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Theater - Tanz

Andreas Schmidt in der Komödie Winterhuder Fährhaus: „Mittendrin“

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(92 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Montag, den 29. Dezember 2014 um 11:14 Uhr
Andreas Schmidt in der Komödie Winterhuder Fährhaus: „Mittendrin“ 4.8 out of 5 based on 92 votes.
Andreas Schmidt in der Komödie Winterhuder Fährhaus: „Mittendrin“

Er trägt einen Allerweltsnamen, doch seine Ausstrahlung ist unverwechselbar und markant: Kein Schauspieler in Film und Fernsehen erscheint so verletzlich wie Andreas Schmidt.
Jetzt steht der Berliner in Hamburg auf der Bühne: In der Komödie Winterhuder Fährhaus.

Isabelle Hofmann traf den sympathischen Schauspieler zum Interview in Hamburg-Winterhude.

Isabelle Hofmann (IH): In der Komödie Winterhuder Fährhaus stecken Sie „Mittendrin“ in der schönsten Midlife-Crisis – als Marlenes Noch-Ehemann Rainer, der rührend hilflos versucht, seine Familie wieder zu kitten. Haben Sie sich bei der Vorbereitung mit dem Gedanken befasst: Scheidung, das könnte auch mir passieren?

Andreas Schmidt (AS): Na klar, den Gedanken muss man zulassen. Als Mann allein wird man ja nicht so alt wie im Familienverbund, das ist bekannt.

IH: Sie sind verheiratet und haben einen siebenjährigen Sohn. Was bedeutet Ihnen Familie?

AS: Familie ist für mich ein Ur-Boden, aus dem ich Kraft schöpfe, Freude und Liebe. Von dem aus ich täglich in die Welt gehe. Wenn die Familie im Zwist ist, macht das Rausgehen keine große Freude.

IH: Genau diesen Eindruck vermittelt auch Rainer. Was ist er für ein Typ?

AS: Das ist ein Mann, der das Eheversprechen „in guten wie in schlechten Zeiten“ ernst nimmt. Heutzutage wird zu schnell aufgegeben. Das betrifft auch Freundschaften. Die wichtigen Beziehungen in meinem Leben sind oft mehrere Dekaden alt. Da gibt es auch mal Achterbahnfahrten, das geht hoch und runter und das muss man aushalten können. Aber es lohnt sich zu kämpfen.

IH: Was machen Sie, wenn ein Rollenangebot kommt, aber die Familie Sie braucht?

AS: Es gibt kein so attraktives Rollenangebot wie meine Familie, nicht mal von Steven Spielberg.

IH: Sie haben den gescheiterten Ehemann schon öfter verkörpert. Zuletzt in der 110-Polizeiruf-Episode „Familiensache“, die Anfang November im Ersten lief. Ihr Arne Kreuz, der Mann, der nach Trennung und Jobverlust seine Familie auslöscht, hat sich nachhaltig in das Gedächtnis eingebrannt. Warum haben Sie ihn mit so viel Sympathie ausgestattet?

AS: Bei Arne haben sich die Urängste eines jeden Mannes Bahn gebrochen. Er wurde in seiner empfindlichsten Stelle getroffen – in seiner Männlichkeit. Arne musste als Kind erleben, wie seine Familie zerbrach und konnte das nicht verhindern. Wahrscheinlich ist er schon damals tausend Tode gestorben. Als er nun als erwachsener Mann den Zerfall seiner Familie erleben muss, nimmt er sie mit in den Tod, um sie gleichsam ''zu retten“. Mein amerikanischer Schauspiellehrer sagt immer, wenn es emotional richtig zur Sache geht: „Das ist es kein leichter Job! Es ist gefährlich. Man lernt Abgründe kennen“. Trotzdem macht es einen reicher, weil es einen den Menschen an sich besser verstehen lässt.

IH: Nur gut, dass nicht jeder so reagiert, wie der schwer gestörte Arne. Jobverlust und Trennung erleben ja viele. In Deutschland zerbricht fast jede zweite Ehe. Hat der „Bund fürs Leben“ ausgedient?

AS: Früher war es überlebenswichtig, versorgt und ernährt zu werden. Deshalb wurden Ehen ja arrangiert. Das hat auch ganz gut geklappt. Man kann ja auch lernen, jemanden zu lieben. Früher war auch Treue überlebenswichtig. Wenn einer der Partner sich einen anderen gesucht hat, war das Überleben der Familie gefährdet. Die Kirche hat natürlich noch ihre moralischen Eckpfeiler draufgesetzt, wie sie das oft macht, wenn es um ihre wirtschaftliche Interessen geht.

IH: Heutzutage ist die Frau nicht mehr in der totalen wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Mann.

