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August Diehl: „Im Leben gibt es lediglich die Illusion eines roten Fadens“

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Geschrieben von Claus Friede  -  Montag, den 12. Mai 2014 um 10:30 Uhr
August Diehl: „Im Leben gibt es lediglich die Illusion eines roten Fadens“ 5.0 out of 5 based on 194 votes.
August Diehl Filmfest Emden-Norderney

Anlässlich des 25. Filmfest Emden-Norderney erhält der in Berlin lebende Schauspieler August Diehl den Emder Schauspielpreis 2014.
Diehl, Jahrgang 1976, in Berlin geboren, in Frankreich und in der deutschen Provinz aufgewachsen, stammt aus einem Elternhaus, das eng mit dem Theater verbunden ist: der Vater Schauspieler, die Mutter Kostümbildnerin.
Diehl ist in die gleichen Fußstapfen getreten und findet Zeit zwischen der Arbeit am Burgtheater in Wien, den Drehverpflichtungen und seiner Familie nach Ostfriesland zu kommen.

Eigentlich könnte man hier auch mit der Familie Urlaub machen, wenn das Wetter nicht so viel schlechter wäre als in Kroatien, meint er begrüßend. Passend zum regnerisch-stürmischen Wetter draußen trink man in Ostfriesland Tee und diese Tradition hat das Filmfest als „FilmTee“ immer im jährlichen Programm. Auch August Diehl muss erst einmal eingeführt werden in die Welt der „lecker Koopke Tee mit Kluntje und Rohm“. Also erst ein Stück Kandiszucker (Kluntje) in die leere Teetasse (Koopke), dann den Tee eingießen und schließlich träufelt der friesische Teekenner aus einem speziellen, kellenartigen Minilöffel etwas Rahm (Rohm) dazu. Aber halt! Nicht umrühren, die sich bildende bräunliche Rahmwolke im Tee muss man erleben und genießen. Drei Tassen sind Pflicht, nicht weniger, danach legt man den Teelöffel – den bislang noch niemand zu benutzen hatte – in die Tasse als Zeichen: es ist vollbracht.

In dieser Atmosphäre lässt es sich dann auch viel besser klönen (sprechen). Diehl antwortet kurz und knapp auf Fragen, schweift nicht verbal umher, kommt immer sofort und direkt auf den Punkt. Im Laufe des Gesprächs lockert er immer mehr auf und hat auch ein paar Anekdoten im Gespäck.
Er erzählt wie sehr er das Theater liebt und mit welchen großartigen Kollegen er arbeiten „darf“. Auch die Regisseure sind hochkarätig: Peter Zadek (Zürich), Andrea Breth sowie Antú Romero Nunes (Wien). „Das Theater ist so wunderbar direkt“, sagt er „beim Film findet zwischen der langen Pause von Dreh und Kinopremiere schon eine Entfremdung statt.“ Und dennoch, der Film hat ihn berühmt gemacht. Und auch an ihm ist er gewachsen.
Er hatte 1998 einen gigantischen Durchbruch in „23 – Nichts ist so wie es scheint“ (R: Hans-Christian Schmid), in dem er den Computerhacker Karl Koch, alias Hagbard Celine spielte. Dafür bekam er auch gleich den Deutschen Filmpreis. Das ist jener Typus von Rolle, den Diehl exzellent ausfüllt; ins Bild passen da auch seine Vorbilder, Schauspieler Gerd Voss und Robert De Niro.

Nur kurz erwähnt Diehl einige weitere Filme wie „Dr. Alemán“ (R: Tom Schreiber, 2008), für den er in Kolumbien wochenlang spanisch lernte, um die Rolle des Medizinstudenten Marc übernehmen zu können oder über „Die kommenden Tage" (R: Lars Kraume, 2010) bevor er auf die Hollywood-Produktionen zu sprechen kommt, von denen jeder im Raum hören möchte. International, so erläutert Diehl überzeugend, sind die Filmstandards der Produktion in Deutschland und den USA etwa auf gleichem Niveau, nur die Amerikaner hätten viel mehr Geld.

In Phillip Noyces Actionthriller „Salt“ (2010) spielte Diehl an der Seite und den Ehemann von Angelina Jolie. Aber beeindruckt hat ihn die Arbeit mit Quentin Tarantino in seinem Erfolgswerk „Inglourious Basterds“ (2009). Darin spielt August Diehl den miesen SS-Sturmbannführer Hellstrom. „Schon das Casting“, beginnt Diehl zu erzählen, „war so ganz anders. Tarantino suchte sich zuerst die Typen aus, die er unbedingt dabei haben wollte. Eine konkrete Rolle gab es da erst gar nicht. Ich habe natürlich sofort gesagt, ich sei dabei, egal welche Rolle. Es handelt sich um Tarantino – ich hätte auch hinter der Kamera gearbeitet. Irgendwann kam dann der Anruf: ‚So ich hab jetzt eine Rolle für Dich!’. Auch bei der Art zu spielen sei Tarantino anders drauf als deutsche Regisseure. Die sagen immer – weil ich eben vom Theater komme, ich solle mal die Bühnenbretter nicht so knarzen lassen. ‚Mach mal weniger’. Tarantino hingegen sagte ‚Mach mal mehr, zeigt was da innen steckt’.“

