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57. Nordische Filmtage Lübeck. Ein Blick auf die baltische Filmszene

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Dienstag, den 10. November 2015 um 10:00 Uhr
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57. Nordische Filmtage Lübeck. Ein Blick auf die baltische Filmszene

Schafe sind die Stars des isländischen Eröffnungsfilms „Sture Böcke" von Grímur Hákonarson. Dass Hund und Herrchen sich äußerlich angleichen, ist ein bekanntes Phänomen. Aber Schafe und ihre Züchter?
Stark vertreten waren wie jedes Jahr wieder die skandinavischen Länder und Island, Filme des Filmforums und der norddeutschen Sektion. Hinzu kamen Produktionen der baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen. Insgesamt standen einhundertachtzig Filme auf dem Programm der 57. Nordischen Filmtage Lübeck: Spielfilme und Dokumentationen, Retrospektiven, Kurzfilme, Kinder- und Jugendfilme. Ein Mammutprogramm. Das Publikum hatte – wie immer – die Qual der Wahl.

Film ab für den Eröffnungsfilm „Sture Böcke", den zweiten Spielfilm des isländischen Dokumentarfilmers Grímur Hákonarson. Seine Tragikomödie erzählt das Leben der Brüder Gummi (Sigurður Sigurjónsson) und Kiddi (Theodór Júlíusson). In einem abgeschiedenen Tal im Norden Islands betreiben beide eine Schafzucht. Ihre Grundstücke liegen nebeneinander, nur durch einen dünnen Drahtzaun getrennt. Seit vierzig Jahren sprechen sie kein Wort mehr miteinander. Sie kommunizieren nur mit Briefen, die sie ihren Schäferhunden ins Maul stecken. Der ganze Stolz der Brüder sind ihre Zuchtböcke, mit denen sie erbittert um die Auszeichnungen des Züchterverbandes konkurrieren. Ehefrau und Kinder haben sie nicht, die Schafe sind Kinder- und Familienersatz. Sie werden gebadet, gestriegelt und gekrault, sind Gesprächspartner. So wundert es nicht, dass die beiden wortkargen Eigenbrötler in den Islandpullovern ihren Schafböcken immer ähnlicher werden: Ihre Haare sind so zottelig wie das Fell der Schafe, ihre Gesichter von grauen Bärten zugewuchert, ihre sture Bockigkeit kann es mit den Vierbeinern aufnehmen. Plötzlich bricht in dem entlegenen Tal eine ansteckende, unheilbare Schafkrankheit aus. Das Veterinäramt beschließt die Notschlachtung sämtlicher Tiere. Gummi widersetzt sich der offizielle Anordnung und versteckt einige Zuchtböcke. Das Versteck wird entdeckt. Diese Notlage eint die zerstrittenen Brüder. Um die Schafböcke vor den Veterinären zu retten, treiben sie die Böcke in die umliegenden Berge. Ein ausbrechender Schneesturm bringt eine unerwartete, tragische Wende - die hier allerdings nicht verraten werden soll. „Sture Böcke" startet am 31. Dezember in den deutschen Kinos.

Bei der enormen Präsenz skandinavischer Filme mit ihren Superstars geraten die Filmproduktionen der baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen etwas ins Hintertreffen. Zu Unrecht! Das mag mit den politischen Änderungen im Baltikum und mit der Entstehung der Nordischen Filmtage Lübeck zusammenhängen, die bis 1988 ausschließlich Filme aus skandinavischen Ländern zeigten. Mit dem Fall des sogenannten Eisernen Vorhanges wurden 1989 erstmals baltische Filmproduktionen in das Programm aufgenommen. Impulsgeber für die Erweiterung war die neue Außenpolitik Schleswig-Holsteins unter ihrem damaligen Ministerpräsidenten Björn Engholm, welche die grenzübergreifenden Ziele eines „Mare Baltikum" förderten. „Die Nordischen Filmtage haben die Zeichen der Zeit erkannt und reagieren auf die politische Öffnung Osteuropas mit einer Erweiterung ihres Spektrums in dieser Richtung. In Anknüpfung an alte Traditionen - den Handelsbeziehungen im Ostseeraum - waren in diesem Jahr zwei Filme und vier Videos aus dem Baltikum auf dem Festival zu sehen" schrieben im November 1989 die Lübecker Nachrichten. Ein Jahr später, die baltischen Staaten kämpften noch um ihre Unabhängigkeit, wurden Filme aus Litauen, Estland und Lettland in das Festivalprogramm fest integriert.

