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Musik

Die Befreiung des Bewusstseins. Die Beatniks in „USA: poetry on stage“

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Geschrieben von Kerstin Schüssler-Bach  -  Donnerstag, den 24. Oktober 2013 um 10:12 Uhr
Die Befreiung des Bewusstseins. Die Beatniks in „USA: poetry on stage“ 4.6 out of 5 based on 130 votes.
Die Beatniks in „USA: poetry on stage“ - Opera Stabile/Hamburgische Staatsoper

„America, I’ve given you all and now I’m nothing.“
Aus dem jungen Schriftsteller Allen Ginsberg bricht seine ganze Frustration heraus: Das Amerika der Nachkriegszeit ist keineswegs das „land of the free“, als das es in der Nationalhymne besungen wird, sondern vollzieht im politischen und gesellschaftlichen Klima der McCarthy-Zeit eine heftige Rolle rückwärts. Mit dem Gedicht ‚Howl’ (Geheul) schreibt Allen Ginsberg 1955 das Manifest einer ganzen aufbegehrenden Generation: zorniger Aufschrei, zärtliches Requiem, sprachgewaltiges Formexperiment. Das Skandal-Poem ist die Geburtsstunde der Beatniks, die als junge Wilde gegen die verlogene Spießigkeit und puritanische Sinnesfeindlichkeit ihrer Eltern rebellieren. Die Beatniks etablieren sich in den New Yorker Clubs als intellektuelle Subkultur. Das Leben, ein Rausch: Sex, Bebop, Drogen, grenzenloser Tabubruch ist ihr Programm gegen die gesellschaftliche Kälte.

„Die Bohème Manhattans war eine intime, kleine Szene: eine Truppe von Außenseitern, die durch Kleidung und Benehmen leicht erkennbar war. Aufgrund ihrer kleinen Zahl waren sie gezwungen, zusammenzuhalten; im Konformismus der Eisenhower-Ära betrachteten sich alle Ausgeflippten bis zum Beweis des Gegenteils zunächst einmal als Brüder“, so David H. Rosenthal über die Welt der Hipster, wie die coolen Vertreter der Avantgarde auch genannt wurden. Sie alle trafen sich am 7. Oktober 1955 in San Francisco in der Six Gallery, einer ehemaligen Autowerkstatt, um die Autoren einer Lesung entweder zu steinigen oder heiligzusprechen. Mit dem 29-jährigen Allen Ginsberg geschieht letzteres. Gebannt und begeistert folgt das Publikum dem visionären Singsang des Dichters. Mit ekstatischen „Go-man-go!“-Rufen treibt ihn ein anderer junger Mann an: Es ist sein Freund und Kollege Jack Kerouac, auch er ein Beatnik. Und Kerouac hat ebenfalls ein schriftstellerisches Zeugnis des rastlosen Lebensgefühls dieser „lost generation“ in der Schublade liegen: den Roman ‚On the road’ (Unterwegs), die Geschichte eines jungen Herumtreibers, der quer durch Mexiko und die USA trampt und dabei keinen One-Night-Stand auslässt. Doch Kerouacs ‚On the road’ wird erst veröffentlicht, als Ginsberg mit ‚Howl’ einen sensationellen Durchbruch feiert. Plötzlich interessieren sich auch die Verleger für die popliterarischen Erzeugnisse, die zunächst von der Zensur wegen ihrer „Obszönität“ verboten wurden. Kerouac und Ginsberg geraten in einen Strudel von kommerziellem Erfolg und sexuellen Abhängigkeiten. Mit dem Ruhm kommt der Verfall: Alkohol, Drogen, gegenseitiger Neid zerfressen das feste Band der Beatniks.

Der Briefwechsel zwischen Ginsberg und Kerouac spiegelt in dem Abend ‚USA: poetry on stage’ den rebellischen Geist der Beat-Poeten: ihre Liebessehnsucht und kompromisslose Sexualität, ihre Verachtung der Wohlstandslebensnormen, aber auch ihre zynische Rivalität. Und auch ‚Howl’ als Zentraltext der Underground-Kultur wird eine Rolle spielen.

