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Musik

„Klangspuren“ Schwaz - mit High Heels und Wanderschuhen

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Mittwoch, den 18. Juli 2012 um 09:54 Uhr
„Klangspuren“ Schwaz - mit High Heels und Wanderschuhen 4.6 out of 5 based on 171 votes.
„Klangspuren“ Schwaz - mit High Heels und Wanderschuhen

Eine kulturelle Landpartie durch Tirol.
Kennern der Neuen Musik braucht man Unsuk Chin nicht mehr vorzustellen: Seit Jahren gehört die koreanische Komponistin zu den herausragenden Persönlichkeiten der Szene. Bei den KLANGSPUREN in Schwaz nimmt Chin in diesem Jahr eine Schlüsselposition ein, denn im Zentrum des renommierten Tiroler Festivals zeitgenössischer Musik steht Gegenwartsmusik aus Korea (13. bis 29. September).

Die meisten Touristen, die nach Tirol fahren, haben wohl kaum Neue Musik im Sinn. Mehr als 90 Prozent aller Urlauber kommen zum Klettern, Skifahren oder Wandern in die österreichischen Alpen. Kultur und Natur muss jedoch kein Widerspruch sein. Ganz im Gegenteil. Insbesondere im Herbst, wenn sich junge Musiker aus aller Welt am Fuße des Karwendelgebirges ein Stelldichein geben, gehören neben den Wanderschuhen auch High Heels ins Gepäck. Warum nicht morgens auf den Berg und abends ins Konzert?
Von Alpbach aus ist das ohne weiteres möglich. Dieses schmucke Dorf im gleichnamigen Tal bietet sich als idealer Standort für Festivalbesucher an: Die Wanderwege beginnen vor der Haustür und das Städtchen Schwaz, einst größtes Bergbaugebiet Europas und seit nunmehr 18 Jahren alpine Metropole Neuer Musik, liegt nur eine knappe halbe Autostunde entfernt.

Seit der Gründung 1994 durch den Pianisten und Komponisten Thomas Larcher hat sich das KLANGSPUREN-Festival Schwaz als das größte und erfolgreichste Festival Neuer Musik Westösterreichs etabliert. Diese Plattform, die mit einem enorm vielfältigen Vermittlungsprogramm auch Kinder und Jugendliche an die zugegebenermaßen sperrige und gewöhnungsbedürftige Musik heranführt, ist national und international bestens vernetzt. So kooperiert das Festival beispielsweise mit dem Verein Transart in Bozen und Rovereto, mit dem Menuhin Festival Gstaad, dem Ultima Festival Norwegen und den Berliner Festspielen. 2004 wurde sogar eine eigene Akademie gegründet und zwar die INTERNATIONALE ENSEMBLE MODERN AKADEMIE, an der Musiker des Frankfurter Ensemble Modern unterrichten. Jedes Jahr wird zudem ein international renommierter Komponist als composer in residence eingeladen. George Benjamin, Heinz Holliger, Steve Reich und Wolfgang Rihm haben hier schon mit jungen Talenten aus aller Welt gearbeitet. In diesem Jahr wird Unsuk Chin die Meisterklasse leiten. Die bei György Ligeti in Hamburg ausgebildete Musikerin hat sich nicht nur als international renommierte Komponistin einen Namen gemacht hat, sondern auch als unermüdliche Nachwuchsförderin. Dabei ist nicht nur die enge Zusammenarbeit mit dem mit dem TIMF Ensemble aus Tongyeong – Südkorea und dem Isang Yun Ensemble aus Pyongyang, Nordkorea, gemeint.

Schwaz ist zwar das Zentrum der KLANGSPUREN, hier findet auch die Eröffnung im neuen Stadtsaal mit einer Auftragskomposition von Georg Friedrich Haas statt (13.9.), doch die einzelnen Aufführungsorte sind über ganz Tirol verstreut. Wie beim Schleswig-Holstein Musikfestival liegen auch hier Kultur und Natur dicht beieinander. Besonders wanderfreudige Musikliebhaber kommen in diesem September auf ihre Kosten. Auf dem Jakobsweg von Südtirol nach Nordtirol verläuft am 16.9. die wohl spektakulärste Tour des diesjährigen Festivals. Morgens um 9 Uhr geht’s in der St. Barbara Kapelle von Grossensass los, abends, 19.30 Uhr, endet die Pilgerwanderung in der Pfarrkirche von St. Jodok. Sechs musikalische Stationen werden auf dem Weg über den Brenner-Pass erwandert, auf denen (u.a.) die „Songlines“ des Münchner Komponisten Nikolaus Brass zu hören sind, eine musikalische Adaption des Bestsellers von Bruce Chatwin.

