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Die 58. Nordischen Filmtage Lübeck – Ein Blick auf die Dokumentarfilme

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Dienstag, den 08. November 2016 um 13:03 Uhr
Die 58. Nordischen Filmtage Lübeck – Ein Blick auf die Dokumentarfilme 4.3 out of 5 based on 67 votes.
Die 58. Nordischen Filmtage Lübeck – Ein Blick auf die Dokumentarfilme

Die Nordischen Filmtage Lübeck präsentierten im Jahr 2016 ein abwechslungsreiches Dokumentarfilmprogramm. Unter dem Motto „Menschen in Krisensituationen und faszinierende Portraits" zeigte das Festival rund dreißig Dokumentationen. Neben den Themen Gewalt, Krieg und Flucht, beeindruckten Portraits von ungewöhnlichen Menschen: ihr Kampf mit Problemen im Beruf, ihre Alltagssorgen, die privaten Lebenskatastrophen sowie spektakuläre Erfolge in der Musik und der Kunst, im Sport und in der Gastronomie.

Krieg und Flucht sind bei vielen skandinavischen Dokumentarfilmern die alles beherrschenden Themen. Informativ und authentisch thematisieren sie die Probleme von Migranten und Flüchtlingen, zeigen persönliche Einzelschicksale. Anders als in anonymen Pressemeldungen, geben die Filmemacher diesen Menschen hier einen Namen, ein Gesicht und eine Stimme, wie in „Die Überfahrt" von George Kurian oder „Der Traum von Dänemark" von Michael Graversen. Dass kriegerische Auseinandersetzungen auch in Europa das Leben von Menschen beeinträchtigen, zeigt Vitaly Mansky am Beispiel seiner eigenen Familie in der Ukraine „Familienbande". Neben Flucht und Kriegsgewalt präsentierte das Filmprogramm aber auch faszinierende Portraits von Menschen, welche Außergewöhnliches leisten: als Modedesigner, als Künstler und Musiker. Oder als Fußballer im Team der isländischen Nationalmannschaft und als Sternekoch in der Gastronomie. Exemplarisch soll eine kleine Auswahl von Dokumentarfilmen vorgestellt werden.

Aus der Mode / Moest väljas / Out of Fashion
Spätestens seit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013, der tausende von Arbeiterinnen das Leben kostete und zahlreiche Schwerverletzte hinterließ, dürften die Konsumenten billiger Mode über die katastrophalen Produktionsbedingungen der Modeindustrie informiert sein: über die miserablen Löhne, die lebensgefährlichen Arbeitsplätze und die hoch toxischen Verarbeitungsprozesse. Die aus Tallinn stammende, estnische Designerin Reet Aus hat der Herstellung und dem Konsum von Fast Fashion den Kampf angesagt: Mit ihrem Modelabel „Upmade®“ produziert sie Mode aus „upcycelten“ Textilien. Der Dokumentarfilm von Jaak Kilmi und Lennart Laberenz begleitet die Designerin zu den mit Pestiziden verseuchten Baumwollplantagen Südamerikas, den Shoppingmetropolen London und Paris, den großen Modeketten H&M, Zara oder Primark und zu der Produktionsfirma Beximo in Bangladesch. Der Film zeigt die Massenherstellung und die Überproduktion von Fast Fashion, welche für wachsende Müllberge sorgen, die erst nach Jahrhunderten biologisch abgebaut sind. Eine Dokumentation, die aufrüttelt und nachdenklich macht, die aber trotz Recycling-Alternative nichts am Konsum billig produzierter Kleidung ändern dürfte.
Weitere Informationen zur Designerin und ihrem Projekt.

Als Finne auf dem Kongo / Kongon Akseli / A Man from the Congo River
Jouko Aaltonen, finnischer Dokumentarfilmer, Regisseur und Produzent, deckt in seinem Film das dunkle Kapitel belgischer Kolonialgeschichte auf. Die heutige Demokratische Republik Kongo war von 1885 bis 1908 belgische Kolonie und damit königlicher Privatbesitz von Leopold II., der mit unvorstellbarer Grausamkeit das Land über zwanzig Jahre lang ausbeutete. Bis auf internationalen Druck der König den Kongo 1908 an den belgischen Staat abtrat. Die Kolonie erhielt bis zur Unabhängigkeit von Belgien im Jahr 1960 den Namen „Belgisch-Kongo".
Der Dokumentarfilm basiert auf der Lebensgeschichte von Akseli Leppänen (1879-1938), einem Finnen, der als Schiffsführer auf einem Flussdampfer arbeitete. Wie rund dreihundert andere Skandinavier trat er wegen der guten Bezahlung in die Dienste des belgischen Königs. Anhand von Leppänens Tagebüchern und Briefen, historischen Fotografien und Filmmaterial, kombiniert mit aktuellen Filmsequenzen des Flusses Kongo, dokumentiert Jouko Aaltonen das belgische Kolonialsystem: Die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes, die Gräueltaten der weißen Kolonialherren an der einheimischen Bevölkerung sowie die menschliche und sittliche Verrohung seiner finnischen Landsleute.

