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Theater - Tanz

Molière: Der Bürger als Edelmann

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Sonntag, den 07. Juni 2015 um 10:00 Uhr
Molière: Der Bürger als Edelmann 4.5 out of 5 based on 110 votes.
Der Bürger als Edelmann

Dieter Hallervorden spielt im Ernst-Deutsch-Theater Molières eitlen und geltungssüchtigen „Bürger als Edelmann“. Ein Sommerspaß, eine Gesellschaftsposse mit einigen Ausrutschern und dem Komödianten Didi Hallervorden in seiner besten Rolle – als Didi Hallervorden.

Was für eine Zeit für einen Komödienschreiber wie Molière! Die Glanzzeiten der Adelsherrschaft neigen sich dem Ende zu, das Bürgertum steigt auf, wird ökonomisch mächtig, bereit den Adel an der Spitze der Gesellschaft abzulösen und bleibt dennoch gesellschaftlich weit hinter ihm angesiedelt. Dessen Angehörigen verteidigen ihren Primat, die alten Privilegien, feine Lebensart und Bildungschancen hochnäsig, auch wenn’s in ihrer Kasse längst mau aussieht.

Molière hat ein feines Gespür für die Verwerfungen, die sich daraus im Lebensalltag ergeben. In „Der Bürger als Edelmann“, Premiere 1670 – vor 345 Jahren! – nimmt er sich beide vor: den vermögenden, Titel- und Lebensart suchenden Bourgeois Jourdain, der um jeden Preis in der feinen Gesellschaft dazu gehören möchte. Und die so mittel- wie gewissenlosen Adligen. Jourdain wirft hier dem Marquis Dorante Unsummen in den Rachen, mit denen der der Marquise Dorimène den Hof macht, bis er merkt: Auch sie ist arm wie eine Kirchenmaus.

Wenn man so ein Stück wie im Ernst-Deutsch-Theater in der Titelrolle mit einem Erzkomödianten wie Didi Hallervorden besetzt, dann bekommt man vor allem eines: Didi Hallervorden. Er spielt den Jourdain, quält sich in dieser Rolle mit Tanz- und Musik- und Fechtunterricht, lernt von einem Philosophielehrer hohle Banalitäten – alles in seinem heiligen, absurden und geradezu kindlich eifrigen Bemühen um gehobenen Status und eine glänzende – also adlige – Zukunft für seine Tochter und einen Seitensprung mit der Marquise.
Hallervorden hätte es schwer, sich von dem Hallervorden abzusetzen, den man aus dem Fernsehen und Kino kennt. Also bleibt er einfach Hallervorden, mit Berliner Sprachfärbung, ein Komödiant, der einfach keine noch so blöden Kalauer am Textesrand verkommen lassen kann. Dem Theatermann Molière würde das wohl gefallen haben, dessen Schauspiel- und Versschmiedekunst ja aus dem eher derberen reisenden Improvisationstheater stammt und der in der Uraufführung den Jourdain natürlich selbst spielte.

Das Feingeistige ist Hallervordens Sache nur selten
Allerdings weiß man aus zeitgenössischen Berichten, dass er neben drastischen Worten auch die Kunst der feinen Andeutung beherrschte. Ein Augenzeuge beschreibt das so: „Alles an ihm war Sprache; ein bloßer Schritt, ein Lächeln, ein Wimpernschlag, eine Kopfbewegung machten mehr verständlich, als ein Großsprecher in einer Stunde hätte sagen können.“ Eine überlebenswichtige Kunst, denn noch zu Molières Zeit trauten sich Kleriker aus der Deckung mit der radikalen Forderung, den frechen Theatermann (damals noch ein verfemter Berufsstand) kurzerhand zu verbrennen.

