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Musik

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium. Vom Fürstenruhm zum Gotteslob I

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 24. Dezember 2014 um 11:43 Uhr
Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium. Vom Fürstenruhm zum Gotteslob I 4.7 out of 5 based on 60 votes.
Weihnachtsoratorium 1

Dass Johann Sebastian Bach sein wohl populärstes Werk, das Weihnachtsoratorium, zu großen Teilen mit der Musik aus weltlichen Kantaten zusammengestellt hat, ist bekannt.
Die genauen Umstände dieser heiklen Transformation, die es auch in der h-Moll-Messe gibt, sind überraschend und amüsant zugleich und werfen ein Schlaglicht auf das Musikleben zur Zeit des großen Thomaskantors.
KulturPort.De nähert sich den Hintergründen des Weihnachtsoratoriums in einer dreiteiligen Serie über die Feiertage.

„Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
Lasst uns den Namen des Herrschers verehren!“

Zur selben Musik gibt es eine zweite, ältere und weltliche Textfassung, in der es heißt:
„Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!
Klingende Saiten, erfüllet die Luft!
Singet itzt Lieder, ihr muntren Poeten,
Königin lebe! wird fröhlich geruft.
Königin lebe! dies wünschet der Sachse,
Königin lebe und blühe und wachse!“
Wenn man diese Zeilen kennt, versteht man auch, warum die Pauken solo anfangen und dann erst die Trompeten einsetzen – so ist ja auch die Reihenfolge im Text.
„Lasst uns sorgen, lasst uns wachen über unseren Göttersohn“, heißt es im Eingangschor der weltlichen Kantate BWV 213, die Johann Sebastian Bach zum 11. Geburtstag des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian, dem dritten Sohn Augusts III. geschrieben hat. Sie erzählt, wie der Sachsenprinz, verglichen mit Herkules am Scheideweg, von der mythologischen Figur der Wollust umgarnt und schließlich von der Tugend gerettet wird.

Weitaus bekannter ist allerdings diese Textfassung: „Fallt mit Danken, Fallt mit Loben vor des Höchsten Gnadenthron“, die wir als Eingangschor der vierten Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium kennen.

Warum aber haben wir überhaupt zwei Text-Fassungen? Das Weihnachtsoratorium, besser die Folge von sechs Kantaten rund um die Weihnachtsfeiertage, entstand 1734/35. Die Kantate „Lasst uns sorgen“ hat Bach schon 1733 komponiert. Aus dem weltlichen Werk wanderte offenbar ein Stück Musik in das geistliche. Nur eines? Nein – es sind ganze 22 von 64 Musiknummern, für die eine frühere weltliche Vorlage nachgewiesen werden kann oder vermutet wird. Zieht man noch die Rezitative und Choräle ab, sind zwei Drittel der Chöre und Arien im Weihnachtsoratorium Übernahmen aus bereits vorhandenen Werken. Da ist die Frage berechtigt: Warum hat Bach das getan? Und wie soll man das Parodieren – so heißt das Verfahren – einordnen?

Warum schrieb Bach weltliche Kantaten?
Die erste Frage „Warum hat er das getan?“ führt gleich zu einer weiteren Frage: Warum hat Bach überhaupt weltliche Kantaten geschrieben, für wen und mit welchem Inhalt? Sie sind ja eindeutig der kleinere Teil seines Kantatenschaffens. Bach hat etwa 200 Kirchenkantaten geschrieben, von denen manche nur noch als Fragment oder sogar nur dem Namen nach bekannt sind. Von seinen weltlichen Kantaten sind knapp 30 nachgewiesen. Manche waren Auftrags- und Gelegenheitskompositionen. Zu Geburtstagen von Professoren, Hochzeiten betuchter Bürger, Trauerkantaten, oder auch Kantaten nur für die Konzerte im Zimmermannschen Kaffeehaus in Leipzig. Aufgeführt mit dem Collegium musicum, das einst Telemann gegründet hatte und das Bach seit 1729 leitete. So wie die Kaffee-Kantate; die Bauernkantate (zum 36. Geburtstag für den Dienstherrn von Bachs Textdichter Picander), oder die Ratswahlkantate (mit Sinfonia, die ihrerseits schon die Parodie eines Satzes aus einer Violin-Partita ist).

