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Manuskripte brennen nicht - "Der Meister und Margarita"

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Freitag, den 23. August 2013 um 09:53 Uhr
Manuskripte brennen nicht - "Der Meister und Margarita" 4.7 out of 5 based on 197 votes.

Für die Magie im Stück ist natürlich der Teufel höchst persönlich zuständig. Als eleganter Herr namens Voland mischt er sich ein in eine Schriftsteller-Debatte über die tatsächliche Existenz von Jesus und Pontius Pilatus. Für die rationalen Kulturbürokraten ist klar: Jesus hat selbstverständlich nicht gelebt, Religion ist Opium fürs Volk. Doch wo keine göttliche Instanz, da auch kein teuflisches Gegenüber – und das kann der mephistophelische Herr Voland (Goethe-Leser wissen, wer sich dahinter verbirgt) nicht auf sich sitzen lassen. „Der Teufel ist hier eine absolut positive Gestalt“, erzählt Jochen Biganzoli. „Er liebt die Freiheit, auch die Freiheit der Kunst, er wendet sich gegen staatliche Indoktrinationen und unterstützt all jene, die noch an Phantasie und unerklärbare Vorgänge glauben.“

So wird Voland zum Mentor des verfolgten Meisters und seiner Margarita. Die Staatsmacht aber konfrontiert er mit ihrer eigenen Hybris, den Menschen führt er ihre Korruption und Verlogenheit vor Augen. In einer grotesken Varieté-Szene richtet der Teufelstrupp um Voland und seine Helfer Korowjew, Asasello und den Kater Behemoth ein diabolisches Chaos an. Der Conférencier des Varietés hat alle Hände voll zu tun, den Kopf bald aber nicht mehr auf dem Hals – Corny Littmann, Hamburger Entertainer und Theaterchef, wird in seinem Staatsopern-Debüt diese höllische Herausforderung annehmen. In der Rolle seines Gegenspielers Voland gibt der junge australische Bassist Derek Welton sein Hamburgdebüt, als Kater Behemoth kehrt der zuletzt in »Lear« gefeierte Countertenor Andrew Watts zurück.

Nach unermüdlicher Suche und teuflischem Beistand findet Margarita ihren Meister. Doch er ist gezeichnet und desillusioniert von den politischen Realitäten. In seiner Figur des Meisters spiegelte Bulgakow eigene Erfahrungen: Seinen satirisch-phantastischen Geschichten fehlte es in den Augen des Stalinregimes an revolutionärer Parteirelevanz. Bulgakow verbrannte die erste Fassung von »Der Meister und Margarita«. Auch sein literarisches Alter ego hatte gedacht, den verbotenen Roman über Pontius Pilatus verbrannt zu haben – doch Voland belehrt ihn eines Besseren. Er zaubert den Roman wieder hervor, denn „Manuskripte brennen nicht“, wie er dem Meister beweist.
„Das war auch für unsere Konzeption ein Schlüsselsatz“, so Jochen Biganzoli. „Der Roman des Meisters lebt weiter, wie auch die idealen Figuren des Meisters und seiner Margarita weiterleben, obwohl sie am Schluss vom Teufel ins Jenseits befördert werden. Es liegt eine ganz archaische Kraft in dieser Liebe und in dieser künstlerischen Utopie, und das möchte die Inszenierung auch beglaubigen.“ Nicht zuletzt verleiht das reale Schicksal Bulgakows und seiner Frau Jelena dem fiktiven Geschehen eine erschütternde Realität. Wie sehr Bulgakow-Verehrer aus aller Welt sich diese große Geschichte zum Vorbild in einer liebe- und trostlosen Welt genommen haben, bezeugen unzählige Graffitis im Treppenhaus von Bulgakows Moskauer Wohnung, gegen deren wundersame Vermehrung jeder Putztrupp machtlos ist.