Les Sauteurs / Those Who Jump
Eine andere Dokumentation zum Thema Afrika, ist die illegale Einwanderung Schwarzafrikaner von Marokko nach Europa. Die Filmemacher Moritz Siebert und Estephan Wagner besuchten das am marokkanischen Berg Gurugu liegende Lager, in dem Flüchtlinge aus der Sahara-Region monatelang unter erbärmlichen Bedingungen hausen, von Hilfsorganisationen mit Wasser und Essen versorgt. Vom Berg ist die spanische Exklave Melilla zu sehen, das Ziel ihrer Träume. Die Grenze zu Europa wird allerdings gesichert mit drei bis zu sieben Meter hohen und elf Kilometer langen Grenzzäunen aus Nato-Stacheldraht. Auf jeder Seite bewacht von der marokkanischen oder der spanischen Polizei.
Nach einer Begegnung mit Siebert und Wagner übernimmt der aus Mali stammende Abou Bakar Sidibé, der zu diesem Zeitpunkt seit dreizehn Monaten im Lager lebt, die Filmkamera. Er dokumentiert aus seiner Perspektive das Leben im Flüchtlingslager. Er filmt den Müll, die wildernden Hunde. Er filmt die marokkanischen Polizisten, die tagsüber das Lager zerstören. Er filmt die Ängste, Träume, Hoffnungen der Menschen und das endlose Warten auf eine neue Chance, auf den nächsten Sprung über den Grenzzaun. Nachts machen sie sich als Gruppe auf den Weg und stürmen gemeinsam zum Zaun, längst erfasst von Wärmebild- und Überwachungskameras. Egal ob sie scheitern, sie versuchen immer wieder den Zaun zu überwinden. Wer es allerdings schafft, so wie Abou Bakar Sidibé, kommt in das überfüllte Auffanglager von Melilla. „Diejenigen, die illegal Spanien betreten, brechen das Gesetz", so die spanischen Behörden. Der Traum von Europa könnte für viele Afrikaner zum Albtraum werden.

Reflexionen / Speglingar / Reflections
Reflexionen, der zweite Film der schwedischen Dokumentarfilmerin Sara Broos, erlaubt tiefe Einblicke in eine gestörte Mutter-Tochter-Beziehung. Es ist die Sprachlosigkeit, welche die Beziehung zwischen Tochter und Mutter bestimmt. Die Tochter möchte Liebe und Anerkennung; die Mutter Karin Broos, eine in Schweden sehr bekannte Malerin, verschanzt sich hinter einer perfekten Fassade, dem tadellosen Make-up und Styling, der häuslichen Routine und ihrer Malerei. Ein Kurzurlaub in Jūrmala, einem bekannten Badeort an der lettischen Ostseeküste nahe Riga, soll die Distanz zwischen beiden Frauen brechen. Langsam, Schicht für Schicht, öffnet sich die Mutter. Emotionslos erzählt sie von ihren Männergeschichten, ihrem Drogenkonsum, dem Kampf gegen die Bulimie, der Sinn- und Selbstsuche in den Hippiejahren, dem Familienleben mit Mann und drei Töchtern auf dem Lande, der Fehlgeburt einer Tochter. Es sind Dämonen der Vergangenheit, die Karin Broos nur mit eiserner Disziplin und Haltung bekämpfen kann und mit ihrer Flucht in die Malerei. Parallelen zum Leben der Tochter tun sich auf, zu deren Essstörungen, ihrer Sinnsuche und der Entscheidung für eine künstlerische Karriere. In ästhetischen, stilisierten Filmsequenzen, Szenen mit schwedischer Landschaftsidylle, verwoben mit Fotografien und Schmalspurfilmen aus dem Familienarchiv sowie Tagebucheintragungen portraitiert der Film das Leben von Mutter und Tochter. Zwei Frauen, deren Lebensgeschichte, deren seelische Not und negatives Selbstwertgefühl ähnlich sind. Ein Seelentrip, der dem Zuschauer unter die Haut geht.

