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Paul Scharner: „Ein eigenes Buch war immer ein Traum!“

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Geschrieben von Claus Wittrock  -  Dienstag, den 01. Dezember 2015 um 11:00 Uhr
Paul Scharner: „Ein eigenes Buch war immer ein Traum!“ 4.4 out of 5 based on 57 votes.
Paul Scharner: „Ein eigenes Buch war immer ein Traum!“

Im August 2014 erschien „Position Querdenker“ von Paul Scharner, einem ehemaligen Fußball-Profi des Hamburger SV. Das Buch bekam gute Kritiken. KulturPort.de dokumentiert, wie genau die Autobiographie entstand und die Zusammenarbeit zwischen dem Sportler und seinem Ghostwriter Lars Dobbertin funktionierte.

„Wollen wir daraus nicht ein Buch machen?“
Dieser kurze Satz stand ganz am Anfang. Der österreichische Fußballprofi Paul Scharner hatte 2013 nach einem gescheiterten Gastspiel beim Hamburger SV aus Frust über das Fußballgeschäft seine gesamte Karriere vollständig beendet. Ein letztes Interview über die Gepflogenheiten des Geschäfts, die Tücken der millionenschweren Branche, die Schattenseiten dieser glitzernden Welt gab Scharner dem damaligen Sport-BILD-Redakteur Lars Dobbertin. Und Scharner gefiel es, wie der Journalist gefragt, nachgefragt und das Gespräch anschließend aufgezeichnet hatte. Als sich beide zur Autorisierung des Interviews wiedertrafen, platzte Scharner mit der Frage heraus: „Wollen wir daraus nicht ein Buch machen?“

„Mein Plan war, meine Karriere als Fußballprofi, die 15 intensive Jahre gedauert hat, aufzuarbeiten und das auch mit Hilfe eines Buches“, sagt Paul Scharner. Ein Versuch, schon während seiner aktiven Zeit als Profi ein Buch zu schreiben scheiterte, weil Scharners Vorstellungen nicht mit denen seines damaligen Ghostwriters harmonierten. In Dobbertin fand Scharner schließlich sein alter ego.
„Ein eigenes Buch zu schreiben, war immer ein Traum und ein großes Ziel“, sagt Dobbertin. „Da ich mir nie zugetraut habe Prosa oder Lyrik zu verfassen, war das Ghostwriting für die Autobiographie eines Sportlers stets die nächstliegende und einzig realistische Lösung. Inspiriert hat mich besonders das erste Buch des Sportjournalisten Ronald Reng, der in „Der Traumhüter“ die Geschichte des Torwarts Lars Leese erzählte. Statt die langweilige, tausendfach durchgekaute Story eines Stars aufzuschreiben, machte Reng es umgekehrt: Er fand die große Geschichte eines (was die Bekanntheit angeht) kleinen Sportlers“, erzählt Dobbertin im Gespräch mit KulturPort.De.

Scharner ist kompromisslos und charakterstark – der perfekte Stoff!
Paul Scharner war für Dobbertin die ideale Besetzung. Der Fußballprofi hatte beim Hamburger SV verteilt auf fünf Spiele zwar nur insgesamt 47 Minuten gespielt, in der Vereinsgeschichte des HSV und in der gesamten Bundesliga war der Österreicher somit nicht mehr als eine Fußnote. Aber seine Geschichte reizte den Autor: Mit individuellem Ansatz war Scharner durch seine Profikarriere marschiert. Immer wieder ließ ihn seine Kompromisslosigkeit auf Widerstände stoßen. Ein Idealist und gerade kein Opportunist. „Charakterstärke, einzustehen für seine Ideale, das sind doch Themen unserer Zeit.“, sagt Dobbertin. „Solche Überzeugung schwindet leider auch in anderen Bereichen. Insofern ist Scharner ein Vorbild weit über den Fußball hinaus.“ Zudem spielte der Profi in vier verschiedenen Ländern, davon ein Jahr in der „Fußball-Provinz“ Norwegen und sechs Jahre in der englischen Premier League", der rasantesten, aufregendsten Liga der Welt.

Paul Scharner Lars DobbertinNichtsdestotrotz fühlte sich das Duo zunächst gegenseitig auf den Zahn. „In der Vorweihnachtszeit 2013 begannen Paul Scharner und ich mit unseren Interviews“, sagt Dobbertin. „Jeweils zwei bis drei Stunden trafen wir uns zu jeweils vorher festgelegten Themen.“ Bis zu den Feiertagen zunächst aber nur fünfmal: Beide wollten gewissenhaft prüfen, ob sie als Team funktionieren und die Arbeit erst im neuen Jahr verbindlich aufnehmen.

Insgesamt folgten dann zehn weitere solcher Interviewabschnitte, eine Woche lang zogen sich beide im Mai 2014 in ein Hotel am Wörthersee in Scharners Heimat Österreich zurück. Dobbertin: „Was die Arbeit besonders interessant machte: Paul Scharner stellte mir vier Kisten mit Aktenordnern zur Durchsicht zur Verfügung, in denen er fast tagebuchartig Aufzeichnungen aus seiner Karriere gesammelt hatte. Ohne Ressentiments ließ er mich darin stöbern und selbst von Krisen und Eheproblemen lesen. Alles aus seiner damaligen Sicht. Und nicht verklärt, mit dem Blick von heute.“ So ergab sich im ersten Schritt ein Gerüst aus einzelnen Kapiteln, dann der Stoff, um sie zu erzählen. Das erste Kapitel des Buches entstand und der renommierte Verlag „Delius Klasing“ mit Sitz in Hamburg und Bielefeld bekam den Zuschlag, das entstehende Buch zu verlegen.