Ein Super-Event wird zweifellos auch die zweitägige „Konzertreise“ in Obergurgl zum 100. Geburtstag von John Cage: Entlang der Timmelsjoch-Hochalpenstraße spielt die Pianistin Sabine Liebner an verschiedenen Orten sein vierteiliges Klavierwerk „Etudes australes“. Höhepunkt dieser Wanderung – im wahrsten Sinne des Wortes – ist das Konzert im Passmuseum Timmelsjoch. Auf 2509 Metern hat der Südtiroler Architekt Werner Tscholl 2010 den futuristisch anmutenden Bau wie ein Findling in die karge Steinlandschaft gesetzt. Nach seinen Plänen wurde auch das „Messner Mountain Museum Sigmundskron“ bei Bozen revitalisiert – vielleicht ist das ja auch der Grund, warum Reinhold Messner zu der musikalischen Wanderung dazu stößt, ein Programmpunkt lautet jedenfalls „Bergwanderung mit Reinhold Messner“ (22.09. und 23.09.).

Interessant verspricht zuvor noch das Installationskonzert von Gunter Schneider und dem Tiroler Kammerorchester „InnStrumenti“ zu werden, das am 15.9. im neuen Museum am Bergisel, oberhalb von Innsbruck aufgeführt wird. Der elegant geschwungene Bau aus Glas und Stahlbeton des Innsbrucker Architekturbüros Stoll Wagner steht in unmittelbarer Nachbarschaft von Zaha Hadids Skisprungschanze, dem modernen Wahrzeichen Innsbrucks. Er wurde eigens für das 1896 entstandene, 1000 Quadratmeter große Rundpanorama errichtet, das die Schlachten der Tiroler gegen die napoleonischen Truppen darstellt. Der Wirt und Viehhändler Andreas Hofer hatte die Bauern und Bürger 1809 angeführt, die oftmals nur mit Äxten und Mistgabeln bewaffnet die französischen Besatzer am Bergisel in die Flucht schlugen. Seitdem wird Hofer als Nationalheld verehrt. Man darf gespannt sei, wie sich Schneiders Komposition „zu den akustischen Welten des Tirol Panoramas“ anhören wird. Leise bestimmt nicht.

Zwischen Avantgarde und Tradition.
Wie die beiden spektakulären Museumbauten zeigen, lohnt die Region auch außerhalb des KLANGSPUREN-Festivals den Besuch. Tirol hat jede Menge Kultur im Spannungsfeld zwischen Avantgarde und Tradition zu bieten, insbesondere in architektonischer Hinsicht. So trifft man in Schwaz und Umgebung beispielsweise an jeder Ecke auf die stolzen Bauten der Fugger, jener Augsburger Unternehmer- und Bankerfamilie, die durch die Silber- und Kupferminen in Schwaz und Umgebung zu den reichsten Bürgern ihrer Zeit emporgestiegen sind und die Politik im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation maßgeblich beeinflussten. In Schwaz steht noch heute das stattliche Fuggerhaus - und wenige Auto-Minuten entfernt vermittelt das imposante Schloss Tratzberg einen lebendigen Eindruck vom feudalen Lebensstil der Kaufmannsdynastie. Das Wirtschaftsnetz dieser Familie war wirklich unglaublich verzweigt. Selbst im beschaulichen Alpbach gab es einen Verwaltungssitz: Der Weinkeller und die authentische „Fuggerstube“ im Böglerhof, dem ersten Hotel am Platz, zeugen immer noch von der ruhmreichen Vergangenheit des Hauses als fuggersches Berggericht.

Alpbach selbst hat vor allem durch das 1945 gegründete Europäische Forum an Renommee gewonnen. Jährlich treffen sich hier im Spätsommer Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um aktuelle Fragen der Zeit zu diskutieren. Das 1999 eröffnete Congress Centrum der Innsbrucker Architekturwerkstatt din a4, das sich mit einer sehr gelungenen, riesig geschwungenen Glasfassade organisch in den Hang einfügt, ist übrigens die einzige zeitgenössische Architektur vor Ort. Ansonsten präsentiert sich „das schönste Dorf Österreichs“ dank superstrenger Bauvorschriften konsequent im traditionellen Stil. Fast schon kitschig schön ist diese rot-weiss-braune Farbpalette aus Geranien geschmückten Bauernhäusern vor satten Wiesen und schroffen Felshängen.

Die Vielfalt ländlicher Bauweisen lässt sich besonders gut in Kramsach, wenige Kilometer von Alpbach entfernt, studieren. Dort befindet sich das Freilichtmuseum Tiroler Bauernhöfe. Vierzehn prächtige und zum Teil noch eingerichtete Bauernhöfe aus den verschiedenen Tälern des Landes zeugen hier von einer Zeit, als es noch kein Auto, keinen Kühlschrank und keine Straßenbeleuchtung in den Alpen gab. Wie hart das Leben war, davon erzählen die kargen Stuben ebenso, wie die kleinen, gut belüfteten Kammern unter dem Dach: Wenn der Boden im Winter gefroren war, wurden die Toten dort aufgebahrt, bis sie beerdigt werden konnten. Das konnte Wochen und Monate dauern.

