Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 969 Gäste online

Neue Kommentare

C.Müller zu Roots – Katja und Marielle Labèque zum Schleswig-Holstein Musik Festival in der Laeiszhalle: Erhalt des Kultursommers auf der Trabrennbahn Bah...
Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...

Anzeige

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Musik

Aus der Bahn geworfen – ‚Carmen’ ohne Folklore

Drucken
(129 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 11. Dezember 2013 um 11:03 Uhr
Aus der Bahn geworfen – ‚Carmen’ ohne Folklore 4.5 out of 5 based on 129 votes.
Carmen ohne Folklore

Als geradlinige Geschichte eines Außenseiters will Jens-Daniel Herzog die Begegnung von Don José und Carmen an der Hamburgischen Staatsoper erzählen.
Die Neuinszenierung von Bizets populärem Klassiker dirigiert Alexander Soddy, Elisabeth Kulman singt die kompromisslose Titelheldin.

Eine Feier des Lebens: Als Don José seine Strafe im Gefängnis abgesessen hat, empfängt Carmen ihn mit einer Unbedingtheit, die kein Morgen kennt. Das Geld, was er gespart hat, wird sofort ausgegeben: „Komm, wir verfuttern den Mammon!“, ruft sie dem zögernden Liebhaber zu. Und dann geht es ins nächste Geschäft: Wein, Süßwaren, Delikatessen, alles wird sofort und ohne Bedenken besorgt und verzehrt. Carmen verführt den braven Soldaten aus gutem Hause zum ultimativen Genuss: „Wir verbrachten den ganzen Tag mit Essen, Trinken und dem Übrigen“, bilanziert er lakonisch.

So erzählt es eine kleine Episode in Prosper Mérimées 1845 erschienener ‚Carmen’-Novelle, die Georges Bizet dreißig Jahre später als Vorlage diente. Viele prägnante Details hat der Komponist übernommen – etwa Carmens Tanz mit den zerbrochenen Tellerscherben –, das eingangs beschriebene intime Fest ist nicht dabei. Doch es bringt Carmens Faszination auf den Punkt: Sie wirkt durch ihre Augenblicksmentalität und ist der radikale Gegenentwurf zum Spießertum mit Sparbuch. Carmen postuliert die Freiheit des Individuums jenseits aller gesellschaftlichen Zwänge. Dieser grenzenlosen Autonomie verfällt auch Don José. Doch er kann den sozialen Spielregeln nicht entkommen.

Mérimées Novelle berichtet weniger von erotischer Glut unter der Sonne Andalusiens als vom Abstieg eines Mannes, der zum Mörder wird und dafür sterben muss. Vor seiner Hinrichtung legt er seine Begegnung mit Carmen offen, die sein Leben an einen Wendepunkt brachte. Diese Perspektive hat auch Regisseur Jens-Daniel Herzog interessiert: „Merimées Novelle rekonstruiert ja die Geschichte eines Mordes. Don José begeht quasi Selbstmord, indem er jemand anderes umbringt. Damit wirkt er auf mich fast wie eine Wozzeck-Gestalt: ein geächteter Außenseiter, vor allem mit seinem eigenen Begehren beschäftigt, das er abtöten muss. Für den Zuschauer ist er der psychologisch interessantere Charakter, der auch zur Identifikation einlädt. Carmen dagegen ist bewusst eine völlig ungreifbare Figur.“

