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Musik

„Faszinierende Konstellation“ – Stefan Soltesz dirigiert ‚Arabella’ an der Hamburgischen Staatsoper

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Donnerstag, den 01. Mai 2014 um 09:21 Uhr
„Faszinierende Konstellation“ – Stefan Soltesz dirigiert ‚Arabella’ an der Hamburgischen Staatsoper 4.5 out of 5 based on 141 votes.
Stefan Soltesz - Foto Matthias Jung

Die Koproduktion mit der Wiener Staatsoper zu ‚Arabella’ von Richard Strauss steht im Juni auf dem Programm der Hamburgischen Staatsoper.
Unter der Leitung des ungarischen Dirigenten Stefan Soltesz, der noch bis vor kurzem Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker und Intendant des Aalto-Musiktheaters in Essen war, wird dem Strauss-Jubiläumsjahr auch in Hamburg gedacht.
Annedore Cordes, Mitarbeiterin der Hamburgischen Staatsoper, traf Soltesz zum Gespräch.

Annedore Cordes (AC): Nach Wagner und Verdi 2013 gibt es jetzt, im Jahr 2014, einen weiteren großen Jubilar zu feiern, nämlich Richard Strauss. Sie gelten international als Strauss-Spezialist: Wie weit beherrschen die Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag Ihren Terminkalender?

Stefan Soltesz (SSo): Es stehen tatsächlich viele Strauss-Dirigate auf meinem Terminplan. Vor kurzem habe ich in Luxemburg die Christoph-Waltz-Inszenierung des ‚Rosenkavalier’ dirigiert, im Mai und Juni folgen die „Arabella“-Vorstellungen in Hamburg; danach bin ich für eine Wiederaufnahme von »Elektra« in Budapest, und im Dezember dirigiere ich ‚Ariadne auf Naxos’ in Taipeh. Aber das Jubiläum scheint sogar noch Auswirkungen auf das folgende Jahr zu haben, denn auch 2015 dirigiere ich ganz geballt Werke von Strauss, darunter eine Neuproduktion von ‚Arabella’, eine konzertante ‚Ägyptische Helena’ und in Asien noch einmal den ‚Rosenkavalier’.

AC: Strauss’ frühe Werke, die ‚Salome’ und die ‚Elektra’, produzierten noch Skandale, mit den folgenden Opern wie z. B. dem ‚Rosenkavalier’ oder der 'Arabella' wurde ihm dagegen ein Hang zum Biederen, Nostalgischen nachgesagt. Empfinden Sie diese Werke auch als rückwärtsgewandt?

SSo: Nein, nicht unbedingt als rückwärtsgewandt. Strauss war allerdings nie ein Avantgardekomponist. Seine Sinfonischen Dichtungen, mit denen er ja anfing, bevor er Opern komponierte, sind Zeugnisse der wilhelminischen Zeit und nicht Musik des 20. Jahrhunderts aus der Zwischenkriegszeit, die wir als Avantgarde bezeichnen. Bei den frühen Opern hat Strauss die sogenannte Tonalität partiell verlassen. Als Paradebeispiel wird meistens „Elektra“ angeführt, doch ich empfinde das bei ‚Salome’ genauso. Strauss hat betont, dass beide Opern in seinem Lebenswerk vereinzelt dastehen, seine Worte waren: „Ich bin in ihnen bis an die äußersten Grenzen der Harmonik, psychischen Polyphonie und Aufnahmefähigkeit heutiger Ohren gegangen.“ Er hat also selbst gespürt, dass er das musikalische Material ausgereizt hatte, und deshalb musste er wieder zu seinem eigentlichen Stil zurückkehren. In den dreißiger Jahren und auch später wurde seine Musik sicher als retrospektiv betrachtet und teilweise sogar verdammt. Aber ich glaube, dass man heutzutage über diese Kriterien gar nicht mehr nachdenken sollte. Strauss ist halt, wie er ist. In seinen Spätwerken wie ‚Der Friedenstag’ oder ‚Daphne’ neigt er für meinen Geschmack zu einem gewissen Manierismus. Ich glaube, es fehlte ihm in seinen letzten Jahren einfach ein starker Gegenpol, wie Hugo von Hofmannsthal es gewesen ist.

