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Im Gespräch: Claus Friede mit Kultmoderator Bedo

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Geschrieben von Claus Friede  -  Freitag, den 17. Juli 2009 um 14:57 Uhr
Im Gespräch: Claus Friede mit Kultmoderator Bedo 4.6 out of 5 based on 370 votes.
CF: Gab es Themen, bei denen du dich gescheut hast, diese aufzugreifen?

Bedo mit Ali Güngörmüs, Chefkoch und Inhaber Le CanardBedo: Bis heute! Ja. Es gibt drei Themenbereiche, die leider immer noch sehr heikel sind. Ich will nicht sagen, dass ich mich nicht traue, aber ich habe Hemmschwellen. Alle Themen über Sexualität und Homosexualität, religiöser Glaube und extreme polarisierende politische Themen gehören dazu. Es geht mir nicht darum, diese nicht aufzugreifen, aber ich mag es nicht, wenn dann extreme Positionen bei mir und an meinem Namen haften bleiben. Es heißt dann sofort: "Bei Bedo wurde das und das gesagt...". Die Zuhörer sagen ja nicht, dieser Gast hat etwas gesagt, sondern bei Bedo wurde gesagt...
Ich hatte einmal das Kopftuch-Thema bearbeitet und unterschiedliche Gäste eingeladen, da war das genau so der Fall mit den teilweise sehr extremen Positionen. Und am Ende stehst du da und Zuhörer, Pressevertreter und Politiker fragen dich dann danach, wieso und warum, und ich habe moderiert und versuchte, einfach nur viele unterschiedliche Meinungen zu sammeln, aber am Ende bleibt nur: „Bei Bedo wurde gesagt...“. Ich werde dann mit der Meinung von anderen in Verbindung gebracht, die ich gar nicht teile. Und dann muss man sich ständig verteidigen.
Auch bei Themen wie AIDS bin ich vorsichtig. Es gibt so extrem konservative Kräfte, denen ich nicht gewachsen bin und weiß, da kann ich noch nichts bewirken. Unsere Community hier ist dafür noch nicht offen und bereit - aber das wird noch kommen. Das dauert noch eine Weile. Ich würde da gerne etwas bewirken, aber das ist offensichtlich noch zu früh. Bei religiösen Themen traue ich mich seit fünf Jahren schon mehr. Ich habe eine Sendung über den Ramadan gemacht mit sehr unterschiedlichen Positionen.

CF: Versucht du auch, über die Community hier in Hamburg in die Türkei hineinzuwirken, oder ist der Schuh zu groß?

Bedo: Nein, das würde ich mir schon wünschen, dass wir auch von hier aus etwas bewirken können. Aber dies ist dann mehr Aufgabe und hat auch eine höhere Erfolgschance durch türkischstämmige EU-Politiker, die auch diese Themen in der Türkei nach vorne bringen können. Aber viele dort sprechen nicht einmal die Worte aus und glauben es gäbe zum Beispiel keine Schwulen und Lesben oder AIDS in der Türkei.

CF: Lass uns noch etwas über deutsch-türkische Kulturidentitäten sprechen. Wo befruchten sich die Kulturen einander, wo reiben sie sich und wo tauchen sie gemeinsam gar nicht auf?

