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Musik

Les Troyens – Die Unmöglichkeit von Heimat

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Sonntag, den 20. September 2015 um 13:28 Uhr
Les Troyens – Die Unmöglichkeit von Heimat 4.6 out of 5 based on 68 votes.
Les Troyens - Hamburgische Staatsoper

Neustart in der Hamburgischen Staatsoper
Großer Startschuss auf der großen Bühne der Hamburgischen Staatsoper: Der neue Generalmusikdirektor Kent Nagano dirigierte Hector Berlioz’ „Les Troyens“, Regie: Michael Thalheimer. Eine selten gespielte Grand Opéra, die alle Beteiligten heftig fordert und drei Jahre Vorbereitung bedurfte. Die erste Premiere der Ära Georges Delnon/Kent Nagano konnte noch nicht in allen Punkten überzeugen.


Gut mehr als anderthalb Stunden hat der französische Komponist Pascal Dusapin aus Berlioz’ Opern-Dickschiff „Les Troyens“ herausoperiert. Knapp dreieinhalb Stunden, Note für Note nur Berlioz, sind von der ursprünglichen Doppeloper geblieben, die sich aus „Die Eroberung von Troja“ und „Die Trojaner in Karthago“ zusammensetzt. Die Handlung des Flüchtlingsdramas ist gestrafft, konzentriert sich auf die zentralen Stränge: das Ende des trojanischen Krieges, die Warnungen der Seherin Cassandra, die Einnahme und Zerstörung der Stadt, nachdem die Insassen des bekannten trojanischen Pferdes die Tore öffneten. Aeneas bekommt vom Schatten des toten Helden Hector den Marschbefehl, mit den Überlebenden nach Italien zu ziehen und dort ein neues Gemeinwesen zu gründen: Rom. Cassandra und die Frauen Trojas wählen den Tod von eigener Hand, um der Schändung und Versklavung durch die Eroberer zu entgehen.

Auf seinem Weg nach Italien gelangt Aenas nach Karthago, sieben Jahre zuvor von Flüchtlingen aus Tyros gegründet. Der Held bezaubert Königin Dido, die Königin der Stadt. Doch als die Warnrufe der Schatten der getöteten Trojaner immer lauter werden, zieht er unvermittelt weiter, um, seinen unerbittlichen Auftraggebern folgend, eine neue Heimat für die trojanischen Flüchtlinge zu finden. Was die verlassene Dido verzweifelt in den Tod von eigener Hand treibt. Man ahnt dunkel: Nach Didos Fluch wird auch Rom kein gutes Ende nehmen. Soweit die Handlung, vom Komponisten zum Libretto gemacht nach Vergils affirmativem römischem Staatsgründungsmythos „Aeneis“. Und man denkt: Da ist ja ordentlich was los.
Auf der großen Bühne hat Regisseur Michael Thalheimer den Spielraum mit seinem Bühnenbildner Olaf Altmann von hohen hölzernen Mauern einkasteln lassen, deren hintere sich um eine waagrechte Achse drehen lässt. Geöffnet dient sie als Tor, geschlossen als Fläche, über die Theaterblut in Massen herabstürzt, wenn Troja erobert wird, wenn sich die trojanischen Frauen um Cassandra töten, wenn Dido in den Tod geht. Auch ein ansehnlicher Wasserfall kann da herabrauschen, wenn sich Dido und Aenas ihre Liebe eingestehen.

Mauern und Tor – ein einfaches, starkes Bild, das den Eindruck der Enge, des Gefangenseins der Figuren in ihren gesellschaftlichen Rollen unterstützt. Es nutzt sich nicht rasch ab, birgt aber doch die Gefahr, das Geschehen – bei weitgehender Freiheit von sonstigen Requisiten – in einem recht eintönigen Rahmen zu zeigen. Dieser Gefahr entkommt Thalheimer nicht immer.

Was vor allem an seiner arg reduzierten Personenregie liegt, die sich überwiegend darauf beschränkt, die Sänger zum vorderen Rand der Bühne zu schicken. Gesungen wird weitgehend statisch und ein bisschen autistisch; manchmal scheint es, als hätten die Protagonisten nur wenig miteinander zu tun – zu wenig für die hoch emotionalisierte Musik, die sie glaubhaft über die Rampe bringen sollen.

Wirklich erschütternd ist die Dido von Elena Zhidkova
Die Musik, das ist der Part von Kent Nagano, der sich zum ersten Mal in seiner Amtszeit als Operndirigent vorstellte. Mit einer weitgehend überzeugenden Sänger-Crew, bis in kleine Positionen gut und adäquat besetzt. Bewegend singen, das taten vor allem vier von ihnen: Julian Prégardien in der Rolle des jungen phrygischen Seemanns Hylas, mit seinen sehnsuchtsvollen Gedanken an die Heimat und der bangen Frage, ob er sie je wiedersehen wird. Ein klarer, reiner, ein weicher und ganz und gar offener Tenor, dessen Arie „Vallon sonore“ eines der anrührenden Glanzstücke des Abends ist. Etwas zupackender und heller im Timbre sang Markus Nykänen, um als Hofpoet seine Königin Dido bei einer Siegesfeier aufzuheitern.