Außerdem gibt es eine Reihe von Kantaten für Herrscherhäuser – zu Trauerfällen, Hochzeiten, Geburtstagen, Krönungsjubiläen – was eben so anfiel bei den hohen Herren.

Schaut man sich die Entstehungszeiten der weltlichen Kantaten an, so gibt es eine merkwürdige Häufung in den Jahren von 1732 bis 1736: Bach schreibt Kantaten für den sächsisch-polnischen Hof zum:
▪ Namenstag Augusts des Starken am 3. August 1732
▪ 11. Geburtstag des Kurprinzen am 5. September 1733
▪ Geburtstag der Kürfürstin am 8. Dezember 1733
▪ zur Krönung des neuen sächsischen Kurfürsten als August III. zum polnischen König am 19. Februar 1734
▪ zum Jahrestag der Königswahl am 5. Oktober 1734
▪ zum Namenstag des Kurfürsten am 3. August 1735
▪ zum Geburtstag des Kurfürsten am 7. Oktober 1736

Und damit nicht genug:
Seine h-Moll-Messe hat er wohl schon im Frühjahr 1733 dem neuen Kurfürsten August III. bei dessen Aufenthalt in Leipzig vorstellen können, im Juli 1733 dann noch einmal in Dresden.

Nach dem Tode des Augusts des Starken von Sachsen am 1. Februar 1733 in Warschau wurde Landestrauer vom 15. Februar bis zum 2. Juli 1733 befohlen, während der keine Musik aufgeführt werden durfte. In dieser Zeit fertigte Bach Partitur und Stimmen der ersten Kurz-Fassung an. Und widmete sie gleich dem Nachfolger August III:

„Gegen Sr. Königlichen Hoheit und ChurFürstlichen Durchlaucht zu Sachßen bezeige mit inliegender Missa .... seine unterthänigste Devotion der Autor J.S.Bach“

Mit der geschenkten Partitur ist ein persönlicher Brief Bachs an den neuen Sachsen-Herrscher erhalten geblieben. Ein Brief, der – wäre er in Leipzig bekannt geworden – wohl zu schwersten Verwerfungen bis hin zum Bruch mit dem Rat der Stadt geführt hätte. Der Thomaskantor beschwert sich nämlich an allerhöchster Stelle und mit deutlichen Worten über seine Arbeitgeber:

„Durchlauchtigster ChurFürst, Gnädigster Herr, Ew Königlichen Hoheit überreiche in tieffster Devotion gegenwärtige geringe Arbeit von derjenigen Wißenschafft, welche ich in der Musique erlanget, mit ganz unterthänigster Bitte, Sie wollen dieselbe nicht nach der schlechten Composition, sondern nach Dero Weltberühmten Clemenz mit gnädigsten Augen anzusehen und mich darbei in Dero mächtigste Protection zu nehmen.“

Bittere Beschwerde an höchster Stelle
Dann geht’s ans Eingemachte: „Ich habe einige Jahre und bis daher bey denen beyden Haupt-Kirchen in Leipzig das Directorium in der Music gehabt, darbey aber ein und andere Bekränckung, unverschuldeterweise auch jezuweilen eine Verminderung derer mit dieser Function verknüpfften Accidentien empfinden müssen.“

Teil 2 folgt morgen.

Empfehlenswerte CD-Aufnahmen:
Weihnachtsoratorium
▪ Petite Bande, Sigiswald Kuijken, 2014 – Chor solistisch besetzt. Challenge Classics
▪ Thomanerchor, Georg Christoph Biller, 2010 – Knabenchor. Rondeau
▪ Akademie für Alte Musik, René Jacobs, 1999. Harmonia Mundi


Abbildungsnachweis:
Header: Aus "Hortus Deliciarum", Die Geburt Christi, 12. Jahrhundert
Galerie:
01. Johann Sebastian Bach, Weihnachts-Oratorium, Autograph der ersten Seite des ersten Teils, BWV 248, 1734, Staatsbibliothek zu Berlin, Musikabteilung (Mus.ms. Bach P 32)
02. Bauplan des Weihnachtsoratoriums
03. Johann Sebastian Bach im Jahre 1746, mit Rätselkanon (Ölgemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahre 1748)
04. Geburt Jesu Christi, Darstellung von Lorenzo di Credi, 16. jahrhundert, Alte Pinakothek in München

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