Bedo:
Ich pauschalisiere mal ein wenig. Auch hier gibt es, wie eben bei den problematischen Themen, drei Gruppen von Migranten. Es gibt jene, die super offen sind, liberal, eine interessante Mischung aus deutsch und türkisch sind. Die zweite Gruppe ist extrem konservativ, will nichts mit den Deutschen zu tun haben und will auch nichts von der türkischen Kultur geben. Und die dritte Gruppe will nichts mit der Türkei zu tun haben, die wollen nur deutsch sein. Wir haben also den Deutschen, der war einmal Türke, wir haben den Deutschtürken und wir haben den Türken. Ich zähle mich zu den Deutschtürken und versuche auch bei Workshops, die ich in Schulen mache, den Kindern mit migrantischem Hintergrund folgendes zu vermitteln und sage ihnen: „Ihr seid die Reichsten in diesem Land“. Ich sage den Schülern, dass sie mehr in sich tragen als „rein“ deutsch und „rein“ türkisch. Das ist ein Wert. Sie kennen zwei Kulturen und Sprachen – vorausgesetzt sie sprechen beide richtig – das ist aber noch ein anderes Problem, dass viele Jugendliche keine der beiden Sprachen richtig beherrschen. Ich glaube wirklich, dass die Mitte die beste Lösung ist. Die Konservativen haben immer die Angst, sich zu öffnen, weil sie glauben sie würden etwas verlieren. Anstatt zu merken, dass sie etwas gewinnen.
Ja, wo treffen sich die Kulturen? Die grundsätzliche Frage ist für mich die nach der Identität, das bewegt mich seit Jahren! Ich fühle mich wie folgt und das durch und durch: Ich bin Europäer mit zwei Herzen, einem deutschen und einem türkischen. Oder wie ein Freund zu mir einmal sagte: „Bedo, du hast einen deutschen Kopf, aber ein türkisches Herz.“ Das hat mir gefallen und machte mich stolz! Und das türkische Herz fehlt mir manchmal bei den Deutschen, diese positive Grundeinstellung, das warme Gefühl. Hier sind doch die meisten sehr zurückhaltend und gehen selten aus sich heraus – vor allem hier im Norden.
Die deutsche und die türkische Kultur sind so unterschiedlich, dass es schon wieder einfach sein sollte, miteinander zu kommunizieren. Wenn sich zwei Kulturen sehr ähnlich sind, dann gibt es, glaube ich, noch viel mehr Reibungspunkte, dann geht es um solche Fragen, wie: Wer hat den Zaziki erfunden, die Griechen oder die Türken?
Nein, weil die beiden Kulturen hier so weit auseinander liegen, ist das vorteilhaft in der Kommunikation und es macht es einfacher sich für die Mitte zu entscheiden, in einer Symbiose zu leben und etwas von hier und etwas von dort mitzunehmen.

CF: Es gibt aber doch immer - und das auf beiden Seiten - die Angst vor dem Verlust von Identität oder von aufgeweichten Mustern...

Bedo: ...Ja, aber das hat etwas mit Unkenntnis zu tun. Mittlerweile komme ich in Schulen, da sind 50% und mehr Kinder mit einem Migrationshintergrund. Und wovor haben jetzt Teile der deutschen Gesellschaft Angst? Davor, dass schon ein erheblicher Prozentsatz Migranten sind? Davor, dass die U21 Fußball-Stammelf neun ausländische Spieler hat. Und Odonkor, Özil und so weiter sind Deutsche, nach dem Pass. Ich find das cool..., neun Ausländer im deutschen Team...

CF: ...es sind neun Inländer...

Bedo: ...Ein Kumpel von mir sagt immer: „Wir sind die Deutschen“ - und er meint damit die Deutschtürken – „und die anderen sind die Bio-Deutschen.“
Es gibt, meine ich, nur einen Punkt an dem wir uns wohl nie verstehen werden: Die Bio-Deutschen sind ein Volk von Pessimisten und Nörglern. Wir Südländer sind positiv, gutlaunig, offen. Es wäre zu schön, wenn die Deutschen einmal anfangen würden, die Dinge positiv zu sehen und sich einmal richtig freuen und auch sagen würden, wie schön es hier ist. Aber nein, da ist Krise, Armut, Untergang. Dann denk ich: „Ihr wisst gar nicht, in was für einem Himmel ihr lebt“. Und was sag ich dann als Deutschländer? „Jungs, lebt einmal drei Tage im Osten der Türkei. Dann werdet ihr einiges anders sehen...“ Und ich gehe ja nur in die Türkei und nicht einmal nach Afrika! Da gibt es dann überhaupt keine Absicherung mehr. Positives Denken würde uns gut tun. Und da hätten wir die Hälfte der Probleme weniger in unserem Land. Vielleicht ist das auch alles zu einfach gedacht, aber so bin ich, positiv.


 

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