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Um alles in der Welt – Lessingtage 2016

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Samstag, den 23. Januar 2016 um 11:47 Uhr
Um alles in der Welt – Lessingtage 2016 4.4 out of 5 based on 60 votes.
Um alles in der Welt – Lessingtage 2016

„Um alles in der Welt“ ging es schon immer bei den Lessingtagen im Hamburger Thalia Theater. Seit Intendant Joachim Lux das Festival 2010 aus der Taufe hob, werden hier Fragen zur kulturellen Identität verhandelt, zu Weltreligionen und Weltbürgertum – Fragestellungen, die schon Gotthold Ephraim Lessing in seinem 1779 veröffentlichten Ideendrama „Nathan der Weise“ umtrieb. Die berühmte Ringparabel gilt als ein Schlüsseltext der Aufklärung.

Nun, 237 Jahre später ist der Kerngedanke der Ringparabel, Humanismus und Toleranz, mehr denn je gefordert und mehr denn je strapaziert. Nicht irgendwo in der Dritten Welt, sondern bei uns zu Haus. Die Flüchtlingsströme nach Europa beherrschen die Medien wie kein anderes Thema. Bereits heute hat sich unsere Gesellschaft verändert und was uns an Veränderungen bevorsteht, können wir nur erahnen. Doch die riesigen Migrationswellen bergen auch Chancen. Wer denkt heute noch an die große Hungersnot in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts, der eine Million Menschen zum Opfer fielen und die zwei Millionen Menschen zur Auswanderung in die USA, nach Kanada und Australien zwangen? Keine Frage: So unerträglich und schrecklich Krieg und Katastrophen auch sind – sie befördern weitgreifende Veränderung und die Möglichkeiten eines „Neuen Wir“, wie es sich die Lessingtage 2016 auf die Fahnen geschrieben haben.
Dieses „Neue Wir“ – sprich: die gemeinsame Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben – hat sich in den vergangenen Jahren schon überall in Deutschland und Europa gezeigt. Ein zartes Pflänzchen, das wachsen soll und wachsen muss – und mit dem Festival im Thalia Theater ein ideales „Gewächshaus“ gefunden hat.

Statt prominenter Persönlichkeiten wie Auma Obama oder Navid Kermani eröffnet in diesem Jahr ein „Bürgergipfel“ von und für (Neu-)Hamburger das Festival am Sonntag, den 24.1. um 11 Uhr. Exakt 501 Asylsuchende, 499 Hamburger und 100 Experten werden auf diesem Gipfel über gesellschaftlichen Wandel und Zukunftsvisionen der Stadtgesellschaft diskutieren. Am Abend zuvor (23.1. um 19:30 Uhr, Thalia Theater) haben bereits „Früchte des Zorns" von John Steinbeck in der Regie von Luk Perceval Premiere. In seinem Jahrhundertroman von 1939 erzählt Steinbeck das Schicksal der Großfamilie Joad, die, wie viele tausende Andere, die Pachtzinsen im Mittleren Westen nicht mehr bezahlen können und dem Ruf „Go West!“ folgen, in der Hoffnung, auf den kalifornischen Obstplantagen eine neue Existenzgrundlage zu finden. Luk Perceval erzählt mit diesem Stück eine Urgeschichte der Migration, der langen, beschwerlichen Reise in eine vermeintlich bessere Zukunft.

Bis zum 7. Februar stehen dann internationale Gastspiele im Thalia Theater, im Thalia Gaußstraße und im Pink Palace auf der Reeperbahn auf dem Programm. Und alle Stücke hören sich so spannend an, dass es schwerfällt, nur einige herauszugreifen. Als Highlight angekündigt ist beispielsweise das Gastspiel „300el x 50el x 30el“ aus Antwerpen (30.1. um 20 Uhr, 31.1. um 17 Uhr, Thalia Theater). Hinter dem kryptischen Titel verbirgt sich ein Gesamtkunstwerk aus Theater, Performance, Film und Tanz. Das Stück erzählt von den skurrilen Begebenheiten in einer abgeschotteten Landkommune. Das sechsköpfige Kollektiv erzählt vergleichsweise klassisch von Alltagsritualen. Das Innere der sechs Dorfhütten wird mit Kameras auf die Bühne projiziert.

Neugierig macht ebenfalls das Gastspiel aus Beirut: In der „Antigone of Shatila“ geht es um 17 syrische Frauen, die im Libanon Schutz suchten. (1. und 2.2, jeweils um 20 Uhr, Thalia Gaußstraße).

Die in Berlin lebende argentinische Choreografin Constanza Macras kommt mit der Tanzperformance „ON FIRE" am 26.1. um 20 Uhr, Thalia Theater. Gemeinsam mit Performern, Tänzern und Musikern aus Johannesburg und Berlin stellt sie die Frage, inwiefern man neue Traditionen erfinden kann und müsste, um auf fortdauernde Machtkämpfe, geprägt von Postkolonialismus und Post-Apartheid, zu reagieren.
Nicolas Stemann präsentiert am 3. und 4.2, jeweils um 19.30 Uhr, Thalia Theater seine an den Münchner Kammerspielen entstandene Adaption von Shakespeares „Kaufmann von Venedig". Man darf gespannt sein auf eine außergewöhnliche Live-Performance.

„Um alles in der Welt – Lessingtage 2016"
23.1. bis 7.2., Thalia Theater, Alstertor und andere Orte,
Karten zu 10,- bis 52,- Euro unter T. (040) 3281 4444.
Alle Infos und das Programm zum Download unter www.thalia-theater.de


Abbildungsnachweis:
Header: 300el × 50el × 30el, von & mit FC Bergman; Gastspiel Toneelhuis, Antwerpen. © Sofie Silbermann

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