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Musik

"Alle Menschen können singen" sagt Gerald Wirth, Chef der Wiener Sängerknaben

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Dienstag, den 11. Dezember 2012 um 10:17 Uhr
"Alle Menschen können singen" sagt Gerald Wirth, Chef der Wiener Sängerknaben 4.5 out of 5 based on 173 votes.
Gerald Wirth, Chef der Wiener Sängerknaben:

Zurzeit kreisen seine Gedanken nur um "MuTh", den neuen Konzertsaal der Wiener Sängerknaben am Augartenspitz, der am 9. Dezember mit einem großen Konzert der Wiener Philharmoniker und der Sängerknaben feierlich eröffnet wurde.
MuTh wie Musik und Theater. Aber auch MuTh wie Mut, denn das passt zu Gerald Wirth, dem künstlerischen  Leiter des weltberühmten Chores. Als „Brückenbauer“ zwischen Tradition und Experiment hat der 47-jährige Dirigent, Komponist und Chorpädagoge schon jede Menge mutige Projekte auf  die Beine gestellt – beispielsweise eine neue Unterrichtsmethode und seine private Musikschule, die jedes Jahr im Sommer internationale Workshops für Kinder, Erwachsene und Chorleiter anbietet.

Rabenstein an der Pielach. Ein Name, den man sich merken muss. Dieses abgelegene Dorf  unweit von St. Pölten ist in den vergangenen Jahren zum Geheimtipp für Sänger und Chorleiter aus aller Welt geworden. Es ist ein ganz besonderer Ort, denn ihre Einwohner haben sich der Einheit von Körper, Geist und Seele, von Musik und Natur, verschrieben.

Angefangen hat die Geschichte mit Johann Weiss, einem Mathematiker, der in München und Moskau arbeitete, ehe er sich wieder ins heimatliche Pielachtal begab, um den elterlichen Steinschalerhof zu übernehmen. Heute ist Weiss Mitte 60 und der Steinschalerhof ein landesweit renommiertes Naturhotel und Tagungshaus, das sich vor allem durch seine phantastischen Wildkräutergärten und die damit verbundene Wildkräuterküche einen Namen gemacht hat. Seit Jahren setzt der urige Gastwirt alles dran, ökologisch bewusste Lebensweise im Pielachtal voranzutreiben, das nach der einheimischen Kornelkirsche auch das Dirndl-Tal genannt wird. Und hier kommt Gerald Wirth ins Spiel. Der engagierte Musiker und Musikpädagoge, der seine Karriere selbst als Wiener Sängerknabe begonnen hatte, kam 1998 auf der Suche nach einem neuen Domizil für sich und seine kinderreiche Familie ins Pielachtal. Zuvor hatte er in Kanada gelebt, wo er ab 1991 erst den Calgary Boys‘ Choir, später die Calgary Civic Symhony und das Vokalensemble Sangrita geleitet hatte. Als ihn der Ruf als stellvertretender Künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben ereilte, war klar, dass er auch in Österreich auf dem Lande leben wollte. Im Pielachtal, circa 70 Kilometer von Wien entfernt, fand er ein altes Bauernhaus und das Umfeld, das ihm vorschwebte: „Keine Industrie, nur sehr sanfter Tourismus, eine wunderbare Natur“. Es war schnell klar, dass Wirth und Weiss auf der gleichen Wellenlänge schwimmen. „Hanns versucht, durch verschiedenste Aktivitäten das Pielachtal voran zu bringen“, sagt Gerald Wirth, „und das in Verbindung mit unserer Natur und dem, was unser Tal uns anbietet. Dafür schätze ich ihn sehr“.
Die Idee, im Steinschalerhof Sommer-Seminare für gesangsbegeisterte Laien, sowie Weiterbildung für Musikpädagogen und Chorleiter anzubieten, entstand dann durch einen Zufall. Eine Inderin, die ihn bei einem Gastspiel kennengelernt hatte, bat ihn um privaten Gesangsunterricht. Da nur die Sommerferien in Frage kamen, Wirth aber diese Zeit daheim verbringen wollte, lud er die Dame kurzerhand ins Pielachtal ein. „Der erste Workshop war zwar sehr klein, aber doch so erfolgreich, dass wir weiter gemacht haben“.

Kommenden August finden nun zum neunten Mal die Meisterklassen der „Wirth Music Academy“ im Steinschallerhof statt. Ein internationaler Kreis – in den vergangenen Jahren kamen Teilnehmer u.a. aus Ägypten, Griechenland, Kanada, Kroatien, Mexiko und den USA. Für 2013 haben sich wieder rund 50 Sänger und Sängerinnen (Kinder und Erwachsene) angesagt, darunter etliche Chorleiter und -leiterinnen, denen kein Weg zu weit ist, um Gerald Wirths innovative Unterrichtsmethode kennenzulernen.

