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Marino Formenti: „Nowhere“ – eine Performance zwischen Architektur, Musik und Kunst

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Mittwoch, den 12. April 2017 um 10:54 Uhr
Marino Formenti: „Nowhere“ – eine Performance zwischen Architektur, Musik und Kunst 4.5 out of 5 based on 85 votes.
Marino Fortmenti - Nowhere Foto Claus Friede

Der italienische Musiker und Komponist Marino Formenti (Jahrgang 1965) performed und lebt für 20 aufeinanderfolgende Tage in seinem Werk „Nowhere“, anlässlich der „Biennal of Contemporary Arts, Lisboa & Porto“ im Park der in Lissabon angesiedelten Fundação Calouste Gulbenkian.

Der in Wien beheimatete Pianist ist seit langer Zeit für sein Hadern mit den klassischen Konzertformaten Europas bekannt – kritisiert diese offen und entwickelt verschiedene Gegenentwürfe. Als Dirigat-Assistent arbeitete er u.a. mit Kent Nagano. Bekannt wurde er der Kunstszene mit „One to One“ (Eins zu eins) auf der ‚Art Basel’ (2013) und zum „steirischen Herbst“ (2014). In einem vom amerikanischen Künstler Stephen Prina eingerichteten Raum interagierte er zunächst ohne und dann mit Publikum unter seinem Motto: „studies of communication and musicianship“. Formenti schafft Räume der Begegnung, die die Hierarchie des klassischen Konzerts, des Ortes, der Spieldauer und des Musikerberufs aufheben und neu definieren.

Zum neunten Mal wird nun ein weiteres Projekt Formentis „Nowhere“ (Nirgendwo) in einer europäischen Stadt aufgeführt – jedes Mal unter unterschiedlichen Umständen und Bedingungen. In Lissabon entwickelte Marino Formenti gemeinsam mit Architekt, Künstler und Musiker Ricardo Jacinto (Jahrgang 1975) einen Container-großen Pavillon, in dem er 24 Stunden täglich bis zum 29. April 2017 lebt: musiziert, arbeitet, schläft, isst etc.

Architektur
Ricardo Jacinto ist ein Multitalent, nach seinen Studien der Architektur an der Universität von Lissabon, graduierte er an der School of Visual Arts in New York in Sachen Kunst und im Fach Cello an der Musikhochschule der portugiesischen Hauptstadt. Er bestritt, anlässlich der Architekturbiennale in Venedig, 2006 den portugiesischen Pavillon.
Jacinto entwarf einen rechteckigen Raum (etwas größer als ein Industriecontainer), ließ diesen mit dem Exportmaterial Portugals, dunklem Kork, außen wie innen verkleiden, um einen optimal-gedämpften Klang zu erhalten. Scharten-große und von innen verstellbare Öffnungen dienen als Fenster und Klangöffner. Ein großes dreiteiliges Fenster öffnet den Blick auf den kleinen See im Park der Gulbankian-Stiftung. Dicke sich überkreuzende Stahlverspannungen sorgen außen für Stabilität. Die Grundkonstruktion besteht aus mächtigen Kanthölzern. Zusätzlich geschützt ist der Bau durch das schwebende Dach des sogenannten Amphitheaters und umgebende Bäume. Besucher können sich zunächst eine ganze Weile auf der Betonbestuhlung des Theaters aufhalten, bevor sie auf die Bühne gehen, um durch die gelbe Holztür in den Pavillon einzutreten.
Der Innenraum ist spartanisch eingerichtet: Neben einem großen Flügel, auf dem Formenti spielt sind flache Matratzen, Decken und Kissen auf dem Boden für das Publikum verstreut sowie wenige feste Korksitzkuben. In einer Ecke befindet sich das Bett für den Pianisten, daneben ein Arbeitstisch und ein Stuhl.
Ricardo Jacinto plante den Bau nutzungsorientiert, kontemporär und kostengünstig. Seit Jahren fokussiert sich sein künstlerisches Interesse auf dem Verhältnis von Klang und Raum und so forscht er in der Sache zurzeit am „Sonic Arts Research Centre“ im nordirischen Belfast.

Musik
Marino Formenti widmet sich in seinem Dauerspiel intensiv Johann Sebastian Bach, Eric Satie, John Cage ,Morton Feldman und Bernhard Lang sowie Louis Couperin und weiteren Vertretern des 17. Jahrhunderts in Frankreich.
Stille wechselt mit kontemplativem Spiel ab. Konzentrierter Klang, eine Gegenrede zum üblichen Rezeptionsverhalten und eine sich entziehende Choreographie bestimmen die Zeit, den Raum und das Empfinden. Formenti definiert „Nowhere“ mit dem Ziel, uns „jenseits der alltäglichen Zeit- und Rezeptionsstrukturen ganz in die Musik ‚verschwinden’ zu lassen“. Hält sich der Besucher lange genug auf, funktioniert dies bestens. Außerdem verschwimmen nach einer Weile die Kompositionen miteinander, lediglich von kurzen Zigarettenpausen unterbrochen, die sich der Musiker in der warmen Aprilsonne gönnt.
Anstößig ist sein musikalisches Programm oder Auftreten hier am Eröffnungstag in der Gulbankian-Stiftung nicht wie man es sonst durchaus beispielsweise im Rahmen der Tourneeproduktion „Gólgota Picnic“ des kolumbianischen Regisseurs Rodrigo Garçia als er nackt als Pianist mitwirkte, kennt. Da ist der Künstler in seiner Haltung eindeutig und klar. Provokation ist nur dann relevant, wenn es um die Übersetzung komplexer Inhalte geht. Hier geht es nicht darum.

