Zum Anfang

Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 884 Gäste online

Neue Kommentare

Friedrich von der Lange zu „Snowden” – Patriot oder Verräter? : Von keinem anderen, als von Ollie Stone hätte ic...
Hein Daddel zu „Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue: Ein starker Film über eine starke Frau. Sehr gut...
Gerhard P. zu OKRA – Piano & Field Recordings: Wunderbar und spitzfindig geschrieben. Macht Spa...
Hans G. Gohlisch zu Chefredakteur von ZEIT ONLINE spricht über "Community Engagement und New Storytelling: Eigentlich habe ich einen Bericht über David Hoc...
adarompf@gmx.de zu „Mahana – Eine Maori-Saga”. Zwischen Tradition und Tyrannei : In allen Facetten genaue Beschreibung des Films, ...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2016

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Alain Platel: „Tauberbach“

Drucken
(121 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Dienstag, den 02. Dezember 2014 um 10:57 Uhr
Alain Platel: „Tauberbach“ 4.5 out of 5 based on 121 votes.
Alain Platel: „Tauberbach“

Was heißt normal, was heißt behindert?
In Alain Platels Stück „Tauberbach“ sind wir alle beschädigt – und Teil einer Wahnsinnswelt, die der belgische Choreograph und seine Compagnie „Les ballets C de la B“ als einzige große Müllhalde zeigen. Mit Platels furiosem apokalyptischem Abgesang auf Humanismus und Zivilisation endete am Wochenende auf Kampnagel das Hamburger Theaterfestival.

Ein Meer aus Lumpen. Der ganze Boden ist überhäuft mit Altkleidern, selbst die beiden Lichtbrücken, die sich anfangs langsam in Bewegung setzen, sind voll davon. Dass in dem Textilmüll auch noch menschliche Wesen stecken, fällt erst auf, als sich ein, zwei Körper mit in die Höhe ziehen, wieder abspringen, um wie gefallene Engel mit verrenkten Gliedern selbstverloren durch das Meer zu schwimmen. Ungerührt vom Getümmel um sie herum steht eine Frau, die auf Englisch und Fantasiesprachen vor sich hin brabbelt, in die von der Decke hängenden Mikrofone schreit und immer wieder mit den Stimmen in ihrem Kopf hadert. Gott erklingt als sonorer Bariton aus dem Off, ruft „Fahr zur Hölle“ und „Ich habe Euch geliebt, aber ihr seid unfähig wie Schweine“. Dann ertönt Bach, gesungen von einem Gehörlosen-Chor, roh und verstümmelt, aber nicht abstoßend, sondern anrührend in seiner unartikulierten Kreatürlichkeit. So anrührend und merkwürdig schön, wie die verquält-verstörten Bewegungsmuster der fünf hervorragenden Tänzer, die um diese Frau kreisen. Zu zweit, in Gruppen oder allein, erscheint jeder als Autist, gefangen in seinen Wahnvorstellungen und einem Körper, dessen Kontrolle ihm versagt bleibt. Verkrampft, verrenkt und verrückt brechen sich immer wieder Obsessionen bahn, münden in Aggressivität und Geilheit, archaischen und animalischen Ritualen, aber auch in überraschender Komik.

„Tauberbach“ ist zum einen inspiriert von „Tauber Bach“, dem Projekt des polnischen Künstlers Artur Zmijewski, der Bachs Chorgesang mit Gehörlosen in der Leipziger Thomaskirche einstudierte. Zum anderen von Marcos Prados Dokumentation über eine 63-jährige schizophrene Brasilianerin, die ihr bürgerliches Mittelstandsleben gegen eine Müllhalde bei Rio de Janeiro eintauschte. Weder ihre Kinder noch die Psychiatrie konnten „Estamira“ davon abhalten, immer wieder dorthin zurückzukehren. Elsie de Brauw spielt diese Frau mit Würde, Witz und Wut. Auf ihrer Müllhalde, so schleudert sie der Überflussgesellschaft entgegen, gäbe es alles, Milch, Honig, selbst Spaghetti. Ihre Stärke und Überlegenheit scheint in dem Maße zu wachsen, in dem die fünf Ausgestoßenen ihr zusetzen, sie angreifen, entkleiden, herumschleppen, überfallen.

Provokante Choreographien ist man von Alain Platel gewohnt. Seine Vergangenheit als Psychologe und Heilpädagoge beeinflussten schon frühere Stücke, doch so exzessiv triebgesteuert in ihren schamlosen Paarungsversuchen und Zurschaustellung deformierter Persönlichkeit sah man die Tänzer seiner Compagnie wohl noch nie. Großartig alle fünf, insbesondere Romeu Runa. Sein hocherotisches Solo im bodenlangen Abendkleid (Platels Verbeugung vor Pina Bausch), sowie das ekstatische Liebesspiel mit seiner Partnerin Lisi Estaras wird man nicht so schnell vergessen.

„Ich bin immer überrascht, dass es nicht mehr Wahnsinn gibt auf der Welt“, sagte Alain Platel einmal. „Dass die Menschen nicht noch mehr töten oder einfach verrückt werden“. Dieses Stück ist seine Bestandsaufnahme. Und die ist so gnadenlos hart und hellsichtig, dass es weh tut.


Alain Platel: "Tauberbach"
Von und mit: Bérengère Bodin, Elsie de Brauw, Lisi Estaras, Ross McCormack, Elie Tass, Romeu Runa
Regie: Alain Platel
Bühne: Alain Platel, Les Ballets C de la B
Kostüme: Teresa Vergho
Musikalische Konzeption: Steven Prengels
Sounddesign: Bart Uyttersprot
Dramaturgie: Koen Tachelet, Hildegard de Vuyst

Trailer zu Tauberbach aus den Münchner Kammerspielen

Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Szene aus Alain Platel: "Tauberbach". © Julian Röder

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Mehr auf KulturPort.De

Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer
 Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer



In der CD-Reihe „Neue Meister“ präsentieren Arash Safaian, Sebastian Knauer und Pascal Schumacher die Musik nach Motiven von Bach so, wie der Meiste [ ... ]



Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst
 Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst



Die Autorin dieses Beitrags ist begeisterte Reeperbahn Festival-Besucherin, schaut sich aber neben dem umfassenden Konzertangebot besonders gerne im „Arts& [ ... ]



Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper
 Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper



Radikal entschlackt, mit großen Lichtvorhängen ins Computerzeitalter gebeamt, lässt Regisseurin Jette Steckel die Neuinszenierung von Mozarts Opernhit „ [ ... ]



„Snowden” – Patriot oder Verräter?
 „Snowden” – Patriot oder Verräter?



Das Schlachtfeld heißt Cyberspace, und für US-Regisseur Oliver Stone ist sein Protagonist ein Widerstandskämpfer mit Vorbildfunktion. Ziviler Ung [ ... ]



Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch
 Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch



„Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit [ ... ]



Saisonstart mit philharmonischem Glück und symphonischem Tiefgang
 Saisonstart mit philharmonischem Glück und symphonischem Tiefgang



Die Hamburger Philharmoniker mit Kent Nagano punkten bei ihrer Saisoneröffnung mit Brahms’ Erster. Die Symphoniker Hamburg holen mit Thomas Adè [ ... ]



Weitere aktuelle Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.