Vor gut fünfzehn Jahren entwickelte der engagierte Musikpädagoge seine eigene Methodik. Ein System das auf Spaß, assoziatives Lernen und viel positives Feedback setzt. „Oft gibt es sehr guten, aber zu formalen Unterricht“, so Wirth. „Oder der Unterricht ist nur lustig und nicht qualitätvoll“. Die Wirth-Methode hingegen verbindet spaßorientiertes Gruppenerlebnis und künstlerisch hochwertige Talentförderung: „Den Spaß am Musizieren, aber auch das notwendige Können und Wissen, können wir am besten vermitteln, wenn der Unterricht ständig aktiv ist – auch körperlich aktiv. Die Kinder müssen sich wohlfühlen“.
Das bedeutet nicht nur viel Geduld, sondern unter Umständen auch viel Unruhe, aber die nimmt Wirth gern in Kauf. „Schon nach kurzer Zeit zeigen die Kinder eine enorme Steigerung ihrer musikalischen Auffassungsmöglichkeiten“, so Wirth. Auch verhaltensauffällige oder lernbehinderte Kinder könne man auf diese Weise fördern. Nach Erfolgen befragt, weiß er gar nicht wo er anfangen soll: „Ach, da gibt es so viele Geschichten. Sehr schön für mich ist die des Buben, der große Schwierigkeiten mit seiner Sprachentwicklung hatte und nach einem Jahr Beschäftigung mit unserem Chorgesamt plötzlich einen immensen Sprung machte“.  

Gerald Wirth ist davon überzeugt, dass jeder Mensch in jedem Lebensabschnitt das Singen lernen kann. „Musik ist die Sprache der Seele. Solange Kinder klein sind, singen sie ganz von selbst. Wir wollen, dass sie nie verstummen und nie die Magie der Musik vergessen“.

Mittlerweile hat seine Lehrmethode international Schule gemacht. Ihr Ruf reicht selbst bis Asien: „In China haben mir gerade etliche Chorleiter erzählt, dass sie sich meine Workshop-Videos immer wieder ansehen, um die Übungen umzusetzen.“ Selbstverständlich unterrichtet Gerald Wirth auch die Wiener Sängerknaben nach seiner Methode – wenn ihm sein Job überhaupt noch Zeit dazu lässt. „Meine Arbeit besteht derzeit zu neunzig Prozent aus Besprechungen“, sagt der sympathische Chorleiter bedauernd, „aber ich versuche, jeden Tag noch Zeit zu finden mit einigen Kindern musikalisch zu arbeiten“. 

Die Wiener Sängerknaben, die in den Hofsängerknaben von Kaiser Maximilian I. vor über 500 Jahren  ihren Anfang nahmen, bestehen heute aus vier Konzertchören mit insgesamt rund 100 Jungen zwischen zehn und 14 Jahren. Jeder Chor hat seinen eigenen Chorleiter. „Jeder der vier Chöre hat eine große Tourneephase mit insgesamt rund 180 Konzerten im Ausland und bis zu 130 Auftritten in und um Wien“, rechnet Wirth vor. Das Repertoire der Chöre reicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart, von klassischer Chormusik, über Volksmusik bis hin zum aktuellen Pop. Wichtiger Bestandteil sind die Kinderopern, drei davon hat Gerald Wirth bislang komponiert. Nach der „Reise des kleinen Prinzen“ und der „Schicksalstafel“ wurde „1398 – Der Bettelknabe“ vor zwei Jahren im Wiener Musikverein uraufgeführt. „Mit dem neuen Konzertsaal MuTh können die großen Produktionen nun erstmals im eigenen Haus stattfinden“, freut sich Wirth, der mit einem kompakten Eröffnungsfestival in der ersten Saison einen Vorgeschmack darauf geben will, was in diesem Haus künftig gezeigt wird. Ein „Kongress über Mut“ ist auch dabei.


Fotonachweiss:
Header:
Gerald Wirth, Künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben. Copyright: www.lukasbeck.com
Galerie:
01 MuTh – Der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben
02 Chorfoto (Brucknerchor). Copyright: www.lukasbeck.com
03 Der Steinschaler Hof vom Garten aus gesehen
04 Naturverbundener Mathematiker: Johann Weiß, Chef des Steinschalerhofs, in einem Teil seiner riesigen Naturgartenanlage
05 Blick in das Pielachtal
06 Blick in die Steinschaler Gärten
07 Gerald Wirth, Künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben.
Alle weiteren Fotos: Isabelle Hofmann

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