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„Vom Ohr geleitet" – Sommerlichen Musiktage Hitzacker: über die Zukunft der Musik in der Elbestadt

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Geschrieben von Thomas Janssen  -  Mittwoch, den 02. März 2016 um 11:00 Uhr
„Vom Ohr geleitet" – Sommerlichen Musiktage Hitzacker: über die Zukunft der Musik in der Elbestadt 4.8 out of 5 based on 73 votes.
Oliver Wille Foto Heine sommerliche-musiktage-hitzacker

Zum 70. Mal fanden im Vorjahr die Sommerlichen Musiktage in Hitzacker statt. Das Jubiläum war nicht nur Anlass zur Rückschau auf die Geschichte des ältesten Kammermusikfestivals in Deutschland, sondern brachte große Veränderungen an der Spitze: Die Violinistin Carolin Widmann gab nach vier Jahren die künstlerische Leitung des Festivals an ihren Kollegen Oliver Wille, Mitglied des Kuss-Quartetts und Dozent an der Musikhochschule Hannover ab. Und der Trägerverein wählte den Musikwissenschaftler und -journalisten Christian Strehk aus Kiel, Leiter des Feuilletons der „Kieler Nachrichten“ zum Vorsitzenden.

Wer sind die neuen Festivalmacher? Welche Potenziale hat die Musik für Hitzacker? Wie kann Hitzacker zu einer Musikstadt werden? Auf diese Fragen antwortet das neue Spitzenduo der Sommerlichen Musiktage im Gespräch mit KulturPort.De-Mitarbeiter Thomas Janssen.

Es gibt Sätze, die das Herz eines Journalisten höher schlagen lassen, weil in ihnen deutlich wird, dass jemand – dessen Wirken der Reporter ja vor allem beobachtet – ein Musiker etwa, ähnliches denkt wie der kritische Begleiter.

„Musikvermittlung darf nicht heißen, vorzugaukeln, dass es leicht ist, was wir machen", ist so ein Satz. Oliver Wille sagte ihn beim Gespräch mit der Elbe-Jeezel-Zeitung in Hitzacker, wo der neue künstlerische Leiter der Sommerlichen Musiktage Hitzacker erste Auskunft über seine Vorstellungen von der Zukunft des nunmehr 71-jährigen Festivals gibt. „Musikvermittlung“, präzisiert der Violinist, „müsse lernen, die Antennen auf das zu richten, was in einem Konzert vorgeht. Weder Musikwissenschaft sein zu wollen, noch Anekdote und schon gar nicht Emotionen pur vermitteln wollen. Die sollen ja durch die Musik selbst entstehen.“

Mit diesem dezidierten Hinweis auf die Problematik der Idee der Musikvermittlung, „von der keiner so genau weiß, was das denn sein soll“, gehört Oliver Wille nicht unbedingt zum Mainstream im aktuellen Musikbetrieb. Es sei doch widersinnig, begründet er, wenn etablierte Veranstaltungen schließen würden, während dieselben Programme finanziert werden können, bloß weil sie in einer Turnhalle stattfänden. Klartext!

In seinem ersten Hitzacker-Programm gehe es ihm um „das, was im Moment entsteht, wenn wir uns treffen", beschreibt Wille. Und er weiß wovon er spricht, denn er wechselt Perspektiven. Seine Arbeit als Musiker und Gründungsmitglied des renommierten Kuss-Quartetts, als Dozent an diversen Musikhochschulen, darunter die in Hannover, Leiter des Festivals „quartetaffairs" in Frankfurt/M. (die Liste seiner Aktivitäten ist zu lang für diesen Artikel) fließt sämtlich in seinen Konzeptansatz für 2016.