Die Passionsgeschichte des politisch verfolgten Schriftstellers wird von Bulgakow mit der Kreuzigung Jesu Christi verschränkt. Den Gefangenen Jeschua han-Nasri verhört der Prokurator von Judäa: Pontius Pilatus, der die Verurteilung wider Willen mit ewiger Schuld büßt. Mit seinem Roman will der Meister den gewissenskranken Pilatus erlösen, was ihm am Schluss dank teuflischer Unterstützung auch gelingt. Pilatus ist frei – wie der Meister, wie Margarita entlassen in eine himmlische Freiheit.

Diesen parallelen Erzählstrang in Bulgakows Roman hat Höller zwar einerseits stark verkürzt, andererseits aber durch eine Doppelrolle unterstrichen: Der Sänger des Meisters soll gleichzeitig die Partie des Jeschua übernehmen. Und so wird der Bariton Dietrich Henschel, prädestiniert für die vielschichtigen, psychisch zerklüfteten Figuren des modernen Musiktheaters, also gleichzeitig als leidender Schriftsteller wie als Gottessohn zu sehen sein. Die Engführung dieser beiden Handlungsschichten durch die Identifikation des Meisters mit Jeschua erscheint in der Hamburger Inszenierung noch verstärkt durch weitere Doppelrollen: Auch die beiden Jünger-Figuren des Levi Matthäus und des bekehrten Lyrikers Iwan Besdomny werden zusammengelegt, ebenso wie die beiden Vertreter der staatlichen Autorität, Pontius Pilatus und der Klinikchef Dr. Strawinsky.

Für die Rolle der Margarita, gesungen von Cristina Damian, sieht York Höllers Partitur eine besonders lyrische Szene vor: den Einschub eines Gedichts von Wladimir Majakowski. Der kultisch verehrte und so provokant sprachmächtige Dichter der Sowjetunion nahm sich 1930 das Leben. Doch jenseits solcher Anspielungen an die Stalinzeit versteht York Höller seine Oper als zeitlose Parabel: „Dergleichen wiederholt sich ja unentwegt infolge der Intoleranz und des Gesinnungterrors gewisser ›Ideologen‹, seien sie nun rechts oder links, oben oder unten beheimatet. Heutzutage sind es neben der ›Staatsräson‹ oft die sogenannten Sachzwänge oder die ›technologischen Interessen‹, die wider besseres Wissen zu folgenschweren Fehlentscheidungen führen“, bilanzierte der Komponist zur Uraufführung 1989. Das Pandämonium seiner Klänge zwischen Elektronik, großem Orchester, Jazz- und Rockband und historischen Zitaten wandelt lustvoll zwischen den Stilen, macht die Vielschichtigkeit des Romans sinnlich erfahrbar. Zur Premiere wird York Höller natürlich anreisen: „Dass meine Oper nun nach 24 Jahren an dem Ort zu hören sein wird, dem sie ursprünglich zugedacht war, freut mich ganz ungemein, und es wäre natürlich wunderbar, wenn sich nach der Premiere auch viele Hamburger Opernfreunde darüber freuen würden.“

Ein umfangreiches Beiprogramm gibt Gelegenheit, den Komponisten in einem Porträt persönlich kennenzulernen oder in den Reichtum des Romans einzutauchen. Die verrückte Magie der Teufelsbagage, die Schuld-und-Sühne-Thematik um Jesus und Pilatus, die entlarvende Durchleuchtung korrupter Politiker und habgieriger Alltagssüchte, der walpurgische Satansball – und schließlich eine bergeversetzende, bewegende Liebe: für sechs Aufführungen ist die Welt von „Der Meister und Margarita“ nun auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper zu erleben.


Premiere A: 14. September 2013, 18:00 Uhr
Premiere B: 18. September 2013, 19:30 Uhr
Aufführungen: 21. / 26. / 28. Septmber und 4. Oktober 2013, jeweils 19:30 Uhr

Inszenierung: Jochen Biganzoli
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Heike Neugebauer
Licht: Stefan Bolliger
Dramaturgie: Kerstin Schüssler-Bach, Michael Winrich Schlicht
Choreografie: Silvia Zygouris
ORT: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
PREISE: 7,- bis 176,- € (P)

Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper.
Fotonachweis: Dietrich Henschel. Hamburgische Staatsoper. Foto: Jörn Kipping

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