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Musik

Wie die Musik Südafrika verändert

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 09. Juli 2014 um 10:03 Uhr
Wie die Musik Südafrika verändert 4.6 out of 5 based on 134 votes.
MIAGI - wie die Musik Südafrika verändert

In der Berliner Philharmonie startete Ende Juni die Europa-Tournee des MIAGI Youth Orchestra.
Es ist das Flaggschiff eines der ambitioniertesten Musikprojekte des afrikanischen Kontinents – MIAGI bedeutet „Music Is A Great Investment“; die Organisation setzt sich auf vielen Arbeitsfeldern für ein friedliches Miteinander ein, zu dem Musik die zentrale Motivation gibt. Am 11. Juli gastiert das Orchester in Hamburg, am 15. Juli in Ludwigsburg.

Das Publikum in der ausverkauften Berliner Philharmonie hielt es nicht mehr auf den Sitzen. Herzlicher, begeisterter, überschäumender Applaus für das MIAGI Jugendorchester aus Südafrika, das im Foyer nahtlos weiterspielte – das Konzert in Berlin bei den Young Euro Classics zeigte: Die jungen Südafrikaner sind ein Jugendorchester der Spitzenklasse, und sie haben keine Angst vor berühmten Sälen (ihre Europa-Tournee führt sie auch noch in die Hamburger Laeiszhalle, nach Ludwigsburg, Schweden und ins Amsterdamer Concertgebouw).
Der italienisch klingende Name ist die Abkürzung für einen englischen Satz, den der russische Violinist Maxim Vengerov dem südafrikanischen Musikprojekt geschenkt hat: Music Is A Great Investment. Denn MIAGI arbeitet nicht nur an der Musik, sondern auch daran, die südafrikanische Gesellschaft zu verändern. Das friedliche Miteinander im Jugendorchester und in den vielen anderen Projekten von MIAGI soll nach dem Willen seiner Gründer und Leiter „die Verfassung schützen, das Verständnis für ihre Prinzipien vertiefen, die Demokratie festigen und für die Menschenrechte eintreten, dem Rassismus entgegen treten, eine faire Gesellschaft schaffen helfen und auf lange Sicht auch zur Verringerung der Armut beitragen.“
Gründer und Leiter von MIAGI sind der in Südafrika geborene Tenor Robert Brooks, der nach 22 Jahren Karriere in Europa in sein Heimatland zurückkehrte, und die finnische Pianistin Ingrid Hedlund. Sie sorgen mit wenigen Mitarbeitern unermüdlich dafür, dass die ganze Bandbreite des MIAGI-Engagements finanziert werden und arbeiten kann.

Es begann 2001 als Festival, an dem auch berühmte Künstler teilnahmen: Maxim Vengerov, Thikundwi kha Sialala, Bruce Cassidy, Fazil Say, Miriam Makeba, the MIAGI Youth Orchestra & Youth BigBand, Sibongile Khumalo, das Soweto String Quartet, Louis Moholo, Madosini, the Ngqoko Women, Sergei Nakariakov, Ladysmith Black Mambazo oder das English Chamber Orchestra, um nur einige zu nennen.

MIAGI ist heute eine Organisation, die auf vielen Feldern arbeitet
Heute ist MIAGI eine Organisation mit unterschiedlichen Arbeitsfeldern, von denen das MIAGI Youth Orchestra nur eines ist – das Aushängeschild sozusagen, denn die derzeit etwa 80 Mitglieder des Auswahlorchesters, in das man über Vorspielen gelangt, leben die MIAGI-Idee des gemeinsamen Musizierens unabhängig von Herkunft und Hautfarbe. Klassische Musik war in Südafrika während der Apartheid den Weißen vorbehalten, Musikunterricht für Schwarze gab es kaum. Heute noch sind gemischte Kinderorchester eine Seltenheit. Die jungen Musiker tragen auf Konzertreisen die MIAGI-Idee als Botschafter in die Welt hinaus.

Das Jazz-Ensemble New Skool Orchestra rekrutiert sich aus den Reihen des Youth Orchestra, sein Inspirator und Dirigent ist der junge Jazzer Tshepo Tsotetsi.
Ein anderer Arbeitsbereich ist das Cape Gate MIAGI Centre of Music in Soweto, ermöglicht von einem begeisterten Unternehmer. Von hier schwärmen Musiklehrer in verschiedene Schulen von Soweto aus. Musik, das ist für Robert Brooks und die von MIAGI ausgebildeten Lehrer mehr als nur lernen, üben, proben und Konzerte geben. Musik ist eine Haltung gegenüber dem Leben, ein Haltung gegenüber anderen Menschen, sie schafft Sensibilität, Team-Geist und Selbstvertrauen. Und sie kann den Weg in ein besseres Leben weisen.
Die Kinder lernen Instrumente, sie lernen tanzen, besonders talentierte junge Musiker werden speziell gefördert oder bekommen Stipendien. So wie die junge Sängerin Pretty Yende, der MIAGI die Teilnahme an Wettbewerben in Europa ermöglichte. Die sie gewann – genau wie einen Platz im Opernstudio der Mailänder Scala. Heute singt sie an der New Yorker Metropolitan Opera und an vielen anderen großen Opernhäusern.