„Treff.Punkt Hitzacker" ist das Thema, und Willes Idee ist, Hitzacker zum Begegnungsort von Musikerpersönlichkeiten werden zu lassen, die seine eigene Entwicklung geprägt haben. „Das ist meine einzige Chance: wirklich zu begeistern, weil ich selbst begeistert bin.“ Er wolle in Hitzacker auf die Leute zugehen, „etwas anderes präsentieren als ein Konzertmanagement präsentieren könnte".
„Treff.Punkt" ...der Kammermusik könnte das Programm auch heißen. Das verdeutlicht, worauf sich die Sommerlichen Musiktage 2016 konzentrieren werden. Und in diesem Kontext nimmt die Disziplin Streichquartett Raum ein – Raum, der ihr gebührt. Oliver Willes Biografie folgend, und seinen Aktivitäten in der Gegenwart: Förderung des Nachwuchses, den zu unterrichten seine Aufgabe als Dozent ist: „Da bin ich ganz nah an der Sache dran, das ist ein Anliegen."

Die Quartett-Auftritte können eher leger sein, etwa wenn das „Kuss Quartett“ mit einem DJ zur Lounge aufspielt. Oder fordernd wie ein Quartett-Marathon mit drei Ensembles oder die Eröffnung mit dem „Kuss Quartett“ („Haydn trifft Moderne"). „Das Quartett-Leben muss sich öffnen", beschreibt Wille die Leitidee. Um zu verdeutlichen, „wie aktuell und spannend ein Streichquartett klingen kann". Das Publikum „soll wieder anfangen zuzuhören, anstatt zu träumen."

Ungewöhnliche Programme seien kein Selbstzweck, so sehr er sie als Mittel für dieses Ziel schätze: „Kombinationen müssen immer vom Ohr geleitet sein", damit wendet sich Oliver Wille gegen modische Trends – „Crossover jedenfalls gibt es bei mir nicht".
Seine eigene Erfahrung als Interpret sieht der in der DDR aufgewachsene Wille, Sohn eines Tänzer-Ehepaares, der als 14-Jähriger sein erstes Streichquartett hörte und seit 1991 im Kuss-Quartett spielt, als Vorteil für das Tun eines künstlerischen Leiters: Gerade weil er jemand sei, der „die Musik von innen kennt", genieße er, „je älter ich werde, überraschende Interpretationen, die ich selber so nicht spielen würde, die aber großartig sind". Dass er Musiker sei, „ist vielleicht auch ein Schutzschild gegen das, was die Medien uns über Musik erzählen".

Es habe ihn schon immer interessiert, Programme zu konzipieren. Dabei sehe er aber auch die Gefahr, „dass bei mir ein Programm zu verkopft wird. Ich vergesse manchmal, dass ein Konzert einfach nur schön sein darf." Was die von ihm geplanten Konzerte noch verbinde sei, dass er sie in Zusammenarbeit mit den Künstlern entworfen habe. „Ich habe nicht diktiert, sondern ein bisschen geführt." Etwa zum Tag mit Schubert, bei dem der Musikwissenschaftler Michael Stegemann, „der mein Schubertbild sehr geprägt hat", dabei ist. Wie auch der Komponist Aribert Reimann. Ein großer Name im Programm. Pierre-Laurent Amard ist ein anderer.

Mit Schuberts C-Dur Quintett, das beim „Tag mit Schubert" erklingen soll, ist Oliver Willes erstes Hitzacker-Programm direkt bei Christian Strehk, dem zweiten der Männer, die mit dem Jahr 2016 das weibliche Spitzen-Duo Carolin Widmann/Anne Linda Engelhardt ablösen. Strehk hat über den Weg Schuberts zum Quintett promoviert.

Der Nähe, die so aufscheint, steht etwas gegenüber, was der neue Vorsitzende des Trägervereins über Musikvermittlung sagt, und das anders nuanciert ist als Willes kritisches Statement zu diesem Thema. Strehk mit Blick auf Hitzacker: „Musikvermittlung sei „im Kern des Festivals angelegt", es gehe um eine „Brücke zwischen Publikum und Kunst". Das klingt auch an, wenn der Musikjournalist, der zudem Cello spielt und singt, vom Ziel spricht, Kontakt aufzunehmen mit der Jugend und potenziell Flüchtlinge einzubeziehen. Auch Nachhaltigkeit soll Thema bleiben im Kontext des Festivals.

