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Berlinale 2015 – Warten auf den großen Kracher

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Geschrieben von Mirjam Kappes  -  Dienstag, den 17. Februar 2015 um 11:01 Uhr
Berlinale 2015 – Warten auf den großen Kracher 4.6 out of 5 based on 127 votes.
Berlinale 2015 – Warten auf den großen Kracher

Starpräsenz, Gala-Premieren und ein über 400 Filme starkes Programm: Die 65. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) legt einen gewohnt starken Auftritt hin. Aber was bleibt nach elf Festivaltagen hängen? Ein Rückblick.

Pünktlich zum Startschuss am 5. Februar machen wir uns auf den Weg zur Berlinale, im Gepäck das dicke Programmheft und einen Haufen guter Ratschläge: Nicole Kidman, James Franco und Werner Herzog könne man bei der Premiere von „Queen of the Desert“ erwischen, für Terrence Malicks „Knight of Cups“ haben sich Nathalie Portman und Christian Bale angekündigt, und zum Eröffnungsfilm „Nadie Quiere La Noche“ (Nobody Wants the Night) ist Hauptdarstellerin Juliette Binoche vor Ort.

Neben den starbesetzten Hochglanz-Filmen wurden uns der absurd-komische Horrorfilm „Der Bunker“ von Nikias Chryssos und der politische Dokumentarfilm „The Yes Men Are Revolting“ ans Herz gelegt. Unter den Wettbewerbsfilmen ist schon im Vorfeld „Victoria“ von Sebastian Schipper als Geheimtipp gehandelt worden, weniger wegen der Thriller-Story um eine junge Spanierin, die mit vier Männern eine folgenschwere Berliner Nacht durchfeiert, sondern vor allem, weil der 140 Minuten lange Film komplett in einem Take – also ohne Schnitt – gedreht wurde. Und natürlich kursieren wieder diverse Gerüchte, wann und wo am besten Karten zu bekommen sind. Allen hämischen Stimmen zum Trotz, die sich die Berlinale beim cinephilen Publikum vor allem für Auswahlentscheidungen wie „Fifty Shades of Grey“ und der neu eingeführten Sektion „Berlinale Special Series“ für TV-Serien eingehandelt hat, sind wir gespannt auf das Programm der nächsten Tage.

Mindestens drei Filme pro Tag, möglichst jede Sektion und jede Spielstätte einmal – so der ambitionierte Plan für unseren diesjährigen Berlinale-Besuch. Wir haben Glück und bekommen direkt Tickets für die Weltpremiere von „Taxi“ vom iranischen Regisseur Jafar Panahi, der zugleich ein politisches Statement der Berlinale darstellt: Denn Filmemacher Panahi hat bekanntermaßen in seinem Heimatland Berufs- und Ausreiseverbot; „Taxi“ wurde daher heimlich gedreht und musste zur Aufführung in Berlin eingeschmuggelt werden. Die Struktur des Films hat Ähnlichkeiten mit Jim Jarmuschs episodenhaftem „Night on Earth“: Jafar Panahi fährt als er selbst im Taxi durch Teheran und gerät dabei in unterhaltsame, aber auch tragische und ernste Situationen. In den Gesprächen mit seinen wechselnden Fahrgästen werden kritische Themen wie politische Inhaftierung, Schmuggelhandel, Regeln des angemessenen moralischen Verhaltens und korrupte Rechtsprechung angestoßen – wobei das Taxi zum Schutzraum wird, in dem offen gesprochen werden kann. Zur Berlinale-Premiere ist Panahis Nichte Hana angereist, die selbst im Film mitspielt: Darin stellt die Zahnjährige in ihren ebenso unschuldigen wie klugen Beobachtungen das staatliche System der Filmzensur, des Zeigbaren und Nicht-Zeigbaren des Lebensalltags infrage. Später wird „Taxi“ den Goldenen Bären gewinnen – vollkommen zu Recht.

