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Jazzfestival Südtirol: „Diese Gegend besteht darauf, dass Du sie genießt“

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Geschrieben von Tina Heine  -  Mittwoch, den 25. Juli 2012 um 10:30 Uhr
Jazzfestival Südtirol: „Diese Gegend besteht darauf, dass Du sie genießt“ 4.6 out of 5 based on 193 votes.
Jazzfestival Südtirol: „Diese Gegend besteht darauf, dass Du sie genießt“

Als wolle sie ihre Worte ganz besonders unterstreichen, lehnt Angelika Niescier sich genüsslich in Ihrem Korbstuhl zurück und blinzelt leicht in die Sonne.
Ich bestehe darauf, dass Sie erst in Ruhe das hausgemachte Vanille-Ingwer-Eis mit Erdbeeren verspeist, bevor wir mit unserem Gespräch fortfahren. Die Kölner Saxophonistin kann auf eine für sie „paradiesische Situation“ zurückblicken. Hinter Ihr liegen fünf Tage Südtirol Jazzfestival Alto Adige. Bozen, Bruneck, Magreid waren Ihren Stationen; Florian Weber, Sebastian Räther, Christoph Hillmann, Simone Zanchini, Stefano Senni und Francesco Bearzatti ihre musikalischen Gefährten.

„Hierher eingeladen zu werden ist eine Chance, für die man viele andere Optionen liegen lässt. An unterschiedlichen Orten mit verschiedenen Formationen zu spielen und meine Begegnungen mit den Menschen hier vor Ort waren inspirierend“, sagt die groß gewachsene Musikerin. Eine Auftragskomposition aus dem Hause Lageder füllte ihren Terminkalender für Wochen. Daheim in Köln schrieb sie diese. Neben den beschriebenen Südtirol-Eindrücken war auch die Begegnung mit dem Akkordeonisten Simone Zanchini von entscheidender Bedeutung. „Seine Musikalität und sein besonderes Klangtalent haben mich so begeistert, dass ich unbedingt etwas für Akkordeon schreiben musste!“, schwärmt die Saxophonistin.

Die Auftragskomposition „The Imprint“ wurde kürzlich vor etwa 150 faszinierten Zuschauern im Weingut von Alois Lageder uraufgeführt. Ein Werk, das zwischen Jazz und Neuer Musik balanciert. Die Landschaft mit den Weinbergen und die Philosophie des Auftraggebers Alois Lageder vom Weinbau interpretierte sie. Die Zuhörer nahm sie auf eine musikalische Wanderung mit.
Das Resultat war ein komplexes und energievolles Spiel des Trios Niescier, Zanchini und Senni. Zeitweise wurde das Konzert von Mittagssirenen und Kirchenglocken durch die geöffneten Fenster der Tenne begleitet. Niesciers handfester Humor schwingt permanent, in der Komposition und immer ein bisschen stichelnd und herausfordernd wenn sie mit ihren Musikern und dem Publikum kommuniziert. Wahre Soundgewitter kreieren die drei: Zanchini mit Akkordeon, Niescier mit Saxophon, während Stefano Senni die beiden nicht nur zusammenhält, sondern insbesondere die kontemplativen Momente mit seinem Bogen gestrichenen Bass verdichtet.

Der nicht enden wollende Applaus des Publikums für dieses einzigartige Konzert ist ein weiterer Beweis dafür, dass die konsequente Linie, die Klaus Widmann als künstlerischer Leiter in seinem Programm verfolgt, die richtige ist. Es gibt für ihn bei der Programmauswahl keine Kompromisse. Er setzt auf Qualität und nicht nur auf den Wohlklang bekannter Namen. Immer ist er mutig auf der Suche nach dem Neuen und Unbekannten, initiiert Musikerbegegnungen und ist, das muss man allerdings dazu sagen, in der glücklichen Situation, nicht auf zahlendes Publikum angewiesen zu sein. Das schafft Freiräume. Es geht also bei diesem Jazzfestival nicht darum, wohlklingende Hintergrundmusik für die malerischen Orte, Landschaften und Kulissen zu schaffen, in die das Südtirol Jazzfestival gebettet ist, sondern in diese Vorgaben ungewöhnliche, musikalisch-pointierte Setzungen zu bringen. Und wenn es dann aufgeht? „Dann fällt schon die Anspannung von mir ab, auch wenn ich in der Regel gelassen bin, so lang ich weiß, dass es einfach gute Musik ist“, sagt Festivalleiter Klaus Widmann erleichtert. Manchmal komme es schon vor, dass Besitzer von Locations oder langjährige Mitstreiter bei der Künstlerauswahl mitreden möchten, häufig haben sie bestimmte Vorstellungen, was besonders gut an dem einen oder anderen Ort passen würde. Aber darauf lässt sich Widmann nicht ein.