AC: Manche behaupten, auch die ‚Arabella’ habe bei aller Meisterschaft Schwächen, da die Arbeit wegen des plötzlichen Todes von Hofmannsthal nicht mehr richtig zu Ende geführt werden konnte. Was halten Sie von diesem Urteil?

SSo: Das empfinde ich nicht so. Die Dichtung war ja praktisch fertig. Es war so etwas wie ein Versuch, das Erfolgsrezept des ‚Rosenkavalier’ zu wiederholen. Interessanterweise findet man in beiden Werken einen merkwürdigen Hang zur Travestie. Die Rolle des Octavian wurde für eine Frauenstimme komponiert und stellt einen jungen Mann dar. Zdenka ist eine Frau und spielt einen Burschen. Irgendwie scheinen beide Autoren zu diesen Figuren, die zwischen zwei Geschlechtern schweben, doch eine starke innerliche Beziehung gehabt zu haben.

AC: Die Kerngeschichte wird gerne so interpretiert, dass sich das Bodenständige, Aufrichtige gegen eine im Sittenverfall begriffene dekadente Gesellschaft durchsetzt – Wunsch nach Halt und Beständigkeit. Empfinden Sie ‚Arabella’ vor allem als ein nostalgisches Stück, als Verklärung einer untergegangenen Welt, oder haben Strauss und Hofmannsthal hier etwas Doppelbödiges geschaffen?

SSo: Ja, eine gewisse Doppelbödigkeit ist sicher vorhanden. Die Oper entstand zwischen den beiden Weltkriegen, und die alten Gesellschaftsordnungen, so auch die Donaumonarchie, waren gerade untergegangen. Diese verlorene „Welt von gestern“ wird in „Arabella“ beschworen. Mandryka kommt ja aus einer entlegenen Gegend der alten Donaumonarchie und fährt in die Kaiserstadt, wo er auf die Familie des Grafen Waldner trifft: Der Vater, ein typischer Spieler, wie es sie damals, besonders in der k.u.k.-Monarchie, gegeben hat, und die Mutter Adelaide kümmert sich um ihn. Adelaide ist eindeutig ein Pendant zu ihrer Tochter Zdenka, die wie sie einen Hang zu den Erfolglosen hat – in diesem Fall ist es Matteo. Ohnehin sind viele Figuren in ‚Arabella’ ein bisschen psychopathisch. Matteo könnte beispielsweise aus Joseph Roths Roman ‚Radetzkymarsch’ stammen. Da gibt es ähnliche Charaktere. Matteo sagt ja an einer Stelle: „Dann gibt’s halt einen Ausweg: den Revolver.“ Dieser Satz beschreibt das typische Schicksal vieler Berufssoldaten in jener Zeit: Man hat Schulden, manch einer hat nach einer gewissen Zeit auch eine Geschlechtskrankheit, man ist spielsüchtig, und irgendwann, wenn man sein Leben überhaupt nicht mehr in den Griff bekommt, bringt man sich um. Alles in allem eine faszinierende Konstellation, in der das positive Paar einen starken Gegenpol bildet: Arabella ist die einzige, fast erschreckend normale Figur in dieser Familie, ebenso der ehrliche und selbstverständlich erfolgreiche Mandryka. Die anderen befinden sich in der Welt des Versagens…

AC: Wie Sie schon sagten, beabsichtigten Strauss und Hofmannsthal einen zweiten ‚Rosenkavalier’. Was macht die Partitur der ‚Arabella’ unverwechselbar?

SSo: Hofmannsthal war ja Wiener und Strauss immerhin Wahlwiener. Natürlich gibt es in der ‚Arabella’ Verwandtschaften mit dem ‚Rosenkavalier’: In beiden Fällen haben wir es mit einer virtuosen und komplexen Partitur zu tun, es gibt viele Wiener Walzer und Walzer-Anklänge, praktisch während des gesamten zweiten Teils. Für die Ballszene hat Strauss sich sogar das Finale aus dem zweiten Akt der „Fledermaus“ ausdrücklich zum Vorbild genommen, das eigentlich ein riesiger Konzertwalzer ist. Charakteristisch ist aber auch, dass er Melodien und Liedgut aus Kroatien und eine von der Volksmusik kommende Motivik verwendet, um die Herkunft Mandrykas zu spiegeln – und das unterscheidet die ‚Arabella’ natürlich von der Musik des ‚Rosenkavalier’.