Mit ‚Carmen’ setzt die Staatsoper Hamburg ihre Neubefragung der Repertoireklassiker fort. Nach den sehr erfolgreichen Neudeutungen von ‚La Traviata’ und ‚Madama Butterfly’ wird nun auch die fast 35 Jahre alte Inszenierung von Piero Faggioni ausgetauscht. Mit seiner ebenso schlüssigen wie spannenden Regie bei Telemanns Barockoper ‚Flavius Bertaridus’ hat Jens-Daniel Herzog vor zwei Jahren an der Dammtorstraße gezeigt, dass er selbst die verwickeltesten Konstellationen geradlinig und scharfsichtig inszenieren kann. Einen Standpunkt, den er gemeinsam mit seinem Ausstatter Mathis Neidhardt auch für ‚Carmen’ verfolgen wird: „Wir wollen die Geschichte ohne Folklore vor allem pur und direkt erzählen. Das Milieu ist eine Studie des gesellschaftlichen Verfalls: Die Zigarettenfabrik, in der Carmen arbeitet, dient als letzte ökonomische Ressource dieser Gegend. Und als sie geschlossen wird, bleibt nur noch ein leerer Raum des Feierns für die, die nichts mehr haben. Da es an geregelter Arbeit fehlt, hält man nach ›Zusatzgeschäften‹ wie Schmuggel und Diebstahl Ausschau.“

In diesem improvisierten Überlebenskampf trifft Don José, der fremde Soldat, auf die Zigeunerin Carmen. Georges Bizets letzte und bei weitem populärste Oper war ein Auftrag der Pariser Opéra-Comique und sollte ursprünglich tatsächlich ein heiteres Stück werden. Durch die Stoffwahl wurde die Gewichtung zwar verschoben – doch geblieben ist die Leichtfüßigkeit, Brillanz und Transparenz von Bizets Komposition. Mit einem berühmten Aperçu von Nietzsche: „Diese Musik schwitzt nicht.“ Sie behauptet nicht – wie es seinerzeit zahllose Wagner-Epigonen taten – mehr zu sein, als sie ist, bekennt sich zu klaren Formen und direkter emotionaler Anrede ohne schwurbelndes Pathos. Umso seltsamer, dass man ausgerechnet »Carmen« schon kurz nach der Uraufführung als schicksalhaft dräuendes, morbides Femme-fatale-Klischee missverstand. Viele ‚Carmen’-Inszenierungen der jüngeren Zeit haben versucht, dieses gleichwohl übermächtige Bild zu korrigieren, und ihnen folgt auch Jens-Daniel Herzog: „Bizet verdichtet die psychischen Zustände seiner Figuren auf das Knappste. Diese Direktheit finde ich großartig. Wir haben uns ja auch für die originale Version mit Dialogen statt der nachkomponierten Rezitative entschieden, um diesen falschen Schwulst, der das Stück immer noch umgibt, ganz abzukratzen.“

Am Pult wird sich darum auch Alexander Soddy kümmern. Der junge englische Dirigent kehrt nach seinen höchst erfolgreichen ‚Lehrjahren’ an der Staatsoper Hamburg nun zurück, nachdem er in München, Berlin und nun als GMD im österreichischen Klagenfurt reüssierte. Mit der verwickelten Quellenlage von Bizets Oper, die nach dem frühen, plötzlichen Tod des Komponisten durch wohlmeinende Hände oft ‚korrigiert’ wurde, hat er sich eingehend beschäftigt. Und auch Alexander Soddy favorisiert eine luzide, vitale »Carmen«-Lesart. Zur Seite steht ihm dabei eine junge Sängerriege: Mit besonderer Spannung wird das Hamburg Debüt der österreichischen Mezzosopranistin Elisabeth Kulman erwartet. Sie gilt als charismatische Bühnenpersönlichkeit mit farbintensivem Timbre und hat keine Furcht, anzuecken – was ihr für die Darstellung der Carmen sicher nicht schadet. Nikolai Schukoff, zuletzt als Parsifal zu Gast, übernimmt den Don José, der beliebte Ensemblebariton Lauri Vasar den Rivalen Escamillo.