AS: Ja, die Geschlechter wachsen mehr oder weniger zusammen. Ein Freund von mir hat mal gesagt: Frauen können alles besser. Sie lernen besser, sie arbeiten besser, sie haben die größere Ausdauer und die besseren sozialen Kontakte. Die Männer können da nicht mithalten. Wir Männer können eigentlich nur spinnen. Aber diese Spinnerei ist eine Riesenqualität.

IH: Auch Rainer, im Stück „Mittendrin“, wirkt wie ein liebenswerter Spinner, unbeholfen, verletzlich. Das Verletzliche scheint Ihr Markenzeichen zu sein: Alle Ihre Figuren haben etwas Gebrochenes an sich, sind irgendwie schrullig oder haben einen Knacks. Sehen Sie einen inneren Zusammenhang zwischen Ihrer Physiognomie und ihrer besonderen Ausstrahlung?

AS: Ganz sicher! Natürlich erzählen Köper, Gesicht und Ausstrahlung etwas über das Innere. Ich bin wahrscheinlich auch ein Stück weit ein schräger Vogel. Aber ich bin ebenso ein grundsolider Familienvater. Früher wollte ich diese Verletzlichkeit nie wahrhaben. Dann habe ich aber gemerkt: Genau das mochte die Frau an mir, die sich in mich verliebte und in die ich mich verliebte.

IH: Träumen Frauen nicht eher von dem strahlenden Helden, der alles kann und alles im Griff hat?

AS: Frauen wollen beides, den Macho und den Softie. Männer wollen übrigens auch beides. Die fürsorgliche Mutter und Ehefrau – und eine Sexbombe.

IH: Schwierig, das in der Ehe durchzuhalten, oder?

AS: Ob das klappt oder nicht, hat auch etwas mit Distanz und Geheimnis zu tun. Man darf sich nicht von seinem Partner auffressen lassen. Wie toll ist es, wenn Frauen mal allein losziehen und wenn Männer mal ganz unter sich einen Abend in der Kneipe verbringen.

IH: Würden Sie das Ihrem Rainer raten, wenn Sie könnten?

AS: Auf jeden Fall. Triff Dich mit Deinen Freunden, guck dich nach anderen Frauen um, und lass dich von der nächsten Frau bloß nicht gleich wieder unter den Pantoffel stellen.

IH: Haben Sie das Gefühl, dass Rainer in der Beziehung mit Marlene zu kurz gekommen ist?

AS: Das ist im Grunde eine tragische Geschichte, aber jede Komödie braucht ja einen ernsten Boden. Rainer liebt seine Familie, aber er hat sich nie das Recht rausgenommen, so zu sein, wie er es sich gewünscht hätte. Rainer ist nie zum Boxen gegangen, hat sie nie mit Freunden in der Kneipe volllaufen lassen und zu Hause Randale gemacht.

IH: Und? Ist das nun besonders männlich?

AS: Ja, das ist absurderweise männlich! Es ist männlich, auf dem Fußballplatz herumzubrüllen, mit Freunden zu saufen und auch mal in eine Rangelei zu geraten. Aber in unserer Gesellschaft ist das total tabu. Die Jungs dürfen zwar auf dem Fußballplatz bolzen, alles andere wird jedoch brav in Gesprächen geklärt. Aber manchmal ist das Leben nicht so clean und das Testosteron schießt voll rein.

IH: Körperliche Auseinandersetzungen nehmen doch zu, gerade in Großstädten wie Hamburg und Berlin.

AS: Klar, von Seiten der ungebildeten und religiös sozialisierten Schichten. Aber die gut erzogenen Jungs wissen nicht, wie man einem anderen in die Fresse haut.

IH: Wissen Sie es denn?

AS: Ja! Ich bin im Märkischen Viertel aufgewachsen. Ich war im Karate-Verein, ich habe geboxt und Fußball gespielt. Wenn man da nicht mithalten und sich körperlich zur Wehr setzen kann, hat man verloren. Das gilt übrigens nicht nur für irgendwelche sozialen Brennpunkte. Das gilt ganz allgemein, in der Wirtschaft und auch in der Politik.

IH: Was meinen Sie konkret?

AS: Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ein Land, das mitreden will in der Welt, kann ohne funktionierende Armee nicht existieren. Ich glaube, dass Deutschland erwachsen werden muss. Deutschland muss begreifen, dass es kein Anhängsel mehr von den USA ist. Den Kampf gegen die IS können wir nicht den USA und anderen Ländern überlassen. Wir müssen unseren Teil dazu beitragen.

IH: Sie fordern eine Aufrüstung und Beteiligung am Krieg gegen die IS?

