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Alexander Kluge in Prag

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Geschrieben von Claus Friede  -  Freitag, den 04. Mai 2012 um 09:05 Uhr
Alexander Kluge in Prag 4.7 out of 5 based on 201 votes.
Alexander Kluge in Prag

Prag, so heißt es, ist immer eine Reise Wert. Die „Goldene Stadt“ steht Mitte Mai ganz im Zeichen eines der großen deutschen Regisseure, Produzenten und Schriftsteller: Alexander Kluge.
Anfang des Jahres feierte Kluge seinen 80. Geburtstag und so scheint es auf der Hand zu liegen, dass er auch international gefeiert wird. Die Prager Akademie der Bildenden Künste widmet sich ihm vom 17. bis 19. Mai mit einer Retrospektive und zeigt ein chronologisches Programm aus seiner Filmographie, einige Interviews und Fernsehwerke.

Aber ganz so naheliegend scheint es dann doch wieder nicht zu sein, sein Werk international zu feiern: In Tschechien zumindest werden Kluges Filme überhaupt zum ersten Mal präsentiert und Filmkurator František Zachoval, der das Prager Programm zusammenstellte, fragt sich zu Recht, warum die Filme Kluges bislang in Tschechien kaum Aufmerksamkeit erhielten. Seine Vermutung lautet: „Die tschechische Kulturgemeinde hat nach der Wende kein Interesse für links-orientierte Kunst gezeigt, was sicherlich als logische Reaktion auf 40 Jahre Kommunismus zurückzuführen ist“. Ende 2011 kam die Idee für diese Veranstaltung aus dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Prager Kunstakademie. Leider wird Alexander Kluge, wider des Titels, nicht persönlich in Prag sein – "Herr Kluge empfindet es heute als Privileg, nicht mehr reisen zu müssen," betont Beata Wiggen van Amstel, Leiterin der Düsseldorfer dctp.tv.

Mit viel Enthusiasmus der Mitarbeiter, der Freunde der Akademie der Bildenden Künste haben die Veranstalter es trotz mangelnder, finanzieller Unterstützung geschafft, drei Tage „Alexander Kluge in Prag“ auf die Beine zu stellen. Der größte Teil des knappen Budgets ging übrigens in die englische und tschechische Untertitelung von sechs seiner Filme, die wiederum im sechs Blöcke umfassenden Programm gezeigt werden. Verschiedene Kurz- und Spielfilme werden präsentiert sowie ein Teil der medialen Arbeit – mit Interviews, die dem deutschen Publikum zu nachtschlafender Zeit durch „dctp.tv“ in „News & Stories“ und "11 vor 11 – Ten To Eleven" angeboten werden. Dass Kluge mit diesen Formaten in Deutschland kein massenkompatibles Programm zusammenstellt ist hinlänglich bekannt, es ist vielmehr eine außerordentliche Wohltat und er scheint der einzige zu sein, der dieser Art des Fernsehmachens mit seiner Haltung über Jahrzehnte treu bleiben kann.
Kluge ist ein Meister des Erzählens und gilt als einer der produktivsten Filmemacher Deutschlands.
„1966 drehte Kluge seinen ersten Hauptfilm "Abschied von gestern", für den er in Venedig mit dem Silbernen Löwe ausgezeichnet wurde. In dieser Zeit entstand der Neue Deutsche Film. Nach und nach hatten auch Filme anderer Vertreter dieses Filmstils Erfolg: Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Werner Herzog. Ihre Werke machten aus der deutschen Kinematografie eine weltweit anerkannte Marke. Kluge war jedoch der Radikalste von allen." heißt es in der deutschen Programmbeschreibung und weiter: „Ein Erlebnis - ein Film, eine Wahrnehmung - ein Film, das heißt kristallisierender Augenblick, das ist eigentlich die Formel für Film,“ definiert Kluge die Funktion des Filmmediums in einem Dokument von Andreas Ammer.

Der Filmemacher ist davon überzeugt, dass die Kinematografie von Anfang an in eine falsche Richtung gegangen ist. Er behauptet, dass ein narrativer Film im Zuschauer den Spielraum eigener Vorstellungskraft in den Hintergrund drängt. Seine mehr fragmentarischen Werke gehen dagegen von einem Ereignis, einem Erlebnis oder einer Wahrnehmung aus und erwecken beim Publikum freie Assoziationen.
Kluges Methode des Filmessays stellt somit eine Parallele zur neomarxistischen Frankfurter Schule dar, die sich seit den 1950er-Jahren mit einer breiteren Untersuchung moderner Gesellschaftsphänomene auseinandersetzte. Gerade in dieser Zeit Ende der 50er traf Kluge persönlich den Philosophen und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno. Kluges Werk ist eine Art Kulturforschung. Er sucht Schlüsselpunkte, von denen er mithilfe eines Dialogs theoretische Rahmen der erforschten Problematik episch entwickelt.

