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Musik

Giacomo Puccini „La Fanciulla del West“ – Keine Spur von Kitsch

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Geschrieben von Kerstin Schüssler-Bach  -  Montag, den 08. Dezember 2014 um 11:23 Uhr
Giacomo Puccini „La Fanciulla del West“ – Keine Spur von Kitsch 4.7 out of 5 based on 108 votes.
Giacomo Puccini „La Fanciulla del West“

„La Fanciulla del West“ gilt Kennern als die beste Opernpartitur von Giacomo Puccini (1858-1924).
Über 80 Jahre war das Stück nicht in Hamburg zu sehen. Wie schon bei ihrer erfolgreichen „Madama Butterfly“ legen Regisseur Vincent Boussard, Bühnenbildner Vincent Lemaire und Kostümbildner Christian Lacroix nun „La Fanciulla del West“ von Klischees frei. Der Dirigent Carlo Montanaro ist kompetenter Anwalt dieser außerordentlich vielfarbigen Musik.

Das Lob geriet ebenso enthusiastisch wie überraschend: „Eine Partitur von durchaus originellem Klang. Prachtvoll. Jeder Takt überraschend. Ganz besondere Klänge. Keine Spur von Kitsch!“ So freudig berichtete Anton Webern seinem Lehrer Arnold Schönberg über eine Aufführung von Puccinis „La Fanciulla del West“. Der radikale Neutöner Webern und der als „Kitschier“ verschriene Puccini – sie gingen bei diesem Hörerlebnis erstaunlich gut zusammen. Und so hat Puccinis spätes Meisterwerk seit jeher die besondere Vorliebe großer Dirigenten und Musiker genossen, doch beim Publikum lange wenig Gegenliebe erfahren. Zu wenig süffige Arien, lautete der Hauptvorwurf gegenüber dieser vermeintlichen „Wildwest-Oper“, die eine Liebesgeschichte im kalifornischen Goldgräber-Milieu verhandelt. Auch in Hamburg war „La Fanciulla del West“ über 80 Jahre nicht zu sehen gewesen: Zuletzt stand „Das Mädchen aus dem Goldenen Westen“, so der geläufige deutsche Titel, 1930/31 auf dem Spielplan!

Doch in der jüngsten Aufführungsgeschichte holt die „Fanciulla“ kräftig auf – Regisseure und Zuschauer entdecken den „anderen“ Puccini in diesem Stück: ohne rauchende Colts, dafür mit einer außergewöhnlich starken und modernen Titelheldin, ohne sentimentale Liebesduette, dafür mit einer aufregenden orchestralen Nervenkontrapunktik – und dem wohl spannendsten Pokerspiel der Operngeschichte.
Wie schon bei „Madama Butterfly“ entzündete sich Puccinis Fantasie an einem Stück des amerikanischen Broadway-Autors David Belasco. Diesmal dauerte es etwas länger, bis er Feuer fing, doch schließlich begann er die lang entbehrte Arbeit: „Ich schlafe nicht, meine Begeisterung für den ‚Western’ lässt nicht nach, im Gegenteil“, meldete er im September 1907 seinem Verleger Giulio Ricordi. Mit starken Änderungen, Umstellungen und Kürzungen wandelten Puccini und seine Librettisten Carlo Zangarini und Guelfo Civinini das Schauspiel Belascos in ein Libretto um, das große Qualitäten besitzt. Dass Puccini einen amerikanischen Stoff behandelte, war auch dem immer wichtiger werdenden Markt in den USA geschuldet. „La Fanciulla del West“ wurde von der New Yorker Met in Auftrag gegeben und fand mit der Starbesetzung Enrico Caruso und Emmy Destinn bei der Uraufführung im Dezember 1910 begeisterte Aufnahme. „Ich habe“, so Puccini in einem Interview während der Proben, „für dieses Drama eine Musik komponiert, die, wie ich glaube, den Geist des amerikanischen Volkes spiegelt – vor allem die starke, kraftvolle Wesensart des Westens.“ Wie er es schon für die Exotismen in „Madama Butterfly“ praktiziert hatte, ließ sich Puccini Bücher, Noten und Schallplatten mit authentischen indianischen und afroamerikanischen Gesängen kommen. Ragtime und der Gesellschaftstanz „Cakewalk“, indianische Sonnengesänge und imitierte Banjo-Klänge bereichern die außergewöhnliche Farbpalette der „Fanciulla“, die außerdem von Puccinis Auseinandersetzung mit Claude Debussy und Richard Strauss zeugt. Puccini würzt seine vielleicht modernste, originellste Partitur mit diesen harmonischen und formalen Neuerungen – und ist doch trotzdem in seiner Kantabilität unverkennbar italienisch.

Schon bei ihrer umjubelten Hamburger „Madama Butterfly“ war es dem Regieteam Vincent Boussard, Vincent Lemaire und Christian Lacroix ein Anliegen gewesen, Puccinis Oper von Sentimentalität und Folklore zu befreien. Die konzeptionelle Mischung aus kühler Analyse und emotionaler Seelenschau ging auf. Mit einem ähnlichen Ansatz schaut das Team nun auf seine nächste Puccini-Interpretation.