Wie die Brücken konkret gebaut sein sollen, bleibt bei Christian Strehk zunächst offen. Einen Hinweis gibt eine Neuheit im Programm, eine Reihe von Konzerteinführungen mit dem Titel „Sieben nach Sieben". Die erste will Christian Strehk selbst gestalten. Seine Absicht: die Wahrnehmung öffnen. Das klingt wieder sehr wie Oliver Wille. Außerdem wäre Strehk ein schlechter Vorsitzender eines Trägervereins, wenn er die ewige Suche nach Zuschüssen nicht mit der Betonung von Aspekten fördern würde, die der Zeitgeist des Musikbetriebs hochhält.

Generell sei es wichtig, die „Randthemen in Einklang zu bringen mit den Idee des künstlerischen Leiters", betont Christian Strehk die Aufgabenteilung. Der Trägerverein und sein Vorsitzender hätten mehr im Hintergrund zu wirken. Auch wenn er „als Musikwissenschaftler am liebsten mein eigenes Festival machen würde".

Den Kontakt zu den Sommerlichen Musiktagen hat Strehks früherer Gesangslehrer, der aus Hitzacker stammende Bass Hans Georg Ahrens, vermittelt. Sieht Christian Strehk als jemand, der aus Kiel kommt, darin ein Problem für seine Rolle in einem niedersächsischen Festival? Eher eine Chance, den Menschen im Musikbetrieb offen gegenüber zu treten.

Das hat in der Region bereits begonnen, erzählt Christian Strehk, es habe positive Gespräche mit den maßgeblichen Personen der winterlichen Musikwoche gegeben, man habe sich gegenüber der Kommunalpolitik gemeinsam für einen Erhalt des Verdo als Spielstätte für beide Festivals positioniert. Gemeinsam: Da scheint etwas auf, was „Musikstadt Hitzacker" genannt werden könnte.

Zukunftsmusik. Die Sommerlichen Musiktage der Gegenwart jedenfalls, betont Christian Strehk, könnten "ein Hotspot im riesigen Reigen der Festivals sein". Sein Ziel sei, der Stadt und der Region begreiflich zu machen, "was für eine Perle sie mit der Musik haben, welches Potenzial, wie das ausstrahlt". Wenn es nach ihm ging, meint Christian Strehk, werde sein Engagement bei den Sommerlichen Musiktagen längerfristig sein. Und das wiederum verbindet ihn mit Oliver Wille.

71. Sommerliche Musiktage Hitzacker. Motto: „Treff.Punkt Hitzacker“
30. Juli bis 7. August 2016
Detaillierte Infos zu Programm, Künstlern und Festival:
www.musiktage-hitzacker.de.
Karten und Informationen: Tel. 05862 - 9414 30


Abbildungsnachweis:
Header: Oliver Wille, 2015 in Hitzacker. Foto: © Kay-Christian Heine
Galerie:
01. Kuss Quartett, Foto: © Molina Visuals
02. V.l.n.r: Werner Steinhilber (Stellvertr. Vorsitzender), Dr. Christian Strehk (Vorsitzender) und Wolfgang Albrecht (Schatzmeister). Foto: © Kay-Christian Heine
03. Aribert Reimann. Foto: © Schott Promotion/Gaby Gerster
04. Aimard Pierre-Laurent Foto: © Marco Borggreve / Deutsche Grammophon
05. Doarit Itamar
06. Quartet Berlin Tokyo Foto: © Madine Delhommeau
07. Kam Sharon Foto: © Maike Helbig
08. Quatuor van Kuijk
09. Avital Avi Foto: © Uwe Arens
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