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Akustische und elektronische Wirkungsräume: Villalobos und Loderbauer

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Donnerstag, den 09. Juni 2011 um 11:36 Uhr
Akustische und elektronische Wirkungsräume: Villalobos und Loderbauer 4.6 out of 5 based on 189 votes.
Akustische und elektronische Wirkungsräume - Villalobos und Loderbauer, Re:ECM

Es gibt Alben, die ihr großes Publikum nicht finden werden. Es gibt Alben, die dennoch wirkungsvoll sind. Und es gibt Alben, da muss man zuhören, konzentriert und mit Feingefühl.
Ricardo Villalobos, einer der bekanntesten DJs und Produzenten für elektronische Musik hat sich mit seinem musikalischen Partner Max Loderbauer wohl einen kleinen Traum erfüllt. Sie haben ein sensibles und mutiges Stück Musik bei einem der großen deutschen Labels abgeliefert. Die Musikwelt der Münchner ECM dient den beiden Elektronikern als Spielwiese und Steinbruch zugleich. Das Ausgangsmaterial stammt aus Werken von Christian Wallumröd, Alexander Knaifel, John Abercrombie, Miroslav Vitous, Louis Sclavis, Wolfert Breverode, Paul Giger, Enrico Rava/Stefano Bollani/Paul Motian, Arvo Pärt und Bennie Maupin.

„Villalobos und Loderbauer sind mit dem allergrößten Respekt an dieses Projekt herangegangen. Mit einem Live-Mixing Board und modularen Synthesizern begannen die beiden, gut vertraut mit dem atmosphärischen Spektrum von ECM, auf unorthodoxe Weise zu interagieren. Dabei benutzten Villalobos und Loderbauer musikalische Fragmente des Originalmaterials, in denen Instrumente, Stimmen oder Chöre isoliert vorhanden waren. Diese kaum orchestrierten Teile wurden nun in Loops umgearbeitet und mit aufwendig ausgestatteter Studiotechnik miteinander zum Klingen gebracht. So kontrollierte das Ausgangsmaterial auch die Neubearbeitung. Durch die wechselseitige Wirkung der einzelnen Komponenten aufeinander kommt es zu interessanten Interaktionen, die beinahe einer Improvisation nahe kommen“, heißt es im Begleitschreiben zur CD-Release.

In der Tat, ist der Respekt für die Arbeit anderer spürbar, auch wenn sich die Künstler bei anderen bedienen. Jedoch soweit zu gehen, im engeren Sinn von Improvisation zu sprechen, vermag ich nicht zu unterstützen.
Sicherlich ist die Idee alles andere als neu und auch nicht besonders innovativ, diese zitierende Vorgehensweise zu wählen. Sie gibt es – wenn auch nicht in der digitalen Ausprägung – seit Jahrhunderten: Künstler, egal aus welchem Genre, benutzen Material und Inhalte anderer Künstler und setzen diese neu zusammen, ergänzen, kombinieren diese, sampeln, remixen, übermalen oder zerschneiden. Will sagen, mittlerweile eine gängige Art und gewohnter Umgang mit sogenanntem Fremdmaterial. Die Frage, die sich nun daraus stellt und letztlich auch die Qualität definiert, ist, wie eigenständig diese Art der kulturellen Aneignung sein kann und wo fängt die nachvollziehbare Eigenständigkeit überhaupt an. Bei Villalobos und Loderbauer ist der feine Grad zwischen Aneignung und Verfremdung ausschlaggebend. Die Doppel-CD Re:ECM hat ihre Vorbilder und Bezüge und erinnert stellenweise an die musikalischen Arbeiten der japanischen Gruppe 'Dump Type' und an die, in einem völlig anderen Kontext entstandenen, reduzierten Klangwerke der urbanen Tonalität von Michael Rüsenberg sowie an frühe Werke von Ferdinand Försch (Bach 4/7) mit seinen experimentellen Klangwelten, die er auf John Cage und Johann Sebastian Bach bezieht. Jedoch sind die hier vorgestellten Titel sehr auf eine im Raum gedachte Klangfarbe fokussiert und somit eine eigenständige, genug entfernte, von den Vorbildern. Die Räume müssen zunächst allerdings künstlich, elektronisch vermittelt werden und funktionieren hier wirklich glaubwürdig durch die einfühlsame Kombination mit dem akustischen Ausgangsmaterial realer Stimmen eines Chors beispielsweise (eine Hommage an Arvo Pärt). Die Oberfläche der elektronischen Sounds wird durch die sich in Entfernung befindlichen Stimmen aufgeklappt und vertieft und lässt kathedralen Raum erhören.


"Retikhiy", CD 2, Track 4

Egal welches der 17 Stücke man lauscht, man muss sich konzentrieren und dies ist in einer Welt der Schnelligkeit, des permanenten Begleitrauschens und der berieselnden Oberfläche für viele sicherlich eine Herausforderung. Es lohnt sich aber „durchzuhalten“ und sich die Hörzeit zu nehmen, denn erst dann kann man die Feinheiten des Albums erkennen. Wer es schafft, stellt fest, dass die zweite der beiden CDs ein Hauch farbiger ist als die erste. Trotz allem, der Feinheit und Qualität (oder vielleicht auch gerade deswegen) wird Re:ECM kaum ein großes Publikum finden und selbst Elektronikfans werden sich in schwarz und weiß teilen. Mein musikalischer Akustikmesser zeigt jedenfalls eindeutig auf weiß.


Künstler: RICARDO VILLALOBOS und MAX LODERBAUER
Titel: Re:ECM
Label: ECM
Release: 17.6.2011
Vertrieb: Universal
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