnhauses mit seinem Instrument und seinen paar Habseligkeiten bequem und wird von Catherine (Marion Kracht) aufgestört, die in ihre Wohnung will.
Es ist Heiliger Abend, Catherine schleppt den Baum herbei und ist grimmig entschlossen, das Fest mit ihrem Kind und einer maronengefüllten Gans absolut idyllisch zu verleben.
Dieses Kind, Tochter Sarah, pubertiert gewaltig und hat sich bereits der Aufgabe des Tischdeckens verweigert. Lene Wink, immerhin Jahrgang 1986, spielt die erst 15- und dann 16jährige Sarah so aufmüpfig, liebenswert und glaubhaft wie nur möglich.

Zunächst, noch im Treppenhaus, verweist Catherine den etwas angetrunkenen Penner des Gebäudes.
Zum einen, weil sie keine Lust hat, über ihn und seine Tüten zu stolpern und weil sie fürchtet, seine Musik könnte in Lärm und Radau ausarten.
Zum anderen aber und vor allem, weil er ihr Weltbild irritiert.
Michel verteidigt sein warmes Plätzchen eine Weile, er findet, er stört doch überhaupt nicht – aber er ist in keiner Weise diesem Panzerspähwagen von einer Frau gewachsen, der leicht, elegant und unerbittlich über alles hinwegrollt, was ihm nicht in den Kram passt.

Als allerdings Sara erfährt, Catherine habe den Ärmsten am Heiligen Abend in 5 Grad minus hinaus geschickt, wirft sie ihre Mutter vor, kein Herz zu haben.
Das trifft.
Catherine holt Michel zurück, ob er will oder nicht.
Eigentlich will er nicht.
Das nützt ihm jedoch wenig, er wird schließlich mit der Verheißung der Maronen in der Gans geködert und auf das feine weiße Sofa genötigt. Damit es fein und weiß bleibt, legt er rücksichtsvoll unter sein schmutziges Hinterteil ein (auch nur mäßig sauberes) Taschentuch.
Das zeigt einen sehr wesentlichen Anteil seines Charakters.
Michel mag zwar stinken wie ein Wiedehopf und trinken wie ein Bürstenbinder, trotzdem ist er ein feinfühliger, sensibler und rücksichtsvoller Mensch.

Stunden später befinden er und die Hausfrau sich in einem ausufernden Schwips, was Sarah anödet und was andeutet, dass es eben doch verwegene und übermütige Seiten in der kontrollierten Catherine gibt.

Nachdem sie in ihr nüchternes Selbst zurückgefunden hat, realisiert sie, dass sie neuerdings einen eigenen Obdachlosen beherbergt und macht ihn zu ihrem Projekt.
Michel, der mal Informatiker war, bis er abstürzte, wird geduscht, bekommt das Haar gestutzt, den Bart entfernt und erhält einen schnieken Anzug sowie den Befehl, nicht mehr zu trinken.
Sodann wird seine nagelneue Karriere geplant.

Marion Kracht kennen wir nicht unbedingt als die übliche Boulevard-Pflanze, sie ist mindestens ebenso viel in seriösen Themen unterwegs.
In der Rolle der Catherine hat sie ulkig zu agieren und sie wächst in dieser Beziehung über sich selbst hinaus, manchmal vielleicht sogar einige Zentimeter zu viel.
Sie spielt die verbissene Karrierefrau mit einem solchen Einsatz an Mimik und Körpersprache, dass sie unwillkürlich an die drollige, hübsche Doris Day aus den Kult-Komödien der 60er erinnert. Ihre Augen funkeln ebenso blitzblau, ihr Mund ist ebenso entschlossen zusammengekniffen.
Doch vielleicht ist sie da ja völlig richtig angesiedelt.
Sie verkörpert schließlich genau denselben Typ der erfolgreichen, vernünftigen, adretten Zicke, die ihr reizendes Figürchen in immer wieder neuen hübschen Outfits präsentiert ( Kostüme und Bühnenbild, beides sehr angemessen, Gabrielle Ausonio) und die, deutlich sichtbar für den größten Ignoranten, im Grunde ein riesengroßes warmes Herz besitzt.
Das Publikum liebte sie jedenfalls ganz offensichtlich.

Daniel Morgenroth sieht bereits als Penner appetitlich genug aus, gewinnt in seiner zivilisierten Fassung und begeistert durch eine kleine Chanson-Einlage zur Gitarre, allein im Wohnzimmer.
Er tanzt mit Teeny Sarah zu ihrer überlauten Wummermusik, er bindet sich eine Schürze vor die neue feine Kluft und widmet sich dem Gemüseputzen, er ist so gar nicht erpicht darauf, sich erneut in der Geschäftswelt zu beweisen.
Morgenroth spielt das alles sehr anmutig und sympathisch. Wenn wir Glück haben, kennen wir solche Männer, es gibt sie wirklich.

Lene Winks Sarah hat die kleineste Rolle und sie macht das Beste daraus, mit Puschelfrisur und in den typischen zerfetzten Designer-Klamotten. (Als der Clochard Hemmungen hat, das feine Apartment zu betreten, macht Catherine ihm Mut, indem sie erklärt, neben ihrer Tochter werde er wie ein Prinz aussehen.)
Diese Sara ist beileibe nicht so schlimm wie viele Pubertierende, die man aus anderen Stücken oder womöglich privat kennt. Im Grunde glaubt sie unerschütterlich an die einzig wahre Liebe.
Sie ist sogar in der Lage, ihrer Mutter plötzlich zu sagen, sie hätte sie lieb, gefolgt von ein wenig Geknuddel.
Das ist durchaus nicht unglaubwürdig, sondern, weil so selten gezeigt, herzerfrischend.

Die Regie von Martin Woelffer verbindet die drei Darsteller sehr geschickt und harmonisch, zeigt jeden von allen Seiten und jeden ausführlich genug.

Antoine Rault, der Autor, schrieb Reden für Politiker, bevor er begann Theaterstücke zu verfassen.
Hier hat er eine sehr schöne Komödie geschaffen.
Nicht besonders neu, trotz der eingefügten aktuellen Elektronik, eher auf angenehme Art zeitlos.
Nicht übertrieben witzig, aber ausgesprochen amüsant.
Er lässt vieles weg, das gar nicht gesagt werden muss, sondern sich von selbst ergibt und was das Publikum sich ohnehin denken kann.
Und die Botschaft, die sein Stück enthält, ist womöglich simpel, doch niemand wird ihr widersprechen:
Es muss nicht immer so verbissen zugehen und die große Karriere ist nicht nötig, um glücklich zu sein.
Mit Menschlichkeit, etwas entspannter, vielleicht sogar mit Liebe, macht alles doch viel mehr Spaß…

Das Publikum in der Komödie im Winterhuder Fährhaus zeigte sich absolut begeistert und spendete ausdauernd Applaus.

„Auf ein Neues“
Komödie von Antoine Rault
Deutsch von Annette und Paul Bäcker
Regie: Martin Woelffer
mit Marion Kracht, Daniel Morgenroth und Lene Wink
Laufzeit noch bis 10. Januar 2016
Spielplan
Stückdauer: ca. 2 Stunden inkl. Pause
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis: Szenenfotos „Auf ein Neues”. Alle Fotos: © Barbara Braun
Header: Lene Wink und Marion Kracht.
Galerie:
01. Lene Wink, Daniel Morgenroth und Marion Kracht
02. Marion Kracht und Daniel Morgenroth
03. Daniel Morgenroth und Lene Wink
04. Lene Wink, Marion Kracht und Daniel Morgenroth.

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