Musik

Gurre-Lieder in der Elbphilharmonie: Zu wenig Vertrauen in die leisen Töne

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Dienstag, den 20. Juni 2017 um 09:10 Uhr
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Gutte Lieder Phil-Orch. Foto Hannes Rathjen

Noch ein Anlauf, Repertoire-Riesen zu bezwingen. Und diesmal, für Arnold Schönbergs „Gurre-Lieder“, stand Kent Nagano wieder genesen selbst am Pult seiner Philharmoniker auf der Suche nach der Balance zwischen Musiker-Massen und den klingenden Feinheiten einer gewaltigen Partitur. Ein Experiment mit himmlisch funkelnden, grandiosen Glücksmomenten und – vor allem beim Austarieren der Lautstärken von Sängern und Orchester – weniger gelungenen Abschnitten.
Genauer gesagt: beim Vertrauen in das Piano und Pianissimo, das der Saal doch ebenso direkt ans Publikum weiterreicht wie die aufgedrehten Fortissimo-Partien. Ja, man möchte meinen, gerade bei den leisen Tönen zeigt der Saal erst richtig, was er kann: filigrane Töne, feinste Klangspiele, ersterbendes Aushauchen, selbst eine leise gespielte Solo-Violine kann sich noch bemerkbar machen, wenn die tiefen Streicher ordentlich grummeln.

Die selig-unselige Liebesgeschichte zwischen König Waldemar und der schönen Tove, die welterschütternden und himmelstürmenden Anklagen des Königs nach dem Mord an der Geliebten, all das hätte man gern gehört und verstanden aus dem Mund der Sängerinnen und Sänger. Aber das hat ihnen Schönberg nicht leichtgemacht. Dabei setzt er die opulenten 70 Streicher, 50 Bläser, 10 Mann an Schlagwerk und Pauken, vier Harfenistinnen und die Celesta selten der reinen, brutalen Lautstärke wegen ein, meist nutzt er sie für subtile Klangfarbzaubereien, fürs Changieren zwischen Farben, fürs Verfremden und Erweitern des Hörspektrums.

Gleich das Orchestervorspiel verhieß allerfeinste Spielkultur, da perlte, strahlte und funkelte es, was Arnold Schönbergs spätromantische Musik hergab, süßer Streicherschmelz, dunkler Bläserglanz, bei dem Richard Wagner, Richard Strauss und Claude Debussy gleichzeitig grüßen lassen. Alles aus einem Guss, geschmeidig, lustvoll und bestens intoniert – diese Philharmoniker möchte man in dieser Tagesform immer hören. Aber schon mit dem ersten Sängereinsatz war klar, dass das nicht zusammengehen würde. Torsten Kerl, präzise artikulierend, hatte mit seinem Tenor gegen die Klanggewalt der Orchestermusik nicht den Hauch einer Chance. Man hörte ihn kaum, geschweige denn den Text – was bei einer oratorischen Form, ohne Bühnenhandlung, klar zuwenig ist. Man kommt ja nicht ins Konzert, um im Halbdunkel Textmassen im Programmheft zu buchstabieren. Vielleicht hätten Übertitel geholfen?

Kent Nagano tat eine Menge, um den Riesenapparat zu dämpfen. Vergebens, das Vertrauen in Piano, Pianissimo und noch leisere Töne müssen sich nicht nur die Philharmoniker in diesem Saal erst noch erspielen. Besser dran, weil durchschlagskräftiger, war der Sopran von Dorothea Röschmann, hier blieben immerhin einzelne Worte in den Ohren hängen, und ihre Stimme trug zuweilen über dem Orchester. Ob es so glücklich war, die Sängerinnen und Sänger außen an den Seiten des Riesenorchesterapparats zu platzieren?

Die beste (Sänger-)Figur machte Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Klaus-Narr in Wort und Ton, dicht gefolgt von Wilhelm Schwinghammer als Bauer und Claudia Mahnke als Waldvogel. Selbst Anja Silja mit dem von Komponisten notierten melodramatischen Sprechgesang einer Sommerfantasie vor dem Schlusschor war eher zu ahnen denn zu verstehen. Sie hatte allerdings im Schlagwerk hinter dem Orchester auch die denkbar schlechtesten Startvoraussetzungen dafür.

Dafür punkteten die vereinten Chöre aus MDR Rundfunkchor Leipzig und Chor der Hamburgischen Staatsoper mit Macht – noch einmal 140 Mitwirkende. Kurz nur, die Damen sogar nur im Schlusschor. Aber der rechtfertigte das aus vollem Herzen der Vorfreude kommende „Hach!“, das bei der Diskussion der Musik in der Pause von einer sonst eher skeptisch blickenden älteren Dame geäußert wurde. Hier lässt Schönberg die Sonne zu einem neuen Tag aufgehen, die nächtlichen Schatten und die wilde Jagd von Waldemars Mannen sind kaum verklungen, das Prinzip Hoffnung sendet seine zwingenden Strahlen über die Welt. Und drei Jahre nach der Fertigstellung des Werks, das zwischen 1900 und 1911 entstand, brach der Erste Weltkrieg los.

Ein großes Konzert? Sicher. Die Brillanz und Tiefe der Philharmoniker gingen unter die Haut, der Berührung durch die selten aufgeführte Musik konnte sich niemand im Saal entziehen. Selbst die Zahl der Handyfotos danach hielt sich in Grenzen. Wenn jetzt nur noch auf der Bühne das Vertrauen in die leisen Töne wüchse. Der Saal trägt sie doch.



Abbildungsnachweis:

Headerfoto: Hannes Rathjen

 

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