Kluge untersucht alternative Möglichkeiten des Gesellschaftsdenkens. Er fragt nach Geschichtsvarianten. „Er guckt auf die Welt, um die Zone zu entdecken, wo Lebensgeschichten, Tagesabläufe, Alltagswünsche, Bedürfnisse, die wir alle haben, und ganze Lebensprojekte zusammenstoßen," charakterisiert ihn sein Freund, der Philosoph Jürgen Habermas, im Dokument von Angelika Wittlich. Somit wird dieser Raum zur äußerlichen und äußersten Beschreibung.

Die Strukturform des Filmes und der Literatur stehen sich sehr nahe. „Trübung der Wahrnehmungskräfte durch das Unglück selbst“, steht in Notizen am Ende der Schlachtbeschreibung (1964). Die Analyse des Stalingrad-Kessels ist ähnlich erfasst wie seine Suche nach Knotenpunkten der Finanzkrise in seinem derzeit letzten Projekt Früchte des Vertrauens (2009). In beiden Fällen werden gespielte Abschnitte mit Dokumentarquellen, Zitaten, privaten Anfragen bzw. Erkenntnissen aus Archiven und der Autorenfiktion kombiniert.


Alexander Kluge in Prag, vom 17. bis 19. Mai in der Akademie der Bildenden Künste (Fachbereich Kunstgeschichte)
U Akademie 4 - Prag 7 / Tschechien
alexander-kluge.avu.cz und  www.avu.cz
Der Eintritt zu den Vorführungen ist frei.

Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Er studierte in Marburg und Frankfurt/Main Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik. Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt absolvierte er ein Volontariat bei dem Filmregisseur Fritz Lang und betätigte sich mit Erfolg als Filmemacher und literarischer Autor. Er erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis 2008 (Ehrenpreis). In der „filmedition suhrkamp“ erschien zuletzt „Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital“.
„Ich bin und bleibe in erster Linie ein Buchautor, auch wenn ich Filme hergestellt habe oder Fernsehmagazine. Das liegt daran, dass Bücher Geduld haben und warten können, da das Wort die einzige Aufbewahrungsform menschlicher Erfahrung darstellt, die von der Zeit unabhängig ist und nicht in den Lebensläufen einzelner Menschen eingekerkert bleibt. Die Bücher sind ein großzügiges Medium und ich trauere noch heute, wenn ich daran denke, daß die Bibliothek in Alexandria verbrannte. Ich fühle in mir eine spontane Lust, die Bücher neu zu schreiben, die damals untergingen.“ Alexander Kluge, (Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis, 1993 / Quelle: Suhrkamp Verlag).


Das Programm:
17.05.2012

18:00 Uhr Kurzfilme
1960: Brutalität in Stein, 12 min.

1961: Rennen, 9 min.

1963: Protokoll einer Revolution, 12 min.
1970: Ein Arzt aus Halberstadt, 29 min.
1977: Nachrichten von den Stauffern I und II. 13 min, 11 min.
1983: Auf der Suche nach einer praktisch-realistischen Haltung, 11min.


20:00 Uhr
In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod, S-W, 90 min. BRD 1974. Regie und Drehbuch: Alexander Kluge & Edgar Reitz.

18.05.2012

18:00 Uhr
Die Macht der Gefühle, Format: 35 mm. S-W und Farbe. 115 min. BRD 1983. Buch und Regie: Alexander Kluge.

20:00h
Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital), Deutschland, 2008. DVD 4:3. S-W und Farbe. Mono. 570 min.

19.05.2012

18:00h
Vermischte Nachrichten, BRD 1986. Buch und Regie: Alexander Kluge.

20:00h
Früchte des Vertrauens, Deutschland, 2009. DVD 4:3. S-W und Farbe. Mono. orig. 658 min. Kapitelauswahl: 155 min. (Ausgewählt von František Zachoval).

Filmgespräche mit Christian Petzold, Christoph Hochhäusler und Romuald Karmakar ein Fragment von Tom Tykwer.

Weitere Autorengespräche:
Adam Smith, Alfred Edel, Benito Juárez, Christian Petzold, Christoph Hochhäusler, Dirk Baecker, Dr. Mabuse, Fritz Todt, Gobseck, Hans im Glück, Hans Magnus Enzensberger, Heiner Müller, Helge Schneider, Jean-Baptiste Say, John Law, Josef Alois Schumpeter, Josef Vogl, Joseph Stiglitz, Karl Raimund Popper, Martin Heidegger, Martin Wuttke, Maximilian I., Michael Haneke, Niklas Luhmann, Peter Berling, Peter Sloterdijk, Ralf Dahrendorf, Richard Sennett, Romuald Karmakar, Sophie Rois, Talcott Parsons, Thomas Thieme, Tom Tykwer.

Fotonachweis:
Alle Fotos: http://alexander-kluge.avu.cz
Header: Alexander Kluge
Galerie:
01. Plakat "Alexander Kluge in Prag"
02. Alexander Kluge am Rednerpult, 28. Februar 1962 bei der Geburt des "Oberhausener Manifests" ("Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.")
03. "Oberhausener Manifest", Textblatt
04. Filmstill aus "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod"
05. Filmstill aus "Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital"
06. Filmstill aus "Vermischte Nachrichten"
07. Filmstill aus "Früchte des Vertrauens" (Hans im Glück)
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