Den größten Applaus am Ende aber heimsten die Sängerinnen von Cassandra und Dido ein, Catherine Naglestad und Elena Zhidkova. Naglestads Sopran hat Durchschlagskraft und Sentiment. Cassandra bekam vom Gott Apollo die Gabe, in die Zukunft schauen zu können. Und weil sie ihn als Liebhaber zurückwies, verfügte er, niemand werde ihr glauben. Naglestad spielt das überzeugend – die innere Zerrissenheit Cassandra, die wenigstens ihren menschlichen Geliebten Chorèbe retten will. Die blutbeschmiert und immer blutiger den Untergang Trojas voraussieht und daran verzweifelt, dass ihr niemand glaubt. Großes Drama, tief bewegend.

Wirklich erschütternd aber ist die Dido von Elena Zhidkova mit ihrem beweglichen, großen Mezzosopran von erheblicher Strahlkraft. Ihr nimmt man das Zögern ab, sich nach dem Tod ihres Ehemanns einem neuen Mann in Liebe zuzuwenden. Auf ihr lastet die Bürde der Königin, der Stadt- und Staatsgründerin, auch der Kriegsherrin. Sie macht als Einzige eine Entwicklung durch, sucht in dem Krieger aus Troja eine verwandte Seele, öffnet ihre Gefühle für ihn – und zerbricht, als Aeneas dann doch dem Ruf der Schatten folgt anstatt der Stimme der Liebe. Zhidkova singt das nicht nur großartig, sie spielt es auch mit einer Unbedingtheit, die das Publikum atemlos macht.

Schade, dass Torsten Kerl als Aeneas mit einem stark nasal gefärbten Tenor in der Mittellage da nicht mithalten konnte, während er seine Stimme in der Höhe doch öffnen konnte. Ein insgesamt unausgewogener Eindruck, der durch überstandene Krankheit noch eine Erklärung auf der Premierenfeier findet.

Naganos feine Klangmalerei – wenig Raum für große Gefühle
Bleiben Chor und Orchester. Viele und gewaltige Chöre, die große Beweglichkeit erfordern, hat Berlioz für diese Oper komponiert. Eine Herkulesaufgabe, die der Staatsopernchor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) abgesehen von winzigen Wacklern sehr anständig gemeistert hat. Vielleicht fehlt es einfach noch ein bisschen an der Abstimmung mit dem neuen Chef im Graben, das wird sich sicher schnell einspielen.
Kent Nagano konzentrierte sich sehr auf sein neues Orchester und hielt es über weite Strecken in einer gleichschwebenden Klangbalance, die hübsche Nuancierungen ermöglichten. Berlioz ist nicht der Mann, der Ohrwürmer geschrieben hätte, die man auf dem Heimweg vor sich hin summt. Er hat einen Klangkosmos geschaffen, der den Zuschauer einhüllt, der die Hörnerven umschmeichelt und bezaubert. Der die Dramatik der Handlung untermauert. Doch was in Naganos Dirigat der fein gestuften Klangfarbenmalerei von Berlioz entgegen kam, verhinderte, dass anderswo die rauschhaften, aufregenden, verzauberten Momente aufblitzten, dass die irrwitzigen Ausbrüche von Zorn und Verzweiflung wirklich gefährlich, gar tödlich klangen. All das eben, was den Zuhörer dieser Oper mitreißen könnte in die psychologischen Höhen und Tiefen von Berlioz’ Drama. Da ist – so jedenfalls der Eindruck vom Premierenabend – natürlich gibt es noch einige Luft nach oben. Naganos Berlioz riss – sieht man von einem etwas zu kalkulierbaren Bravo-Rufer ab – zu Begeisterungsstürmen noch zu wenige hin. Aber der schwierige, der sehr ambitionierte Anfang – er ist geschafft.

Nach elf Minuten war der Premieren-Applaus vorüber, kurz vor Mitternacht zog das Team von der Premierenfeier mit Bürgermeister-Ermutigung auf der großen Bühne noch einmal kurz zum Jungfernstieg, wo zeitweise 1500 Opernfans das Ereignis zeitversetzt auf der Leinwand verfolgten, und holte sich dort einen Zweitapplaus ab.

Am Sonntag folgt noch eine Uraufführung in der Opera stabile („Weine nicht, singe“ von Michael Wertmüller), und dann beginnt der Opernalltag. Es wäre beängstigend, wenn beim Gewaltakt der drei Premieren zum Neustart schon alles ruckelfrei gelaufen wäre. Wachsen kann da noch einiges. Übrigens auch die Schriftgröße im Programmheft – die ist schlichtweg Augenpulver.

Les Troyens
Oper von Hector Berlioz. Musikalische Leitung: Kent Nagano. Hamburgische Staatsoper, Dammtorstraße. Nächste Vorstellungen: 23. und 26. September, 19:00 Uhr, 1., 9., 14. Oktober, 19 Uhr und 4. Oktober, 15:00 Uhr, Tickets: 5 bis 107 Euro.


Abbildungsnachweis:
Alle Fotos: Hans-Jörg Michel
Header: Catherine Naglestad als Cassandra.
Galerie:
01. Catrin Striebeck, Chor der Hamburgischen Staatsope
02. Torsten Kerl, Christina Gansch, Elena Zhidkova
03. Elena Zhidkova, Chor der Hamburgischen Staatsoper
04. und 05. Catherine Naglestad, Chor der Hamburgischen Staatsope
06. Torsten Kerl, Catherine Naglestad
07. Catherine Naglestad, Chor der Hamburgischen Staatsoper
08. Petri Lindroos, Chor der Hamburgischen Staatsope.

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