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Musik

Hamburgische Staatsoper. Die tote Stadt

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 25. März 2015 um 10:34 Uhr
Hamburgische Staatsoper. Die tote Stadt 4.6 out of 5 based on 139 votes.
Hamburgische Staatsoper. Die tote Stadt

„Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold wurde 1920 bei ihrer zeitgleichen Uraufführung in Hamburg und Köln ein Überraschungserfolg, der junge Komponist ein Weltstar. Zum Ende ihrer Hamburger Zeit hat Simone Young (musikalische Leitung) mit Karoline Gruber (Regie) die Oper nach 95 Jahren erstmals auf die Bühne der Hamburger Staatsoper zurückgeholt. Und leistet sich mit Klaus Florian Vogt den wohl besten Paul, der weltweit zu bekommen ist. Aber nicht nur deswegen ist „Die tote Stadt“ ein lohnendes Opernerlebnis.

Als der 23 Jahre junge Erich Wolfgang Korngold seine Oper „Die tote Stadt“ schreibt, hat er sich ein neurotisch-morbides Sujet ausgesucht, zu dem sein Vater Julius, einer der großen Musikkritiker im Wien der damaligen Zeit, das Libretto gedichtet hat. Es handelt von dem, was von einer Traumbeziehung übrig bleibt, die der Tod mit einem harten Schnitt getrennt hat. Das Thema selbst ist gar nicht sehr entfernt von der Realität. Ersetzt man „Tod“ durch „endgültige Trennung“, hat jeder Liebende schon etwas davon durchlitten.

Paul hat vor Jahren seine Frau Marie verloren, und noch immer erstickt er fast in Trauer. Sein Leben ist versandet und gestrandet, er bewahrt das Andenken an seine Frau in Kleidern, einem Bild, und in ihrem fetischhaft verehrten langen blonden Haaren, die über auf dem kargen, sandigen Bühnenstrand voller Marie-Reliquien-Treibgut als Lockenozean das Netz symbolisieren, das Paul gefangen hält (Bühnenbild). „Kirche des Gewesenen“ nennt Paul diese rückwärts gewandte, fast hermetisch abgeschottete Traumwelt. Später wird ein riesiges Albtraumschiff in die blonde Haarwelt einbrechen und seine Ladung verstörender Traumbilder auf den Strand entlassen.

Brigitta, Pauls Dienstmädchen, pflegt eine sonderbar verklemmte Neigung zu ihrem Dienstherrn, indem sie Kleider von Marie anzieht und ihm die Imagination erlaubt, die Tote sei wiedergekehrt. Bald aber wird dieses erstarrte Verhältnis heftig gestört: Pauls Freund Frank will ihn aus seiner Erstarrung herausreißen, und Paul hat eine blonde Tänzerin getroffen, die seiner Frau bis aufs Haar gleicht. Und sie zu sich eingeladen.
Marietta ist das perfektere Body-Double als Brigitta, was in Paul die Hoffnung auf eine reale Wiederkehr Maries und die Konservierung ihrer Liebe weckt. Ein Traum, der von Mariettas unbändiger Lebenslust und Liebesbereitschaft vielfach gebrochen wird. Tiefschwarze Sündenfall-Fantasien plagen Paul, nachdem er sich in einem Traumgesicht von seiner Sexualität und Mariettas Versuch überwältigen ließ, ihn ins echte Leben zurück zu ziehen. Das fragile Gleichgewicht seiner Neurose ist bedroht, Marietta ist dem Kern seiner Neurose zu nahe gekommen und muss sterben, als sie ihn mit ihrer Liebe weiter provoziert und Pauls Reliquien seines Marie-Kultes zerstören will.

Paul wird durch Traumgesichte eines skurrilen Hexentanzes, in denen sich Wirklichkeitspartikel mit emotionsgeladenen Bruchstücken seiner tiefsten Ängste mischen, immer weiter in die dunkeln Ecken seiner wunden Seele getrieben. Freund Frank taucht als schwarzflügliger Konkurrent Pauls auf, Paul tötet Marie. Damit endet eine irre Reise, bei der die Figuren in ihrer Identität verschwimmen: Marietta wird Marie, Brigitta ebenfalls, sie ist am Ende schwanger wie Marietta, die den dicken Bauch als Symbol des Lebens präsentiert und in Paul Babymord-Fantasien auslöst.

Ein Albtraum, der so leicht nicht endet
Als Frank Paul die Abreise aus der toten Stadt Brügge mit ihren erstarrten Moralkonventionen nahelegt, sagt er: „Ich will’s“ und fügt hinzu: „versuchen“. Marietta bricht zusammen, und man ahnt dunkel: Der Albtraum ist noch lange nicht zu Ende. Eine in sich schlüssige Interpretation.

