Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 809 Gäste online

Neue Kommentare

Herby Neubacher zu Mahlers Achte: Erlösung nicht wirklich garantiert: Faellt einem ein - nicht schoen aber laut. Es leb...
Marion Sörensen zu Unsere 17. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Ich kann der Vorrednerin nur intensiv beipflichte...
Dirk Lübben zu Gezeitenkonzerte – Musik-Festival in Ostfriesland: Sturm und Klang: Ein schöner Artikel, der Lust macht, dieses Fest...
Some dude from north of the river zu „Gimme Danger” – Liebeserklärung an Iggy Pop & The Stooges: Das klingt wunderbar. Den Film werde ich mir ganz...
Lena Baal zu Unsere 17. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Super unterhaltsamer, informativer Artikel, in de...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Musik

Annett Louisan – hingehauchter Tiefgang

Drucken
(78 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 11. August 2015 um 10:35 Uhr
Annett Louisan – hingehauchter Tiefgang 4.6 out of 5 based on 78 votes.
Annett Louisan. Foto Isabel Moran

Es dauerte, bis der Funke übersprang. Genau genommen, bis nach der Pause. Doch zum Schluss tanzten selbst graumelierte Damen und Herren ausgelassen vor der Open-Air-Bühne des Museums der Arbeit.
Die völlig überwältigte Annett Louisan, ihre großartige Band und das bestens aufgelegte Schleswig-Holstein Chamber Orchestra wussten nach drei Zugaben einfach nicht mehr, was sie spielen sollten.

Pop-Elfe, Barbiepuppe, Lolita. Jahrelang war Annett Louisan nur die „Ich will doch nur Spielen“-Maus mit Erotik-Stimmchen und kokettem Augenaufschlag, bei der es immer nur um Männer geht. Klein ist sie immer noch mit ihren gerade mal 152 Zentimeter, da helfen auch die Super-Stilettos nicht wirklich. Und puppenhaft süß sieht sie selbst mit 38 Jahren aus. Doch dass die gebürtige Magdeburgerin mehr kann, als mit samtig einschmeichelnder Mädchenstimme ein paar witzige, mit Frechheiten und Schimpfwörtern gespickte Texte ins Mikro zu hauchen, hat sie an diesem Abend eindrücklich gezeigt.

Für 19 Uhr ist das Open-Air-Konzert im Hof des Museums der Arbeit angesetzt und um Punkt 19 Uhr geht es tatsächlich los. Fast überschwänglich begrüßt Annett Louisan das Hamburger Publikum, dann Wouter Padberg, den holländischen Dirigenten des Schleswig-Holstein Chamber Orchestras und ihre Band um Hardy Kayer (Gitarre) und Friedrich Paravincini (Piano, Cello). Sichtlich bemüht flirtet sie mit den Zuschauern in die ersten Reihen, erzählt von ihrer Zeit in Barmbek und an der Kunsthochschule – doch ohne großen Erfolg. Die Hanseaten bleiben reglos auf ihren Plastikstühlen sitzen und lassen sie strampeln. Irgendwelche Refrains mitsingen wollen sie schon gar nicht.

Es scheint fast, als sei hier was schiefgelaufen. Als hätte sich das typische SHMF-Publikum, das am Sonnabend zuvor den überragenden Percussionisten Martin Grubinger mit Bruno Hartls Neuer Musik für Schlagzeug und Orchester in der Lübecker MUK gefeiert hatte, in das Hamburger Open-Air-Konzert verirrt - nur, weil Schleswig-Holstein Musikfestival drauf stand.

Doch statt Klassik kommt nun dieses Girlie, das zwischen den Songs raucht und ständig an seinem trägerlosen Klein herum zippelt, weil das Bustier zu rutschen droht. Kein sonderlich gelungener Einstieg, in der Tat, und so bleibt die gefühlte Temperatur des Publikums unter denen des lauen Sommerabends an der Maurienstraße. Selbst die wunderbar für das Kammerorchester arrangierten südamerikanischen Rhythmen aus dem zweiten Album „Unausgesprochen“ können den gut gefüllten Platz vor dem riesigen Elbtunnel-Schneidrad T.R.U.D.E. nicht erwärmen. Dabei sind Louisans Band und das Schleswig-Holstein-Chamber Orchestra ausgezeichnet aufgelegt und Louisans hingehauchte Stimme geht wohlig unter die Haut, nur in den hohen Lagen klingt sie etwas dünn. In den Bossa nova- und Tango-Stücken, „Wo ist das Problem“, „Der Schöne“, „Torsten Schmidt“ oder „Rosenkrieg“ passt sie jedoch hinreißend und büßt auch mit Streicher-Begleitung nichts von ihrem erotisch-coolen Charme ein.

