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Musik

Fanny Ardant mit Mission und Vision

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Geschrieben von Annedore Cordes  -  Freitag, den 05. September 2014 um 09:46 Uhr
Fanny Ardant mit Mission und Vision 4.6 out of 5 based on 128 votes.
Fanny Ardant

Das gewaltige szenische Oratorium „Jeanne d’Arc au bûcher“ (Johanna auf dem Scheiterhaufen) von Arthur Honegger und Paul Claudel erklingt zwei Mal in der Laeiszhalle.
Die musikalische Leitung übernimmt Hamburgs Opernchefin Simone Young und die Titelpartie wird von der französischen Schauspielerin Fanny Ardant interpretiert.

Das Leben hingeben
„Niemand hat eine größere Liebe gekannt denn die, sein Leben hinzugeben für die Seinen“, lässt der französische Dichter Paul Claudel seine Heldin Jeanne d’Arc sagen.

Die Handlung des Oratoriums ist wie eine Rückblende gestaltet. Bruder Dominik stieg mit einem Buch vom Himmel herab. Es enthält Jeannes Lebensgeschichte, die sie nun noch einmal erleben wird. Wie visionäre Schlaglichter ziehen Stationen ihres Lebensweges vorüber, die Kindheit in Domrémy, die Berufung durch den Erzengel Michael, die Krönung Karls VII in Reims und ihre Verurteilung vor einem Tribunal in Rouen. Die Anklagen der von ihr verehrten Priester gellen ebenso in Johannas Ohren wie die wütenden Stimmen des Volkes, die sie als Ketzerin und Hexe schmähen. In Bruder Dominiks Buch finden sich die Beurteilungen ihrer irdischen Richter von Rouen, die der Auffassung des Himmels gegenübergestellt werden. Dominik zeigt diese Richter als teuflische Tiergestalten, denen ein Schwein vorsitzt – eine Szenerie, die an Goyas berühmten Grafikzyklus „Los Caprichos“ erinnern lässt. Jeanne fragt Dominik, warum sie in die Hände eines solchen Gerichts geraten sei. Der Bruder erzählt eine Geschichte: Schuld sei ein Spiel mit symbolischen Karten unter Königen gewesen und sie, Jeanne, sei als Preis ausgehandelt worden. Das Lebensbuch ist zu Ende. Der Bruder wendet sich ab und Jeanne sieht sich in panischer Angst dem Feuer ausgeliefert. Doch dann erklingt die Stimme der heiligen Jungfrau und fordert sie auf, sich den Flammen anzuvertrauen, um ihre Seele vom gepeinigten Körper zu befreien.

Gipfel des Lebens ist der Tod
Die Geschichte der Johanna von Orleans zählt zu den bekannten Themen der Weltliteratur. Friedrich von Schiller, George Bernard Shaw, Bertolt Brecht und weitere Dichter haben Dramen über die Nationalheldin Frankreichs verfasst, wobei bekanntermaßen Dichtung und geschichtliche Wahrheit nur zum Teil ineinander aufgehen. Viele Autoren stellten die Menschlichkeit und Schwächen der Johanna-Figur in den Fokus. Der französische Schriftsteller Paul Claudel (1868-1955) gestaltete die Handlung jedoch in Form eines mittelalterlichen Mysterienspiels und akzentuierte die göttliche Berufung der Titelheldin. Jeanne ist die einzige reale Figur, die sich zwischen allegorischen und mythischen Szenen bewegt, welche ihren Aufstieg und Untergang vermitteln.

