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Musik

„Der scharlachrote Buchstabe“ – eine Oper von Fredric Kroll

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Montag, den 07. April 2014 um 10:04 Uhr
„Der scharlachrote Buchstabe“ – eine Oper von Fredric Kroll 4.5 out of 5 based on 192 votes.
„Der scharlachrote Buchstabe“ – eine Oper von Fredric Kroll

Die Musik, ein Roman, ein Lebensgefühl und eine Oper – sie begleiten den Komponisten Fredric Kroll seit seinen Schülertagen in New York.
Dort wurde er 1945 geboren, seine Großeltern waren 1905 aus Weißrussland eingewandert. Nicht unwahrscheinlich, dass ihr Schiff nach Amerika im Hamburger Hafen ablegte...
Musik gehört seit Anbeginn zu seinem Leben; der Vater war Musikpädagoge, auf seinem Schoß sitzend hat der Dreijährige dem Klavier die ersten Töne entlockt. Das Klavier. Ein widerspenstiges Instrument. Der Komponist gesteht heute: „Ich war unfleißig beim Üben.“ Ausgeglichen hat er das, indem er früh improvisieren lernte, seine Musik also einfach erfand. Die Ermahnung des Vaters: „Du hast das Stück nicht komponiert, also zähle“, legt der Knabe eigenwillig aus: „Dann komponiere ich eben und muss nicht zählen.“

Das Komponieren. Er schreibt Kammermusik, mit zwölf Jahren eine Symphonie, dann eine Ballade nach einem Text von Edgar Allan Poe. Zur Oper kommt er über Schallpatten, dann über Opernfilme im Kino, bald sitzt er zum erstenmal live in der Metropolitan Opera – „Tosca“. Das war 1958.

Er spürt sofort: Das ist meine Welt. „Es heißt ja heute oft: Die Oper ist eine künstliche Gattung, zum Tode verurteilt. Ich glaub das nicht, ich habe da eine eigene These: Man braucht nur kleine Kinder zu beobachten, die erzählen selber kleine Geschichten im Singen. Es war kein Zufall, dass die Poeten früher Sänger waren.“

Bald will er selbst eine Oper schreiben, gleich die volle Partitur. Er wählt ein schwieriges Sujet: den Holocaust: „Paris 1940, ein jüdisches Paar auf der Flucht, versteckt, verliebt, verheiratet, denunziert, deportiert, ermordet.“ „The Persecuted“ bleibt Fragment, er muss einsehen, dass er dem Stoff nicht gewachsen ist.

Dann, mit 15 Jahren liest er im Unterricht den Roman, der sein jugendliches Lebensgefühl trifft: „The Scarlet Letter“ von Nathaniel Hawthorne, deutscher Titel: „Der scharlachrote Buchstabe“.

Die Geschichte der jungen Frau, die von England um 1640 in die puritanischen Kolonien in Amerika auswandert, ein uneheliches Kind bekommt und die Identität des Vaters verschweigt. Die deshalb geächtet wird, einen scharlachroten Buchstaben der Schande auf ihrer Kleidung tragen muss, die ihr Kind großzieht. Deren betrogener Ehemann in dieselbe Siedlung kommt und als böses Gewissen den von Schuldgefühlen gequälten Kindsvater peinigt, bis zur Katastrophe.

Fredric Kroll, den komponierenden Schüler, packt die Gefühlswelt dieser Geschichte mitten in einer persönlichen Krise, auch er fühlt sich als Außenseiter von einem bösartigen Kollektiv verfolgt. „Ich habe mich gleich mit dem betrogenen Ehemann identifiziert. Ich fand mich hässlich und gehänselt. Ich mochte die schicksalverhaftete Art dieser Romanfigur sehr.“

Eine Stelle mag er besonders: „O brook! O foolish and tiresome little brook! Why art thou so sad? Pluck up a spirit, and do not be all the time a-sighing!“ („O Bach! O törichtes, lästiges Bächlein! Warum bist du so traurig? Fasse doch Mut, und seufze nicht nur immerzu!“). Da schießt ihm eine Melodie durch den Sinn, und er weiß: „Ich muss diese Oper komponieren.“

Zwischen 1960 und 1965 schreibt er die Klavierfassung nieder, wochenends und während der Ferien. Auch an die Umstände erinnert er sich: dass sich „die Übungsräume der Universität Rochester, wo ich die Oper zu einem beträchtlichen Teil komponierte, im Keller des Wohnheims der Studentinnen befanden. Um dorthin zu gelangen, mußte ich über die sich Küssenden in den öffentlichen Räumen des Erdgeschosses hinweg stapfen. Es war der pure Verzicht auf Triebbefriedigung – um mittels der Kunst den Schmerz über den Mangel an Triebbefriedigung auszudrücken.“

Er beginnt mit der Instrumentierung – und legt sie bald beiseite. Die Eastman School of Music hatte ihn abgelehnt, weil er weder Oboe noch Klavier gut genug spielen konnte, er studiert Deutsche Literaturwissenschaft. 1969 verlässt er Amerika, um seine Dissertation in Deutschland vorzubereiten, aber auch aus Protest gegen die Vietnam-Politik der USA und um dem Militär zu entgehen.