Wie gut er diese Entscheidungen zu treffen weiß, erlebt man bei diesem Festival, das 2012 seinen 30-jährigen Geburtstag feiert, jeden Tag aufs Neue. Zum Beispiel im Garten des wunderschönen Grand-Hotels Laurin. Auf einer Bühne, die sich über den nächtlich angestrahlten Hotel-Pool spannt, spielt ein Duo mit dem italienischen Saxophonisten Francesco Bearzatti und dem Altmeister an der Klarinette, Louis Sclavis.

In den Straßen von Brixen und Bozen teilt die junge finnische Straßenband "Dramophone" mit ihrer vergnüglichen und völlig unkonventionellen Musik das Publikum in zwei Lager. In diejenigen, die kopfschüttelnd davon gehen und in diejenigen, die sich mitreißen lassen. Durch den wilden Klang und die unüberhörbare Lautstärke erfährt auch noch der Letzte in der Stadt, dass Jazzfestival ist und man sich auf den Weg zu den Konzerten machen sollte, von denen viele gratis sind.

So erklärt sich dann auch das bunt gemischte Publikum: Einwohner und Touristen, Jazzfans, oft weit angereist und Musikfreunde. Neugierig und aufgeschlossen folgen sie dem Ruf Klaus Widmanns, dem es eine echte Herzensangelegenheit ist, „seine“ Musik an die Menschen zu bringen und die Ohren für ganz neue Klänge zu öffnen. „Am liebsten würde er sich wohl selbst vervielfältigen“, zitiert er seine Frau, dann wäre die Vermittlung leichter und so manche Hürde würde es wohl auch in der organisatorischen Durchführung nicht geben.

Oben auf dem Berg, im Hotel Holzner Hof in Oberbozen findet sich zum angekündigten Konzert ein prall gefüllter Saal. Kinder sitzen dicht vor der Band auf dem Parkett und Einheimische wie Urlauber haben sich die besten Plätze frühzeitig gesichert. Ein Gitarrist begeistert das Publikum: Andreas Varady, ein in der Slowakei geborener Sinto. In dessen Spiel klingt auch mal ein Django Reinhard durch, doch er wendet sich ganz bewusst ab von jeglichen folkloristischen Zigeuner-Anleihen und hat das Publikum in wenigen Minuten fest in der Hand.

Nicht nur sein reifes und virtuoses Spiel, sondern auch seine charmant-freche Art mit den Zuhörern zu kommunizieren versetzen viele in Erstaunen, denn mit geschlossenen Augen vermutet man keinen 14-Jährigen hinter der Gitarre. Begleitet von seinem Vater, Bandi Varady an der Rhythmusgitarre und seinem gleichaltrigen Bandkollegen David Lyttle an den Drums. Die sechzig Minuten Konzert sind gespickt mit Zitaten von Wes Montgomery und George Benson – auch in den eigenen Kompositionen finden sich entsprechende Zitate. Leider geht die jugendliche Dynamik dem jungen Schlagzeuger manchmal ein wenig durch, und Varady kann sich nur schwer bei der nicht ganz unkomplizierten Akustik durchsetzen. Auch bei diesem Konzert kommen die Musiker nicht ohne diverse Zugaben davon und ein zufriedenes Schmunzeln ist im Gesicht von Klaus Widmann zu sehen.

Einer noch! Und die Tür öffnet sich ein drittes Mal zum Bühnenraum für das Trio – Andreas Varady lächelt und tritt ans Mikrofon. Hinter ihm liegen spannende Tage auf dem Montreux Festival und er weiß, dass er nicht nur Claude Nobs viel zu verdanken hat, sondern auch hier in Südtirol hat jemand an ihn geglaubt und sich getraut, den unbekannten jungen Musiker einzuladen: „This one is for Klaus“, grinst er „I think he likes Georg Benson...“


Weitere Informationen zum Festival: www.suedtiroljazzfestival.com
Das nächste Konzert findet am 9. August um 20:30 Uhr im Konzerthaus Bozen statt: Bollani & Friends - eine Brücke zwischen Jazz und Klassik

Bildnachweis:
Header: Südtirol Jazzfestival, Bozen, Hotel Laurin. Foto: Tina Heine
Galerie:
01. Angelika Niescier. Foto: G. Pichler
02. Simone Zanchini. Foto: G. Pichler
03. Stefano Senni. Foto: G. Pichler
04. Saxophonist Francesco Bearzatti und Klarinettist Louis Sclavis. Foto: Tina Heine
05. Francesco Bearzatti. Foto: R. Tubaro
06. Louis Sclavis. Foto: R. Tubaro
07. und 08. "Dramophone" in den Straßen von Bozen. Foto: R. Tubaro
09. Andreas Varady mit Band. Foto: Claus Friede
10. Andreas Varady. Foto: Tina Heine
11. v.l.n.r: Dandi Varady, Andreas Varady, David Lyttle. Foto: Tina Heine
12. Jazz auf dem Waltherplatz in Bozen. Foto: R. Tubaro
13. Klaus Widmann bei der Eröffnung des 30. Südtirol Jazzfestival Alto Adige. Foto: G. Pichler

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