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Gezeitenkonzerte – Musik-Festival in Ostfriesland: Sturm und Klang

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Mittwoch, den 26. April 2017 um 14:01 Uhr
Gezeitenkonzerte – Musik-Festival in Ostfriesland: Sturm und Klang 4.4 out of 5 based on 67 votes.
Gezeitenkonzerte – Musik-Festival in Ostfriesland Foto Marcus Schwan

Klassikstars in verwunschenen Kirchen hinterm Deich – das Festival Gezeitenkonzerte bespielt im Sommer Ostfriesland und entwickelt einen ganz besonderen Charme, sagt der Hamburger Pianist Matthias Kirschnereit. Er leitet das Festival seit dem Start im Jahr 2012.

Kennen Sie Ditzum, Reepsholt, Münkeboe, Suurhusen oder Esens? Falls nicht, haben Ihnen einige Musikstars etwas voraus: Nuria Rial (Mezzosopran), Alice Sara Ott (Klavier), Sabine Meyer (Klarinette), Sigiswald Kuijken mit seinem Quartett oder die Hong Kong Sinfonietta unter Christoph Poppen treten dort nämlich gern auf – im Rahmen des Festivals „Gezeitenkonzerte“, das Ostfriesland mit insgesamt 32 Konzerten musikalisch erschließt.

Schon zum sechsten Mal laden Matthias Kirschnereit, Konzertpianist aus Hamburg und Klavierprofessor in Rostock, und seine Mini-Mannschaft ein zu diesem ungewöhnlichen Musikfestival, das, sagt Kirschnereit, „die Musik zu dem zurückführt, woher sie eigentlich kommt: dass sie nämlich Freude bereitet, dass man mit Freunden an Programmen arbeitet, die man gerne spielt und hört. Und das in Ostfriesland, mit seinen ungewöhnlichen Orten und magischen alten Kirchen – eine wunderschöne Region, ein bisschen vergessen, verschont noch vom großen Tourismus, viel unberührte Natur. Wo sonst gibt es Weltstars zum Anfassen, die vielleicht am nächsten Tag in Salzburg im Großen Festspielhaus spielen oder in der Hamburger Elbphilharmonie, wo ja eine gewisse Distanz da ist?“

Und wo wird die Musik so schön durchgepustet, dass der windzerfledderte Regenschirm fürs Cover-Foto vom Programmheft nicht extra hergerichtet werden muss, und ein Motto wie „Sturm und Klang“ einem von ganz allein zufliegt?

Kirschnereit lacht und ist gleich wieder beim Thema. „Nein“, sagt der agile Pianist, mit 60 Auftritten und seiner Professur eigentlich schon gut ausgelastet, „nicht jeder Musiker muss ein Festival machen. Man muss eine gewisse Lust dazu haben, Freude daran, Programme zu gestalten, Ideen, welche Künstler man einladen und miteinander kombinieren könnte. Und dann müssen die tollen Orte dazu kommen, an denen man außerordentliche Konzerte veranstalten kann. Der Wunsch, dass ich ein eigenes Kammermusikfestival mit vielen Künstlerfreunden veranstalten wollte, hatte mich seit Jahrzehnten begleitet. Hier ist das so: 85, 90 Prozent der auftretenden Künstler kenne ich persönlich, und die meisten möchten gern wiederkommen, weil sie einfach so überwältigt sind von dem besonderen Zauber der Spielorte, aber auch vom wundervollen, kundigen und enthusiastischen Publikum.“

Hierher kommt niemand, um gesehen zu werden
Wenn Kirschnereit, Jahrgang 1962, geboren im Kreis Recklinghausen und aufgewachsen in Schleswig-Holstein und Namibia, über die Gezeitenkonzerte spricht, spürt man tiefe Begeisterung, und wahrscheinlich ist es genau das, was die Verantwortlichen der Ostfriesischen Landschaft sich erträumt hatten, als sie 2012 den Macher für ein neues regionales Musikfestival suchten. Einen, der für seine Sache brennt, gute Kontakte mitbringt und sich von der Begeisterung für das Projekt immer weitertragen lässt.

„Wenn ich uns mit anderen Festivals vergleiche, dann kommt hier niemand aus gesellschaftlichen Gründen her, weil man da sein muss oder um gesehen zu werden. Hierher kommt man, um Kunst hautnah zu erleben. Übrigens auch die Künstler. Wir können ja nicht enorme Honorare zahlen wie große Festivals – aber die Offenheit, sich auf Abenteuer einzulassen, ist zum Glück bei vielen Künstlern sehr groß. Wir versprechen ihnen: Wir haben zwar einen vergleichsweise geringen Etat, aber wir tragen euch auf Händen, machen Wunschtermine möglich zwischen anderen Auftritten. Die Künstler freuen sich über solche sinnvoll genutzten Brückentage, manche wollen hier auch ein neues Programm auszuprobieren.“ Und wie bekommt man einen Weltstar wie Grigory Sokolov nach Leer? „Dass Sokolov jetzt zum zweiten Mal kommt, liegt daran, dass er das Theater an der Blinke in Leer und den dortigen Steinway geliebt hat. Und die Reaktion des Publikums sehr zu schätzen wusste.“ Der Star-Violinist Christian Tetzlaff ist bereits zum vierten Mal dabei.