Auf einem Zettel, den er an die Wand getaped hat, steht: „Not music but technical essay". Cross-Over gehört in sein Gedankenreservoir, er will nicht „versteinern“, wie er in einem Interview sagte, und an einem eingeschränkten Berufsbegriff kleben bleiben. Er will verbinden, ausloten, probieren dürfen und das nicht nur im stillen Kämmerlein.
„Nowhere“ versöhnt, hebt Momente aus dem zeitlichen Rhythmus. Wie durch eine Membran tretend, erlebt das Publikum ein neues Kontinuum.

Soziale Skulptur
„Nowhere“ kann durchaus, neben dem musikalisch-performativen Charakter, als eine Soziale Skulptur bezeichnet werden und findet eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten in der bildenden Kunst.
Die Bewohnbarkeit von Land-Art-Werken wie Maria Nordmans „Für die Ankommenden; Genannt / Nicht-Genannt“ (1991) oder Dan Grahams immerhin begehbare Pavillons der 1980er- und 90er-Jahre ist ebenso evident wie Franz Erhard Walthers Werkidee von der Benutzbarkeit von Objekten bis zu den Verweilräumen von James Turell und Òlafur Eliasson.
Die Integration des und Interaktion mit dem Publikum hat allerdings seine Grenzen. Formenti bittet um absolute Ruhe, er will weder angesprochen werden, noch irgendwie anders mit den Besuchern kommunizieren. Das wird dem Publikum beim Eintreten von einem Mitarbeiter der Biennale vermittelt und auch eingehalten. Respekt liegt vor diesem Anliegen in der Luft, selbst Kinder werden auf einmal ganz ruhig. „Öffentliche Privatheit" kann gnadenlos sein. Teilhabe gibt es dennoch reichlich.
Die Funktion der Sozialen Skulptur – gerade im Sinne von Joseph Beuys und des erweiterten Kunstbegriffs – verändert hier in der Tat neben dem Rezeptionsverhalten auch das immaterielle Ich. Die Konzentration der Besucher sind sinnenvielfältig, die Erwartungen die an Auge, Ohr, Stimmung, Gefühl gerichtet sind scheinen sensibilisierter als sonst. Veränderungen ergeben sich durch Ankommende und Gehende, durch den Wechsel der musikalischen Stücke, durch Tageszeiten und Lichtstimmungen und schließlich durch An- und kurzer Abwesenheit des Musikers.
Die Auflösung der Realzeit und das Gleiten in die Erlebniszeit zeichnet die getakteten und erlebten Momente sehr unterschiedlich auf. Zehn Minuten lösen sich in einen kurzen Moment auf, die Zeit vergeht anders. Stunden wirken wie kurze Zeitabschnitte oder genau das Gegenteil – je nach individueller Stimmungslage und Fähigkeit der Konzentration und des Loslassens. Das Ambiente zwingt die Besucher zum ‚Runterdimmen’, die visuellen, kommunikativen und musikalischen Zeichen sind eindeutig.


 


Marino Formenti: „Nowhere“ in Zusammenarbeit mit Ricardo Jacinto
Fundação Calouste Gulbenkian (Amphitheater)
Avenida de Berna 45
1067-001 Lissabon, Portugal
Eintritt frei
Täglich 10-20 Uhr (Sa. bis 22 Uhr)

Co-production: BoCA, Calouste Gulbenkian Foundation, Amorim Cork Composites & Amorim Isolamentos
Support: Eng. Tiago Pereira, Embassy of Austria in Portugal


Live-Stream

YouTube-Video: Montagem - Nowhere de Marino Formenti com Ricardo Jacinto

Die 1. BoCA – Biennial of Contemporary Arts ist zu besuchen bis 30. April 2017, in Lissabon and Porto
Weitere Informationen zur BoCA (engl.)


Abbildungsnachweis:
Header: Marino Formenti, „Nowhere”, 09.04.2017, Innenansicht. Foto: Claus Friede
Video: Claus Friede
Galerie:
01. bis 04. Der Pavillon von außen. Fotos: Claus Friede
05. Marion Formenti am Flügel, 9.4.2017. Foto: Claus Friede
06. Marino Formenti am Arbeitstisch. Foto: © Bruno Simão/ BoCA Bienal
07. Notationen, Foto: © BoCA Bienal
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