Musik

Ein Blick in die Kindheit der Oper: Monteverdi – „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“

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Dienstag, den 26. September 2017 um 08:29 Uhr
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Ein Blick in die Kindheit der Oper: Monteverdi – Il Ritorno d’Ulisse in Patria Foto Monika Rittershaus

Nach seinen gefeierten Hamburger Inszenierungen „Salome“, „Pelléas et Mélisande“ und „Pique Dame“ kehrt Opernregisseur Willy Decker im Herbst an die Staatsoper zurück. Gemeinsam mit Bühnen- und Kostümbildner Wolfgang Gussmann und dem Barockspezialisten Václav Luks widmen sie sich Monteverdis „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“.

„Manchmal überraschen uns Handlungen, die aus sicherstem Vorsatz bei hellstem Bewusstsein geschehen. Von solcher Art ist die Erfindung der Oper. Niemals ist eine mächtigere Kunstform auf künstlichere Weise entstanden“. (Richard Alewyn)

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erblickte eine neue Kunstform das Licht der Welt: die Oper. Die ersten Werke dieser Gattung zielten auf die (vermeintliche) Erneuerung der antiken Tragödie, man entschied sich für einfache, sangbare Handlungen mythologischen Inhalts. Die Vorstellungen fanden mit großem szenischen und Kostüm-Aufwand statt, denn die optischen Mittel spielten die beherrschende Rolle: Himmel und Hölle öffneten sich, Gestalten schwebten aus der Höhe hinab oder stiegen aus der Tiefe herauf. Die Unterwelt spie Feuer, Schlangen und Ungeheuer erschienen und Meeresfluten füllten die Bühne. Allegorische Figuren traten in fantastischen Kostümen auf. An äußerem Pomp und Prunk übertrafen die barocken Opernvorstellungen alle ihre Nachfolger. Eines der ersten überlieferten Werke dieser neuen Kunstform stammt von Claudio Monteverdi „L’Orfeo“.

Monteverdi wurde 1567 in Cremona geboren und ging 1613 als Maestro di cappella an die Basilica di San Marco in Venedig. Er begründete den bis zu Georg Friedrich Händel gültigen Typ der Venezianischen Oper. Vor allem mit „L’Orfeo“ (1607), „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ (1640) sowie „L’Incoronazione di Poppea“ (1642) hat er sich einen Platz in der Musikgeschichte gesichert. Monteverdi gilt das Verdienst, die kurzen Intermedien – meist als Zwischenaktmusiken bei höfischen Schauspielen zur Geltung gebracht – in abendfüllende Musikdramen überführt zu haben. Als einer der maßgeblichen Wegbereiter der Oper wird Monteverdi heute in einem Atemzug genannt mit Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Giuseppe Verdi oder Richard Wagner.

Der Odysseus-Mythos wurde von Homer in einem Versepos verarbeitet, und der Titelheld steht beispielhaft für den Menschen der Moderne: er denkt strategisch, folgt unbeirrbar seinem geplanten Vorhaben, lässt sich nicht durch Gefühl, sondern ausschließlich durch Ratio leiten, er akzeptiert die Existenz der Götter, doch stehen sie nicht über ihm. Nach 20 Jahren Krieg und Irrfahrten steht er an Ithakas Gestade und muss „nur noch“ die Freier, die Penelope bedrängen, ausschalten. Da stellt sich ihm ein bislang völlig unbekanntes Problem: man erkennt ihn nicht. Gerade Penelope verlangt von ihm einen Beweis seiner Identität. Es ist einerseits die Geschichte eines Kriegers, der die Gesetze des Friedens wieder neu kennenlernen muss, andererseits die eines irrenden Menschen, dem das Erwachen und Ankommen fast nicht gelingen mag.

Monteverdis „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ (Die Heimkehr des Odysseus in sein Vaterland) wird im Oktober 2017 in der Inszenierung von Willy Decker an der Staatsoper Premiere feiern. Der Regisseur der Hamburger Neuproduktion beschreibt, welche Blicke der Komponist und seine Zeitgenossen auf die Welt werfen: „Monteverdi entwirft ein großes, bunt gemaltes, grandios naives Welttheater, ganz im Sinne einer klassischen Definition des ‚theatrum mundi': die Welt als Bühne, auf der der Mensch im Angesicht der Götter seine Rolle zu spielen hat. Diese akademische Definition des Begriffs ,Welttheater' klingt wie eine knappe, präzise Bühnenanweisung für Monteverdis Ulisse. Kosmos, Universum, Welt, Götter, Menschen. Auf dieser Bühne, die die ,Welt' bedeutet, handeln nicht nur Menschen, nicht nur Götter; sogar die Zeit, das Schicksal, die Liebe sind Figuren, sichtbar, hörbar, handelnd. Theater ist Welt, und Welt ist Theater, das eine jeweils die Spiegelung des anderen.“

Ulisse Staatsoper Hamburg Foto Monika RittershausDer Stoff hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. An einer weiteren Produktion der Staatsoper Hamburg in dieser Spielzeit lässt sich ablesen, wie universal und vielschichtig diese Geschichte ist, sodass wir in Odysseus einem Zeitgenossen zu begegnen scheinen. Im April 2018 wird die Kammeroper „I.th.Ak.A“ in der opera stabile uraufgeführt: der junge australische Komponist Samuel Penderbayne arbeitet (auch) mit der elektronischen Bearbeitung von Instrumenten und Stimmen, der Librettist Helmut Krausser hatte mit dem Roman „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ die erzählerische Grundlage für den gleichnamigen Kinofilm geliefert. In „I.th.Ak.A“ wird der antike Mythos unter die Energie unserer heutigen digitalen, web-basierten Erzählungen gesetzt, die wir von unserem Ich entwerfen, so wie das seither viele Autoren, Filmemacher, Komponisten und Maler getan haben.