Traumbilder sind ein dankbares Sujet für jeden Regisseur, weil sie bild- und wirkungsstarke Ausflüge ins Surreale möglich machen. Regisseurin Karoline Gruber spielt in ihrer fünften Hamburger Regie-Arbeit natürlich vor allem mit den Möglichkeiten der Reise durch die Angstbilder in Pauls Seele aus. Sie zeigt das Geschehen aus seiner Perspektive: seine kindliche Freude über den ersten Besuch Mariettas, seine neurotische Furcht, sie all zu nah in die Welt des Gedenkens an Marie hineinblicken lassen. Bis hin zur Erkenntnis, dass Marietta nicht die Frau seiner Träume sein kann, ohne dass sie ein reales Eigenleben führet, das er akzeptieren müsste, wollte er mit ihr zusammenleben.

Und sie setzt gleichzeitig eine starken Akzent auf Mariettas Gefühle, die immer stärker verwundet werden, je näher sie Paul zu kommen meint. Darin entwickelt das von beiden Figuren klammernde Kammerspiel zwischen Paul und Marietta seine stärksten und überzeugendsten Momente entwickelt.

Auch für die Kostümbildnerin Mechthild Seipel sind diese Szenen dankbar, sie darf eine verschrobene Theatertruppe, eine morbide Kinderprozession und Brügger Bürger auf die Bühne, die dem Kabinett des Dr. Caligari entsprungen sein könnten.

Karoline Gruber konzentriert sich auf das Psychodrama – Anspielungen auf die Entstehungszeit nach dem flächendeckenden Gewalteinbruch des Ersten Weltkriegs bleiben außen vor, obwohl sie zur Entstehungszeit der Oper als Diskurs mindestens so bedeutsam waren wie Dr. Freuds Seelenerforschung. Und in Korngolds Musik gibt es ja nicht nur süßlich morbide spätromantische Klänge, sondern durchaus heftig expressionistisch gefärbte Ausbrüche.

Simone Young präpariert ein gewaltige Detailmenge aus der Partitur
Die Opernchefin durchleuchtete Korngolds stellenweise in jugendlichem Überschwang überladene Partitur sorgfältig. Die Musik ist gegründet auf den Fundamenten Wagners motivischer Arbeit und Klangmagie, verfeinert durch Richard Strauss’ hohe Instrumentierungskunst und die dramatische Tiefen von Gustav Mahler, geschärft durch einen guten, nicht zu kräftigen Schuss Schönberg. Keine Musik, die die Handlung illustriert, sondern sie tönt aus der Handlung heraus, macht verborgene psychische Dimensionen hörbar, addiert sinnlich erfahrbar, was das etwas akademisch-trockene Libretto in manchmal gestelzt wirkenden Sentenzen erzählen will.

Young suchte darin keine breiige Klangschwelgereien, sondern präparierte mit den Philharmonikern anatomisch genau eine fast unfassbare Detailmenge heraus, die das Orchester mal zu transparentem Funkeln brachte, mal in sanftem Perlmuttklang aufscheinen ließ. Was sicher noch wachsen wird mit der Sicherheit aus den folgenden Aufführungen, das sind die schon erkennbaren großen Spannungsbögen, die das fein gefügte Meisterstück Korngolds zusammenhalten und die zur drängenden Triebkraft der Handlung werden könnten so, wie das die Philharmoniker bei einer entschieden öfter aufgeführten Oper wie Strauss’ „Salome“ ganz organisch und selbstverständlich draufhaben.

In der Premiere lieferte das Orchester „Die tote Stadt“ in einer soliden Fassung ab, ließ den Sängern Raum zum Atmen und schlug nur sehr selten zu ihrem Nachteil in der Lautstärke über die Stränge.

Für die hoch angelegte Tenorpartie des Paul hatte Young eine wahre Luxusbesetzung engagiert: den ehemaligen Philharmoniker-Hornisten Klaus Florian Vogt, erfahren mit den Tücken der Partie. Er bestach durch klarste Artikulation und absolute Textverständlichkeit, ein elegant zurückgenommenes Vibrato, eine mühelos wirkende, kaum forcierte Höhe. Sein Tenor ist von feiner Strahlkraft, bei dem man nur an ein, zwei winzigen Ausrutschern die Anstrengung bemerken konnte, die diese Partie mit ihrer hochaktiven Dauerpräsenz auf der Bühne bedeutet. Er hat natürlich Durchsetzungskraft, beherrscht aber ebenso meisterhaft die leisen, melancholischen, fahlen Töne. Besser wird man den Paul so schnell nirgendwo gesungen hören.

Klaus Florian Vogt heimste den Löwenanteil des Premierenjubels ein
Dargestellt auch kaum, denn Vogt machte auch dessen psychische Verstrickung durch präzise kleine Details in seinem Spiel glaubwürdig. Zum Beispiel in seiner zaudernden Abscheu angesichts von Mariettas provokantem Umgang mit seinen „Heiligtümer“ der Erinnerung an Marie. Oder in der regressiv-kindlichen Gestik der Vorfreude auf Mariettas ersten Besuch.