altDas Feingeistige ist Hallervordens Sache nur selten – immer dann, wenn er eine Ahnung davon bekommt, dass Bildung und Lebensart nicht nur Statussymbol sind, sondern auch innere Werte stärken. Er trägt mit Grandezza Kleidung, die ihn zum Gespött macht (Ausstattung mit feinen Kostümen: Stephan Dietrich) – und lässt die abgrundtiefe Unsicherheit darüber spüren, ob man das denn so macht. Da blitzt der große Schauspieler auf, der Hallervorden natürlich auch ist.
Die Textfassung von Regisseur Folke Braband setzt allerdings im Verlauf des Stücks zunehmend weniger auf solche Feinheiten. Sie orientiert sich immer stärker an platter Umgangssprache, unternimmt gern mal – darin Molière nicht fern – dümmliche Ausflüge ins Zotige, bei denen nicht jeder im Publikum dankbar lacht („Schöne Beine! Wann machen die denn auf?“) Dabei unternimmt die Regie gar nicht erst den naheliegenden Versuch, das Stück mit heutiger Geltungssucht und Statusprahlerei in Verbindung zu bringen, sondern bleibt im historischen Rahmen mit einigen verbalen Ausflügen ins Heute. Und recht eindimensional in der Zeichnung der übrigen Figuren: Madame Jourdain (Dagmar Biener), seine Tochter Lucille (Anja Boche), deren Liebhaber Cléonte (Oliver Dupont) und Anne Rathsfeld, die den Spagat zwischen dem Hausmädchen Nicole und der verarmten Marquise elegant meistert. So wie Oliver Nitsche den Marquis Dorante und den Philosophen und Philipp Sonntag und Harald Effenberg die diversen kleineren Rollen.

Hübsch ist die Turquoiserie, in der der adelsversessene Jourdain von Cléonte, seinem als bürgerlich abgelehnten Schwiegersohn in spe, mit dem türkischen Fantasietitel „Mammamouchi“ beglückt wird. Für die Zeremonie ist Cléonte in die Rolle des Sohns des Großtürken geschlüpft und gewinnt so natürlich die Hand von Lucille. 140 Jahre später ließ sich übrigens der Textdichter von Rossinis „Italienerin in Algier“ genau von dieser Szene inspirieren und den liebestollen und titelsüchtigen Bey von Algier zum „Pappataci“ erheben.
Molières Türken-Veralberung geschah allerdings im allerhöchsten Auftrag – nach Verstimmungen, die ein überheblicher Gesandter aus der Türkei am Hof ausgelöst hatte – Theater wurde zur diplomatischen Waffe, die der junge und theaterbegeisterte Sonnenkönig bei seinem Vergnügungsdirektor bestellte, für dessen erstes Kind er Pate gestanden hatte.

Auch das befreiende Lachen ist ein Vorbote der Revolution
Der „Bürger als Edelmann“ im Ernst-Deutsch-Theater ist alles andere als Tiefsinn schürfendes Problemtheater. Aber Molières Stücke sind bei aller Eleganz der Sprache keine scharfsinnigen Traktate der Aufklärung, sondern beziehen ihren Erfolg vor allem aus der scharfen Beobachtung von Missständen, Überheblichkeit und Eitelkeiten. Sie machen es möglich, die schlimmsten Auswüchse des alten Systems aufzupieken und bloßzustellen, indem man sich über sie amüsiert.

Dass auch das befreiende Lachen ein Vorbote zur Revolution sein kann, haben Molières Feinde natürlich genau gespürt, die ihm sein Leben schwer gemacht haben, wo immer sie konnten und wann immer die Protektion des Sonnenkönigs nicht ausreichte.
Die Koproduktion mit Hallervordens Schlosstheater in Berlin macht aus dem „Bürger als Edelmann einen großen Klamauk, der über weite Strecken hinter den Möglichkeiten des Stücks zurückbleibt. Wer einen aber Sommerspaß sucht und den Comédien Hallervorden bewundert, der wird sich damit bestens bedient fühlen, wie der Premierenapplaus bewies.

Molière: Der Bürger als Edelmann
Noch bis zum 12. Juli im Programm. Ernst-Deutsch-Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, 22087 Hamburg.
Kartentelefon: (040) 2270 1420

Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Szenenfoto: DERDEHMEL/Urbschat

 

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