Unter den Anregungen der Novelle Mérimées, die Bizet zu ganz neuen Szenenkomplexen ausbaute, ist auch der Stierkampf des Toréadors Escamillo. Bei Mérimée nur kurz erwähnt, weitet Bizet ihn zu einem großen, farbigen Chortableau mit elektrisierender Musik. Die Stierkampf-Begeisterung der Massen sieht Jens-Daniel Herzog durchaus vergleichbar mit der heutigen Funktion des Sports als sozialem Kitt, als Refugium derer, denen sonst wenig bleibt. Das archaische Ritual des Stücks ist für ihn dennoch nicht der Stierkampf, sondern der Mord an Carmen: „Don José vollstreckt damit fast so etwas wie einen Ehrenmord: die männliche Rache an der sich verweigernden Frau. Ein merkwürdig obsoletes Ritual einer untergegangenen Welt, in der sich die gesellschaftlichen Bindungen bereits aufgelöst haben.“

Ausdrücklich verwahrt sich der Regisseur gegen die Deutung, dass Carmen eine leere Projektionsfläche für erotische Fantasien der Männerwelt ist. „Ich möchte wirklich die ganz individuelle Begegnung von Carmen und Don José erzählen“, sagt Jens-Daniel Herzog. „Es ist seine Carmen, die da kommt – nicht die Carmen für alle. Und er spielt diese Begegnung, die ihn so aus der Bahn geworfen hat, wieder und wieder durch.“


Georges Bizet: "Carmen" in der Hamburgischen Staatsoper, Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Inszenierung: Jens-Daniel Herzog. Bühnenbild und Kostüme: Mathis Neidhardt. Licht: Stefan Bolliger. Chor: Eberhard Friedrich. Dramaturgie: Hans-Peter Frings, Kerstin Schüssler-Bach

Es singt der Chor der Hamburgischen Staatsoper.

Vorstellungen:
SO, 19.01.2014 18:00 Uhr
MI, 22.01.2014 19:00 - 22:30 Uhr
SO, 26.01.2014 18:00 - 21:30 Uhr
MI, 29.01.2014 19:00 - 22:30 Uhr
SO, 2.02.2014 16:00 - 19:30 Uhr
FR, 7.02.2014 19:00 - 22:30 Uhr
SO, 9.02.2014 18:00 - 21:30 Uhr
MI, 12.02.2014 19:00 - 22:30 Uhr

Preise: 7,- bis 176,- € (P)

Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper, Kerstin Schüssler-Bach ist dort Dramaturgin.
Fotonachweis: (c) Hamburgische Staatsoper
Header: Elisabeth Kulman. Foto: (c) Julia Wesely

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Musik > Aus der Bahn geworfen – ‚Carmen’ ohne F...

Mehr auf KulturPort.De

„Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik
 „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik



Er inspirierte Künstler wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe und die Village People, seine markanten erotischen Zeichnungen veränderten radikal das Selbstverst [ ... ]



Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem
 Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem



Gerade war sie noch beim Schleswig-Holstein-Musikfestival zu hören und debütierte – nun kommt zeitnah dazu ihr Debütalbum auf dem Markt. Gemeinsam mit Piani [ ... ]



Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel
 Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel



Es ist dunkel in der Hamburger Gralsburg, als Achim Freyer mit seiner „Parsifal“-Interpretation den Start in die neue Saison der Staatsoper zelebriert. Der 8 [ ... ]



Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage
 Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage



Wie kann ein Künstler heute ungebunden und frei arbeiten? Ungebunden ist durchaus möglich – frei arbeiten stößt aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen.  [ ... ]



Maria Callas – zum 40. Todestag am 16. September 2017
 Maria Callas – zum 40. Todestag am 16. September 2017



Ingeborg Bachmann erahnte es Anfang 1956, als sie in der Mailänder Scala Maria Callas, die einzige Person erlebte, „die rechtmäßig die Bühne in diesen Jahr [ ... ]



Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg: „Geld oder Leben – Nachdenken über Nachhaltigkeit“, ein Symposium
 Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg: „Geld oder Leben – Nachdenken über Nachhaltigkeit“, ein Symposium



„So interessant und inspirierend! Das muss man unbedingt wiederholen!“
Der Tag war lang, acht Vorträge in fast zehn Stunden – doch die rund 50 Teilnehme [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.