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Musik

5. Philharmonisches Konzert: Ein gigantischer Spagat

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Geschrieben von Maria Willer  -  Montag, den 28. Januar 2013 um 16:12 Uhr
5. Philharmonisches Konzert: Ein gigantischer Spagat 4.3 out of 5 based on 167 votes.
Baiba Skride

Es war das Bergfest der Philharmoniker Hamburg. Am Sonntagvormittag kamen die Philharmoniker in der Laeiszhalle zu ihrem fünften von insgesamt zehn philharmonischen Konzerten zusammen.
Das Programm erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich: Ravel mit einer Komposition aus dem Jahr 1911, Mozart mit einem Violinkonzert von 1775 und der große Sprung ins Zeitgenössische mit Manfred Trojahn, auch Dirigent des Konzerts, der zum Schluss seine zweite Sinfonie aus dem Jahr 1978 dirigiert. Was für eine Mischung! Normalerweise kommt das Beste zum Schluss. Die Sonntags-Matinee in der Laeiszhalle beweist diesmal das Gegenteil.
 
Den Anfang macht Maurice Ravels Märchenzyklus „Ma mère l’oye“ (Mutter Gans) und markiert damit gleich den Höhepunkt des Konzerts. Der Zyklus, ursprünglich nur fünf Sätze lang und von Ravel für Klavier geschrieben, dann aber nur ein Jahr später für Orchester von ihm überarbeitet und um zwei Sätze ergänzt, trägt den Beisatz: „cinq pièces enfantines“ – fünf kindliche Stücke. Kinderleicht ist „Ma mère l’oye“ ganz bestimmt nicht. Eher eine perfekte Spielwiese für den Impressionisten, der vor dem Hintergrund verschiedener Märchen, von Dornröschen bis hin zum Däumling, mit Klängen zaubert und Bilder vor dem inneren Auge der Zuhörer aufziehen lässt. Ravel schreib dazu: „Die Absicht, in diesen Stücken die Poesie der Kindheit wachzurufen, hat mich völlig selbstverständlich dazu geführt, mein Komponieren zu vereinfachen und meinen Stil zu entschlacken.“ Der Dirigent Manfred Trojahn scheint sich ein Beispiel an Ravel genommen zu haben und dirigiert ebenfalls einfach und entschlackt, in ruhigen Bewegungen, aber geradlinig und intensiv. Der Star dieses ersten Drittels ist aber der Konzertmeister Konradin Seitzer, 30 Jahre jung, der nicht nur seine Streichersektion perfekt führt, sondern auch wunderschöne und berührende Soli in „Ma mère l’oye“ spielt.
 
Für das zweite Drittel rückt Seitzer mit seinen Streichern ein Stück nach hinten und macht Platz für den Star, auf den das Publikum schon gewartet hat. Ja, vielleicht sogar nur wegen ihr gekommen ist: die Geigerin Baiba Skride. Die 31 Jahre alte Lettin ist noch nicht lange aus der Babypause zurück, ihr zweites Kind erst knapp ein Jahr alt. Da verzeiht man es ihr, dass sie im ersten Satz von Mozarts 5. Violinkonzert noch nicht ganz angekommen ist. Interessanterweise findet Baiba Skride ihren Ankerpunkt aber nicht bei dem Dirigenten Trohjahn – die beiden treten kaum miteinander in Kontakt – sondern bei den Kollegen aus dem Orchester. Man merkt es Skride an, dass sie eine Kammermusik erfahrene Geigerin ist, die ganz direkt mit Celli, Bratschen, Kontrabässen und Geigen kommuniziert. Und auch hier tritt der heimliche Star des Konzerts wieder zum Vorschein. Der Konzertmeister Konradin Seitzer und Baiba Skride schaffen es, in einem großen Streichorchester die Magie eines Duos durchschimmern zu lassen. Nach dem ersten Satz zum Eingewöhnen legen Baiba Skride und die Philharmoniker Hamburg im zweiten (schmelz-schön) und im dritten Satz (rasant) richtig los. Die Geigerin, anscheinend glücklich darüber wieder auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu stehen, gibt gleich zwei Zugaben und macht damit nicht nur sich, sondern vor allem auch ihre Fans glücklich.
 
Während der Sprung zwischen Ravel und Mozart schon groß war und man sich fragt: warum spielt Skride nicht aus ihrem aktuellen Album etwas von Igor Strawinsky? Hätte das nicht besser zu Ravel gepasst? So ist der Sprung nach der Pause zu Trojahn gigantisch. Glücklicherweise sind die Kinder, die noch in der ersten Hälfte mucksmäuschenstill „Ma mère l’oye“ gehört hatten, von ihren wohlwissenden Eltern nach Hause gebracht worden. Denn nun kommt der Hammer. Und das ist ganz wortwörtlich gemeint. Manfred Trojahn verwendet in Anlehnung an Mahlers sechste Sinfonie einen Hammerschlag. Ein riesiger Knall, der übertrieben und plump daher kommt und noch mehrfach, vor allem im dritten Satz, eingesetzt wird. Trojahn muss, als er mit 28 Jahren seine zweite Sinfonie komponiert hat, ein großer Mahler-Fan gewesen sein. Überall finden sich Anspielungen auf Gustav Mahler wieder.

Am Schluss aber bleibt nur das Gefühl, dass man bald wieder eine schöne Mahler-Sinfonie, aber weniger eine von Trojahn, hören möchte. Erste Hammer-Erschrockene verlassen schon nach dem ersten Satz den Saal. Andere im Publikum kichern jedes Mal, wenn der Hammer zum Einsatz kommt. Respektvoll wird am Ende des Konzerts mit Applaus den Philharmonikern gedankt. Denn sie haben tatsächlich eine Meisterleistung an diesem Tag vollbracht: ein gigantischer Spagat zwischen einem beschwingt verspielten Mozart über einen lautmalerischen Ravel bis hin zu einem mit vierfachem fortissimo teilweise extrem lauten Trojahn.


Eine zweite Vorführung gibt es am Montag, 28. Januar 2013, um 20 Uhr.

5. Philharmonisches Konzert
- Maurice Ravel - "Ma mère l'oye"
- Wolfgang Amadeus Mozart - Konzert für Violine und Orchester A-Dur KV 219
- Manfred Trojahn - Sinfonie Nr. 2

Dirigent: Manfred Trojahn

Violine: Baiba Skride

Einführung mit Kerstin Schüssler-Bach am Montag um 19.15 Uhr im Kleinen Saal.
Als Gast: Baiba Skride und Manfred Trojahn

Ort: Laeiszhalle Hamburg (Großer Saal)
Preise: 9,- bis 44,- € (Phil-A)


Weitere Informationen: Philharmonisches Staatsorchester.
Fotonachweis - Header Baiba Skride. Foto: Marco Borggreve

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