Viele Künstler hängen noch einen Tag oder zwei dran zur Erholung – fahren auf eine Insel oder an den Deich. Sie genießen das: diese Region zum Zu-sich-selbst-kommen, die langsam aus ihrem Dornröschenschlaf wach geküsst wird.

Kleine Preise und große Nähe zu Weltstars
Inzwischen hat sich das bei Musikfreunden herumgesprochen, Zuhörer kommen aus Hamburg, Bremen, dem Ruhrgebiet, eine Bestellung kam sogar aus Moskau. „Hierher zu kommen hat etwas von Pilgern, es bringt der Seele eine gewisse Entschleunigung. Manche Besucher bleiben ein Wochenende, mieten sich Fahrräder, erkunden die Landschaft. 2012 gingen die Gezeitenkonzerte mit 4500 Karten an den Start, 2016 sind es schon 10.000 gewesen. Wozu größere Events beitragen, die es auch gibt: die Gezeiten-Classixx (1.7.) in einer sehr eindrucksvollen Werkshalle von VW in Emden mit dem Noord Nederlands Orkest mit Werken u.a. von Bernstein, Gershwin, Bizet und Chatschaturjan. Hong Kong Sinfonietta (18.7.) in der St. Magnuskirche in Esens und (19.7.) in der Großen Kirche in Leer. Oder das erste Gezeiten Open Air im van-Ameren-Bad in Emden (15.7.) mit Jazz vom Mathias Eick Quintet, Jazz und – falls gewünscht – eine Runde Schwimmen inklusive.

Meret Becker (2.7.) kommt mit Musikern zu einer zauberhaften Performance in das Fährhaus Borkumterminal in Emden, Helmut Thiele und das fabergé-quintett samt Matthias Kirschnereit (16.7.) bringen erst Patrick Süskinds Einakter „Der Kontrabass“ und dann Schubert Forellen-Quintett zu Gehör. Und das alles bei Eintrittspreisen in der Spitze von 30 Euro (Angelika Kirchschlager), 40 Euro (Alice Sara Ott) und 45 Euro (Grigory Sokolov). Schüler und Studenten können übrigens jedes Konzert für nur 5 Euro besuchen.

Für junge „Gipfelstürmer“ im Flachland (den Namen hat Matthias Kirschnereit gefunden ebenso wie Gezeitenkonzerte) sind zwei lange Nächte reserviert, bei denen sich in Aurich (21.+22.7.) musikalischer Nachwuchs von hoher Qualität präsentieren darf. Der künstlerische Leiter sitzt selbst außer beim Eröffnungskonzert (23.6.) und dem Forellen-Quintett bei zwei weiteren Konzerten am Klavier.

Die Gezeitenkonzerte enden am 13.8. mit einem Konzert im Friesenpferdegestüt Brümmer in Bunderhee.

Matthias Kirschnereit sprudelt nur so von kreativen Ideen, wenn er über das Festival spricht. Vielleicht verbindet ihn mit dieser Landschaft die Erinnerung an Jugendjahre in Schleswig-Holstein. „Hier ist die Natur auch so kraftvoll, ich gewinne dadurch ganz große Inspiration.“ Er erzählt von seiner neuen CD, Brahms, f-Moll-Sonate und f-Moll-Quintett. „Wenn man weiß, wie Brahms im Wald, auf den Feldern und am See seine Inspiration bekommen hat und großen Kompositionen geistig konzipiert hat, dann muss man sich hier einfach wohlfühlen.“

Festival Gezeitenkonzerte
23.06. bis 13.08.2017
Ostfriesische Landschaft
Weitere Informationen
Programmheft
Kartentelefon: (04941) 1799 67 oder per Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
oder im Internet unter www.reservix.de


Abbildungsnachweis:
Header: Gezeiten. Foto: Marcus Schwan (Flickr CC
By 2.0)
Galerie:
01. Matthias Kirscherneit. Foto: Maike Helbig
02. Abschlusskonzert 2016
03. Stimmungsbild in Gristede "Aufgetischt". Foto: KK
04. Stimmungsbild

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avatar Dirk Lübben
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Ein schöner Artikel, der Lust macht, dieses Festival kennen zu lernen. Vielen Dank an Hans-Juergen Fink und Matthias Kirschnereit.
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