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Musik

„Cäsar und Cleopatra“ – Intrigen, Mord und Totschlag in allerhöchsten Kreisen

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Geschrieben von David Böhringer  -  Freitag, den 14. November 2014 um 12:55 Uhr
„Cäsar und Cleopatra“ – Intrigen, Mord und Totschlag in allerhöchsten Kreisen 4.5 out of 5 based on 245 votes.
Cäsar und Cleopatra

Die Hamburger Kammeroper spielt seit 1996 große Oper auf hohem Niveau in ihrem 200-Plätze-Haus an der Max-Brauer-Allee. Und hat es doch geschafft, auch unter Musikfreunden so etwas wie ein Geheimtipp zu bleiben.

Dabei ist ein Besuch in dem kleinen Theater mit dem märchenhaft-rotgoldenen, barocken Ambiente seines Zuschauerraums – 200 samtgepolsterte Stuhlunikate und ein geschnitzter und vergoldeter Barockbühnenrahmen – ein echtes Erlebnis.

Derzeit kann man dort Intrigen, Mord und Totschlag in allerhöchsten Kreisen erleben – im ferner Zeit, am fernen Nil. Denn die Kammeroper spielt „Cäsar und Cleopatra“, für die Händels fast 300 Jahre alter Opernhit „Giulio Cesare in Egitto“ aufs kammeropernkompatible Zwei-Stunden-Format gebracht und kräftig aufpoliert wurde. Ein Opernjuwel mit sieben Sängern und sieben Musikern im Orchestergraben. Jeder Feinschmecker weiß: Reduktion und Konzentration sind unerlässlich für den guten Geschmack.

Ein Cocktail mit dem poetischen Namen „Pharaonenblut“ stimmt ein auf das musikalisch-kulinarische Gesamtkunstwerk. Er stammt aus dem Opernmenü, das für 29 Euro mit Gängen wie „Das Auge des Osiris“ (Tortelloni mit Ricotta-Spinat-Füllung) oder „Gemüse-Obelisk“ vor der Ouvertüre, in der Pause und nach dem Schlussakkord für barockes Wohlgefühl sorgt.

Aber auch ohne Opernmenü ist „Cäsar und Cleopatra“ in der Kammeroper ein gelungenes Spektakulum. Die große Heldenoper schickte Händel 1724 am „King’s Theatre“ in London erstmals und mit den besten und teuersten Sängern der damaligen Zeit auf die Bühne, 1725 erklang sie schon in der Hamburger Oper am Gänsemarkt. Ein großartiges Intrigenspiel, ein gegenseitiges Belauern im Kampf um die Macht am Nil, ein Auf und Ab der Hoffnungen und Chancen und das Herbeisehnen des rechten Augenblicks. Das Ganze umrankt eine märchenhafte Liebesgeschichte, aus der man später Cinemascope-Schinken gedreht hat.

Gleich zu Beginn bekommt Cäsar den abgeschlagenen Kopf seines Rivalen Pompeius geschenkt – vom halbwüchsigen Ptolemäus, der durch Cäsars Unterstützung den Vorrang als Herrscher von Ägypten vor seiner älteren Schwester und Gattin Cleopatra erringen will. Keine gute Idee, der Römer ist empört. Die jugendliche Möchtegern-Allein-Herrscherin hat es da etwas einfacher, sie setzt auf ihre weiblichen Reize und das wilde römische Blut.

Zwei Stunden dauert die Oper in der eigens erstellten Kammerfassung, dass da eineinhalb Stunden von Händels Original fehlen, fällt nicht ins Gewicht, denn hier ist durch die sprachlich behutsam moderne Bearbeitung von Barbara Hass (Text) und Florian Csizmadia und Tjaad Kirsch (Musik) eine neue dramatische Einheit entstanden, die keine Wünsche offen lässt und in sich schlüssig ist.