Die Sitte, über die Verstorbenen kein böses Wort zu verlieren, gab es damals übrigens auch noch nicht. „Hier liegt Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug“, lautet einer der unverblümten Sprüche, die im Kramsacher Museumsfriedhof zu finden sind. Dort liegen keine Gebeine, sondern rund 700 Grabkreuze aus fünf Jahrhunderten mit ausgesprochen skurrilen Inschriften.
Wer die KLANGSPUREN in Schwaz besucht, sollte einen Abstecher nach Kramsach oder in das benachbarte Reith im Alpbachtal nicht versäumen, es lohnt sich wirklich: Der alljährliche Almabtrieb in Reith (am 22.9. und 29.9.2012) ist ein Mordsgaudi. Das ganze Dorf ist an den zwei Wochenenden auf den Beinen Alles und alle ist herausgeputzt: Die Häuser mit Girlanden und Fähnchen, die Einheimischen in farbenfrohen Landestrachten und die Kühe mit turmhohen Blumenkronen Tausende Schaulustige säumen die Straßen und man wundert sich, dass die Herden so friedlich durch den ganzen Trubel ziehen.

Ein unvergessliches Erlebnis ist der traditionelle Kirchtag im Museumsdorf Kramsach. Zwar ist auch dieses Fest längst zu einem Massen-Event geworden (ganze Busladungen voll Touristen werden aus Deutschland und Frankreich angekarrt), aber ohne Tourismus wäre die zu 98 Prozent aus Stein und Fels bestehende Region wohl schon ausgestorben. Alle Museumshöfe werden am Kirchtag bespielt, in den Stuben wird musiziert und an jeder Ecke altes (Kunst)Handwerk vorgeführt. Das Backen der berühmten Prügeltorte gehört ebenso dazu, wie die Vorführung der traditionellen Federkielstickerei, mit denen die Prunkgürtel der Männertrachten verziert sind. Am schönsten und eindrucksvollsten aber ist der morgendliche Einmarsch der einheimischen Trachten-, Schützen-, und Musikvereine, sowie die nachfolgende Feldmesse. Wenn die Alphörner erklingen und der Gottesdienst unter freiem Himmel beginnt, wird es ganz still auf dem Museumsgelände und man fühlt sich wirklich in längst vergessene Zeiten versetzt.

Im 19. Jahrhundert war Tirol ein bitter armes Land. Dann kam der Tourismus, die Wertschätzung der unberührten Natur und seit einigen Jahren hat sich nun auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Kultur und Natur eine wunderbare Co-Existenz eingehen können. Dieses Neben- und Miteinander von musikalischer Avantgarde und Tradition ist ein Pfund, mit dem die Tiroler in Zukunft noch kräftig wuchern können.


KLANGSPUREN Schwaz Tirol (13.9.-29.9.). Klangspurengasse1 / Franz-Ullreich-Straße 8a, A-6130 Schwaz/Österreich.
Das komplette Programm, alle Infos und Karten unter www.klangspuren.at oder Tel. +43 5242 73582.

Passmuseum Timmelsjoch: Timmelsjoch Hochalpenstraße geöffnet täglich 8-18 Uhr (Ende Mai bis Ende Oktober) Eintritt frei. Infos unter www.timmelsjoch.com

Das Tirol Panorama, Bergisel 1-2, A-6020 Innsbruck. Geöffnet Mo-So 9-17 Uhr (ganzjährig). Alle Infos unter www.tiroler-landesmuseum.at

Museum Tiroler Bauernhöfe: Angerberg 10, A-6233 Kramsach. Geöffnet von Palmsonntag bis 31. Oktober täglich von 9-19 Uhr.
Kirchtag am 30.9. 2012. Alle Infos unter www.museum-tb.at

Museumsfriedhof Tirol, Hagau 80, A-6233 Kramsach, Infos unter: www.museumsfriedhof.info

Böglerhof Alpbach: www.boeglerhof.at

Fotonachweis:
Header: Klangforum. Foto: Lukas Beck
Galerie:
01. Klangspuren Mood. Foto: Gerhard Berger
02. Chin Unsuk. Foto: Eric Richmond
03. John Cage. Foto: Roger Gordy
04. Alpbach, Congresszentrum. Foto: Isabelle Hofmann
05. Alpbach, Böglerhof. Foto: Isabelle Hofmann
06. Passmuseum Timmelsjoch. Foto: Rene Riller
07. Passmuseum Timmelsjoch, innen. Foto: Markus Auer
08. Schloss Tratzberg. Foto: Isabelle Hofmann
09. Schloss Tratzberg, innen. Foto: Isabelle Hofmann
10. Reith, Almabtrieb mit Jungen. Foto: Isabelle Hofmann
11. Kramsach am Kirchtag, Bauer in Tracht. Foto: Isabelle Hofmann
12. Prunkgürtel, Federkielstickerei. Foto: Isabelle Hofmann
13. Kramsach, Kirchtag, Alphornbläser. Foto: Isabelle Hofmann
14. Reith, Almabtrieb. Tirolerinnen in Landestracht. Foto: Isabelle Hofmann
15. Tirol Panorama-Museumsbau von außen. Foto: Isabelle Hofmann
16. Tirol Panorama-Museumsbau, innen. Foto: Isabelle Hofmann

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