Was blieb, war das Grundproblem einer jeden Autobiographie: Stets schwebt der Protagonist, ein Ich-Erzähler, in der Gefahr, sich in seinen Erinnerungen allzu sehr ins rechte Licht zu rücken. Dobbertin: „Erst recht für eine Person, die so polarisiert wie Paul Scharner, gilt das. Immer wieder prallte er in seinem Idealismus auf Widerstände, immer wieder gab es Konflikte.“ Wie bloß sollte man die erzählen ohne den roten Faden der Selbstgerechtigkeit, ohne den am Ende nervenden Unterton des „Ich habe alles richtig gemacht.“?

Das Konzept gegen Selbstgerechtigkeit
Scharner und Dobbertin entschieden sich neun Wegbegleiter seiner Karriere, darunter auch entschiedene Scharner-Gegner, in extra Kapiteln zu Wort kommen zu lassen. Dobbertin: „Ich erinnere mich, dass ich irgendwann Scharner skeptisch das Manuskript eines Textes von Herbert Prohaska vorlegte, der wirklich kein gutes Haar an ihm ließ.“ Ob Scharner diese harte Einschätzung des österreichischen Rekordnationalspielers in seinem eigenen Buch dulden wollte? Scharner entschied stante pede und verblüffte seinen Ghostwriter: Der Sportler nahm sich den Text, strich einige Passagen mit dem Stift und befahl nahezu: „Wir belassen es bei dem einen Satz, der die Kritik an mir vollends auf den Punkt bringt.“

Und tatsächlich, dieser Mut hatte Erfolg: „Um den Anschein reiner Selbstverliebtheit zu widerlegen, lässt er auch Kritiker zu Wort kommen“, lobte die „Berliner Zeitung“ in einer Rezension vom Oktober 2015 des Buches.

Ein Grundkonzept der Publikation entwerfen, Interviews führen, Tonbänder abhören und verschriften, Aktenordner wälzen – viel Arbeit bis ein Autor überhaupt zum Schreiben kommt. Und dann auch noch diese Hürde: 14 Jahre arbeitete Journalist Dobbertin als Redakteur des Sportmagazins „SPORT BILD“. Artikel in diesem Wochenblatt umfassten selten mehr als 130 Zeilen à 35 Anschlägen. Man muss schnell auf den Punkt kommen, hat kaum Raum für nähere Beschreibungen.

Für Dobbertin war daher die entscheidende Frage, ob es ihm gelingen würde einen Spannungsbogen nicht nur über einen kurzen Artikel, sondern auch über ein seitenlanges Kapitel zu entwerfen und dann noch über ein ganzes Buch? Ob er als Autor Dinge in einer Geschichte aus Platzgründen nicht nur anzureißen, sondern auch in Ruhe und mit Sorgfalt zu erzählen weiß. Es gelang ihm. Und Scharner ist bis heute Fan des Auftaktkapitels, das aus seiner Jugend erzählt und dem fast gescheiterten Weg zum ersten Profi-Vertrag: „Auch wenn es mein eigenes Leben ist, es liest sich so schön wie ein Roman.“

Auch die Frage, wann er in einem hektischen Berufsleben noch die nötige Ruhe und Konzentration finden würde, sich dem Schreiben zu widmen, trieb den Autor um. Nebenberuflich ein ganzes Buch zu verfassen, daran waren schon viele gescheitert. Dobbertin fand ein Lösung: „Ich muss der Deutschen Bahn danken: Auf meinen Dienstreisen nutzte ich vor allem die Zeit im Zug, um stundenlang am Manuskript zu arbeiten.“ Vertieft in seinen Text, ließ er Orte und Landschaften vorbeifliegen.

Titelstory in Österreich, Lesung in den Kammerspielen.
Ende 2014 übermittelte Dobbertin nach intensiver Durchsicht des Protagonisten sein Manuskript an den Lektor des Verlages, Niko Schmidt. Der verfeinerte den Stoff zu einer druckfertigen Fassung. Die Auswahl für einen Fototeil im Inneren des Buches wurde getroffen, das Cover-Motiv festgelegt. Mit der Marketing- und der Presseabteilung besprachen die Autoren Strategien, das Werk in der Öffentlichkeit zu platzieren. Eine Buchpräsentation in den „Hamburger Kammerspielen“ wurde organisiert. Scharner und Dobbertin brachten ihr dichtes Netzwerk zu Medien in Österreich und Deutschland ein und nutzten ihre persönlichen Kontakte zu Journalisten. Im österreichischen Nachrichtenmagazin „News“ erschien Ende Juli eine Titelgeschichte über Paul Scharner, mit exklusivem Interview, einer Fotoproduktion und Vorabdruck des Buches.

Am 15. August erblickte „Position Querdenker“ dann endlich das Licht der Welt – nach eineinhalb Jahren intensiver Arbeit. Scharner erinnert sich noch, wie er sein Werk erstmals in Händen hielt. „Es glich einer Geburt. Ich habe Erleichterung verspürt.“

Lars Dobbertin „Paul Scharner: Position Querdenker – Wie viel Charakter verträgt eine Fußball-Karriere?“
Verlag Delius Klasing. 221 Seiten, umfangreicher Bildteil
19,99 Euro
ISBN: 978-3-667-10155-6
Kaufen


Leseprobe
YouTube-Video: Paul Scharner - Position Querdenker


Abbildungsnachweis:
Header: Lars Dobbertin und Paul Scharner nach einer Lesung in Pauls Heimatort Purgstall/Österreich am 19.11.2015
Buchumschlag

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