Er beendet seine Doktorarbeit über Klaus Mann – auch der ein Außenseiter – und macht sich an sein zweites Lebenswerk: eine 3000-seitige Biographie des Schriftstellers, die 2006 vom Männerschwarm Verlag veröffentlicht wird. Kroll gibt 1974 ein einjähriges Zwischenspiel als Lehrer am Hamburger Gymnasium Müssenredder (heute Carl-von-Ossietzky-Gymnasium), arbeitet als Übersetzer und Lehrbeauftragter der Universität Freiburg.

Seine Oper hat er nicht vergessen. Es gibt Aufführungen mit Klavierbegleitung, 1981 in Cape Coral/Florida, 1998 den dritten Akt konzertant in Freiburg/Br. Erst zwischen 2007 und 2010 instrumentiert er die gesamte Partitur für großes Orchester.
Fragt man ihn nach musikalischen Vorbildern, nennt Kroll Tschaikowsky, Puccini und die Veristen Catalani, Giordano, Leoncavallo und Mascagni. Und Mahler. „Sie alle haben meine Musik zu ‚The Scarlet Letter’ entfesselt. Der spätromantisch anmutende Stil kommt vom Herzen; möge es zu Herzen gehen.“

Vor zwei Jahren schrieb Fredric Kroll 50 deutsche Opernhäuser an, mit einer Muster-CD. Erst ein eher zufälliges Gespräch bei einer Hochzeit führte ihn auf Umwegen zur Hamburger Kammeroper und deren musikalischem Leiter Fabian Dobler, der nun die Kammerorchester-Fassung arrangiert hat. Und so kommt die Oper „Der scharlachrote Buchstabe“ nun in Hamburg zum erstenmal mit Orchesterbegleitung auf eine Opernbühne – nach fast 50 Jahren.


***
Welturaufführung am 9. April 2014 in der Hamburger Kammeroper: Die erste vollständige szenische Aufführung mit Orchester der romantischen Oper „Der scharlachrote Buchstabe“ – nach Nathaniel Hawthornes beklemmendem Roman – geschrieben vom Deutsch-Amerikaner Fredric Kroll (s. Porträt unten), ging in dessen Anwesenheit über die Bühne des Theaters an der Max-Brauer-Allee. Begeisterung beim Premierenpublikum im ausverkauften 200-Plätze-Haus, vereinzelte kritische Stimmen auch, denen die Musik nicht weit genug in die Moderne ausgriff. Kroll verwendet immer wieder bekannte, sogleich aber ins Unerwartete gewendete Formeln aus dem Ausdrucksschatz von Puccini oder Wagner oder Tschaikowsky, um das düstere Drama um Ehebruch, Schuld, Gewissen, Heimlichkeit, Ausgrenzung, Bigotterie und neue Schuld aufzublättern.

Die eingängige Kammerfassung für sieben Musiker (vier Streicher, Oboe, Fagott, Akkordeon) hatte der musikalische Leiter der Kammeroper, Fabian Dobler, erstellt, den deutschen Text Barbara Hass geschrieben. Unter den Solisten glänzten Marius Adam (Chillingworth), Daniel Pohnert (Arthur Dimmesdale), Rebekka Reister (Hester Prynne) und Natascha Dwulecki (Pearl). Die Regie (Michael Bogdanov) nutzte klug die Möglichkeiten der kleinen Bühne; Kathrin Keglers Bühnenbild und Barbara Hass’ Kostüme ließen die enge puritanische Atmosphäre der Handlung greifbar werden. So konventionell und gleichzeitig auch so leicht zugänglich kann zeitgenössische Oper sein.


„Der scharlachrote Buchstabe", Uraufführung in der Hamburger Kammeroper, Max-Brauer-Allee 76 in Hamburg-Altona.
Ab 9. April, Infos unter www.hamburger-kammeroper.de, Karten (22,50 bis 35 Euro) unter (040) 3829 59 (Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa und So 11-16 Uhr) oder per E-Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.


Unser Autor Hans-Juergen Fink unterstützt die Hamburger Kammeroper in ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Das Porträt des Komponisten Fredric Kroll entstand als Originalbeitrag für das Programmheft der Uraufführung.

Abbildungsnachweis:
Header: Rebekka Reister (Hester Prynne), Natascha Dwulecki (Pearl) Copyright Dr. Joachim Flügel
Galerie: Plakat von Holger Matthies; v.l. Michael Bogdanov/Regie, Fredric Kroll/Komponist und Fabian Dobler/musikalische Leitung. Foto: Hans-Juergen Fink

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avatar Mag. Eva-Maria Blechinger
+1
 
 
Ich habe gestern die Dernière dieser Oper gesehen, mein Mann und ich kamen extra aus Wien angereist, wir waren total begeistert, das ist eine Oper, die ins Ohr geht mit schönen Melodien, packend, rührend, einfach alles, was eine gute Oper auszeichnet, auch eine gute Inszenierung und Instrumentierung für 7 Musiker. Wir hoffen, diese Oper auch bald mit Orchester auf einer großen Bühen zu hören und zu sehen.
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