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Theater Lübeck: „La damnation de Faust“ – Jubel für eine kaum bekannte Berlioz-Oper

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Dienstag, den 20. Januar 2015 um 12:13 Uhr
Theater Lübeck: „La damnation de Faust“ – Jubel für eine kaum bekannte Berlioz-Oper 4.6 out of 5 based on 96 votes.
Theater Lübeck - La damnation de Faust - Foto Jochen Quast

Auch versierten Musikfreunden ist die „légende-dramatique“ in vier Teilen „La damnation de Faust“ op. 24 (deutsch: „Fausts Verdammnis“) von Hector Berlioz (1803-1869) kaum bekannt.
Zu Lebzeiten des Komponisten ist das unkonventionelle und teils surreale Werk nie szenisch aufgeführt worden, überhaupt und erstmals gut ein Vierteljahrhundert nach dessen Tod, 1893 in Monte Carlo. In der heutigen Aufführungspraxis wird das Stück, das mehr einem Oratorium denn einer Oper ähnelt, meist rein konzertant zu Gehör gebracht, was der eigentlichen Intension des Komponisten entspricht, weil es laut Berlioz, „so viele unterschiedliche Realitätsebenen aufweist“.

Anders in Lübeck. Das Musiktheaterwerk in französischer Sprache wurde soeben in der Einstudierung von Anthony Pilavachi in seiner Premiere umjubelt. Pilavachi hat dem Haus an der Beckergrube bislang achtzehn Regiearbeiten geliefert. Diese soll seine letzte gewesen sein. Naheliegend die Frage: Kann sich das Theater diesen renommierten Gast nicht mehr leisten?

Am Premierenabend ging eine überaus atemberaubende Szenen- und Bilderfolge über die Bühne, in der klar wurde, dass dem Komponisten bei aller Goethe-Verehrung es nicht so sehr darum gegangen sein mag, den Teufelspakt des mittelalterlichen Gelehrten zu dramatisieren, als vielmehr eine persönliche Charakterstudie in Musik umzusetzen. Sein Faust folgt nämlich nicht immer Johann Wolfgang von Goethe.

Berlioz dazu wörtlich: „Ich versuchte weder, das Meisterwerk Goethes zu übersetzen, noch, es nachzuahmen, sondern ließ es lediglich auf mich wirken, in dem Bestreben, seinen musikalischen Gehalt zu erfassen.“

Berlioz’ Faust ist von schweren Zweifeln und von morbidem Lebensüberdruss geplagt. Dem Méphistophélès verschreibt Faust sich erst spät, nämlich als der von ihm verführten Marguerite die Todesstrafe droht, weil sie mit einem Übermaß von Faust gelieferten Schlafestrunk versehentlich ihre Mutter umgebracht hat. Bei Hector Berlioz fährt Marguerite als Heilige in den Himmel – Faust aber fährt zur Hölle.

Pilavachi setzt diesem bunten Treiben vor allem mit dem zu Höchstleistungen aufsteigenden Chor und Extrachor (Einstudierung: Joseph Feigl), einer umfangreichen Statisterie und einer kleinen Tanzgruppe (Choreografie: David Winder-Mozes, der zudem als stummer Teufel im Hintergrund agiert) um. Er fügt die stumme Rolle des Kind-Faust (Jöran Rohlf) als Alter Ego des Gelehrten ein und hat mit Violetta Hebrowska als Marguerite, dem Franzosen Jean-Noel Briend als Faust und Taras Konoshchenko als Méphistophélès ein Solistenterzett zur Verfügung, das durch Spiel und Gesang zu überzeugen weiß.

Stefan Heinrichs hat das naturalistische Bühnenbild mit einem typisch unordentlichen Faust-Studierzimmer geschaffen. Vielleicht hat auch er sich – wie Hector Berlioz übrigens – von Lithographien von Eugène Delacroix inspirieren lassen. Auf der Bühne treten die Studenten, Soldaten, Bauern und Städter auf, deren recht gegenwartsnahe Kostüme Constanze Schuster geschaffen hat. Die Hintergrundszenen sind Videoprojektionen von Franziska Funke und beeindrucken durch Machart und Vielseitigkeit.

Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri lässt das Spiel des Philharmonischen Orchesters zu einem eindrucksvollen Erlebnis werden. Vor allem die viel beschäftigten Bläser gefallen sehr durch ihre akkurat-saubere Intonation. Das Premierenpublikum im nicht ganz ausverkauften Haus – mit erfreulich vielen jüngeren Zuschauern – umjubelte dieses recht schwierige und selten bearbeitete Musiktheater in der Lübecker Produktion.

„La Damnation de Faust“
Légende-dramatique in vier Teilen von Hector Berlioz
Dichtung vom Komponisten, Almire Gandonnière und Gérard de Nerval, teilweise nach Johann Wolfgang von Goethe (In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln)
Im Theater Lübeck (Großes Haus), Beckergrube 16, in 23552 Lübeck
Weitere Vorstellungen am 24. Januar (19:30) und 12. Februar (18:00) und 20. Februar, 6. März und 21. März 2015 (19.30 Uhr) – Dauer: 2:30 Std. eine Pause
Musikalische Leitung: Ryusuke Numajiri
Inszenierung: Anthony Pilavachi
Bühne: Stefan Heinrichs
Kostüme: Constanze Schuster
Video: Franziska Funke, Stefan Heinrichs
Chor: Joseph Feigl
Choreographie Sylphenballett: David Winer-Mozes
Französisch-Coaching: Esther de Bros
Dramaturgie: Dr. Richard Erkens
Weitere Informationen und Tickets


Abbildungsnachweis: Alle Fotos: Jochen Quast
Header: Seokhoon Moon (Brander), Jean-Noël Briend (Faust), Herren des Chores und Extrachors des Theater Lübeck
Galerie:
01. Taras Konoshchenko (Méphistophélès), Chor und Extrachor des Theater Lübeck
02. Seokhoon Moon (Brander), Taras Konoshchenko (Méphistophélès), Herren des Chores und Extrachors des Theater Lübeck
03. David Winer-Mozes (Teufel), Oskar Eichenberg (Kind-Faust)
04. Wioletta Hebrowska (Marguerite), Herren des Chores und Extrachors des Theater Lübeck
05. Wioletta Hebrowska (Marguerite), Taras Konoshchenko (Méphistophélès)
06. La Damnation de Faust, eigenhändiges Manuskript, 1846

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avatar Anthony Pilavachi, Regisseur
0
 
 
Ich möchte mich für die tolle Kritik bedanken. Meine Abschiedsgründe sind nicht die Gage. Wäre die Gage der Grund ,wäre ich, sowie Claus Guth, schon nach meiner zweite Produktion in Lübeck 1997 fern geblieben.
Ich verdiene woanders das Doppelte sogar manchmal das Dreifache. GMD Erich Wächter sowie GMD Brogli-Sacher, mit dem ich eine intensive und richtige künstlerische Zusammenarbeit hatte waren der einziger Grund. Keiner der beiden hat meine szenische Arbeit, musikalisch versaut sondern getragen. Wenn der Orchesterteppich nicht stimmt hat die grandioseste Inszenierung keine Wirkung auf die Zuschauer. Das Gesamtkunstwerk und kein Ego.
Ausserdem habe ich aus die menschliche sowie technische Möglichkeiten des Hauses versucht das beste daraus zu machen. Woanders ist der Etat der Produktion grenzenlos. Woanders werde ich wirklich auch Respektiert für meine Arbeit.
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