Was hat sich seitdem geändert? Während der Okkupation durch die UdSSR, Anfang August 1940 wurden Estland, Lettland und Litauen als selbständige Sowjetrepubliken in die UdSSR aufgenommen, gehörten die drei Länder zu den wichtigsten Produktionsstätten des sowjetischen Films. In Riga ist zum Beispiel 1958 das „Rigaer Filmstudio" gegründet worden, in Tallin „Eesti Reeklaamfilm", das als einziges Studio Werbefilme für die UdSSR produzierte. Nach der Unabhängigkeit der baltischen Staaten im Jahr 1991 brach die staatliche Filmproduktion zusammen. Dieser Zusammenbruch förderte allerdings eine Privatisierung der Filmbranche sowie die Entwicklung einer europäisch ausgerichteten nationalen Filmkultur. Inzwischen hat sich in den drei baltischen Ländern eine staatliche Filmförderung etabliert. Hinzu kommen Fördermittel der Europäischen Union und der „Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein“. Letztere unterstützt seit 2010 die Filmindustrie in der Ostseeregion und dem Baltikum. Darüber hinaus gibt es Gemeinschaftsproduktionen mit anderen Ostseeanrainern und Island. Punkten kann das Baltikum heute zudem mit niedrigen Produktionskosten, professionell ausgebildeten Techniker und gutem Equipment der Filmstudios. So stand James-Bond-Darsteller Daniel Craig 2008 in dem Kriegsfilm „Defiance" (Unbeugsam), in Litauen vor der Kamera.

Überaus erfolgreich sind die Eigeninitiativen der baltischen Filmbranche: Im Jahr 2000 wird die "Baltic Film" ins Leben gerufen, eine Kooperation baltischer Staaten, welche die drei Länder auf den großen internationalen Filmfestivals präsentiert. Die „Baltic Film and Media School", 2006 als gemeinsame englischsprachige Film- und Medienschule in Tallinn gegründet, zählt heute mit über 400 Studenten aus mehr als 20 Ländern zu den größten europäischen Filmakademien. Seit 2001 findet im Rahmen des Talliner Black Night Filmfestivals im November das „Baltic Event", eine gemeinsame Veranstaltung der drei baltischen Länder, statt. Anlässlich des Events präsentiert "Baltic Films" den internationalen Gästen aus Film und Fernsehen die neusten Filmproduktionen.

Bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen standen neunzehn Filme aus Estland, Lettland und Litauen im Rampenlicht, darunter Kurzfilme, Dokumentationen sowie Kinder- und Jugendfilme.
Zu den interessanten Produktionen gehören zwei Jugendfilme, welche die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens von jungen Menschen thematisieren: "Modris" von Juris Kursietis und "Sommer von Sangaile" von Alanté Kavaïtés. Kavaïtés unbeschwerter Jugendfilm erzählt von der 17-jährigen Sangaile (Julija Steponaityte), welche den Sommer auf dem Land in der Ferienvilla ihrer Eltern verbringt. So oft es geht, besucht sie die Flugshows auf dem nahe gelegenen Flugplatz. Sie träumt vom Fliegen, von tanzenden Loopings und Pirouetten. Aber sie hat Höhenangst. Auf einer Flugschau trifft sie die lebenslustige, gleichaltrige Auste (Aiste Dirziute). Schnell kommen die beiden sich näher und Sangaile erzählt Auste von ihrem Traum vom Fliegen. Die Freundin bestärkt Sangaile, ihr Ziel zu verfolgen. Sangaile überwindet ihre Höhenangst und lernt fliegen. Kavaïtés, 1973 in Vilnius/Litauen geboren, studierte an der Nationalen Kunsthochschule in Avignon und an der Ècole des beaux-art in Paris. Sie lebt heute in ihrer Wahlheimat Frankreich. Der Film gewann übrigens den Preis für die beste Regie auf dem Sundance Film Festival, Utah 2015.

"Modris" ist das Spielfilmdebüt des lettischen Filmemachers Juris Kursietis und Lettlands Nominierung für den Auslands-Oskar 2016. Kursietis, der an der Northern Media School in Sheffield Filmregie studiert hat, schloss sich 2008 der Red Dot Media an. Er führte Regie bei TV-Werbefilmen und Dokumentarfilmen, arbeitete als Drehbuchautor für Spielfilme. Sein Debütfilm handelt von dem 17 Jahre alten Modris (Kristers Piksa), der mit seiner geschiedenen Mutter in einer tristen Plattenbausiedlung am Rande von Riga lebt: Er schwänzt die Schule, spritzt bunte Graffiti an die grauen Häuserwände, vergammelt seine Tage mit Freunden oder seiner Freundin. In der örtlichen Kneipe verspielt er sein Geld an Automaten. Als ihm niemand mehr Geld für seine Spielsucht leihen will, verpfändet er den Heizofen seiner Mutter. Und das mitten im kalten lettischen Winter. Sie verrät ihn an die Polizei. Von nun an gerät der Teenager in Konflikt mit dem lettischen Justizsystem ...

Die bei den 57. Nordischen Filmtagen präsentierten Filme zeigen, dass sich Estland, Lettland und Litauen zu kleinen, aber gleichwertigen Filmnationen gemausert haben. Schauen wir mal, was für spannende und vielseitige Filmproduktionen uns die 58. Nordischen Filmtage in Lübeck (2. bis 6. November 2016) bieten.

Weitere Informationen zu den Filmen und den Filmpreisträgern


Abbildungsnachweis:
Header: Impression. Foto: NFL/Presse

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