„Das Stück leidet immer noch unter dem fundamentalen Missverständnis eines Cowboy-und-Indianer-Spiels. Aber Puccini hat keine Oper über Cowboys geschrieben, sondern über Emigranten“, sagt Regisseur Vincent Boussard. Auf der Suche nach einer Zukunftsperspektive wurden die Goldgräber in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus allen Teilen der Welt nach Kalifornien gespült. „Puccini zeigt uns ganz radikal eine reine Männergesellschaft. Es gibt keine Familien, keine Frauen, nichts als Spiel, Alkohol und Arbeit“, so Vincent Boussard. „Diese Goldgräber sind eigentlich Fremdenlegionäre – entwurzelt, liebelos, gewaltbereit.“ Ihr Refugium ist der Saloon „Polka“ – ein Ort, in dem die Sehnsüchte der Männer Raum haben. Die Besitzerin des Saloons ist Minnie, Projektionsfigur aller erotischen und emotionalen Wünsche der Männer. Natürlich sind sie alle in Minnie verliebt, doch sie entzieht sich ihren Angeboten. „Minnie bleibt keusch, denn ihre Liebe darf nicht nur einem allein gelten, sondern muss sich auf alle Männer gleichmäßig verteilen“, meint der Regisseur. Und doch bewahrt sie sich für den „Einen“ auf – und das ist der mexikanische Bandit Ramerrez, der unter dem Namen Dick Johnson Zuflucht im Goldgräberlager sucht. Dick und Minnie verlieben sich, aber der selbsternannte Sheriff Jack Rance ahnt die wahre Identität des gesuchten Banditen und bedrängt Minnie, die er begehrt. In einer atemberaubenden Pokerpartie zockt Minnie um das Leben des Geliebten: Verliert sie, wird sie sich dem Sheriff hingeben, gewinnt sie, soll Dick Johnson frei sein. Mit falschen Karten dreht Minnie die Partie zu ihren Gunsten. Doch auch der Sheriff betrügt sie, denn er lässt Dick gegen sein Ehrenwort gefangen nehmen. Nur Min- nies entschlossenes Eintreten für den Outlaw mit dem guten Herzen rettet ihn vor dem Galgen.

Im Unterschied zu fast allen anderen Puccini-Opern stirbt die Heldin von „La Fanciulla del West“ also nicht, sondern – um es mit Wagner’schen Begriffen zu sagen – erlöst den Mann. Erlöst sie ihn wirklich? „Ein Engel bat für dich auf Erden“ wird im „Tannhäuser“ dem sündigen Mann zugesungen. In „Ch’ella mi creda“, der einzigen aus der Gesamtpartitur herauszulösenden Arie der „Fanciulla“, verabschiedet sich Dick Johnson von der abwesenden Minnie: „Sie soll glauben, dass ich frei bin und weit weg auf einem neuen Weg der Erlösung!“ „Die Unschuld ist eine Utopie“, meint Vincent Boussard, „alle sind schuldig in diesem Stück“. Denn auch Minnie betrügt beim entscheidenden Kartenspiel und erkauft ihr Glück mit einer Lüge.

In keiner anderen Oper hat Puccini die innerste Einsamkeit des Menschen so glaubhaft in Töne gefasst. Leitmotivisch zieht sich der Song des Bänkelsängers Jack Wallace durch die Handlung: ein herzzerreißender Gesang der Heimat- und Familienlosen. Er kehrt auch am Ende der Oper wieder. Minnie und Dick verlassen die Goldgräber, die Aggressivität der Lynchjustiz weicht der Trauer über den Verlust Minnies. In den letzten Tönen des Stücks vermischt sich das leise verklingende „Addio“ des aufbrechenden Liebespaars mit dem Sehnsuchtsmotiv des Bänkellieds. Die Männer bleiben zurück in der Hoffnungslosigkeit mit der Erkenntnis, dass Minnie nie mehr zu ihnen zurückkehrt. Trauriger kann kein Happy End klingen.


Giacomo Puccini „La Fanciulla del West“
Hamburgische Staatsoper, Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 7,- bis 176,- € (P)
Karten für die Vorstellung
Aufführungen:
So, 1.02.2015 18:00 Uhr
Mi, 4.02.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Sa, 7.02.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Di, 10.02.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Fr, 13.02.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Mi, 18.02.2015 19:30 - 22:00 Uhr
Sa, 21.02.2015 19:30 - 22:00 Uhr

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Unterstützt durch die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper


Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper. Frau Dr. Kerstin Schüssler-Bach arbeitet dort als Leitende Dramaturgin und schrieb diesen Beitrag für das Journal Nr. 3 2014/2015.


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus: Dyea, Alaska, um 1898
Galerie:
01. Puccini-Denkmal in Lucca/Italien. Foto: Michael Geisler
02. und 03. Collagen von Christian Lacroix
04. Historischer Klavierauszug von G. Ricordi & C.
05. Cakewalk, historisches Plakat, 1896
06. Partitur. Quelle: Wikipedia

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