Soweit der Eindruck vor der Pause. Danach bekommen die Hamburger eine ganz andere Annett Louisan zu Gesicht. Kein Mädchen mehr, sondern eine bezaubernde junge Frau im hochgeschlossenen „Kleinen Schwarzen", die sich über sich selbst und ihr Feen-Image lustig macht und die Lieder von ihrem neuen Album „Zu viel Information“ mit erstaunlicher Reife und Ausdrucksstärke vorträgt. „Ich bin nicht Annett Louisan. Annett Louisan ist meine liebe Schwester. Ich bin die Bösere von uns“, hatte sie in einem Interview zum Erscheinen des sechsten Albums gesagt.

Nun, vielleicht nicht die Bösere, aber in jedem Fall die Erwachsenere, Selbstbewusstere. Eine echte Chanteuse mit Gefühl und Tiefgang, die nicht nur als weibliches Pendant zu Roger Cicero durchgeht. Hier spürt man: Sie kann mehr werden. Vielleicht ein weiblicher Jacques Brel, vielleicht tritt sie sogar mal in die (noch zu großen) Fußstapfen von Edith Piaf. Einfach hinreißend, wie diese zierliche Person Charles Aznavours Klassiker „Spiel Zigeuner“ interpretiert. Mit einer Verve und Kraft, wie man sie nie zuvor in ihrer Stimme hörte. Hier stimmt einfach alles, Gesang, Arrangement, Zusammenspiel von Band und SH-Kammerorchester, das zur Höchstform auftrumpft.

Und mit einem Mal ist auch das Publikum da. Jubelt, johlt, pfeift, geht mit. „Jetzt geht die Party los“, ruft Annett Louisan glücklich, als das Konzert eigentlich schon vorbei ist und die Leute zur Bühne strömen. Jetzt wollen sie mehr – und jetzt singen sie endlich auch den Refrain aus vollem Halse mit: „Das Alles wäre nie passiert, das Alles wäre nie passiert – ohne Prosecco“.


Schleswig-Holstein Musik Festival 2015 bis 30. August
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:

Header: Annett Louisan. Foto: Isabel Moran. SHMF

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Musik > Annett Louisan – hingehauchter Tiefgang

Mehr auf KulturPort.De

Kopf-Hörer 15: Bach
 Kopf-Hörer 15: Bach



Neues vom Planeten Bach: Dass sein Wohltemperiertes Klavier dereinst auf einem Akkordeon gespielt würde, und dann noch so grandios, wie Mie Miki das tut – [ ... ]



Sybille Homann – Glasdesign aus Hamburg St. Pauli
 Sybille Homann – Glasdesign aus Hamburg St. Pauli



„An die Flasche geraten und hängengeblieben“ – so fasst Sybille Homann ihre Biografie zusammen und meint es damit durchaus ernst. Die gebürti [ ... ]



„Nocturama”. Wenn Anarchie zu unwiderstehlicher Ästhetik mutiert
 „Nocturama”. Wenn Anarchie zu unwiderstehlicher Ästhetik mutiert



Bertrand Bonellos Leinwand-Epos „Nocturama” ist überwältigend schön und zutiefst verstörend. Die Reaktion bei Kritikern wie Publi [ ... ]



Endless: Lost Lake
 Endless: Lost Lake



Die französischen Musiker David Haudrechy (Saxophon) und Grégoire Aguilar (Piano) gehen mit ihrem neuen Album „Lost Lake“ auf eine kontemplative Re [ ... ]



Hamburger Kammeroper glänzt mit zwei Wahnsinnsopern
 Hamburger Kammeroper glänzt mit zwei Wahnsinnsopern



Zwei verrückte Menschen am Rand des Abgrunds. Unrettbar verloren die eine, sicher aufgefangen in einer reißfesten Liebe der andere. Zwei Einakter von  [ ... ]



Gemma & The Travellers: Too Many Rules & Games
 Gemma & The Travellers: Too Many Rules & Games



Bei den Ärzten hieß es: „Ist das noch Punkrock...“, und die Antwort lautete: Man weiß es nicht…! Wenn wir bei Gemma & The Travellers fragen [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.