In der Barockzeit ging man mit den Werken ja recht rustikal um, baute dramatische Zwischenspiele ein, tauschte Arien aus, um Sängereitelkeiten zu befriedigen, nahm andere aus früheren Werken hinein, wenn sie nur erfolgreich waren. Man wechselt auch das Stimmfach. Händels Original-Cäsar wurde am Londoner „Haymarket“ von dem berühmten Mezzosoprankastraten Senesino gesungen, an der Max-Brauer-Allee ist er ins Bariton-Fach (Marius Adam/Roman Grübner) gewechselt. Alle Rollen werden alternierend von zwei Sängerinnen oder Sängern gespielt – so bleibt das Stück auch reizvoll, wenn man’s ein zweites Mal sehen möchte. So ist Pompeius’ Sohn Sesto mal ein schlanker Sopran (Natascha Dwulecki) und mal ein durchschlagskräftiger Männersopran (Onur Abaci). Auch für den verschlagenen Kindkönig Ptolemäus treten gleich zwei feine Counter-Sänger in Alto-Lage an, Konstantin Derri und Thomas Diestler – barockes Opern-Feeling pur.
In der Rolle der verführerisch klugen Cleopatra wechseln sich Sonja Adam und Silvia Aurea Aurelia de Santos ab und verdrehen dem Feldherrn den Kopf nach allen Regeln der Liebes- und Sangeskunst. Die Rolle der noblen und um ihren Pompeius trauernden Cornelia teilen sich Katharina Müller und Eva Summerer, Cäsars treuen Curio singen Roman Tsotsalas und Titus Witt.

Eine Neukreation ist die Figur der Nirena – ein unbezähmbares weibliches Wesen, das sich zu Männern wie zu Frauen hingezogen fühlt und nicht nur seine Emotionen, sondern auch seine Loyalität verteilt, wie es gerade passt. Das bringt Unberechenbarkeit in die eigentlich ja absehbare Handlung – Nirena wird wunderbar gespielt und gesungen von Rebekka Reister oder Simone Werner. Insgesamt agiert auf der Bühne ein erstaunlich geschlossenes Ensemble auf gleicher Augenhöhe.

Faszinierend ist das Bühnenbild von Kathrin Kegler, die mit verschiebbaren Kulissenteilen ein verblüffendes Vexierspiel schafft: mal einen ägyptischen Totentempel, mal das Innere eines Palastes, mal einen sinnlichen Garten der Lüste. Regisseur Andreas Franz nutzt diese Spielfelder für eine kluge Regie, die Musik und Handlung zu einer Einheit verwebt, Spannung erzeugt und mit vielen Details dafür sorgt, dass neben dem nötigen Ernst, den ein solches Staatsdrama in höchsten Kreisen braucht, auch ein leises Lachen nicht zu kurz kommt. Er erzeugt gleichzeitig ein Klima, das erotischen Kapriolen irgendwo zwischen Tempel und der „Bar zum Krokodil“, sagen wir, sehr aufgeschlossen ist. Dazu intime Momente raffiniert-lasziver Verführung, wenn Cleopatra in wohlkalkulierter Geste ihr rotes Kleid von den Schultern gleiten lässt, um Caesar endgültig den Kopf zu verdrehen.

Auch im Orchestergraben zelebrieren die sieben Musiker (der Dirigent spielt am Cembalo mit) die große Kunst des kleinen Hauses: die „unkaputtbare“ Musik Händels extrem zu reduzieren, ohne dass ihre feine Zeichnung verloren geht und ein Weniger zum Klingen zu bringen, das nie als defizitär wahrgenommen wird.

Am Ende wird der Bösewicht Ptolemäus von all denen erstochen, die ihn loswerden wollen. Doch das Schlussensemble, in dem alle von der „Hoffnung auf ein neues Leben“ singen, weckt sogar ihn wieder auf – Oper ist eben Märchen.

„Cäsar und Cleopatra“ läuft jeden Mittwoch, Freitag und Samstag jeweils um 20 Uhr und sonntags um 19 Uhr, noch bis 8. Februar. (Unterschiedliche Besetzung) Tickets: 24,50 bis 37 Euro gibt es unter Tel.: (040) 3829 59 oder unter www.hamburger-kammeroper.de


Abbildungsnachweis: Alle Fotos Joachim Flüger / Kammeroper
Header: Silvia Aurea Aurelia De Stefano (Cleopatra)
Galerie:
01. Thomas Diestler (Ptolemäus), Rebekka Reister (Nirena)
02. Konstantin Derri (Ptolemäus), Katharina Müller (Cornelia), Simone Werner (Nirena), Natascha Dwulecki (Sextus)
03. Natascha Dwulecki (Sextus)
04. Silvia Aurea Aurelia De Stefano (Cleopatra)
05. Derri (Ptolemäus), Simone Werner (Nirena)

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