„Um ein Leben zu verstehen muss man – vergleichbar eine Landschaft zu verstehen – den Sichtpunkt wählen, und es gibt keinen besseren als den Gipfel. Der Gipfel des Lebens der Jeanne d’Arc ist ihr Tod, ist der Scheiterhaufen von Rouen. Von diesem Gipfel betrachtet sie das Drama… die Reihe der Ereignisse, die sie dahin geführt haben, die ihr nächsten zurück zu den entferntesten, ihre Vollendung zurück zu den Anfängen ihrer Berufung und ihrer Mission. In ihrer letzten Stunde, sagt man, breiten sich so vor den Sterbenden alle Ereignisse ihres Lebens aus, dessen drohendes Ende diesem einen endgültigen Sinn verleiht. Plötzlich ist alles erklärt der inneren Schau, die von einem Horizont zum anderen schweift, vom Ziel zum Beginn«, erklärte Claudel.

Dabei war er anfangs skeptisch gewesen, als der Auftrag für ein Werk über Jeanne d’Arc von Arthur Honegger und der berühmten russischen Ausdruckskünstlerin Ida Rubinstein an ihn herangetragen wurde: »Jeanne d’Arc ist eine offizielle Heldin,… deren Worte in aller Gedächtnis sind. Deshalb erlaubt sie keine zu freie Umschreibung. Es ist schwierig, eine historische Erscheinung in einen fiktiven Rahmen zu stellen.“
Die Vision, dass ein an den Händen gefesseltes junges Mädchen ein Kreuzzeichen über ihn schlug, soll den gläubigen Katholiken schließlich umgestimmt haben.

Das Wort zur Geltung bringen
Das Oratorium wurde 1934 in Angriff genommen. Claudel passte die Worte präzise den Rhythmen der Musik an. Honegger resümierte: „Im Gegensatz zu vielen Schriftstellern zeigt Paul Claudel ein großes Interesse für alles, was die Musik betrifft… Er weiß wohl, was alles die Musik im Theater beizutragen und in welchem Maß sie das Wort zur Geltung zu bringen vermag.“
Die konzertante Uraufführung fand 1938 in Basel statt und im Mai 1939 folgte eine szenische Realisation im Stadttheater Orleans anlässlich der Jeanne d’Arc-Feier.

Arthur Honegger (1892-1955) war ein französisch-schweizerischer Komponist, der wie Milhaud und Poulenc zur französischen „Groupe des Six“ gehörte. Er hinterließ ein umfangreiches Œuvre, darunter Ballettmusiken, Opern, Sinfonien, Film- und Kammermusik. „Jeanne d’Arc au bûcher“ gehört zu seinen bekannteren Werken und ist eine szenische Mischform, wie sie von Berlioz mit „La Damnation de Faust“ oder im 20. Jahrhundert von Strawinsky mit „Ödipus Rex“ geprägt wurde. Der Komponist griff die Tradition der Zusammenführung von Elementen der Oper und des Oratoriums, des Sprech- und Musiktheaters auf und vermischte die heterogensten Darstellungsmittel. Eine breite Palette akustischer Ausdrucksformen kennzeichnen das Wesen der Partitur, angefangen vom gesprochenen Wort über a-cappella-Gesang, Summchöre, über Jazz-Elemente, gregorianische Klänge bis hin zu großer klangmassiver musikalischer Zuspitzung.

Einst verspürte Ida Rubinstein den Wunsch, die Johanna in Honeggers Oratorium zu verkörpern. Seither haben legendäre Schauspielerinnen wie Ingrid Bergman oder Vera Zorina diese Rolle gestaltet. Eine der wichtigen Interpretinnen unserer Tage ist zweifellos Fanny Ardant. Sie wird als Jeanne bei der Hamburger Aufführung zu Gast sein.


Weitere Informationen zur Aufführung und Kartenvorbestellung
Premiere: 19. Oktober 2014
Vorstellung: 22. Oktober 2014
Laeiszhalle Hamburg

Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper, Annedore Cordes schrieb diesen Beitrag für das Journal Nr. 1 2014/2015.


Abbildungsnachweis Header:
Fanny Ardant in Music-Hall von Jean-Luc Lagarce am Théâtre des Bouffes du Nord in Paris, Trissotin, CC BY-SA 3.0

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