Monteverdi komponierte die Oper „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ für das Teatro San Cassiano in Venedig, das weltweit erste kommerziell geführte öffentliche Musiktheater in der Stadtrepublik. Das Libretto formte Giacomo Badoaro nach dem 13. bis 23. Gesang aus Homers Odyssee – der Schwerpunkt liegt auf der Heimkehr des Odysseus. Auch die bei Homer angelegte Personencharakteristik übernahmen Monteverdi und Badoaro. Ebenso stellten sie einen zeitüblichen allegorischen Prolog vor die Handlung, in dem der Mensch das Los seiner Sterblichkeit und sein Ausgeliefertsein an die Mächte des Universums beklagt. „So wird vor dem eigentlichen Beginn der Handlung die Ursituation des Menschen eindeutig und hart umrissen, um dann die zentrale, die eigentliche und einzige Frage zu stellen, um die es im Ulisse geht“, erklärt Willy Decker (*1950) , „In all der Vergänglichkeit, gibt es etwas, was bleibt? Kann der Mensch der Flüchtigkeit und permanenten Veränderung etwas entgegensetzen, das dauert? Die Geschichte von Ulisse und Penelope wird erzählt, die Versuchspersonen in diesem theatralischen Experiment, um eine Antwort auf diese Frage zu geben.“

Da Gesang und die Bühnendarstellung in der venezianischen Oper im Vordergrund standen – wie teure Sänger oder kostspielige Kostüme und imposante Bühnenbilder, blieb wenig Geld für ein Orchester oder einen Chor. Neben den Generalbass-Instrumenten passte sich die Anzahl weiterer, meist Streichinstrumente für die Sinfonien und Ritornelle den jeweiligen Aufführungsmöglichkeiten an. Die Gesangspartien waren von den Komponisten nur mit Generalbass notiert. Der Gesang sollte den sprechenden Menschen nachahmen, also grundsätzlich rezitativisch vertont sein. Auch Monteverdi forderte, „dass die Rede die Herrin der Musik sei und nicht ihre Dienerin“. So stellte der Komponist den rezitativischen Gesang in den Mittelpunkt, dessen Ausdrucksspektrum außerordentlich weit gefasst war. Klangfarbe, Harmonik, Rhythmus etc. sind eng mit der Affektsituation der theatralischen Figur verbunden. Der Musikwissenschaftler Leo Karl Gerhartz vermerkt hierzu: „Mit der Entwicklung des begleiteten Sologesangs geht es von Anbeginn um das Sprechen und Fühlen der Menschen. Sie sucht nach Abbildern des Menschlichen. Zwar holt sie Götter und Menschen auf ihre Bühne, am Leben bleibt sie aber auf Dauer nur dort, wo sie wie bei ihrem Beginn etwas widerspiegelt vom Leben und Fühlen des Menschen.“

Die Götter bei „Die Heimkehr des Odysseus“ sind menschenähnlich gestaltet. Monteverdi zeichnet die unterschiedlichen Figuren differenziert, dadurch hebt er die Funktionen, die den Charakteren zugeordnet sind, deutlich hervor, dieses Verfahren erscheint wie eine Vorwegnahme der musikalischen Psychologie späterer Opernkomponisten. Die Musik unterscheidet zwischen Göttern und Menschen und zwischen integren und zwielichtigen Charakteren. Ulisse und Penelope haben ihre eigenen Klänge. Der Titelheld besitzt zudem die schillernde Fähigkeit, sich seinen jeweiligen Gesprächspartnern mit dem musikalischen Duktus anzupassen.
Willy Decker lässt Ulisse nicht in ferner Vergangenheit oder im abstrakten Nirgendwo spielen, sondern versetzt die Handlung ins Heute. Neben den psychologischen und mythologischen Ebenen hebt er auch die in der Handlung vorhandenen komischen Elemente hervor: „Das selbstverständliche Nebeneinander von Komik und menschlicher Tragik macht die eigentlich innerste Substanz des Ulisse aus und setzt sich im Grunde bis tief in die Figuren hinein fort… Es ist, als würde man mit Ulisse in die Kindheit der Oper hineinschauen, wo, wie in der menschlichen Kindheit, noch keine differenzierende Entwicklung stattgefunden hat. Spiel und Ernst, Sprache und Klang, lustig oder traurig, alles existiert gleichzeitig, ineinander vermischt, ohne dass man es voneinander trennen könnte.“

Claudio Monteverdi: Il Ritorno d'Ulisse in Patria
Musikalische Leitung: Vaclav Luks
Inszenierung: Willy Decker
Bühnenbild: Wolfgang Gussmann
Kostüme: Wolfgang Gussmann, Susana Mendoza
Licht: Franck Evin
Mitarbeit Regie: Jan Eßinger
Dramaturgie: Kathrin Brunner

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertexten
Eine Übernahme vom Opernhaus Zürich

Staatsoper Hamburg
Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 8,00 EUR bis 179,00 EUR
Ab So 29.10. bis Sa 11.11.2017
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Szenen aus „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“, Staatsoper Hamburg. Fotos © Monika Rittershaus
 

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