Politisch ist die diesjährige Berlinale allemal: Im Fokus des Festivals 2015 stehen „dokumentarische Formate“, wo man Filme findet wie „Censored Voices“, der Original-Aufnahmen von israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg 1967 zeigt; die dänisch-serbische Produktion „Flotel Europa“ über das Leben von Ex-Jugoslawen auf einem riesigen Flüchtlingsschiff; oder „Danielův Svět“ (Daniel’s World), eine tschechische Dokumentation über einen jungen Mann mit pädophiler Neigung. Aber auch bei den Spielfilmen stoßen wir auf immer wieder auf Brennpunkt-Themen: Besonders verstörend wie eindrücklich wirkt z.B. „El Club“ (Der Club), ein bitterschwarzer Film von Pablo Larraín über eine Gruppe katholischer Priester, die sich des Kindesbrauchs schuldig gemacht hat. Ein Film, der unter die Haut geht, und – gerade in einem so tief katholischen Land wie Chile – mit seiner aggressiv-provokativen Bildsprache sein Publikum mitnimmt und erschüttert.

Wieder andere Titel dagegen überraschen uns damit, wie leichtfüßig hier politische Diskurse eingeflochten werden: z.B. der in Thailand gedrehte Film „How to Win at Checkers (Every Time)“ von Josh Kim thematisiert das Schicksal eines Brüderpaares, von denen der Ältere in einer Stricher- und Transen-Bar arbeitet, um seine Familie zu ernähren, zusätzlich bedroht von den Schikanen des ansässigen Mafiachef-Sohns und der anstehenden Einberufungs-Lotterie des Militärdienstes, an der jeder 21-Jährige teilnehmen muss. Trotz des an sich schweren Sujets zeigt der Film ungezwungen die schwule Liebesbeziehung des älteren Bruders zu seinem Freund oder die Rolle der Ladyboys in der Gesellschaft. Auch der palästinensische Film „Al-Hob wa Al-Sariqa wa Mashakel Ukhra” (Love, Theft and Other Entanglements) von Filmemacher Muayad Alayan schafft es, sich außergewöhnlich humorvoll und ästhetisch-spielerisch (der Film ist komplett schwarz-weiß gedreht) von den klassischen Bildern des Nahostkonflikts zu lösen, um dennoch das Leben zwischen den Fronten zu schildern: das Ringen des Vaters um eine israelische Arbeitserlaubnis für seinen Sohn, der sich aber lieber in der organisierten Kleinkriminalität betätigt und dabei versehentlich in einen israelisch-palästinensischen Geiselhandel gerät.

Würde man ein weiteres wiederkehrendes Schwerpunkt-Thema der Berlinale auswählen müssen, dann wäre es eindeutig das Familiendrama. Wir sehen uns den koreanischen Film „Cheol won gi haeng“ (End of Winter) an, der uns an die Cannes-prämierte Produktion „Winterschlaf“ (2014) erinnert: Zur Pensionierungsfeier des Familienvaters reisen Frau und Kinder in ein kleines Provinzörtchen unweit der nord-südkoranischen Grenze an, wo ihnen der Vater beim gemeinsamen Abendessen verkündet, dass er sich scheiden lassen wolle – und zusätzlich erfährt die Familie kurz darauf, dass der Ort eingeschneit sei und sie zwangsweise in der klaustrophobischen Enge des väterlichen Appartements ausharren müssen. Ähnlich erzählt der auf Russisch und Kalmückisch gedrehter Film „Chaiki“ (The Gulls) von der Klavierlehrerin Elza, ihrer unglücklichen Ehe, den illegalen Fischfangtouren ihres Mannes, von denen dieser eines Tages nicht mehr heimkehrt, und ihrer überraschenden Schwangerschaft, die letztlich aber zum Hoffnungsschimmer für die junge Frau wird. Erfrischend lustig ist dagegen „Body“ der polnischen Filmemacherin Małgorzata Szumowska, die in einer Reihe amüsant-absurder Szenen die zerrüttete Beziehung zwischen dem Untersuchungsrichter Janusz zu seiner magersüchtigen Tochter betrachtet.