„Die Beat Generation definierte sich über eine Literatur, die aus sich heraus diesen Lebensimpuls der Befreiung gibt – das hat fast einen religiösen, transzendentalen Aspekt. Und das unterscheidet für mich die Beatniks auch ein Stück weit von der Generation der 68er, die sich stärker auf konkrete politische Aktionen bezogen hat.“ So Regisseur Holger Müller-Brandes, in dessen Arbeiten das zeitgenössische Musiktheater einen großen Stellenwert einnimmt. In der Opera stabile inszenierte er u. a. einen Ernst-Jandl-Abend, am Staatstheater Karlsruhe führte er 2013 in Mieczyslaw Weinbergs Oper ‚Die Passagierin’ Regie.

Holger Müller-Brandes hört aus den Texten von Ginsberg und Kerouac weniger eine dezidierte politische Attacke heraus als das Gefühl einer existenziellen Not: „Kapitalismus und Krieg, das waren zwei Erfahrungen, die sie in ihrem Alltagsleben als Aggression empfanden und auf das sie mit dem Gefühl der Ohnmacht reagierten. ‚Howl’ macht diesen Schmerz wie unter der Lupe sichtbar. ‚Beat Generation’ könnte man ja übersetzen mit ‚geschlagene Generation’. Die Beatniks fühlten sich wirklich im archaischen Sinne geschlagen – wie Märtyrer“, meint der Regisseur: „Diese Ohnmacht gegenüber den existierenden Verhältnissen ist auch heute ein starkes Lebensgefühl: In der Resignation glaubt man nicht oder nur mittelbar an Veränderungen. Etwas pathetisch gesagt: die Literatur oder überhaupt die Kunst hilft, den Schmerz darüber zum Ausdruck zu bringen. Die Beatniks erschufen sich eine künstlerische Insel, in der die Befreiung des Bewusstseins möglich ist. Das hat mehr mit Prophetie zu tun als mit einem direkten politischen Vorgang.“

Von der Atmosphäre der Beatnik-Lesungen in New Yorker Clubs und Jazzkellern haben sich Holger Müller-Brandes und sein langjähriger Ausstatter, der Hamburger bildende Künstler und Bühnenbildner Swen-Erik Scheuerling anregen lassen: „Diese Lesungen waren ja eine Einheit von Dichten, Rezitieren und Musizieren“, erzählt Holger Müller-Brandes. „Unterstützt wurde die Reaktion des Publikums durch bewusstseinserweiternde Mittel – neben Drogen etwa eine ‚Dream machine’, in deren meditativer, fast halluzinatorischer Beleuchtung Bilder, Farben und Sinneseindrücke verschwimmen. Wir wollen das Publikum mit in diesen Kontext einer Konzertperformance hineinnehmen. Das Verhältnis der Figuren untereinander wird sich eher als Verdichtung von Aussagen und Zuständen verstehen, nicht als eine konkrete narrative Handlung.“

Dabei will der Abend aber nicht den populären, hippen Mythos der Beatniks museal nachstellen, sondern sich vor allem mit den existenziellen Themen ihrer Kunst beschäftigen. Und so stammt die ausgewählte und von Rupert Burleigh dirigierte Musik zu ‚USA: poetry on stage’ auch ausdrücklich nicht aus der Welt dieser Subkultur, ergänzt sie aber inhaltlich: Charles Ives, John Cage und George Crumb repräsentieren – jeweils zu ihren Zeiten – die musikalische Avantgarde der USA. Der Abschied von den stabilen Werten der Väter und die randständigen Figuren der Gesellschaft sind Themen der Lieder von Charles Ives, dem experimentierfreudigen „Gründervater“ der Neuen Musik in der Neuen Welt. Von John Cage sind nicht die abstrakteren Stücke des Enfant terrible zu hören, sondern scheinbar harmlose, kinderliedartige Miniaturen.