AC: Sie selbst stammen auch aus Wien. Rührt daher Ihre große Faszination für Strauss und Hofmannsthal?

SSo: Faszinierend finde ich, dass diese zwei typischen Vertreter der auslaufenden Monarchie-Zeit, die man heute vielleicht als Supermachos bezeichnen würde, so sensibel Frauenschicksale darstellen konnten. Strauss war ein Komponist für Frauenstimmen und Frauenrollen. Auch deswegen schrieb er die Partien des Octavian oder des Komponisten in ‚Ariadne auf Naxos’ für Sängerinnen. Und selbst wenn diese Figuren auf der Bühne Männer darstellen sollen, bleiben sie doch immer weiblich, denn sie werden ja von Frauen gesungen. Das ist eine völlig andere Situation als in der Barockoper, wo ich mich entscheiden kann, eine Rolle mit einem Countertenor oder mit einer Mezzosopranistin zu besetzen. Diese besondere Sensibilität für Frauencharaktere empfinde ich als ganz ungewöhnlich für diese Zeit. Aus diesem Blickwinkel würde ich Strauss und Hofmannsthal als geistige Vorreiter für die Darstellung der Seelenzustände der Frau betrachten.

AC: „Nun ist die sentimentale und immer auch etwas wehleidige Erinnerung an bessere Zeiten nicht jedermanns Sache, weshalb die ‚Arabella’ von Richard Strauss auch nicht zu den ganz großen Publikumserfolgen zählt“, hat Stefan Zweig geschrieben. Würden Sie dem Autor Recht geben?

SSo: Strauss hat ja immer wieder die sogenannten schönen, man könnte fast sagen: kitschigen Stellen komponiert. Die findet man nicht nur in ‚Arabella’, sondern bereits in der Musik der ‚Elektra’, die ja noch ein Ausläufer des Jugendstils ist. Gleichzeitig hat er sich dafür aber auch ein bisschen geschämt, etwa über die »schönen« Stellen bei Jochanaan oder über die Figur Da-Ud in der ‚Ägyptischen Helena’, die eine in Terzen und Sexten dahingehende Musik singt. Eigentlich mochte Strauss das gar nicht. Und darum hat er, wenn er selbst die musikalische Leitung übernahm, darüber immer ganz schnell hinwegdirigiert. Als man ihn fragte, wieso er diese Passagen immer so schnell dirigiere, hat er geantwortet: „Weil ich sie nicht mag.“ Daraufhin wollte man wissen, wieso er sie dann überhaupt geschrieben habe. Und Strauss antwortete: „Das braucht’s halt für die Dienstmädchen, glauben S’ mir, das Volk ginge nicht in den ‚Tannhäuser’, wenn das ‚Lied an den Abendstern’ nicht drin wäre.“


Richard Strauss: 'Arabella'
Musikalische Leitung: Stefan Soltesz
Inszenierung: nach Sven-Eric Bechtolf
Bühnenbild: Rolf Glittenberg
Kostüme: Marianne Glittenberg
Chor: Christian Günther

Besetzung:
Alfred Muff (Graf Waldner), Cheryl Studer (Adelaide), Camilla Nylund (Arabella), Katerina Tretyakova (Zdenka), James Rutherford (Mandryka), Stephan Rügamer (Matteo), Chris Lysack (Graf Elemer), Moritz Gogg (Graf Dominik), Alin Anca (Graf Lamoral), Sumi Jo (Die Fiakermilli), Katja Pieweck (Eine Kartenaufschlägerin)

Orchester: Philharmoniker Hamburg
Chor der Hamburgischen Staatsoper

Auführungen:
30.05.2014 19:00 - 22:00 Uhr
04.06.2014 19:00 - 22:00 Uhr
10.06.2014 19:00 - 22:00 Uhr
13.06.2014 19:00 - 22:00 Uhr
ORT: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
PREISE: 5,- bis 98,- € (B)


Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper, Annedore Cordes schrieb diesen Beitrag für das Journal Nr. 5 2013/2014.

Abbildungsnachweis:
Header: Stefan Soltesz. Foto: Matthias Jung

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