Aber auch bei der vertretenen westlichen Filmlandschaft der Berlinale ist das Familiendrama präsent. Ganz vorne dabei ist der Wettbewerbsfilm „45 Years“ des Briten Andrew Haigh: Eigentlich bereitet das Ehepaar Kate und Geoff die Feier zu ihrem 45. Hochzeitstag vor, als sie überraschend einen Brief aus der Schweiz erhalten. Dort ist Geoff vor 50 Jahren mit seiner damaligen Freundin wandern gewesen, wobei diese unglücklich in eine Gletscherspalte stürzte und starb. Der nun behördlich mitgeteilte Fund ihrer Leiche und das gleichsam wiederauftauchende Gespenst einer nie ganz überwundenen Liebe stürzt die bislang glückliche Ehe von Kate und Geoff in eine schwere Krise. Während „45 Years“ die Balance zwischen Komik und Tragik gekonnt zu halten weiß, enttäuscht das mit dem Berlinale-Teddy prämierte US-Drama „Nasty Baby“: Denn die an sich spannende Thematik eines schwulen Paars, das mithilfe einer befreundeten Leihmutter ein Kind zu bekommen versucht, überspannt das prätentiös-affektierte Hipster-Gehabe der New Yorker Protagonisten bis über die Schmerzensgrenze (wobei man Regisseur und Hauptdarsteller Sebastián Silva nicht ganz abkauft, dass es sich dabei um einen bewusst eingesetzten, ironisch-satirisch gemeinten Kommentar auf die Boheme handle) und verliert sich letztlich in einem – narrativ völlig überflüssigen – Mordszenario, das kaum moralisch erschüttert (wie uns der Filmemacher glauben machen möchte), dafür aber jegliche Sympathien für die Protagonisten zunichtemacht.

Überhaupt, Enttäuschungen: Leider ist auch unser Berlinale-Besuch nicht davor gefeit. Tiefpunkt ist „Sangue azul“ (Blaues Blut), der unerklärlicherweise sogar zum Feature-Film der Sektion Panorama erkoren wurde, aber kaum mehr als ein schwülstiges Erotikdrama vor der tropischen Kulisse einer brasilianischen Insel darstellt, das in einem verworren-unmotivierten Szenenreigen von alten Liebschaften und neuen Affären erzählt, die zwischen Inselbewohnern und dem Personal eines wiederholt dort gastierenden Zirkus’ entstehen. Dagegen polarisiert „Knight of Cups“ durch seine Unaufgeregtheit: Während mehrere Zuschauer noch während der Vorführung den Saal verlassen und eine aufgebrachte Engländerin bereits während des Abspanns laut ihrem Ärger Luft macht, dass der Film „horrible“ und im Grunde nur eine „series of photographs“ sei, kann uns das Werk von Terrence Malick durch seine tiefe Ruhe, beeindruckende Bilder und bedächtig eingesprochenen Off-Text doch berühren.

Insgesamt bleibt nach dem mehrtägigen Berlinale-Kinorausch nicht nur Kopfschwirren zurück, sondern auch ein leichtes Gefühl der übersättigten Leere: Denn trotz der vielen soliden, von ‚okay‘ bis ‚gut‘ einzustufenden Produktionen hat uns der große Filmkracher, das Ah-und-Oh-Erlebnis – trotz diverser fraglos sehr beachtenswerter Titel – dieses Jahr gefehlt. Berechtigterweise mag dies an unserem Auswahlglück gelegen haben. Immerhin haben wir mit Blick auf die später von der Internationalen Jury vergebenen Bären-Trophäen vier der insgesamt neun ausgezeichneten Berlinale-Filme sehen können – und deren Prämierung ist durchweg zuzustimmen.

Weitere Informationen zur Berlinale


Abbildungsnachweis:
Header: Berlinale-Palast. Foto: Claus Friede
Galerie: Alle Fotos: Mirjam Kappes
01. Berlinale Plakat der BOROS Agentur
02. Berlinale Palast vor Premiere von "Queen of the Desert". Ankunft Nicole Kidman on screen.
03. Eröffnung der 65. Berlinale
04. "El Club" (The Club), Filmteam
05. "Nasty Baby"-Regisseur Sebastián Silva (2.v.r) und Filmteam
06. "Cheol won gi haeng" (End of Winter) mit Regisseur Kim Dae-hwan (links)

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