Auch was das Zusammenspiel von Intellektualität und Unterhaltung anginge seinen die Amerikaner viel entspannter. „Bei uns ist da immer so ein Wettstreit und eigentlich schließt ein intelligent und tiefgründig gemachter Film, einen hohen Unterhaltungswert aus. Bei den Amerikanern ist die Ausgangslage ganz anders: ‚Je intelligenter ein Film ist, umso höher ist das Entertainment’, hätte Tarantino immer kolportiert. Da gab es gar keine Oberflächlichkeit und der Spielleiter habe eben auch Szenen immer wieder drehen lassen, wenn er unzufrieden war mit den Worten: ‚Once again...’ und alle Anwesenden auf dem Set ergänzen im Chor: ‚...because we love movies!’ Die, die schon oft mit Tarantino gedreht haben, stimmten irgendwann dann nicht mehr mit ein...“

Diehl will noch mehr, er ist noch nicht irgendwo angekommen, er probiert Theater und Film weiter aus. Problematisch an seiner Arbeit sind für ihn die Drehpausen, am liebsten würde er die ganze Zeit im Rollencharakter bleiben. „Dieser Wechsel zwischen Rolle und Privat-Sein mag ich nicht besonders. Aber das hat für mich mehr mit Bequemlichkeit zu tun, um diesen ständigen abrupten Wechsel nicht ganz so anstrengend werden zu lassen.“
Auf die Frage, ob er nicht die spielerische Freiheit brauche, um sich im Film oder auf der Bühne gänzlich entfalten zu können, schränkt Diehl ein: „Es bedarf als Voraussetzung einen guten Rahmen, ein gutes Drehbuch, der guten Dialoge und eines guten Regisseurs. In diesem Rahnen – den ich brauche – habe ich dann alle Freiheiten der Welt! Bei schlechten Rahmenbedingungen hört der Kinogänger oder Theaterbesucher sofort, wenn Worte nach Papier klingen.“

Wie auch schon in anderen Interviews plädiert August Diehl für mehr Mut bei den Rollencharakteren in deutschen (Fernseh-)Filmen. Die fast sterile Trennung zwischen gut und böse sei altbacken. Auch der Polizist, der den Verbrecher jagt habe seine Abgründe, seine Probleme, aber da wagt sich niemand wirklich ernsthaft dran. „Das machen die Briten, Amerikaner, Schweden und auch die Österreicher einfach viel besser und die subtile Vielschichtigkeit macht Rollen und Filme einfach wesentlich glaubwürdiger und lebensnaher“, ergänzt er. „Aber hier trauen sich die Verantwortlichen nicht, weil sie es dem Publikum nicht zumuten können? Das sei unglaubwürdig. Drehbücher solcher Art hätten bis heute im Fernsehen keine Chance.“
Ihm sei da viel zu viel geheuchelte Moral drin. Der gute Deutsche wertet aber immer und fühlt sich moralisch den Schubladen gut und böse verpflichtet.

„Das tolle am Film und der Bühne ist, dass das Handeln in der Realität keine Konsequenzen hat. Ich werde für die gespielten Abgründe, Gewalt- und Mordszenen nicht bestraft – im Gegenteil, man klopft mir auf die Schulter und sagt: ‚Hast Du gut gemacht’. Dieses pervers-paradoxe Verhalten ist im Theater wohl noch brisanter und direkter.
Auch die Vorstellung ein Film müsse, sofern er historische Bezüge hat, irgendwie dokumentarisch sein. Tarantino formulierte es so: ‚Ich sage wie eine Geschichte (story) ausgeht und nicht die Geschichte (history). Es ist mein Film!’
Der Film inszeniert die Illusion vom roten Faden, weil es einen Anfang und ein Ende gibt. Das reale Leben kennt diesen, wenn überhaupt, dann nur in der Rückschau.“

Herzlichen Glückwunsch zum Emder Schauspielpreis 2014. Herzlichen Glückwunsch dem Filmfest Emden-Norderney zum 25. Jubeljahr!

Das Internationale Filmfest Emden-Norderney zeichnet im Jubiläumsjahr 2014 August Diehl mit dem Emder Schauspielpreis aus. Den Preis für herausragende schauspielerische Leistungen wird der Künstler am 11.Mai bei der feierlichen Preisverleihungsgala persönlich entgegennehmen. Mit der Auszeichnung ist neben einem Preisgeld in Höhe von 5.000 € eine Portraitreihe verbunden, in deren Rahmen fünf Filme von August Diehl gezeigt werden. Ausgestattet wird der seit 2011 vergebene Preis durch die Emder Dirks Group.
Seit 2011 zeichnet das Internationale Filmfest Emden-Norderney mit dem „Emder Schauspielpreis“ herausragende deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler aus. In den letzten Jahren ging der Preis an Armin Rohde (2013), Katharina Thalbach (2012) und Martina Gedeck (2011).
Das Filmfest Emden-Norderney endet am 14. Mai. Informationen unter: www.filmfest-emden.de


Fotonachweis: Alle © Filmfest Emden-Norderney
Header: August Diehl beim FilmTee-Talk
Galerie:
01. Still aus „23 – Nichts ist so wie es scheint“
02. Still aus „Dr. Alemán“
03. „Die kommenden Tage“
04. August Diehl beim FilmTee

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