Und George Crumb, der 84-jährige Grand Old Man der US-Musikszene, reflektierte in seinen ‚American Songbooks’ populäre amerikanische Spirituals, Balladen und Protestsongs wie ‚Blowin’ in the Wind’ und ‚The House of the Rising Sun’. Crumb setzt das musikalische Erbe der USA in einen zeitgenössischen Kontext: Der Kontrast zwischen den bekannten, einfachen Melodien und der spektakulären Instrumentalbesetzung mit vier üppig ausgestatteten Schlagzeugern erzeugt starke Spannungen und faszinierende Klangfarben. Auch hier wird der Mythos eines „land of the free and home of the brave“ auf seinen Realitätsgehalt abgeklopft. George Crumb ist außerdem mit „Apparition“, einer Vertonung von Walt Whitman, vertreten. Whitman, Begründer der modernen amerikanischen Dichtung, verstand seine Lyrik als „prophetische Sendung“ und galt mit seinen Themen wie Homoerotik, Zivilisationskritik und Flucht in die unermesslich weite amerikanische Landschaft als „Urahn“ der Beat Generation.

Die Reihe ‚Black Box 20_21’ der Hamburgischen Staatsoper wurde in der jüngsten bundesweiten Kritikerumfrage der „Deutschen Bühne“ in der Kategorie ‚Herausragender Beitrag zur aktuellen Entwicklung der Oper’ nominiert. Tatsächlich verstehen wir das gleichberechtigte Zusammenwirken von Text und Musik des 20. und 21. Jahrhunderts als musiktheatrales Kraftwerk – und nicht zuletzt als Aufforderung, sich formalen und inhaltlichen Entdeckungen hinzugeben. Mit Allen Ginsbergs ‚Howl’ steht nun eine Hymne auf die explosive Kraft der Kunst im Mittelpunkt – eine pantheistische Feier des Lebens: „Everything is holy! Everybody’s holy! Everyman’s an angel!“


Inszenierung: Holger Müller-Brandes
Ausstattung: Swen-Erik Scheuerling
Konzept / Dramaturgie: Kerstin Schüssler-Bach, Francis Hüsers
Schlagzeug: Lin Chen, Frank Polter, Mana Sugimoto, Sönke Schreiber

Das Leben, ein Rausch: Sex, Drogen, grenzenloser Tabubruch. Als »Beat Generation« wurde die rebellische Subkultur im New York der Fifties berühmt. Wortführer sind der charismatische Jack Kerouac und der Intellektuelle Allen Ginsberg. »Howl«, das Skandal-Poem des jungen Ginsberg, wird zum Manifest der Beatniks: zorniger Aufschrei, liebesbesessene Hymne, visionäres Sprachexperiment. Die neue »Black Box«-Produktion spürt der Atmosphäre der New Yorker Underground-Lesungen nach und verknüpft Texte der Beat-Poeten mit Schlüsselwerken der amerikanischen Musik von Charles Ives, John Cage und George Crumb. Rauschzustände garantiert...

DATUM: Samstag 26. Oktober 2013. Zusatzvorstellung am 2. November 2013
ORT: Opera stabile, Kleine Theaterstraße, 20354 Hamburg
PREISE: 10,- bis 15,- € (OS-C)
Online-Tickets

WEITERE AUFFÜHRUNGEN:
DI, 29.10.2013 20:00 - 22:30 Uhr
FR, 1.11.2013 20:00 - 22:30 Uhr
SA, 2.11.2013 20:00 - 22:30 Uhr


Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper.
Fotonachweis: Alle Hamburgische Staatsoper
Header: Holger Müller-Brandes. Foto Swen-Erik Scheuerling
Galerie:
01. Swen-Erik Scheuerling
02. Ida Aldrian. Foto: Pia Clodi
03. Anat Edri
04. Rupert Burleigh. Foto Karlinski
05. Jan Buchwald

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