AS: Es geht jedenfalls nicht, dass man das allein den anderen überlässt und sich hinten rum über sie beschwert. Und ich habe überhaupt keine Lust darauf, dass mittelalterliche, religiöse Ideen, bei denen es ausschließlich um Macht geht, nach Europa importiert werden, wo wir sie gerade erst überwunden haben. Ich bin katholisch aufgewachsen, ich weiß, was religiöse Engstirnigkeit bedeuten kann.

IH: Was kritisieren Sie an der katholischen Kirche?

AS: Das Zölibat ist unmenschlich und führt zu schlimmsten Vergehen an Menschen, an Kindern. Ein Mensch besteht aus Geist und Körper. Man kann nicht so tun, als würde es den Unterleib nicht geben oder ihn per se als ‚Sünde' abtun oder ihn verbieten. Ich habe so einen Brass auf allen religiösen Wahn. In bestimmtem islamischen Kreisen aber auch in anderen Religionen werden die Frauen weggesperrt und für Schlampen und Huren erklärt, wenn sie sich zu ihrer Sexualität bekennen oder gesteinigt dafür, dass sie ‚untreu' waren. – Das weckt Aggressionen, nicht nur bei mir, sondern zum Beispiel auch bei meinen muslimischen Freunden.

IH: Wir stecken in einem Dilemma: Einerseits die Sorge vor einer vermeintlich schleichenden Islamisierung, andererseits vor wachsendem Rassismus. Gerade jetzt brauchen immer mehr Flüchtlinge unsere Hilfe.

AS: Es gibt den Kult des Guten und die Kultur der Güte. Natürlich möchte ich den Flüchtlingen helfen. Aber wenn sie hier leben, müssen sie unsere Werte anerkennen und nach ihnen leben. Und ich halte es für fatal, die Ängste der eigenen Bevölkerung zu ignorieren.

IH: Wie kommen wir von Religion und Politik jetzt wieder auf Familie und Rollenbild?

AS: Indem Sie mir eine entsprechende Frage stellen.

IH: Was antworten Sie Ihrem Sohn, wenn er Ihnen mal die Frage stellt: Sag mal, Papa, warum spielst Du eigentlich immer die Opfertypen?

AS: Ich spiele schwache Rollen, weil die Menschen schwach sind, würde ich ihm antworten. Denn spannend wird ein Charakter erst, wenn er Probleme hat und man seine Probleme ernst nimmt.
Probleme haben alle, selbst die Helden in den Action-Filmen. Und noch etwas würde ich ihm sagen: Ich finde das Wort „Opfer“ im Sinne einer Beleidigung ganz furchtbar. Jeder Mensch hat Schwächen: Die eine ist zu dick, ein anderer hat Pickel und der dritte kann schlecht lesen. Männlichkeit und Verletzlichkeit schließen sich nicht aus. Die Verletzlichkeit hat ein jeder und das ist auch gut so. Ich gönne sie mir gerne.


„Mittendrin“
Von Folke Braband
Regie: Folke Braband
mit Adisat Semenitsch, Maike Bollow, Manon Straché, Andreas Schmidt, Lisa Becker und Christoph Schulenberger
läuft noch bis zum 18. Januar 2015, täglich außer montags (Di.-Sa. 19:30 Uhr, So. 18:00 Uhr, an ausgewählten Terminen auch um 15:30 Uhr) in der Komödie Winterhuder Fährhaus, Hudtwalckerstraße 13 in 22299 Hamburg
Kartentelefon: (040) 4806 8080.
Alle Infos unter www.komoedie-hamburg.de
Videoausschnitte


Abbildungsnachweis:
Header: Andreas Schmidt. Fotos: Isabelle Hofmann
Galerie:
Szenenfotos aus “Mittendrin“. Fotos: Joachim Hiltmann
01. Adisat Semenitsch und Andreas Schmidt
02. Adisat Semenitsch, Lisa Becker und Manon Straché
03. Andreas Schmidt

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avatar Fußballexperte Henning Juhre
+3
 
 
Ambitioniert, witzig und gut. Sehr gut gespielt, glaubhaft besetzt, dramaturgisch treffend. Die Komödie lebt von ihren guten Darstellern, wobei ich mit einer gewissen Eingewöhnungszeit in den ersten 15-20 Minuten zu tun hatte. Es "schwappt" zunächst nicht richtig rüber, wie wir zu sagen pflegen... Die mit Wortwitz gepaarten Dialoge sind ambitioniert. Für Freunde der leichten Unterhaltung sehr gut geeignet - eben eine typische "Winterhuder - Fährhaus - Darbietung". Andreas Schmidt ragt ein wenig hervor. Seine schneidende Stimme und schlaksige Erscheinung sind vertraut - ich mag es sehr gern. Insgesamt eine gelungene Aufführung.
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