MIAGI vereint die Kräfte der klassischen Musik mit denen der traditionellen südafrikanischen und mit denen des Jazz; in allen Teilen Südafrikas werden Projekte unterstützt, Kontakte geknüpft und Auftrittsmöglichkeiten geschaffen. MIAGI-Auftragskompositionen vereinen unterschiedlichste musikalische Positionen und verbinden das musikalische Erbe Südafrikas mit klassischen Klängen der westlichen Welt, wie es auch jetzt bei der aktuellen MIAGI-Tour zu hören ist. So wird der interkulturelle Dialog selbstverständlich.

Die Finanzierung für ein solch großes und anspruchsvolles Music- und Education-Programm kontinuierlich zu gewährleisten, ist eine Herkules-Aufgabe. Glücklicherweise infiziert die wunderbare Idee immer neue Gönner und Helfer – in Südafrika, aber auch weit über die Landesgrenzen hinaus. MIAGI wird oder wurde unterstützt von der Regierung in Südafrika, von Unternehmen und von der internationalen Gemeinschaft. Zu den Förderern zählen der National Lottery Distribution Trust Fund, das Department of Arts and Culture, die Europäische Union, die Botschaft von Schweden in Pretoria, die Sunday Times, Nokia oder Total SA. In Deutschland soll bald ein Förderverein gegründet werden.

MIAGI zeigt, wie eine friedliche Zukunft für Südafrika erreichen lässt
Nach Hamburg gibt es seit mehr als zehn Jahren eine besondere Verbindung: 2003 spendeten Leser des Hamburger Abendblattes und NDR-Hörer Musikinstrumente für die Arbeit von MIAGI, 2006 in einer zweiten Aktion Noten. Ein Musiklehrer brachte 2003 gleich 16 Geigen, ein Cello, zwei Zithern und sogar einen Kontrabass, den er selbst gerade erst erworben hatte: „Ich habe einfach die Einstellung, dass man Dinge nicht festhalten, sondern loslassen sollte. Man spürt das doch: Wer viel gibt, bekommt immer auch viel zurück.“ Am Ende traten auch ein Cembalo, Blockflöten und ein geerbtes Akkordeon die Reise nach Südafrika an.

2012 war das MIAGI Youth Orchestra dann zum ersten Mal in Hamburg zu hören, bei zwei begeisternden Auftritten in der Farbik in Altona. Und nun setzt der Rockmusiker Jean-Jacques Kravetz mit seiner Musikstiftung Entrée dieses Engagement in Hamburg fort – er sammelte auf der Musikmesse in Frankfurt/Main Instrumente und Equipment für 40.000 Euro bei Herstellern und Händlern ein – sie befinden sich derzeit auf dem Seeweg nach Südafrika.

Auch das Schleswig-Holstein Musik Festival ist auf MIAGI aufmerksam geworden – und organisiert das Konzert am 11. Juli in der Laeiszhalle. Auf dem Programm Schostakowitschs Suite Nr. 2 für Jazzorchester, Anders Paulssons „Celebration Suite“, ein Auftragswerk von MIAGI auf der Grundlage von Protestliedern zum Ende der Apartheid in Südafrika. Und weitere Auftragswerke südafrikanischer Komponisten und Mitglieder des MIAGI-Orchesters.

Wer den jungen Musikern zusieht, spürt: Die Arbeit von MIAGI gibt eine Idee davon, wie sich in Südafrika eine friedliche Zukunft erreichen ließe – alle arbeiten gemeinsam an einer wunderbaren Sache und haben Spaß daran. Was einst trennte, ist nicht vergessen, aber es gehört definitiv zur Vergangenheit.

„Musik“, sagt Robert Brooks, „verbessert nicht nur das Gemeinschaftsgefühl.“ Er begreift MIAGI als gesellschaftliches Projekt: „Musik hat positiven Einfluss. Sie hat eine unglaubliche und geheimnisvolle Kraft.“ Sowohl Verhaltensstudien als auch neurologische Forschungen bewiesen, sagt er, „dass sie bei Kindern die Fähigkeiten zu abstraktem Denken verbessert und auch jene, die man braucht, um Mathematik und andere Wissenschaften zu lernen.“

Robert Brooks ist felsenfest davon überzeugt, dass Musik eine ganz grundlegende Rolle im neuen Südafrika spielen kann, vor allem, wenn es darum geht, die negativen Nachklänge der Apartheidspolitik zu überwinden: „Es gibt kein Allheilmittel gegen Armut, Gewalt oder Gleichgültigkeit, erst recht nicht in den ärmsten Regionen dieser Welt. Aber es gibt Möglichkeiten zur Prävention – Musik ist eine davon.“


MIAGI Youth Orchestra, Dirigent: Brandon Phillips. New Skool Orchestra, Dirigent: Tshepo Tsotetsi. Solist: Anders Paulsson, Sopransaxophon.
Freitag, 11. Juli 2014, 20.00 Uhr. Laeiszhalle Hamburg, Großer Saal.
Es gibt noch Restkarten unter www.shmf.de oder bei der Ticket-Hotline (0431) 2370 70

MIAGI bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen: Dienstag, 15. Juli, 20 Uhr. Theatersaal, Forum am Schlosspark Ludwigsburg. Karten unter: www.schlossfestspiele.de

 
Videos:
''Amaqhawe" aus der Celebration Suite des schwedischen Saxophonisten Anders Paulsson
Djembe Class at our Cape Gate MIAGI Centre for Music in Soweto 
Das Miagi Youth Orchestra in der Fabrik, Hamburg-Altona, 2012


Header-Abbildung: MIAGI

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