So heimste er denn auch den größten Teil des Premierenjubels ein. Es war übrigens seine erste Premiere an der Hamburger Oper – und man fragt sich wie bei der Oper selbst: Warum eigentlich erst jetzt?

Meagan Miller als Pauls Versucherin Marietta war nicht ganz die ideale Partnerin fürs Traumpaar. Ihr an sich klarer dramatischer Sopran ist höhensicher und kräftig. Was aber – gerade im Kontrast zum fein differenzierenden Vogt – doch stört, ist ihr unter Druck ausladendes Vibrato, das sich manchmal, etwa in der großen Konfrontation vor Pauls Mord an Marietta, bedenklich einer Ganzton-Bandbreite annäherte. Wobei doch in entspannten Situationen gegen Ende die Stimme jedoch durchaus wieder dezenter trug. Dass Miller über weite Strecken nur demonstrativ ihren schwangeren Bauch streicheln durfte und in der großen Auseinandersetzung mit Paul häufig einfach herumstand oder, mag einer weniger geschickten Personenregie geschuldet sein. Von der Tänzerin, die sie sein sollte, war ja auch nichts zu sehen.

Lauri Vasar in der Rolle von Pauls Freund Falk zeitweise gerupften Todesengel sowie Cristina Damian als Brigitta lieferten stimmlich ordentliche Leistungen ab, die natürlich von Vogt grandioser Leistung überstrahlt wurden.

Korngolds Oper mobilisiert fast alles, was ein großes Opernhaus aufzubieten hat, also auch Chor und Extrachor (eine sichere Bank für die Dirigentin, einstudiert von Eberhard Friedich, und die Hamburger Alsterspatzen (Einstudierung: Jürgen Luhn). Mariettas Theatergefolge brachten Gabriele Rossmanith, Melissa Pétit, Jun-Sang Han und Jürgen Sacher in hübschen Grotesken auf die Bühne.

Die Nazis verboten Korngolds Musik, später wurde er als Filmkomponist geschmäht
Bleibt zu bedauern, dass Korngolds Oper 95 Jahre brauchte, um wieder aufgeführt zu werden, ja, um derzeit in siebzehn Theatern gespielt zu werden. Auslöser war der antisemitische Kultursäuberungswahn der Nazis, der Korngold im amerikanischen Exil bleiben ließ. Dass er dort äußerst erfolgreich Musik für 19 Hollywood-Filme schrieb und mit zwei Oscars für die Musiken zu „Anthony Adverse“ (1936) und „The Adventures of Robin Hood“ (1938) geehrt wurde, legte man ihm nach dem Zweiten Weltkrieg zur Last, als er sich wieder der klassischen Orchestermusik zuwandte. Der Bann setzte sich fort, jetzt diffamierten ihn die Feuilletons als „Filmkomponist“, um ihn so in eine Ecke von Musik minderer Güte zu stellen. Erst in neuerer Zeit verliert dieses hochkultur-arrogante Verdikt seine Bannkraft, und Korngolds Musik kehrt zu Recht in die Opernhäuser und auf die Konzertpodien zurück.
Erich Wolfgang Korngold: „Die tote Stadt“
Hamburgische Staatsoper, Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Die herausfordernde Partie des Paul übernimmt Klaus Florian Vogt, Meagan Miller singt Marietta/Die Erscheinung Mariens. In den weiteren Partien sind Lauri Vasar (Frank/Fritz), Cristina Damian (Brigitta), Mélissa Petit (Juliette), Gabriele Rossmanith (Lucienne), Jun-Sang Han (Victorin) und Jürgen Sacher (Graf Albert) zu erleben. Die Einstudierung des Chores übernimmt Eberhard Friedrich.
Inszenierung: Karoline Gruber
Bühnenbild: Roy Spahn
Kostüme: Mechthild Seipel
Licht: Hans Toelstede
Dramaturgie: Kerstin Schüssler-Bach

Aufführungen:
MI, 25.03.2015 19:30 - 22:00 Uhr
SA, 28.03.2015 19:30 - 22:00 Uhr
DI, 31.03.2015 19:30 - 22:00 Uhr
DO, 2.04.2015 19:30 - 22:00 Uhr
DI, 7.04.2015 19:30 - 22:00 Uhr
SA, 11.04.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Preise: 7,- bis 176,- € (P)
Informationen und Online-Verkauf


Abbildungsnachweis: Alle Szenenfotos: Bernd Uhlig
Header: Klaus Florian Vogt (Paul), Lauri Vasar (Frank/Fritz), Komparserie
Galerie:
01. Meagan Miller (Marietta/Die Erscheinung Mariens), Klaus Florian Vogt (Paul)
02. Klaus Florian Vogt (Paul), Komparserie
03. Lauri Vasar (Frank/Fritz), Meagan Miller (Marietta/Die Erscheinung Mariens)
04. Klaus Florian Vogt (Paul), Lauri Vasar (Frank/Fritz)

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