Mann fällt / Mand falder / Man Falling
Ein Film, der ebenfalls unter die Haut geht, ist die Dokumentation über den dänischen Maler und Bildhauer Per Kirkeby, einem der renommiertesten Vertreter der zeitgenössischen Moderne in Europa. Anfang 2013 verunglückte der Künstler und stürzte eine Treppe in seinem Haus herunter. Er erlitt schwere Kopfverletzungen und Hirnblutungen. Seine Mobilität und Motorik, sein Sehvermögen sind seitdem eingeschränkt. Er sitzt im Rollstuhl, erkennt keine Farben und nicht die eigenen Bilder. Er hat durch den Unfall seine Kraft und seine Fähigkeit zum Malen verloren.
Anne Regitze Wivel, eine Freundin der Familie, begleitete über ein Jahr den langsamen Genesungsprozess mit der Filmkamera. Sie hält fest, wie schmerzhaft für Kirkeby nicht nur seine körperliche Behinderung ist, sondern auch der Verlust, der für ihn als Künstler lebenswichtigen Malerei. „Es ist seltsam, hier in der Schattenwelt zu leben", so Kirkeby.
Der Filmemacherin ist ein sehr sensibles und intimes Portrait von der privaten Lebenskatastrophe Per Kirkebys gelungen.

Die Höhle von Eppendorf – Das legendäre Onkel Pö
Zum Abschluss eine herrlich flippige Dokumentation über den legendären Live-Club Onkel Pö in Hamburg-Eppendorf. Vor allen Dingen Liebhaber der Hamburger Klubszene dürften bei dem 60-minütigen, vom NDR produzierten Dokumentarfilm voll auf ihre Kosten kommen. Unterhaltung und gute Laune pur! Regisseur Oliver Schwabe erzählt in einem Mix aus aktuellen Interviews, Archivmaterial und Musikeinlagen die Geschichte der kleinen Eckkneipe, die in den Siebzigerjahren der wichtigste Musikclub der Szene war – bis der Club Silvester 1985/1986 wegen Baufälligkeit geschlossen wurde. Neben Barfrau Harriet Maue und den ehemaligen Betreibern Peter Marxen und Holger Jass, erzählen Udo Lindenberg, Otto Waalkes, Olli Dittrich, Gottfried Böttger, Al Jarreau und Inga Rumpf – damals noch unbekannte Musiker – von ihren Auftritten. Sie erinnern sich an die dunkle und verrauchte Atmosphäre, den Alkoholkonsum, das begeisterte Publikum, die wahnsinnige Stimmung und an die verrückten Sessions aus Jazz, Dixie, Rock und Pop.
Udo Lindenberg, der mit Gottfried Böttger das Panikorchester gegründet hat, verewigte das Lokal in seinem Lied und bringt damit die Stimmung im Onkel Pö genau auf den Punkt: „Bei Onkel Pö spielt 'ne Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland; 'n Groupie hab'n die auch die heißt Rosa oder so und die tanzt auf'm Tisch wie'n Go-Go-Go-Girl." Alles klar auf der Andrea Doria?
Ein offizieller Sendetermin des Dokumentarfilms steht leider noch nicht fest.

Festivalleiter Linde Fröhlich (Artistic Director) und Christian Modersbach (Managing Director) zogen mit rund 30.000 Zuschauern eine positive Bilanz der 58. Nordischen Filmtage.
Schauen wir mal, welche interessanten Filme den Besucher im nächsten Jahr erwarten.

Die 59. Nordischen Filmtage Lübeck finden vom 1. bis 5. November 2017 statt.


Abbildungsnachweis:
Header: Volle Säle, Foto: NFL
Galerie
01. Moest väljas / Aus der Mode / Out of Fashion, 2015, 60min, Director: Jaak Kilmi, Lennart Laberenz. © Rise and Shine
02. Kongon Akseli / Als Finne auf dem Kongo / A Man from the Congo River, 2009, 53 min, Director: Jouko Altonen. © Illume Oy
03. Les Sauteurs / Les Sauteurs / Those Who Jump, 2016, 82min, Director: Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé. © Final Cut for Real
04. Speglingar / Reflexionen / Reflections, 2016, 77min, Director: Sara Broos. © Broos Film
05. Mand Falder / Mann fällt / Man Falling. 2015, 107min, Director: Anne Regitze Wivel. © Danish Documentary Production
06. Die Höhle von Eppendorf © field-recordings

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